Bipolare Modell-Mäuse auf dem psychiatrischen Laufsteg

Mäuse wuselten wie wild und ziellos in ihren Käfigen herum. Wenn sie sich einmal eine Pause gönnten, soffen sie maßlos Zuckerwasser. Sie verhielten sich auch sonst so, wie die Versuchsleiter sich einen manischen Menschen vorstellten. Gab man ihnen gefährliche Aufgaben, so gingen sie extreme Risiken ein.

Diese Mäuse waren so genannte Knockout-Mäuse. Man hatte an ihrem Genom herumgefummelt. Ein Gen war ausgeschaltet worden, das NCAN-Gen. Dieses Gen steht in Verdacht, bei der „bipolaren Störung“1)Menschen mit bipolarer Störung zeichnen sich durch extreme Stimmungsschwankungen aus. Siehe meinen Artikel: Die bipolare Störung eine Rolle zu spielen, und zwar in den manischen2)Manie ist ein Zustand übersteigerter Aktivität und euphorischer Stimmung. Phasen. Die Tiere waren also „Mouse-Models of Mental Illness“.

Die Wissenschaftler gaben den aufgeregten Mäusen nunmehr Lithium. Lithium ist ein Medikament, dass kurzfristig manische „Symptome“ abwürgt. Langfristig ist es jedoch ineffektiv. Es kann mit erheblichen Folgeschäden verbunden sein.3)Moncrieff, J. (1997). Lithium: evidence reconsidered. British Journal of Psychiatry, 171, 113-119.

Und siehe da: Die Mäuse wurden ruhig, als ob sie Maniker wären und zum ersten Mal Lithium erhalten hätten.

Wenn das nicht eine Pressemeldung wert ist! Und so geschah es auch. Die Forscher schickten ein Communiqué in die Welt hinaus. Darin stand, sie hätten herausgefunden, das NCAN-Gen korreliere mit manischen Symptomen bei Mäusen. Weltweit erschienen nunmehr Zeitungsartikel, die diesen Durchbruch der Wissenschaft würdigen.

So berichtete beispielsweise auch die „Welt“ am 02. 09. 2012 unter dem bezeichnenden Titel „Forscher entschlüsseln das Gen für Manie“ darüber.4)Jiménez, F. (2012). Forscher entschlüsseln das Gen für Manie. Die Welt, 2. September.

Tiermodelle der so genannten psychischen Krankheiten sind allerdings ein schlechter Witz. Bei gen-manipulierten Mäusen kann man zwar Verhalten wie z. B. Rastlosigkeit beobachten, aber andere „Symptome“ der menschlichen Manie wie Ideenflucht, Kritiklosigkeit, Realitätsverlust und Größenwahn doch wohl eher nicht. Die Lebensprobleme, die von der Psychiatrie als Ausdruck einer psychischen Erkrankung“ gedeutet werden, haben außer uns die anderen Tiere jedenfalls nicht. Ein Hund z. B. hat keine Angst vor einem Zahnarzt, mit dem er persönlich noch keine schlechten Erfahrungen hatte. Ein Mensch aber fürchtet sich u. U. sogar vor einem ihm völlig unbekannten Dentisten.

Manisches Verhalten kommt am häufigsten in Verbindung mit Depressionen vor. Man nennt diese Kombination „bipolare Störung“. Es gibt zwei Varianten. Jene mit der ausgeprägteren Manie wird als „bipolare Störung I“ bezeichnet. Die Konkordanzrate5)Die Konkordanzrate ist ein Maß der Übereinstimmung zwischen Individuen hinsichtlich eines Merkmals. der „bipolaren Störung I“ bei eineiigen Zwillingen beträgt 0,43.6)Kieseppä T. (2005). A Twin Study On Genetic And Environmental Factors In Bipolar I Disorder. Academic Dissertation, University of Helsinki

Die Forschung zeigt, dass bei der „bipolaren Störung I“ Umweltfaktoren einen erheblichen Einfluss haben. Sonst müsste ja, wenn ein Zwilling bipolar ist, auch der andere gestört sein. Davon ist eine Konkordanzrate von 0,437)Konkordanz-Koeffizienten nehmen Werte zwischen 0 und 1 an. aber weit entfernt.

Die Konkordanzrate wurde im Übrigen bei Zwillingspaaren ermittelt, die gemeinsam aufwuchsen. Daher könnte ein Teil der Übereinstimmung auch auf Umweltfaktoren zurückzuführen sein. Schließlich behandeln Eltern und andere Mitmenschen eineiige Zwillingen nun einmal gleichförmiger als zweieiige. Dies beschränkt sich nicht nur auf die Neigung, ihnen dieselben Kleidungsstücke anzuziehen, wenn sie klein sind.

Die Erblichkeit von „psychischen Krankheiten“ können selbstverständlich nur Studien einschätzen, deren Versuchsplan die dazu erforderlichen logischen Voraussetzungen erfüllt. Es genügt daher nicht, eineiige mit zweieiigen Zwillingen zu vergleichen. Man muss zudem eineiige Zwillinge einbeziehen, die unmittelbar nach der Geburt getrennt wurden und in unterschiedlichen Milieus aufwuchsen. Die oben angegebene Konkordanzrate von 0,43 ist also vermutlich eine Überschätzung des Erbeinflusses, da die genannte Voraussetzung nicht erfüllt wurde.8)Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83

Nehmen wir dennoch einmal an, es gäbe dieses Manie-Gen tatsächlich. Es hätte, wie die Autoren der Mäuse-Studie behaupten, einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung einer Manie. Wie ist es dann möglich, dass sich Leute nicht selten von ihrer Manie verabschieden: beispielsweise nach einer Psychotherapie, nach Einnahme eines Placebos, nachdem sie einen Ehepartner gefunden oder eine Scheidung hinter sich gebracht haben usw.?

All dies sind Umweltereignisse. Sind diese etwa in der Lage, defekte Erbanlagen zu korrigieren? Man kann natürlich annehmen, dass Erbeinflüsse durch Umweltfaktoren (wie beispielsweise eine Psychotherapie) ausgeschaltet werden können. Hält man dies für denkbar, so wird man zugleich die Möglichkeit einräumen müssen, dass sie eventuell durch Umweltfaktoren eingeschaltet werden.

Wie auch immer: Was hier zur „bipolaren Störung“ gesagt wurde, gilt für alle anderen „psychischen Störungen“ gleichermaßen. Und darüber hinaus: Es trifft auf alle Formen des Verhaltens und Erlebens zu.

Fußnoten   [ + ]

1.Menschen mit bipolarer Störung zeichnen sich durch extreme Stimmungsschwankungen aus. Siehe meinen Artikel: Die bipolare Störung
2.Manie ist ein Zustand übersteigerter Aktivität und euphorischer Stimmung.
3.Moncrieff, J. (1997). Lithium: evidence reconsidered. British Journal of Psychiatry, 171, 113-119
4.Jiménez, F. (2012). Forscher entschlüsseln das Gen für Manie. Die Welt, 2. September
5.Die Konkordanzrate ist ein Maß der Übereinstimmung zwischen Individuen hinsichtlich eines Merkmals.
6.Kieseppä T. (2005). A Twin Study On Genetic And Environmental Factors In Bipolar I Disorder. Academic Dissertation, University of Helsinki
7.Konkordanz-Koeffizienten nehmen Werte zwischen 0 und 1 an.
8.Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83