Psychische Krankheiten: Hirnstörungen, Traumafolgen oder hartnäckige Gewohnheiten?

Heute ist es wieder Mode geworden, seelische Verletzungen (meist in früher Kindheit) als Ursache psychischer Krankheiten im Erwachsenenleben zu unterstellen. Manche betrachten diese als Alternative zum biologisch-genetischen Erklärungsmodell oder als eine Ergänzung dazu. Solange Modelle nur schlüssig klingen müssen, ist man ja fein raus. Wehe aber, es fragt jemand nach einer empirischen Absicherung!

Auch ich kann mir ganz gut vorstellen, dass traumatisierende Umwelten Menschen besonders geneigt stimmen können, sofort oder im späteren Leben die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Aber es bleibt aus meiner Sicht dennoch die freie Entscheidung des Betroffenen. Er ist nicht wie ein Automat dazu gezwungen.1)Siehe meinen Artikel: Psychische Krankheit und freier Wille

Trotzdem erscheinen den Betroffenen und oft auch den Beobachtern die „psychisch kranken“ Muster des Verhaltens und Erlebens wie Automatismen. Die Frage ist, ob diese Erscheinung auch ihrem Wesen entspricht. Entweder ein Verhalten erfolgt automatisch, dann hat man keine Wahl. Hat man aber eine Wahl, dann handelt es sich nicht um ein automatisches Verhalten.

Wir Menschen haben fast immer die Wahl. Unser Verhalten beruht weitgehend auf Entscheidungen. Ob diese Entscheidungen Ausdruck eines freien Willens sind oder nicht, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall aber findet ein Abwägen statt, das sich auch am Rande des Bewusstseins oder unbewusst vollziehen kann. Dieses Abwägen ist ein Charakteristikum von Entscheidungen.

Daher sind die meisten Verhaltensmuster, die als automatisch eingestuft werden, in Wirklichkeit Gewohnheiten.2)Die häufig auch in der Fachliteratur übliche Gleichsetzung von Automatismen und Gewohnheiten halte ich für nicht sinnvoll. Automatismen sind definitionsgemäß unabhängig vom Bewusstsein. Ein Automat hat ein solches nicht und braucht es auch nicht. Bei menschlichen Gewohnheiten steht aber immer ein Bewusstsein im Hintergrund. Deswegen sind wir überhaupt in der Lage,  gewohnheitsmäßiges Verhalten zu durchbrechen, wenn uns die Situation dazu zwingt oder wenn wir uns dazu entschieden haben. Ein Automat, der auf Basis von Algorithmen funktioniert, könnte dies nicht. Das menschliche Gehirn ist nicht mit einem Computer zu vergleichen. Der neuronale Code ist nicht algorithmisch. Siehe: Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation, Cambridge: MIT Press, Kindle Edition Position 3076 ff.

Gewohnheiten gehen häufig aus bewusst gesteuertem Verhalten hervor, das zur Routine wird. Es erfordert dann kaum noch Aufmerksamkeit. Doch selbst wenn sich Gewohnheiten nur unbeachtet eingeschlichen, eingeschliffen haben und gedankenloser Wiederholung geschuldet sind, eignet man sie sich nicht passiv an.

Sie haben zumindest eine, meist aber eine Kette von Entscheidungen zur Voraussetzung. Die eine, unbedingt notwendige ist die Entscheidung, seine Aufmerksamkeit von einer Handlung abzuziehen und sie gleichsam sich selbst zu überlassen. Wenn wir beispielsweise zugleich in der kochenden Suppe rühren und uns unterhalten, so entscheiden wir uns, welche Tätigkeit im Vordergrund des Bewusstseins stehen soll. Und dies auch dann, wenn uns diese Entscheidung als solche gar nicht bewusst wird.

Und auch der Vollzug von Gewohnheiten kann auf Entscheidungen nicht verzichten. Wer z. B. während einer Autofahrt bei ruhigem Verkehr und auf bekannter Strecke telefoniert, fährt in aller Regel gewohnheitsmäßig. Dennoch ist er in der Lage, in Gefahrensituationen sich voll und bewusst dem Geschehen auf der Straße zu widmen. Also wird diese Gewohnheit von permanenten unbewussten Entscheidungen zur etwaigen Notwendigkeit einer vollen Konzentration auf die Fahrer-Tätigkeit begleitet. Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit für die Verkehrssituation ist für sicheres Fahren bekanntlich unerlässlich.

