Fake Pictures – die Psychiatrie und das Neuroimaging

Die Magnetresonanztomografie (MRT), die davon abgeleitete funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) und die Positronen-​Emissions-​Tomografie (PET) sind moderne, technisch hoch entwickelte Methoden der medizinischen Diagnostik. Sie werden als „bildgebende Verfahren“ bezeichnet. Die Neurowissenschaft setzt sie ein, um die Arbeitsweise des Gehirns zu studieren. Für die Abbildung des Nervensystems mit diesen Methoden hat sich aus dem englischen Sprachraum der Begriff „Neuroimaging“ durchgesetzt.

Seitdem es die bildgebenden Verfahren gibt, berufen sich Psychiater zur Legitimation ihrer Wissenschaft mit wachsendem Eifer auf die Befunde der modernen Hirnforschung. Tatsache ist zwar, dass mit den Methoden des „Neuroimaging“ bisher noch keine Ursache der so genannten psychischen Krankheiten entdeckt werden konnte 1)Siehe hierzu meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Methoden.. Dem staunenden Publikum wird jedoch versprochen, dass man vor den entscheidenden Durchbrüchen stünde. Sie seien zum Greifen nahe. Dann werde sich alles, alles als wahr erweisen, was die Psychiatrie immer schon behauptet habe.2)Für Elogen dieser Art siehe z. B.: Reynolds, III., et al,. (2009). The Future of Psychiatry as Clinical Neuroscience. PMC 2009 Oct 28

Die Zeitungen und die Wissenschaftsmagazine im Fernsehen stoßen weitgehend in dasselbe Horn.3)van Attefeld, N. M. et al. (2009). Media Reporting of Neuroscience Depends on Timing, Topic and Newspaper Type. PLoS One. 2014; 9(8): e104780. PMC 2009 Oct 28.

Wenn man sich davon nicht so ohne weiteres beeindrucken lassen will, muss sich allerdings eine kritische Frage durch den Kopf gehen lassen: Lässt der gegenwärtige Entwicklungsstand der Neurowissenschaft solche „bahnbrechenden Entdeckungen“ überhaupt zu?

Die Psychiaterin Sally Satel und der Psychologe Scott O. Lilienfeld sind dieser Frage in ihrem Buch „Brainwashed“ nachgegangen 4)Satel, S. & Lilienfeld, S. O. (2013). Brainwashed. The Seductive Appeal of Mindless Neuroscience. New York, N. Y.: Basic Books. Satel ist nicht etwa dem antipsychiatrischen Denken zugeneigt, sondern im Gegenteil eine Gegnerin dieser Sichtweise. Auch Lilienfeld stellt die Existenz psychischer Krankheiten nicht in Frage.

Dennoch gelangen die Autoren zu einem ernüchternden Fazit:

„Immer wenn eine Zeitungsschlagzeile behauptet: ‚Brain Scans zeigen…‘, sollte der Leser sich eines gesunden Skeptizismus‘ befleißigen.“

Warum?

  1. Nur selten können Forscher aus Brain Scans folgern, dass Struktur X die Funktion Y verursacht. Sie zeigen bestenfalls eine Korrelation an: Ein Teil des Gehirns ist aktiv, wenn die Versuchsperson eine bestimmte Aufgabe bewältigt. Korrelationen beweisen bekanntlich aber keine Kausalität.
  2. Die zur Auswertung von Brain Scans verwendete Substraktionstechnik setzt voraus, dass zwei mentale Aufgaben sich nur durch einen, den zu erforschenden kognitiven Prozess unterscheiden. In Wirklichkeit aber sind die meisten mentalen Operationen, die wie eine einzelne Aufgabe erscheinen, aus einer Vielzahl diverser Komponenten zusammengesetzt. Die Interpretation der Befunde hängt bei der Substraktionstechnik5)Die Bilder während der interessierenden mentalen Tätigkeit werden von den Bildern während einer Kontrolltätigkeit abgezogen. also in entscheidendem Maß von der Wahl der Aufgaben ab. Selbst wenn man die hier zwingend erforderliche, fundierte neuropsychologische Vorbildung besitzt, ist bei diesem Vorgehen ein erhebliches spekulatives Moment einzukalkulieren.
  3. Die populäre Vorstellung, dass einzelne Regionen im Hirn für spezifische Formen des Verhaltens und Erlebens verantwortlich seien, ist eindeutig falsch. Nur in sehr seltenen Fällen sind mentale Funktionen an einem Ort im Gehirn lokalisiert.
  4. Die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Untersuchungen sind in starkem Maß von den Besonderheiten des experimentellen Designs abhängig. Sie können daher häufig nicht verallgemeinert werden.
  5. Mit der funktionellen Magnetresonanztomographie kann man nicht etwa die Aktivität der Gehirnzellen direkt messen. Vielmehr wird der Blutfluss im Gehirn registriert. So gibt es beispielsweise eine Verzögerung von wenigstens zwei bis zu fünf Sekunden zwischen der Aktivierung eines Neurons und der Steigerung sauerstoffreichen Blutes, das zu ihm strömt.
    „Daher können die Informationen über mentale Prozesse, die im Gehirn auftreten, und die neuronale Aktivität, die sie hervorbringt, zeitlich auseinanderklaffen und deswegen können schnelle Fluktuationen neuronaler Aktivität unentdeckt bleiben6)Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Postion 574.“
  6. Die statistische Auswertung der Daten ist schwierig. Die Handhabung ist noch im Fluss und zwischen den Laboren nicht standardisiert. Die Replikation von Ergebnissen ist daher erheblich erschwert. Außerdem wird üblicherweise eine Vielzahl von Auswertungen vorgenommen. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit sind demgemäß Scheinsignifikanzen zu erwarten. Scheinsignifikanzen sind Befunde, die nur überzufällig erscheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind. Man kann diese Fehler zwar durch Korrekturformeln vermeiden, aber dies geschieht häufig nicht.
    Ein weiterer statistischer Fehler ist ebenso nicht selten: „Wenn Forscher nach Korrelationen zwischen Reizen und Hirnaktivierung schauen, werfen sie oft ein weites Netz aus. Das führt sie zunächst auf winzige Regionen mit der höchsten Aktivität. Sobald sie sich in diesen kleinen Regionen eingerichtet haben, berechnen die Forscher die Korrelationen zwischen dem fraglichen psychologischen Zustand und der Gehirnaktivierung (in diesen winzigen Regionen, HUG). Indem sie dies tun, nutzen sie unvermeidlich die Zufallsfluktuationen in den Daten aus, die wahrscheinlich nicht in späteren Untersuchungen bestätigt werden7)Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Position 617.“

