Sind wir alle Opfer?

“Aus der Tatsache oder der angeblichen Tatsache, dass traumatisierte Menschen in der einen oder anderen Weise dazu neigen, sich in einer bestimmten destruktiven oder unangepassten Art zu benehmen, wurde geschlossen, dass Selbstzerstörung und Fehlanpassung in sich selbst ein Beweis für Traumatisierung seien: Warum sonst sollte sich jemand so verhalten? Die Logik ist schlecht, natürlich: Es folgt sicherlich nicht aus der Tatsache, dass einige a b sind, dass alle b a sind; doch Logik hat nicht immer die Rolle gespielt, die sie in menschlichen Angelegenheiten hätte spielen können.“ 

Theodore Dalrymple1)Dalrymple, T. (2010). Spoilt Rotten. The Toxic Cult of Sentimentality. London: Gibson Square Books

Frauenschicksal: missbraucht?

Folgt man der Gedankenwelt feministischer Psychiaterinnen oder Psychotherapeutinnen, dann muss man Frauen, die nicht als Kinder oder Jugendliche sexuell missbraucht wurden, wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen.
In der patriarchalischen Gesellschaft, so heißt es, seien sexuelle Übergriffe von Männern die Regel und nicht etwa die Ausnahme. Dass es keine belastbaren Statistiken gibt, die dies beweisen, spielt keine Rolle. Denn wer an Statistiken glaubt, ist ein Mann und daher nicht neutral.

Vor vielen Jahren erhielt ich von meinem damaligen Arbeitgeber den Auftrag, ein Therapie-Konzept für eine Einrichtung zur Behandlung weiblicher Drogenabhängiger zu verfassen.
Ich bezifferte in der Einleitung die mutmaßliche Zahl sexuell missbrauchter süchtiger Frauen auf etwa 30 Prozent. Dieser Prozentsatz galt in der halbwegs seriösen Forschung als realistisch.2)Die Kennzeichnung „realistisch“ bezieht sich hier nur auf den damaligen Stand der Forschung, nicht aber auf die tatsächlichen Verhältnisse. Diese wurden auch früher schon von der Forschung vermutlich falsch eingeschätzt. Die Quote von dreißig Prozent kann und konnte damals wie heute durch seriöse empirische Forschung nicht erhärtet werden.
Einige Tage später rief mich eine feministisch ausgerichtete Psychiaterin an. Sie arbeitete in dem Unternehmen, für das auch ich tätig war. Sie sagte, mein Konzept sei „typisch Mann“ und in ihrer Einrichtung seien mindestens 70 Prozent der Frauen sexuell missbraucht worden. Mein Konzept sei entsprechend zu korrigieren. 

Man muss dabei wissen, dass solche Schätzungen, selbst wenn sie Wissenschaftlichkeit beanspruchen, überwiegend auf den Selbsteinschätzungen von angeblich betroffenen Frauen beruhen. Es handelt sich hier nicht um gleichsam amtliche, objektiv abgesicherte Zahlen.
Streng genommen gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, um halbwegs verlässlich beziffern zu können, wie viel süchtige Frauen oder Frauen insgesamt in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden.

Dass es Missbrauch gibt, kann mit vernünftigen Argumenten natürlich nicht bestritten werden. Ob dieser Missbrauch jedoch das Suchtverhalten oder andere Phänomene, die von der Psychiatrie als Symptome einer psychischen Krankheit gedeutet werden, verursacht, ist eine nach wie vor offene Frage.

Eine keineswegs abwegige, alternative Hypothese zum Missbrauch als Ursache lautet: Diese Frauen haben sich aus freien Stücken und sehenden Auges dazu entschieden, süchtig machende Substanzen zu konsumieren. Es mag sein, dass sie ein schwieriges Leben oder eine traurige Kindheit hatten. Aber sich Rauschmittelkonsum gezwungen waren sie deshalb nicht.3)Siehe meine Artikel: Abhängigkeit / Entscheidungsprozesse bei Abhängigkeit (Sucht) Ihre Abhängigkeit ist keineswegs der Beweis dafür, Opfer der Männerwelt zu sein.

Pornographie

Feministisch orientierte Psychiaterinnen und Psychotherapeutinnen sind natürlich auch leidenschaftliche Gegnerinnen der Pornographie. Sexdarstellerinnen passen selbstredend nicht in ihr Frauenbild. Es gilt für sie daher als ausgemacht, dass diese Frauen mehrheitlich in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, dass sie von finsteren männlichen Gestalten zum Sex vor der Kamera gezwungen werden und dass sie ein verzweifeltes Leben in tiefster Erniedrigung führen würden.

