Heimliche Ziele der psychiatrischen Diagnostik

In den Lehrbüchern der Psychiatrie werden der psychiatrischen Diagnostik u. a. folgende Aufgaben zugewiesen:

  • Verringerung der Vielschichtigkeit klinischer Phänomene
  • Erleichterung der Kommunikation unter Ärzten sowie zwischen Behandlern und Patienten
  • Hilfe bei der Prognose von Störungen
  • Einleitung einer angemessenen Behandlung
  • Unterstützung bei der Suche nach Ursachen.

Neben diesen offiziellen Zielen verbinden sich mit psychiatrischer Diagnostik offenbar auch heimliche. Sie werden nicht ausgesprochen, geschweige denn bewusst reflektiert. Wer aber genau hinschaut, kann diese verdeckten Funktionen unschwer aus dem Zusammenhang von Handlungen erschließen.

Psychiatrische Diagnosen werden z. B. nicht selten als Munition im Rosenkrieg eingesetzt. Zwei Partner waren einige Zeit glücklich miteinander. Sie freuten sich, den passenden Lebensgefährten gefunden zu haben. Doch dann kriselt es, dann kracht es, dann kommt es zu Zerwürfnissen und schließlich sind die Risse nicht mehr zu kitten.

Ihren Freundinnen und ihren Freunden, aber noch häufiger sich selbst hatten sie Geschichten erzählt, wie toll sie mit ihrem Partner harmonierten, welche schönen Erlebnisse sie zusammen hatten und wie gut sie es doch getroffen hätten. Nun stimmen diese Geschichten plötzlich nicht mehr. Sie widersprechen den tatsächlichen Ereignissen, dem eigenen Verhalten und dem des Partners.

In einem Internet-Forum beschreibt eine Diskussionsteilnehmerin einen Mann, der beständig auf der Jagd nach Frauen sei. Immer wieder aufs Neue versuche er, seine Auserwählten zu erobern. Er mache sie glauben, sie seien die Einzigen für ihn. Er habe aber stets mehrere Partnerschaften zur gleichen Zeit. Er suche gezielt nach den Schwachstellen dieser Frauen, nutze ihre Einsamkeit aus. Für ihn bestünde das größte Glück in der Gewissheit, dass ihn diese Frauen auch nach einer Trennung für immer in ihren Herzen tragen würden.

Nach dieser Schilderung schreibt sie: „Mein Therapeut hat gesagt, ich soll mal im Netz suchen, denn ein Krankheitsbild gibt es noch nicht dafür.“

Im Verlauf der Diskussion, die sich nun entspinnt, wird deutlich, dass die Ratsuchende ebenfalls ein „Opfer“ des Schürzenjägers war, den sie beschrieben hatte. Sie sagt, dass sie geheilt werden wolle. Jeder weitere Kontakt mit diesem Mann sei ihr Untergang.

„Vielleicht könnte ich leichter damit umgehen, wenn ich es als Krankheit abstempele“, räumt sie in Bezug auf das Verhalten des vergötterten und zugleich gehassten Mannes schließlich ein. Sie würde gerne wissen, was in einem solchen Menschen vor sich gehe, um es besser verarbeiten zu können. „Es gäbe nichts Schöneres“, seufzt sie, „als ihn an meiner Seite zu haben.“

Die psychiatrische Diagnose hat hier also zwei Funktionen für diese Frau:

  1. Sie soll als Muster dienen, um eine Lebens- und Liebesgeschichte, die nicht mehr stimmig ist, neu zu formulieren.
  2. Und sie soll als Grundlage für eine neue, erfolgreichere Strategie der Bewältigung von Partnerschaftsproblemen fungieren.

