Grundsätzliches zu forensisch psychiatrischen Gutachten

In seinem Blog1)De legibus Blog: Fall Mollath: Der Schleier ist gelüftet setzt sich der Anwalt Oliver García kritisch mit Gutachten im Fall Mollath auseinander. Vorab legt er die Messlatte fest, mit der aus seiner Sicht derartige Expertisen zu bewerten sind; er schreibt:

„Die Macht der Psychiater, zwischen ‚krank‘ und ‚gesund‘ zu unterscheiden, beruht nicht auf einer ihnen natürlich zukommenden Autorität. Sie haben die volle “Darlegungs- und Beweislast”, die sie durch ein gründlich ausgearbeitetes Gutachten, das schlüssig und überzeugend ist, erfüllen müssen. Gelingt es ihnen nicht, ihre Meinung kommunikativ ausreichend darzulegen, ist sie belanglos. Auch wenn manche Gerichte dies verkennen (etwa die Strafvollstreckungskammer des LG Bayreuth): Nicht, dass der Gutachter ‚bekannt und bewährt‘ ist, erlaubt es dem Gericht, sich ihm anzuschließen, sondern allein seine Überzeugungskraft im konkreten Fall, die durch das Gutachten selbst dokumentiert ist. Die psychiatrischen Gutachten sind in Strafverfahren wie dem Mollaths also nur tauglich, wenn sie der ‚Gegenprobe‘ des Verständnisses durch ihre nicht psychiatrisch geschulten Adressaten, die Richter (Berufsrichter und Schöffen), standhalten.“

Es genügt also nicht nur, ein wissenschaftlich einwandfreies Gutachten auszufertigen. Damit es juristisch verwertbar ist, muss es auch für den „Laien“ nachvollziehbar sein. Dies setzt voraus, dass es wissenschaftlich einwandfreie Gutachten geben könnte. Denn sonst hieße die bestandene „Gegenprobe“ ja nur, dass es dem Gutachter dank seiner „Überredungskunst“ gelungen ist, das Gericht von seiner Meinung oder seinen Vorurteilen zu überzeugen.

Das wissenschaftliche Fundament psychiatrischer Gutachten, gleich welcher Art und Qualität, wird durch folgende grundsätzliche Sachverhalte in Frage gestellt:

  1. Die psychiatrische Diagnostik ist nicht valide.2)Validität ist ein Maß dafür, in welchem Ausmaß ein diagnostisches Verfahren tatsächlich das diagnostiziert, was es zu diagnostizieren vorgibt; siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet
    Eine valide Diagnostik beruht auf einer tragfähigen Lehre von den Krankheitsursachen. Es muss keineswegs gefordert werden, dass diese Fragen abschließend geklärt sind. Aber es muss ein solider Körper des Wissens existieren, auf dem weiter aufgebaut werden kann. Dies ist in der Psychiatrie allerdings nicht der Fall.
    So schreibt beispielsweise der namhafte dänische Mediziner Peter Gøtzsche, es sei bisher noch nicht dokumentiert worden, dass irgendeine der so genannten psychischen Krankheiten durch einen biochemischen Defekt verursacht wird. Es gebe auch keinen biologischen Test, der uns verraten könnte, ob jemand eine solche Krankheit hat.3)Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Siehe auch meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen
  2. Die psychiatrische Prognostik ist nicht valide. Die Psychiatrie ist nicht in der Lage, mit einer halbwegs vertretbaren Fehlerquote vorherzusagen, ob ein Mensch Selbstmord verüben wird.4)Paris J. (2006). Predicting and preventing suicide: do we know enough to do either? Harv Rev Psychiatry. 2006 Sep-Oct;14(5):233-40 Sie kann auch nicht mit einer akzeptablen Irrtumswahrscheinlichkeit prognostizieren, ob jemand eine Gewalttat begehen wird.5)Buchanan, A. (2008). Risk of Violence by Psychiatric Patients: Beyond the “Actuarial Versus Clinical” Assessment Debate, Psychiatric Services 2008; doi: 10.1176/appi.ps.59.2.184
    Es kann sich also kein Gutachter auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, wenn er einem Probanden eine „psychische Krankheit“ und Gefährlichkeit für sich bzw. andere unterstellt.
  3. Auch das sogenannte „klinische Urteil“ des erfahrenen Gutachters ist nicht valide.6)Siehe meine Artikel: Die Psychiatrisch-forensische Prognostik / Prognostische Methoden im Vergleich Es ist sogar schlechter als Prognosen, die ausschließlich auf statistischen Berechnungen beruhen. Der Star-Gutachter, um den sich die Gerichte und die Medien reißen, verdankt seinen Ruhm keineswegs einer besonderen Fähigkeit, das zukünftige Verhalten von Menschen einzuschätzen. Für den Star-Ruhm sind vielmehr andere Faktoren verantwortlich, von denen einige wohl dem Bereich des Selbstmarketings angehören.7)Siehe meinen Artikel: Sternstunden der Forensik

So also sieht die wissenschaftliche Basis aus, auf die sich psychiatrische Gutachter beziehen können.

