Krankheitseinsicht

Manche Menschen, die von Ärzten als psychisch krank bezeichnet werden, sind mit dieser Diagnose nicht einverstanden. Sie empfinden sich als normal oder meinen, ihre Beschwerden würden von anderen verursacht.

Die Psychiatrie unterstellt diesen Menschen mangelnde Krankheitseinsicht. Sie betrachtet dies als ein Symptom der psychischen Krankheit. Manche meinen sogar, dass ein Defekt im Gehirn der Betroffenen dafür verantwortlich sei.1)Die Psychiatrie hat auch einen hoch tönenden Begriff für mangelnde Krankheitseinsicht kreiert: Anosognosie. Ein Fülle neurologischer Studien setzt sich mit den Korrelaten dieses Phänomens im Hirn auseinander. Mujeeb und Kollegen räumen aber ein: „However, little is known about the functional correlates of impaired insight.“ („Man weiß nur wenig über die funktionellen Korrelate gestörter Einsicht (Mujeeb U. Shad, Matcheri S. Keshavan: Neurobiology of Insight Deficits in Schizophrenia: An fMRI Study. Schizophr Res. Author manuscript; available in PMC 2016 Jul 1.Published in final edited form as: Schizophr Res. 2015 Jul; 165(0): 220–226. Published online 2015 May 6. doi: 10.1016/j.schres.2015.04.021).“

Im Allgemeinen kommen Psychiater nicht auf die Idee, dass mangelnde Krankheitseinsicht gut begründet sein könnte. Schließlich stimmt doch etwas mit diesen Menschen nicht. Alle bemerken es. Nur der Betroffene verleugnet das Offensichtliche.

Schaut man aber genauer hin, erkennt man ein anderes Bild. Einsicht bedeutet schließlich, dass man eine Sache durchschaut hat. Krankheitseinsicht heißt also: Man hat erkannt, dass ein Verhalten oder Erleben durch eine Krankheit hervorgerufen wird.

In diesem Sinn aber verfügen noch nicht einmal die Psychiater selbst über Krankheitseinsicht.

  • Psychiater kennen die Ursachen „psychischer Krankheiten“ nicht,2)Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen
  • haben keinen eindeutig definierten Begriff der „psychischen Krankheiten“,3)Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet
  • können „psychische Krankheiten“ nicht zweifelsfrei diagnostizieren,4)Siehe meinen Artikel: Die psychiatrische Diagnose: ein Etikett
  • ihre Verläufe nicht treffsicher prognostizieren,5)Siehe meinen Artikel: Diagnose und Behandlung
  • sie verfügen über keine brauchbaren medikamentösen Therapien oder Psychotherapien6)Siehe meine Artikel: Wirksamkeit der Psychotherapie im Licht der empirischen Forschung / Psychopharmaka – mehr Schaden als Nutzen
  • und sie wissen noch nicht einmal, ob die schlichteste und drastischste ihrer Methoden, die Fixierung, unter Strich im Vergleich zu alternativen Verfahren tatsächlich etwas bringt,7)Siehe meinen Artikel: Fixierung in der Psychiatrie
  • sogar die Holzhammermethode, die Elektrokrampftherapie, ist nicht besser als eine Scheinbehandlung.8)Siehe meinen Artikel: Elektrokrampftherapie

Wenn Psychiater aber selbst keine Krankheitseinsicht besitzen, dann sollten sie dies auch nicht von anderen fordern. Sie tun dies dennoch, und nicht ohne Grund. Dem liegt folgende Überlegung zugrunde: Wem ein Mensch glaubt, an einer Krankheit zu leiden, dann ist auch geneigt, sich den Anweisungen seines Arztes zu fügen.

Die überwältigende Mehrheit der Psychiatrie-Patienten ist krankheitseinsichtig. Sie nehmen (mehr oder weniger) brav ihre Pillen. Sie beteiligen sich (mehr oder weniger) aktiv an Psychotherapien. Sie hören darauf, was der Arzt ihnen sagt.