Die Neurowissenschaften beeindrucken durch apparativen Gigantismus, beträchtlichen Aufwand an Arbeitskraft und enorme Kosten. Sie sind jedoch eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Ihre Methoden sind alles andere als ausgereift. Bahnbrechende Erkenntnisse, die den jeweiligen medialen Hype unbeschadet überstehen, sind von ihr zur Zeit nicht zu erwarten.

Die lesenswerte Arbeit von Satel und Lilienfeld steht im Übrigen nicht allein. Eine größere Zahl von einschlägig forschenden Wissenschaftlern hat sich in den letzten Jahren skeptisch zur Lage der Neurowissenschaften geäußert. So beklagt William R. Uttal in seinem Buch „Mind and Brain“, dass es hier Übertreibung eher die Regel, als die Ausnahme sei. Es fehle weitgehend die kritische Analyse der tatsächlichen Bedeutung derartiger Experimente.8)Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

Der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH) schrieb:

„Wir sagen oft, dass wir mit den mächtigen Werkzeugen der Neurowissenschaft das Gehirn nunmehr zum Verständnis des Geistes nutzen und dadurch die Vision einer wissenschaftlichen Psychologie Freuds verwirklichen könnten. Doch was unser Verständnis des Gehirns betrifft, müssen wir bescheiden sein. Denn selbst unsere mächtigsten Werkzeuge sind immer noch stumpfe Waffen zur Dekodierung des Gehirns. Wir wissen in der Tat nicht, wie wir die grundlegende Sprache des Gehirns entziffern sollen9)Insel, T. (2013) Brain Awareness.“

Für jeden einschlägig Interessierten sind die mit bildgebenden Verfahren gewonnenen Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaft fraglos interessant und spannend. Gefährlich wird es allerdings, wenn man sie missdeutet: Sie sind Hypothesen einer jungen Wissenschaft. Sie sind keine Beweise der Angemessenheit psychiatrischen Handelns. Wer sie so verwendet, setzt sich dem Verdacht der Hochstapelei aus.

Wer Gehirnmythen ernst nimmt, läuft im Übrigen Gefahr, sich selbst und anderen zu schaden. Dies zeigt der frühere Neurowissenschaftler und jetzige Wissenschaftsjournalist Christian Jarrett, Autor des Buchs „Great Myths of the Brain.“,10)Jarrett, C. (2014). Great Myths of the Brain. Hoboken, N.J.: Wiley in einem Beitrag, der im Computermagazin Wired erschien.11)Christian Jarrett, WIRED, 2014: 10 Ways That Brain Myths Are Harming Us

Die mit den so genannten „bildgebenden Verfahren“ gewonnenen „Erkenntnisse“ über psychische Prozesse bieten z. Z. noch keine Grundlage für Entscheidungen im Alltag. Dies betrifft natürlich auch und wohl in besonderem Maß „psychisch Kranke“ und deren Angehörige.12)Siehe meinen Artikel: Der famose Dr. Amen Man kann mit diesen Befunden weder Diagnosen erhärten, noch Empfehlungen für Medikamente und Therapien begründen.

 

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe hierzu meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Methoden.
2.Für Elogen dieser Art siehe z. B.: Reynolds, III., et al,. (2009). The Future of Psychiatry as Clinical Neuroscience. PMC 2009 Oct 28
3.van Attefeld, N. M. et al. (2009). Media Reporting of Neuroscience Depends on Timing, Topic and Newspaper Type. PLoS One. 2014; 9(8): e104780. PMC 2009 Oct 28.
4.Satel, S. & Lilienfeld, S. O. (2013). Brainwashed. The Seductive Appeal of Mindless Neuroscience. New York, N. Y.: Basic Books
5.Die Bilder während der interessierenden mentalen Tätigkeit werden von den Bildern während einer Kontrolltätigkeit abgezogen.
6.Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Postion 574
7.Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Position 617
8.Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press
9.Insel, T. (2013) Brain Awareness
10.Jarrett, C. (2014). Great Myths of the Brain. Hoboken, N.J.: Wiley
11.Christian Jarrett, WIRED, 2014: 10 Ways That Brain Myths Are Harming Us
12.Siehe meinen Artikel: Der famose Dr. Amen