In einer Auseinandersetzung mit dem Fall Mollath schreibt Sacha Pommrenke:

„Die menschliche Psyche ist eben kein Objekt, das sich in seine Bestandteile zerlegen lässt. Vielmehr müssen die menschlichen Psychen verstanden und gedeutet werden. Und da bestehen selbstverständlich unterschiedliche Zugangsweisen, unterschiedliche theoretische Ansätze, die die Interpretation, die Analyse bedingen.“8)Pommrenke, S. (2013). Der Fall Mollath – Wer stört, wird zerstört Verschwörungstheorien und Paranoia. Telepolis, 12. November

Pommrenke fordert dementsprechend eine theoretische Fundierung von Gutachten. Was aber soll denn eine theoretische Fundierung nützen, wenn die entsprechenden Theorien empirisch nicht erhärtet sind? An welchem Maßstab sollten wir solche Theorien messen: An ihrem Wohlklang? An ihrer Plausibilität?

Die „Psyche“ ist selbstredend ein Konstrukt und sie wird selbstredend in einzelne Bereiche und Funktionszusammenhänge unterteilt. Beim Verstehen und Deuten menschlicher „Psychen“ werden diese selbstredend wie ein Objekt behandelt und in ihre Bestandteile zerlegt.

Etwas anderes ist auch gar nicht möglich, sobald man darauf verzichtet, über die Psyche weihevoll zu schwafeln.

Es mag schon sein, dass Gutachter, die den Einzelfall in seiner Eigenart und ihre Erkenntnisse in der Zusammenschau mit einer theoretischen Basis würdigen, den gebildeten Laien zu beeindrucken vermögen. Elegante Herleitungen von Taten aus „psychischen Krankheiten“ mögen plausibel erscheinen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass psychiatrische Diagnosen nicht valide und psychiatrische Prognosen unzulänglich sind.

Viele gebildete Laien sind auf dem Niveau eines flachen Verständnisses der Freud’schen Psychoanalyse stehengeblieben, obgleich diese selbst in ihren fortschrittlichsten Formen in der Psychologie und Psychiatrie weltweit keine nennenswerte Rolle mehr spielt.

Und das ist auch gut so, weil sie im Lichte entwickelter empirischer Forschungsmethoden keinen Bestand hat. Die Thesen dieser Theorie sind entweder nicht falsifizierbar oder sie ließen sich nicht eindeutig bestätigen. John F. Kihlstroms Verdikt „Is Freud Still Alive? No, Not Really“9)John F. Kihlstrom: Is Freud Still Alive? No, Not Really, Kihlstroms Website, University of Berkeley kann man uneingeschränkt zustimmen.

Dies bedeutet nicht, dass Freuds Werke keine anregende Lektüre sein könnten. Dies können sie durchaus, solange man von ihnen keine Erkenntnisse zur Arbeitsweise des „psychischen Apparates“ erwartet.10)Ich habe Freuds Werk im Lauf meines langen Lebens schon zweimal vollständig gelesen und beabsichtige, dies auch noch ein drittes Mal zu tun. Das ist Prosa vom Feinsten, eine anregende Lektüre.

Andere gebildete Laien gehen mit der Zeit und favorisieren die modernen Neurowissenschaften. Deren Befunde kennen sie aber nur aus Zeitungen und Zeitschriften. Sie wissen nichts von den methodischen Schwierigkeiten und der Vorläufigkeit der Ergebnisse dieses jungen Wissenschaftszweiges.11)Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege

Ganz gleich also, ob der gebildete Laie psychoanalytisch, neurowissenschaftlich oder – doppelt hält besser – neuropsychoanalytisch orientiert ist: Er wird Gutachten dann für nachvollziehbar halten, wenn sie in sein psychologisches Schema passen. Die Kunst des psychiatrischen Gutachters besteht darin, es entsprechend zu formulieren. Im Allgemeinen wird auch ein Gutachten, das diesen Ansprüchen genügt, fundamental falsch sein oder nur durch Zufall mit den Tatsachen übereinstimmen.

Der gebildete Laie wird dies aber nicht zu würdigen wissen, solange er sich nicht mit der empirischen Literatur zur psychiatrischen Prognostik und Diagnostik methodenkritisch auseinandersetzt.

Das Zusammenspiel zwischen Psychiatrie und Justiz ist eine Grauzone, die nur selten vom Licht empirischer Forschung erhellt wird.

Beide Seiten eint weitgehend der Glaube, die Psyche eines Menschen ergründen zu können. Es genüge, sich einen persönlichen Eindruck zu machen, seine Lebensgeschichte zu erkunden und angemessen zu würdigen. Im Licht der empirischen Forschung betrachtet, ist dieser Glaube eine maßlose Selbstüberschätzung mit wahnhaften Zügen.

Es ist nicht hinzunehmen, wenn Gerichtsurteile auf Spekulationen beruhen. Sie sollten, so weit wie möglich, auf Fakten fußen oder auf Überlegungen, die sich aus Fakten nach menschlichem Ermessen zwingend ergeben.