Amerikanische Wissenschaftler sind dieser Frage nachgegangen. Diese Studie4)James D. Griffith , Sharon Mitchell, Christian L. Hart, Lea T. Adams & Lucy L. Gu (2012): Pornography Actresses: An Assessment of the Damaged Goods Hypothesis, Journal of Sex Research, DOI:10.1080/00224499.2012.719168; online fiel mir zufällig bei Recherchen für ein anderes Thema in die Hände.

Mir sind persönlich keine Pornodarstellerinnen bekannt: mit einer Ausnahme. Einst interviewte ich für eine Fachzeitschrift eine Darstellerin, die in Softsexfilmen mitwirkte und die damals, Jahre nach dem Ende ihrer Karriere, in einem Heim für „chronisch mehrfachgeschädigte Abhängigkeitskranke“ lebte. Ich konnte im Übrigen keinerlei Anzeichen einer wie auch immer gearteten psychischen Störung bei ihr erkennen (doch das war ja schon immer mein Problem). Im Gegenteil: Sie war sehr nett. Von Übergriffen in Kindheit und Jugend war nicht die Rede.

Aber sie zeigte ihren schönen Körper ja auch nur in Softsexfilmen. Womöglich, so dachte ich, blicken die Hardcore-Aktricen auf eine finstere Vergangenheit zurück.

Die Wissenschaftler befragten 177 Porno-Künstlerinnen sowie eine Vergleichsgruppe mit Frauen, die den Sex-Arbeiterinnen hinsichtlich des Alters, der Ethnizität und partnerschaftlicher Bindungen entsprachen.

Die Pornodarstellerinnen

  • bezeichneten sich häufiger als bisexuell,
  • hatten früher partnerschaftlichen Sex,
  • machten sich mehr Sorgen wegen sexuell übertragbarer Krankheiten,
  • hatten mehr Spaß am Sex,
  • erlebten eine tiefere sexuelle Befriedigung,
  • hatten größere Selbstachtung,
  • mehr positive Gefühle in Leben allgemein,
  • hatten intensivere spirituelle Erfahrungen gesammelt und
  • konsumierten häufiger Drogen als die „normalen“ Frauen.

Diese Frauen hatten deutlich mehr Sexpartner in ihrem Leben, nämlich im Durchschnitt 75 (abzüglich der Partner beim Drehen). Die Frauen der Vergleichsgruppe brachten es „nur“ auf fünf.

Hinsichtlich des sexuellen Missbrauchs in Kindheit und Jugend gab es zwischen den Pornodarstellerinnen und den Frauen der Vergleichsgruppe im Übrigen keine Unterschiede, ich wiederhole und nehme zusätzlich mehr und rote Tinte:

keine.

Diese Studie ein bedenkenswertes Argument für die Hypothese, dass feministische Ideologinnen in einem atemberaubenden Ausmaß Opfer produzieren, die in Wirklichkeit gar keine Opfer sind.5)Selbstverständlich darf man eine einzelne Studie nicht überbewerten. Ohne Replikation der Befunde durch unabhängige Forscherteams und in unterschiedlichen Milieus ist eine Verallgemeinerung natürlich nicht möglich. Aber auch als einzelnes Ergebnis stellt die als selbstverständliche hingenommene These in Frage, dass Pornodarstellerinnen prinzipiell Opfer der Männergesellschaft seien.

Alice Schwarzer, a.k.a. EMMA, definiert:

“Würde hier (im § 131 des Strafgesetzbuches, HUG) der Begriff ‚Rassenhass‘ durch den Begriff ‚Geschlechterhass‘ ersetzt, wäre klar, wie strafwürdig der Sachverhalt der Pornographie an sich längst ist. Denn Pornographie ist in diesem Sinne ‚Rassenhass‘, propagiert Volksverhetzung gegen Frauen. Soll dennoch weiterhin straffrei so gehandelt werden können, weil es sich bei den Opfern ’nur‘ um Frauen handelt?“6)EMMA (online): Gesetz gegen Pornografie: Begründung

Könnte es nicht einfach nur so sein, dass im Falle von Pornographie Männlein und / oder Weiblein vor der Kamera gegen Geld Sex miteinander und u. U. dabei sogar Spaß haben?
Könnte es nicht sein, dass die Wahrscheinlichkeit sexueller Erniedrigung von Frauen durch Männer überall in der Welt größer ist als in Porno-Studios, im Scheinwerferlicht?

Die These, dass es sich bei den Darstellerinnen in Porno-Filmen grundsätzlich um „Opfer“ handele, für überaus fragwürdig. Wer sie aufstellt, sollte in der Lage sein, sie empirisch zu erhärten.

