Testen Sie Ihren Psychiater

Ich kann gar nicht oft genug betonen, dass ich niemandem den Gang zum Psychiater verarge, wenngleich ich dies, wie ich ehrlicherweise gestehen will, für eine abwegige Idee halte. Wer sich dazu entschließt, hat natürlich ein Recht dazu, denn in einem freien Land darf der mündige Konsument selbst wählen, welche Dienstleistung er in Anspruch nehmen möchte.

Nur wenige werden widersprechen, wenn ich empfehle, nicht die Katze im Sack zu kaufen und zunächst die Qualität des Angebots zu überprüfen. Es ist ja wirklich nicht einzusehen, warum ein „psychisch Kranker“ nicht zugleich ein mündiger Konsument sein sollte.

Psychiater und ärztliche bzw. psychologische Psychotherapeuten sind verpflichtet, ihre Patienten wahrheitsgemäß über ihre Krankheit und deren Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären.

Falls bei Ihnen die „psychische Krankheit“ X1)Hier bitte Zutreffendes eintragen, z. B.  „Bipolare Depression dritten Grades“ (Morbus Postel). festgestellt wurde, können Sie Ihrem Heiler mit den folgenden zehn Fragen helfen, dieser Aufgabe zu entsprechen. Er wird sich bestimmt über Ihre Mitarbeit und Ihre Bereitschaft zum Mitdenken sehr freuen.

  1. Gibt es ein Verfahren, mit dem das Vorliegen von X, unabhängig von der Meinung des Psychiaters oder anderer Menschen, objektiv festgestellt werden kann?
  2. Würden Ihre Kollegen oder andere Fachleute, wenn sie unabhängig voneinander urteilen, mit hoher Wahrscheinlichkeit bei mir ebenfalls X feststellen?
  3. Gibt es eine unumstrittene, empirisch erhärtete Theorie der Ursachen von X?
  4. Kann beim Stand der empirischen Forschung eindeutig gesagt werden, dass die von Ihnen vorgeschlagene Behandlung effektiver ist als eine Placebo-Therapie?
  5. Gibt es empirische Studien, die beweisen, dass Menschen Ihrer Profession X erfolgreicher behandeln können als Laien?
  6. Gibt es empirische Studien, aus denen hervorgeht, dass es Menschen mit X, die mit der von Ihnen vorgeschlagenen Methode behandelt wurden, langfristig besser geht als Menschen, die überhaupt nicht behandelt wurden?
  7. Gibt es einen objektiven, von bloßer Meinung unabhängigen Beweis dafür, dass X tatsächlich eine Krankheit ist und nicht nur eine Abweichung von den Normen der Gesellschaft oder den Erwartungen meiner Mitmenschen?
  8. Gibt es empirische Studien, die zeigen, dass etwaige Erfolge, die sich nach der Behandlung von X einstellen, nicht nur auf meine eigene Anstrengung, sondern in irgendeiner Weise auch auf die Leistung des Behandlers zurückzuführen sind?
  9. Kann ich mich darauf verlassen, dass der aktuelle Forschungsstand zu X nicht durch wirtschaftliche Interessen der Pharma-Industrie verfälscht wurde?
  10. Würden Sie Ihrem Ehepartner, Ihren Kindern oder allgemein: Menschen, an denen Ihnen persönlich etwas liegt, die von Ihnen vorgeschlagene Behandlung bei X empfehlen?

Bitten Sie Ihren Psychiater auch um Belege für seine Angaben. Er wird nicht zögern, Ihnen die Antwort auf diese Fragen, falls möglich mit Quellenangaben oder sonstigen Nachweisen versehen, schriftlich zu geben. Er wird seiner Ausfertigung durch Praxisstempel und eigenhändige Unterschrift besonderes Gewicht verleihen, um Ihr Vertrauen in seine Person und seine Behandlung zu festigen und zu stärken. Er wird nicht ausweichend reagieren und er wird Sie auch nicht an einen Kollegen verweisen.

Sie müssen auch nicht damit rechnen, dass er versucht, Sie gegen Ihren Willen hinter Gittern behandeln zu lassen. Denn Sie haben ihn ja zuvor darüber informiert, dass sie eine Patientenverfügung ausgefertigt haben, in der Sie jede Form der Zwangsbehandlung strikt untersagen.

Wenn Sie nicht darauf bestehen, dass Ihr Behandler die obigen Fragen schriftlich beantwortet, dann sind Sie in meinen Augen irre. Sie fragen hier ja nicht nach Dingen, die Sie nichts angehen, im Gegenteil: Die Antwort auf diese Fragen ist von entscheidender Bedeutung für Sie. Sie nicht zu stellen, heißt, mit seinem Leben zu spielen. Die Antwort auf diese Fragen entscheidet nämlich darüber, ob Sie tatsächlich einer medizinischen Behandlung oder einem Unterwerfungsritual unterzogen werden sollen.