Nur (geschätzte) zehn Prozent der psychiatrisch Diagnostizierten leistet Widerstand. Sie werden gegen ihren Willen behandelt. Ihnen fehlt die Krankheitseinsicht. Allerdings können auch ihre Behandler diese nicht für sich in Anspruch nehmen.

Dass 90 Prozent sich freiwillig behandeln lassen, ist eine erstaunliche Leistung der Psychiatrie. Man bedenke: Die Psychiatrie kann nicht beweisen, dass störendes Verhalten und Erleben tatsächlich durch eine Krankheit hervorgerufen werden. Eine Krankheit ist schließlich ein im Individuum ablaufender Prozess. Das störende Verhalten und Erleben könnte aber auch eine Anpassung an unzumutbare Umweltbedingungen sein.

Manche Leute meinen, ihre Störungen würden durch Bestrahlung verursacht. Böse Nachbarn oder gar Geheimdienste trieben sie mit technischen Geräten in den Wahnsinn. Sie können dies natürlich nicht beweisen. Der Psychiater diagnostiziert eine Psychose. Aber das kann er auch nicht beweisen.

Dennoch zweifeln viele Patienten ihre „Krankheit“ und die ihnen verordneten ärztlichen Maßnahmen nicht an; manche verteidigen sie sogar mit atemberaubendem Fanatismus. In keinem Bereich der Medizin sind sie unkritischer als gegenüber Psychiatern und Psychotherapeuten.

Wieso? Fast alle psychiatrischen Patienten gehen doch auch zu anderen Ärzten. Es ist beim besten Willen nicht zu übersehen, dass sich die Diagnostik und Therapie in anderen Bereichen der Medizin auf einem wesentlich höheren Niveau abspielt. Dies sollte eigentlich auch für den medizinischen Laien erkennbar sein. Man denke beispielsweise an die Laboruntersuchungen, mit denen außerhalb der Psychiatrie routinemäßig Krankheiten festgestellt werden. In der Psychiatrie haben sie jedoch allenfalls die Aufgabe, körperliche Krankheiten als Ursache der Symptome auszuschließen.

In der Psychiatrie beruhen Diagnose, Behandlung und Ursachenlehre weitgehend auf Spekulationen. Und die Therapien haben in der Mehrheit aller Fällen keinen oder keinen bleibenden Erfolg. Der Rede von der „Drehtür-Psychiatrie“ hat durchaus Berechtigung.

Natürlich behauptet eine ganze Reihe von Patienten, ihnen hätten die Pillen oder die Psychotherapien geholfen. Aber es gibt guten Grund zu der Annahme, dass diese Hilfe auf einem Placebo-Effekt beruht. Häufig war auch nur das Verstreichen der Zeit dafür verantwortlich. Die Zeit heilt bekanntlich viele Wunden. Menschen gehen in der Regel in die Psychiatrie, wenn es ihnen besonders schlecht geht. Kein Wunder, dass es ihnen nach einer Weile wieder besser geht. Dies wäre vermutlich auch ohne Arzt so gewesen.

Die große Zahl der Krankheitseinsichtigen und Zufriedenen wäre nicht zu erklären, wenn die Psychiatrie keinen Nutzen hätte. Für den Psychiatriepatienten besteht dieser u. a. darin, dass er in den Augen der Mehrheit seiner Mitmenschen das Richtige tut und sich behandeln lässt, um wieder leistungsfähig und ein verträglicher Zeitgenosse zu werden.

Durch Krankheitseinsicht gibt man zu erkennen, dass man die gesellschaftlich vorgegebene Lösung für sein Fehlverhalten akzeptiert. Und mit der Zufriedenheit signalisiert man, dass man „geheilt entlassen“ wurde. In Zukunft wird man also kein Problem mehr darstellen. In früheren Zeiten hätte man davon gesprochen, dass der Sünder seine Schuld erkannt hat, sie bereut und Besserung gelobt.

Nach meinem Gefühl handelt es sich hier, bei aller Einsicht und Zufriedenheit, nicht um eine ehrliche, echte und saubere Herangehensweise.