Money

Es geht natürlich ums Geld, sowohl auf der Matte im Porno-Studio, als auch – pars pro toto – auf der Couch der Psychoanalytikerin. Die kanadische Psychologin Tana Dineen hat dafür eine einfache Formel gefunden:

PERSON = VICTIM = PATIENT/CLIENT = PROFIT

Tana Dineen (1998). Manufacturing Victims: What the Psychology Industry is Doing to People. Montreal: Robert Davies Pub.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es sind keineswegs nur Frauen betroffen. Männer sehen sich, warum auch immer, zunehmend veranlasst, die Rolle des Opfers zu übernehmen.
Auch in diesen Fällen mag es sein, dass sie tatsächlich Schreckliches erlitten haben. Es ist aber auch denkbar, dass auf sie jene Logik angewendet wurde, von der im vorangestellten Zitat Dalrymples die Rede ist.

Ein ziemlich dramatisches Beispiel für die Kreation von Opfern ist die so genannte Multiple Persönlichkeitsstörung. Diese wird – feministische Psychiaterinnen und Psychotherapeutinnen werden nicht müde, uns dies zu suggerieren – durch sexuellen Missbrauch und andere Formen der Traumatisierung in früher Kindheit hervorgerufen.

Es gibt allerdings nicht die Spur eines Beweises dafür, dass sexueller Missbrauch ursächlich für diese Störung ist. Ja, die schiere Existenz dieser Störung (im Sinne der offiziellen DSM- bzw. ICD-Diagnosen) ist zweifelhaft.

Es ist vielmehr dokumentiert und experimentell bewiesen, dass man eine so genannte Multiple Persönlichkeitsstörung durch hypnotische Suggestionen hervorrufen kann. Schon Psychiater im 19. Jahrhundert beherrschten diese Kunst und schrieben darüber. Welche Situation aber könnte suggestiver sein als eine psychotherapeutische Sitzung?7)Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung

Wenn heute ein Mensch behauptet, er sei in früher Kindheit schwer traumatisiert worden, habe diese furchtbare Erfahrung aber aus eigener Kraft überwunden, so wird ihm in der Regel nicht geglaubt oder man meint, die Erfahrungen könnten womöglich zwar real, aber so schrecklich nun auch wieder nicht gewesen sein.
Wer aber berichtet, dass er sich seit fünfzehn Jahren wegen schwerer Kindheitstraumata in psychotherapeutischer Behandlung befinde, der darf sich allgemeinen Mitleids (als das sich Verachtung mitunter zu tarnen vermag) sicher sein.

Dies ist eine Folge des psychiatrischen Trauma-Kults, zu dessen Anhängern keineswegs nur feministische Psychotherapeutinnen und Psychiaterinnen zählen, wenngleich diese natürlich fanfarenartig den Ton angeben.

Das Trauma ist zum zweiten Standbein der Psychiatrie geworden. Nachdem die biochemischen und genetischen Theorien psychischer Krankheiten den empirischen Härtetest nicht bestanden haben und auch in der Bevölkerung die Zweifel an ihnen zunehmen, wird nun wieder, das für lange Zeit als wesentlicher Einflussfaktor verworfene, Trauma reaktiviert.

Da Traumata auch das Hirn schädigen können, liegt seine Wiederbelebung zudem im Interesse der Pharmaindustrie, so dass der psychiatrisch-pharmaindustrielle Komplex insgesamt mit dieser Entwicklung zufrieden sein kann.
So war aus diesen Kreisen schon zu hören, dass man Traumatisierten möglichst frühzeitig Psychopharmaka geben müssen, um eine Schädigung des Gehirns zu vermeiden.

Im Namen des Staates

Doch hier sind nicht nur wirtschaftliche Interessen in Anschlag zu bringen, sondern auch politische. Denn wo es echte Traumatisierung gibt, da gibt es auch Verantwortliche, da gibt es Täter. Und wo es Täter gibt, da gibt es auch Opfer und wo es Opfer gibt, da gibt es auch Hass auf die Täter und Rachedurst.
Und so liegt es im Interesse der Hüter staatlicher Ordnung, die echten Opfer rechtzeitig der Reglementierung durch die Psychiatrie zu unterwerfen. Die Menschen sollen erst gar nicht auf die Idee kommen, dass man grauenvolle Erfahrungen auch aus eigener Kraft oder mit Hilfe von nicht-professionellen Mitmenschen überwinden und sogar aus ihnen gestärkt hervorgehen könnte. Die da oben sehen es nicht gern, wenn die da unten sich im Widerstand üben.