Die Diskutanten bezweifeln allerdings, dass es eine gute Idee sei, sich mit diesem Problem mittels einer psychiatrischen Diagnose auseinanderzusetzen. Der Moderator der Gruppe schreibt:
„Wenn man jemanden wegen einer Krankheit verlässt, dann kann man sich sagen, dass man für das Scheitern der Beziehung nicht verantwortlich war. Schließlich hat der Partner aufgrund krankhafter Motive die Beziehung zerstört und nicht etwa aus Gründen, die man eventuell selbst provoziert hat.“

Die psychiatrische Diagnose erfüllt hier also offenbar noch eine dritte Funktion:

3. Sie schützt das Selbstwertgefühl bei einem etwaigen Scheitern des Versuchs, Beziehungsprobleme zu bewältigen.

Meine These hierzu lautet, dass die heimlichen Funktionen der Psychodiagnostik eine ebenso große, wenn nicht eine noch größere Bedeutung für das Leben der Betroffenen haben als die offiziellen. Dabei beschränken sich die heimlichen Funktionen keineswegs auf die drei genannten: Muster zur Neuformulierung von Lebensgeschichten, Bewältigungsstrategie, Schutz des Selbstwertgefühls. Ein weitere Funktion kann beispielsweise darin bestehen, einen Menschen, der uns gekränkt hat, hinter einer Fassade von Mitleid und Verständnis abzuwerten.

Schließlich ist ein „psychisch Kranker“ ja nicht nur ein „ gewöhnlicher Kranker“, der Mitleid verdient. Er ist auch ein Normverletzer. Er genügt moralischen Kriterien nicht. Seine Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt. Weniger freundlich formuliert, ist er ein Gestörter, Verrückter, Durchgeknallter, ein armes Würstchen oder evtl. auch ein gefährlicher Irrer. Indem man ihm das Etikett „psychisch krank“ zuweist, stuft man ihn sozial herab. Man stellt ihn auf die Stufe von Kindern und geistig Behinderten, die man nicht allzu ernst nehmen darf.

„Heimliche Ziele“ verfolgen nicht nur „Laien-Diagnostiker“, sondern auch Profis. Diagnosen eignen sich schließlich hervorragend, um beispielsweise das Scheitern einer „Therapie“ mit der „schlechten Prognose“ eines Patienten zu erklären. So wird das eigene professionelle Selbstwertgefühl geschützt.

Manchen Besuchern von Arztpraxen fehlt nichts. Sie sind vielmehr unzufrieden mit Gott und der Welt. Sie suchen jemanden, der sich ihr Gejammer anhören muss. Wenn der Arzt nun diese „Patienten“ mit einer Diagnose etikettiert, dann wird deren Behandlung wenigstens von der Kasse bezahlt.

Neben den individuellen heimlichen Zielen der psychiatrischen Diagnostik finden sich natürlich auch politische. Im Zusammenspiel mit einer angeblichen Fremd- oder Selbstgefährdung können psychiatrische Diagnosen beispielsweise als Rechtfertigung dafür dienen, Menschen einer Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung zu unterwerfen.

Derartige Maßnahmen, die durch die Gesetze für psychisch Kranke gedeckt sind, wären ohne psychiatrische Diagnosen nicht rechtmäßig. Sie müssten als Freiheitsberaubung, Folter und Gehirnwäsche bezeichnet werden. Und so diagnostiziert man Menschen, die von gesellschaftlichen Normen und den Erwartungen ihrer Mitmenschen abweichen, als psychisch krank. Dann kann man sie ganz legal ihrer elementarsten Menschenrechte berauben.

Psychiatrische Diagnosen können also als politische Waffen benutzt werden. Das besonders Heimtückische daran ist, dass ihr Einsatz nur zu leicht als Hilfe getarnt werden kann. In Wirklichkeit aber handelt es sich nicht um Behandlungen im medizinischen Sinn, sondern um Repression. So kann man Störer unter Kontrolle bringen, auch wenn sie keine Straftaten begangen haben.

Unbestritten: Die so genannten psychisch Kranken sind mitunter durchaus gefährlich für sich selbst und andere. Dadurch unterscheiden sie sich aber nicht von den so genannten Normalen. Wenn ein angeblich psychisch Kranker seinen Nachbarn umzubringen droht, dann läuft er Gefahr, gegen seinen Willen in ein psychiatrisches Krankenhaus gesperrt zu werden. Wenn aber beispielsweise ein so genannter Normaler unter Alkoholeinfluss Auto fährt und dadurch sich und andere erheblich gefährdet, dann verliert er allenfalls den Führerschein. Auf welcher Grundlage erfolgt hier eigentlich die Unterscheidung zwischen „gefährlichen Irren“ und „gefährlichen Normalen“?