Jemand entscheidet sich, zum ersten Mal eine Praline einer bestimmten Sorte in den Mund zu stecken. Er lässt sie genießerisch auf der Zunge zergehen. Nach einer Weile ist ihm dies zur lieben Gewohnheit geworden. Die wahrscheinliche Konsequenz aber hat er sich dabei vermutlich nicht vor Augen geführt: Gewohnheiten dieser Art sind schwer zu überwinden. Jedenfalls hat er eine Gewohnheit ausgeprägt, die ohne Entscheidungen nicht zustande gekommen wäre.

Es gibt Gewohnheiten des Wahrnehmens, des Fühlens, des Denkens, des Verhaltens. Jede erdenkliche Lebensäußerung, die nicht allzu komplex und schwierig auszuüben ist, kann zur Gewohnheit werden. Dies gilt natürlich auch für die so genannten psychischen Krankheiten, die selbstredend ebenfalls Gewohnheiten in voller Blüte sind.

Natürlich sind die „psychisch Kranken“ in der Regel keine Simulanten. Sie würden Stein auf Bein schwören, dass sie für ihre „Symptome“ nichts könnten. Aber bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass sie durchaus viele, viele kleine Entscheidungen gefällt haben, die zu ihren „Symptomen“ führten. Sie haben sich dies natürlich nicht bewusst gemacht, sonst wäre ihr Zustand vermutlich jetzt ein anderer.

Ein Beispiel: Jemand entschließt sich dazu, seine Wut zu unterdrücken. Der Grund: Er fürchtet sich vor den Konsequenzen des Auslebens dieser Wut. Wer so agiert, darf sich nicht wundern, wenn er früher oder später unter Gemütsverstimmungen leidet. Denn schlussendlich sind unterdrückte Wut und Gemütsverstimmungen ja nur zwei Seiten einer Medaille. Beim „Depressiven“ ist das Unterdrücken von Wut zur Gewohnheit geworden. Man könnte alle erdenklichen so genannten psychischen Krankheiten in dieser Weise durchdeklinieren und würde zu demselben Ergebnis kommen. Dies sei der Fantasie des Lesers überlassen.

In aller Regel entziehen sich die Gewohnheiten, unter denen der „psychisch Kranke“ leidet, der Reflexion des Betroffenen. Er fühlt sich seinen „Symptomen“ hilflos ausgeliefert. Er wähnt, dass ihnen ein Mechanismus, der sich seiner Kontrolle entziehe, zugrunde läge. In diesem Glauben wird er natürlich durch die Psychiatrie verstärkt, die sich für diesen eingebildeten Mechanismus zuständig fühlt und ihr Einkommen damit generiert.

Dieser angebliche Mechanismus aber ist keine Fehlfunktion des Gehirns, sondern eine Gewohnheit. Der Mensch hat sie ausgebildet, um sein Leben zu bewältigen. Derartige Gewohnheiten haben sich oft ohne großes Nachdenken oder Aufmerksamkeit entwickelt. Darum hat er auch nicht gelernt, diese Verhaltensweisen bewusst zu kontrollieren. Alles, was er zu tun hätte, wäre: Entscheide dich dazu, diesen Gewohnheiten deine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Versuche beharrlich, in einem mitunter mühevollen Prozess, die Kontrolle zurückzuerobern.

Besser wäre es natürlich, die eigenartigen Verhaltensweisen, die von der Psychiatrie als „Symptome“ einer „psychischen Krankheit“ gedeutet werden, gar nicht erst zur Gewohnheit werden zu lassen. Doch leider strömen häufig viel mehr Reize auf uns ein, als unser Bewusstsein zu meistern vermag. Schon allein deswegen entstehen beinahe zwangsläufig manche Gewohnheiten. Diese würden wir, sobald sich ihre unerwünschten Konsequenzen zeigen, am liebsten schnell wieder loswerden. Allein: Es ist viel einfacher, sich eine Gewohnheit an-, als sie sich wieder abzugewöhnen.

Hat sich eine Gewohnheit erst einmal gebildet, so erscheint sie oftmals als die beste aller Verhaltensalternativen, die dem betroffenen Menschen in seiner Situation zur Verfügung stehen. Dies muss objektiv nicht der Fall sein. Es mag Alternativen geben, die den eigenen Zielen besser dienen würden. Aber wer vermag seine Situation schon immer objektiv einzuschätzen?