Eine wissenschaftlich redliche Auseinandersetzung mit diesem Thema müsste in Erwägung ziehen, dass mangelnde Krankheitseinsicht keineswegs als Symptom der Krankheit vorausgesetzt werden kann. Auch ein von seiner Profession überzeugter Psychiater sollte angesichts des Forschungsstandes einräumen, dass es auch vernünftige Gründe geben kann, eine psychiatrische Diagnose und die damit verbundenen Maßnahmen abzulehnen.

Im Übrigen könnte sich auch mangelnde Krankheitseinsicht in einer Form zeigen, die Psychiater unter den Teppich zu kehren neigen. So führen manche Psychopharmaka und insbesondere die zu recht gefürchteten und berüchtigten Neuroleptika zu schweren physischen Nebenwirkungen, die man als eigenständige, durch die Behandlung verursachte  Krankheiten auffassen muss. Dennoch nehmen viele Patienten diese Medikamente. Der amerikanische Psychiater Peter R. Breggin hält es für möglich, dass diese Menschen an einer „Intoxication Anosognosia“ leiden, also an einem durch medikamentöse Vergiftung hervorgerufenen Mangel an Krankheitseinsicht für die Schadwirkungen ihrer Medikamente.9)Peter R. Breggin: Intoxication Anosognosia: The Spellbinding Effect of Psychiatric Drugs. Ethical Human Psychology and Psychiatry, Volume 8, Number 3, Fall/Winter 2006

PS: Manche Leser mögen meine Schilderung des Zustands der Psychiatrie für übertrieben oder gar gehässig halten. Natürlich kann ich mich irren. Mein Urteil beruht auf Erfahrungen als Diplom-Psychologe, als Angehöriger und auf der Lektüre der einschlägigen wissenschaftlichen Forschung.10)Wer einen schnellen Überblick über den Zustand der psychiatrischen Wissenschaft sucht, wird hier fündig: Kirk, S. A. et al. (2013). Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs. Piscataway, N. J.: Transaction

Wenn mir jemand saubere, mehrfach mit gleichem Ergebnis wiederholte und zweifelsfrei interpretierbare Studien vorlegen kann, werde ich meine Auffassungen entsprechend korrigieren. Und zwar mit ehrlicher Freude.

Fußnoten   [ + ]

1.Die Psychiatrie hat auch einen hoch tönenden Begriff für mangelnde Krankheitseinsicht kreiert: Anosognosie. Ein Fülle neurologischer Studien setzt sich mit den Korrelaten dieses Phänomens im Hirn auseinander. Mujeeb und Kollegen räumen aber ein: „However, little is known about the functional correlates of impaired insight.“ („Man weiß nur wenig über die funktionellen Korrelate gestörter Einsicht (Mujeeb U. Shad, Matcheri S. Keshavan: Neurobiology of Insight Deficits in Schizophrenia: An fMRI Study. Schizophr Res. Author manuscript; available in PMC 2016 Jul 1.Published in final edited form as: Schizophr Res. 2015 Jul; 165(0): 220–226. Published online 2015 May 6. doi: 10.1016/j.schres.2015.04.021).“
2.Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen
3.Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet
4.Siehe meinen Artikel: Die psychiatrische Diagnose: ein Etikett
5.Siehe meinen Artikel: Diagnose und Behandlung
6.Siehe meine Artikel: Wirksamkeit der Psychotherapie im Licht der empirischen Forschung / Psychopharmaka – mehr Schaden als Nutzen
7.Siehe meinen Artikel: Fixierung in der Psychiatrie
8.Siehe meinen Artikel: Elektrokrampftherapie
9.Peter R. Breggin: Intoxication Anosognosia: The Spellbinding Effect of Psychiatric Drugs. Ethical Human Psychology and Psychiatry, Volume 8, Number 3, Fall/Winter 2006
10.Wer einen schnellen Überblick über den Zustand der psychiatrischen Wissenschaft sucht, wird hier fündig: Kirk, S. A. et al. (2013). Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs. Piscataway, N. J.: Transaction