Die Position der Befürworter von Zwangsbehandlungen lautet: Manche Patienten seien nicht krankheitseinsichtig. Mit solchen Menschen könne man keine therapeutischen Ziele vereinbaren. Man müsse daher eine Diagnose stellen. Aus dieser Diagnose könne man dann folgern, wie mit diesen „psychisch Kranken“ zu verfahren sei.

Dazu ist allerdings anzumerken, dass die so genannten psychischen Krankheiten beim gegenwärtigen Stand der Forschung den Status von hypothetischen Konstrukten besitzen. Und eigentlich kann man doch von niemandem erwarten, dass er die Hypothesen anderer Leute für richtig hält.

Aus rechtlichen Gründen braucht man zur Zwangsbehandlung eine besondere Form der Diagnose. Diese stellt eine behandlungsbedürftige schwere psychische Krankheit und überdies noch eine erhebliche Gefährlichkeit des Betroffenen für sich und / oder andere fest.

Etwa 10 Prozent der Psychiatriepatienten werden während einer Behandlungseinheit mindestens einer Zwangsmaßnahme unterworfen. Die Rechtfertigung dieses Zwangs beruht auf allerlei Mythen. Der hier wichtigste Mythos besteht darin, dass ein Psychiater in der Lage sei, die Gefährlichkeit eines Menschen für sich und andere zu prognostizieren.

Die Skandalmeldungen der Medien über, als geheilt entlassene und erneut gewalttätige, „psychisch kranke“ Straftäter werden durch zahllose empirische Studien bestätigt: Zu solchen Vorhersagen sind psychiatrische Diagnostiker definitiv nicht in der Lage.1)Buchanan, A. (2008). Risk of Violence by Psychiatric Patients: Beyond the “Actuarial Versus Clinical” Assessment Debate, Psychiatric Services 2008; doi: 10.1176/appi.ps.59.2.184) / Paris J. (2006). Predicting and preventing suicide: do we know enough to do either? Harv Rev Psychiatry. 2006 Sep-Oct;14(5):233-40

Es handelt sich bei den Zwangsbehandlungen im Übrigen nicht um Therapie im medizinischen Sinne, weder um Psychotherapie, noch um Psychopharmaka-Therapie. Zwangsbehandlungen stellen schlicht und ergreifend Gehirnwäsche dar, und zwar Gehirnwäsche in ihrer schwersten Form. Und dies ist keine Polemik, sondern die nüchterne Beschreibung eines Sachverhalts.

Denn die harten Methoden der Gehirnwäsche beinhalten stets die folgenden vier Komponenten:

  1. Die Anwendung von Zwang (physische Gewalt, Drohungen u. ä.)
  2. die Erzeugung von extremem, traumatisierendem Stress
  3. die Beeinflussung des Nervensystems durch physische Mittel (z. B. chemische Substanzen, Elektroschocks, sensorische Deprivation, soziale Isolierung, Fixierungen u. v. m.)
  4. die Beeinflussung des Denkens und der Gefühle durch Suggestionen, die eine Veränderung des Verhaltens und Erlebens bewirken sollen.

Die übliche psychiatrische Zwangsbehandlung weist ebenfalls genau diese vier Komponenten auf.

In anderen Artikeln dieses Blogs habe ich argumentiert, dass die psychiatrische Diagnostik wissenschaftlich nicht fundiert sei. Viele Laien glauben aber, sie sei es. Wäre sie es wirklich, so würde ihr Missbrauch eingedämmt. Dieser kann nur so wild wuchern, weil sie es nicht ist.

Fußnoten   [ + ]

1.Buchanan, A. (2008). Risk of Violence by Psychiatric Patients: Beyond the “Actuarial Versus Clinical” Assessment Debate, Psychiatric Services 2008; doi: 10.1176/appi.ps.59.2.184) / Paris J. (2006). Predicting and preventing suicide: do we know enough to do either? Harv Rev Psychiatry. 2006 Sep-Oct;14(5):233-40