Für die Gewohnheit spricht, dass sie bereits eingeübt ist. Sie steht gleichsam gebrauchsfertig zur Verfügung. Eine Alternative müsste man neu lernen. Man müsste sich die Situation bewusst machen. Man müsste üben. All dies ist schwer. Und schwer genug hat man es ja schon. (Allerdings vor allem wegen der schädlichen Gewohnheit.)

Es klingt grausam, einem traumatisierten Menschen zu unterstellen, (im medizinischen Sinn) gar nicht psychisch krank zu sein, sondern „nur“ eine Gewohnheit ausgeprägt zu haben. Ein Mensch wurde in der Kindheit sexuell missbraucht, körperlich misshandelt, schwer vernachlässigt. Vielleicht war er den Grausamkeiten eines Krieges ausgesetzt. Vielleicht musste er die schlimmsten Entbehrungen erdulden. Wer hätte denn mehr Grund, psychisch krank zu werden. Das reicht doch wohl, oder?

Es reicht offenbar nicht. Nicht alle, die Derartiges erlitten haben, wurden psychisch krank. Man sagt, diese Menschen seien eben resilienter, hätten also eine größere seelische Widerstandsfähigkeit. Resilienz? Wie die meisten psychologischen Begriffe klingt auch dieser gut, hat aber wenig geistige Substanz. Er erklärt nichts, gibt nur dem Nichtwissen einen wohl tönenden Namen.

Fakt aber ist, dass nicht alle Betroffenen psychisch kranke Gewohnheiten ausprägen – warum auch immer. Sie haben offenbar stattdessen andere Gewohnheiten entwickelt, mit denen man besser leben kann. Dazu ist es aus meiner Sicht aber nie zu spät. Dies gilt auch für traumatisierte Menschen, die sich mit der Rolle des psychisch Kranken abgefunden haben.

Gewohnheiten sind dem Bewusstsein entzogene Verhaltensweisen. Sie beruhen meine Entscheidungen, meist auf einer Kette von Entscheidungen. Die Entscheidungen laufen darauf hinaus, einer Handlung oder Teilen dieser Handlung die Aufmerksamkeit zu entziehen. Man kann die Bildung von Gewohnheiten auch sehr schnell, gleichsam unter Laborbedingungen bewerkstelligen. Das Mittel dazu ist die Hypnose.3)Siehe meinen Artikel: Das Spektrum der Hypnose Dies gilt auch für die Gewohnheiten, die man als „psychische Krankheiten“ bezeichnet.4)Siehe meinen Artikel: Hypnotisch hervorgerufene psychische Krankheiten

Wer einen posthypnotischen Befehl befolgt, handelt so, als ob er einer alten Gewohnheit folgen würde. Das Verhalten wird nicht hinterfragt. Es steht nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Hypnotisiertes Verhalten beruht auf Suggestion. Es ist bestimmt nicht weit hergeholt, dass auch „psychisch krankes“ Verhalten auf Suggestionen beruht. Die Medien z. B. entfalten ja einen beachtlichen Einfluss, indem sie dem staunenden Publikum vor Augen führen, wie sich „psychisch Kranke“ benehmen.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Psychische Krankheit und freier Wille
2.Die häufig auch in der Fachliteratur übliche Gleichsetzung von Automatismen und Gewohnheiten halte ich für nicht sinnvoll. Automatismen sind definitionsgemäß unabhängig vom Bewusstsein. Ein Automat hat ein solches nicht und braucht es auch nicht. Bei menschlichen Gewohnheiten steht aber immer ein Bewusstsein im Hintergrund. Deswegen sind wir überhaupt in der Lage,  gewohnheitsmäßiges Verhalten zu durchbrechen, wenn uns die Situation dazu zwingt oder wenn wir uns dazu entschieden haben. Ein Automat, der auf Basis von Algorithmen funktioniert, könnte dies nicht. Das menschliche Gehirn ist nicht mit einem Computer zu vergleichen. Der neuronale Code ist nicht algorithmisch. Siehe: Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation, Cambridge: MIT Press, Kindle Edition Position 3076 ff.
3.Siehe meinen Artikel: Das Spektrum der Hypnose
4.Siehe meinen Artikel: Hypnotisch hervorgerufene psychische Krankheiten