Tatsächlich oder mutmaßlich Traumatisierte, die psychiatrische bzw. psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, sollten sich nicht wundern, wenn sie sich eines Tages in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt wiederfinden.
Psychiatrische Gefährlichkeitsprognosen sind völlig willkürlich und sie geben nur die persönliche Meinung des Prognostikers wieder.8)Siehe meinen Artikel: Glaubwürdigkeit von Gefährlichkeitsprognosen

Psychiater und Psychotherapeuten verfügen im Übrigen auch über keine Methoden, mit denen sie feststellen könnten, ob eine Traumatisierung tatsächlich vorliegt oder nur fantasiert wird. Allein die Suche nach rechtskräftigen Verurteilungen von Tätern in Archiven könnte darüber Aufschluss geben, und dies auch nur im positiven Fall.
Diese Möglichkeit ist aber nur bei einem kleinen Teil der mutmaßlichen Fälle gegeben.
Angesichts der bekannten mangelnden Validität psychiatrischer Diagnostik9)Siehe meine Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet / Mathematik der psychiatrischen Diagnostik muss man mit einer großen Zahl falsch positiver und falsch negativer Einstufungen rechnen.

Bei diesem Sachstand kann die Psychiatrisierung der angeblich oder tatsächlich Traumatisierten natürlich dazu führen, dass reale Täter geschützt und falsch verdächtigte Menschen als Täter gebrandmarkt werden.
Sobald beispielsweise die Diagnose einer „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ bei einer Frau ausgesprochen wird, lastet bereits ein schwerer Verdacht auf ihrem Vater. Dies hängt mit der psychiatrischen Ideologie zusammen, die sich mit dieser Diagnose verbindet und für die es nicht den Hauch eines empirischen Beweises gibt.

Schreckliche Erfahrungen können uns geneigt stimmen, aber sie zwingen uns nicht dazu, uns selbstdestruktiv und unangepasst zu verhalten. Uns mag Unrecht widerfahren sein, aber dies enthebt uns nicht der Verantwortung für uns selbst. Wer diese an die Psychiatrie oder sonstige „Helfer“ überträgt, macht sich allerdings selbst zum Opfer.

Der zunehmende Opferkult in unserer Gesellschaft verwandelt eine wachsende Zahl von Menschen in Mündel der „Trauma-Industrie“. Beständig wird die Schwelle herabgesetzt, jenseits derer eine unangenehme oder peinliche Erfahrung in ein Trauma verwandelt wird. Dadurch steigt natürlich auch die Zahl der Traumatisierten kontinuierlich.

Gleichzeitig wird den „Traumatisierten“ von den Medien eingehämmert, dass sie sich bei den ersten Anzeichen einer traumatisch bedingten Störung professionelle Hilfe suchen müssten. So gerieten schon manche Kinder und Jugendliche in die Fänge der Trauma-Industrie. Sie werden vielleicht niemals lernen, Leiden aus eigener Kraft stoisch zu erdulden. Sie werden vielleicht niemals erwachsen werden.

Fußnoten   [ + ]

1.Dalrymple, T. (2010). Spoilt Rotten. The Toxic Cult of Sentimentality. London: Gibson Square Books
2.Die Kennzeichnung „realistisch“ bezieht sich hier nur auf den damaligen Stand der Forschung, nicht aber auf die tatsächlichen Verhältnisse. Diese wurden auch früher schon von der Forschung vermutlich falsch eingeschätzt. Die Quote von dreißig Prozent kann und konnte damals wie heute durch seriöse empirische Forschung nicht erhärtet werden.
3.Siehe meine Artikel: Abhängigkeit / Entscheidungsprozesse bei Abhängigkeit (Sucht)
4.James D. Griffith , Sharon Mitchell, Christian L. Hart, Lea T. Adams & Lucy L. Gu (2012): Pornography Actresses: An Assessment of the Damaged Goods Hypothesis, Journal of Sex Research, DOI:10.1080/00224499.2012.719168; online
5.Selbstverständlich darf man eine einzelne Studie nicht überbewerten. Ohne Replikation der Befunde durch unabhängige Forscherteams und in unterschiedlichen Milieus ist eine Verallgemeinerung natürlich nicht möglich. Aber auch als einzelnes Ergebnis stellt die als selbstverständliche hingenommene These in Frage, dass Pornodarstellerinnen prinzipiell Opfer der Männergesellschaft seien.
6.EMMA (online): Gesetz gegen Pornografie: Begründung
7.Siehe meinen Artikel: Die Multiple Persönlichkeitsstörung
8.Siehe meinen Artikel: Glaubwürdigkeit von Gefährlichkeitsprognosen
9.Siehe meine Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet / Mathematik der psychiatrischen Diagnostik