Es ist daher völlig undenkbar, dass sich Ihr Therapeut weigern wird, Ihrer Bitte zu entsprechen, diese Fragen schriftlich zu beantworten. Es wird ihm eine Ehre sein.
Also: nur Mut. Was kann denn schon passieren?

Das Schlimmste wäre doch, dass Ihr Heiler alle Fragen mit Nein beantwortet. Dann wären Sie gefordert. Sie müssten einen verzweifelten Menschen trösten, würden sich für ihn verantwortlich fühlen. Vielleicht würde Ihnen der Behandler, wenn Sie ihm obigen Fragen vorlegen, nach kurzem Überfliegen, in Tränen aufgelöst, gestehen, dass er sich schon seit Jahren wie ein Hochstapler fühlt, der für nichts und wieder nichts viel Geld einstreicht und seine Patienten hinters Licht führt. Vielleicht springt er zum Fenster hinaus, um durch den Garten, übern Zaun setzend, zu entkommen. Wer weiß?

Doch dies ist eher unwahrscheinlich. Was tatsächlich geschieht, lässt sich schwer vorhersagen. Es kommt auf einen Versuch an. Geschickte Leute finden immer Schlupflöcher.
Ein Behandler könnte beispielsweise Ihren Fragekatalog zur Seite legen, Ihnen tief ins Auge blicken und sagen:

„Es kommt im Leben doch nicht nur auf Zahlen, Daten und Fakten an. Man muss mit dem Herzen sehen und auf die Stimme des Gefühls hören.“

Da Sie, lieber Leser, ein zart fühlender Mensch sind, werden Sie geneigt sein, diesen Gedanken in Erwägung zu ziehen. Doch stellen Sie sich einmal vor, der Mensch Ihnen gegenüber wäre ein ambulanter Staubsaugerverkäufer oder ein Gebrauchtwagenhändler.
Sie sagen, dass könne man nicht vergleichen? Es ginge ja nicht um Gebrauchsgüter, sondern um Ihr Seelenheil? Ja eben, gerade darum. Woher wissen Sie denn, dass der Appell ans Emotionale nicht der gewiefte Trick eines Bauernfängers ist? Recht bedacht, ist dies doch sogar eine sehr gebräuchliche Methode bei diesen Leuten.

Und nun zum Risiko. Ist es nicht riskant, eine Behandlung zu unterlassen, auch wenn Sie vielleicht nicht 100-prozentig abgesichert ist? Bedenken Sie: Wenn Sie sich für die psychiatrische Behandlung entscheiden, dann verzichten Sie womöglich auf zahllose andere „Therapien“, die ebenfalls nicht 100-prozentig abgesichert sind: auf die Reise nach Lourdes, die Homöopathie, den Aderlass, die Edelsteintherapie, Tai Chi, auf geistiges Heilen, Reiki, anthroposophische Medizin und und und. Bedenken Sie das Risiko, dem Sie sich aussetzen, wenn sie die Orgontherapie unterlassen oder den Therapeutic Touch?

Wer sagt Ihnen, dass der Verzicht auf eine psychiatrische Behandlung riskanter wäre? Die Wissenschaft? Wohl kaum: Es gibt keine empirischen Studien, die psychiatrische Methoden mit denen der alternativen Medizin vergleichen. Also dürfte es unter diesen unsicheren Bedingungen wohl das Beste sein, sich selbst ein Bild zu machen.

Testen Sie den Psychiater. Wenn er den Test nicht besteht, dann testen Sie den Wunderheiler. Versagt auch der Guru, dann sind Sie ganz auf sich gestellt. Und das ist auch gut so. Denn nur Sie selbst können, in eigener Verantwortung, die richtigen Entscheidungen fällen.

PS: Vertrauen ist ein feiner Charakterzug; allerdings muss man immer auch mit Menschen rechnen, die sich unseres Vertrauens als nicht würdig erweisen – sei es, dass sie uns aus Niedertracht oder sei es, dass sie uns aus Unwissenheit in die Irre führen.
Sollte Ihr Psychiater oder Wunderheiler also alle Fragen mit Ja beantworten, so empfehle ich dringend die Nachprüfung seiner Angaben. Allein beim Punkt 10 können Sie darauf verzichten; hier handelte es sich ja ohnehin nur um eine rhetorische Frage.

Fußnoten   [ + ]

1.Hier bitte Zutreffendes eintragen, z. B.  „Bipolare Depression dritten Grades“ (Morbus Postel).