Wenn also, wie Oliver García fordert, die psychiatrischen Gutachten der Gegenprobe des Verständnisses durch ihre nicht psychiatrisch geschulten Adressaten, die Richter (Berufsrichter und Schöffen) standhalten, dann ist dies keineswegs ein Garant dafür, dass diese Gutachten etwas taugen.

Richter und Schöffen nehmen diese Gutachten im Allgemeinen nicht unbeeinflusst von der psychologischen Folklore wahr, die durch die Medien verbreitet wird und die einer kritischen Überprüfung anhand aktueller empirischer Erkenntnisse natürlich nicht gewachsen ist.

Ein cleverer Gutachter passt sich diesem Mischmasch aus psychoanalytischen Versatzstücken, neurowissenschaftlichen „Highlights“ aus den Postillen und den Resten des gesunden Menschenverstandes in den Köpfen seiner Rezipienten an. Auf diese Weise beweist er nachvollziehbar und einleuchtend, was er beweisen möchte, und zur Not auch das krasse Gegenteil.

Gert Postel12)Gerd Postel ist ein Hochstapler, der eine beeindruckende Karriere in der Psychiatrie durchlief und auch sehr erfolgreich als forensischer Gutachter tätig war hat eindrucksvoll gezeigt, wie leicht man Leute täuschen kann, wenn man dieses Spiel beherrscht.

Es ist sicher kein psychiatriekritischer Fundamentalismus zu fordern, dass Psychiater und einschlägig tätige Psychologen aus den Gerichtssälen verschwinden sollen, es sei denn, sie stünden selbst wegen einer Straftat oder als nicht gutachterlich tätige Zeugen vor Gericht.

Es ist in Prozessen grundsätzlich alles zu vermeiden, was ein Urteil durch falsche Sicherheitsgefühle verzerren kann.

Die Psychiatrie maßt sich in der Praxis Fähigkeiten an, die ihr, sogar gemessen an den Befunden der eigenen empirischen Forschung, wissenschaftlich betrachtet nicht zu Gebote stehen. Deswegen wird in psychiatrischen Fachzeitschriften seit Jahren die Krise der Psychiatrie beklagt.

Der kritische Psychiater Thomas Szasz bezeichnete die Psychiatrie als eine Wissenschaft der Lügen.13)Szasz, T. (2008). Psychiatry: The Science of Lies. Syracuse, New York: Syracuse University Press Braucht unsere Gesellschaft eine solche Wissenschaft, und wenn ja, warum? Weil sonst die gefährlichen Irren frei herumliefen?

Natürlich gibt es gefährliche, brutale, grausame Menschen. Wer würde sich nicht wünschen, dass sie an ihren Taten gehindert werden, wenn es sein muss, auch durch Mauern, Gitter und Stacheldraht. Doch leider gibt es keine Möglichkeit, sie mit der moralisch gebotenen Treffsicherheit zu identifizieren. Die Gefahr, dass man die Falschen ergreift und einkerkert, die Richtigen aber laufen und ggf. sogar Karriere machen lässt, ist viel zu groß.

Mit unserem System des Maßregelvollzugs, der Unterbringung, der Sicherungsverwahrung wiegen wir uns in falscher Sicherheit und nehmen dafür unverhältnismäßig hohe moralische, aber auch ökonomische Kosten in Kauf.

Man sollte Menschen an ihren Taten messen. Mutmaßungen über ihre Geistesverfassung sollten vor Gericht keine Rolle spielen, es sei denn, nachweisbare, und ich betone: nachweisbare Störungen des Nervensystems hätten einen Einfluss auf ihren mentalen Zustand und stünden in einem nachvollziehbaren Zusammenhang zu ihren Taten und ihrem zukünftigen Verhalten.

Fußnoten   [ + ]

1.De legibus Blog: Fall Mollath: Der Schleier ist gelüftet
2.Validität ist ein Maß dafür, in welchem Ausmaß ein diagnostisches Verfahren tatsächlich das diagnostiziert, was es zu diagnostizieren vorgibt; siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet
3.Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Siehe auch meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen
4.Paris J. (2006). Predicting and preventing suicide: do we know enough to do either? Harv Rev Psychiatry. 2006 Sep-Oct;14(5):233-40
5.Buchanan, A. (2008). Risk of Violence by Psychiatric Patients: Beyond the “Actuarial Versus Clinical” Assessment Debate, Psychiatric Services 2008; doi: 10.1176/appi.ps.59.2.184
6.Siehe meine Artikel: Die Psychiatrisch-forensische Prognostik / Prognostische Methoden im Vergleich
7.Siehe meinen Artikel: Sternstunden der Forensik
8.Pommrenke, S. (2013). Der Fall Mollath – Wer stört, wird zerstört Verschwörungstheorien und Paranoia. Telepolis, 12. November
9.John F. Kihlstrom: Is Freud Still Alive? No, Not Really, Kihlstroms Website, University of Berkeley
10.Ich habe Freuds Werk im Lauf meines langen Lebens schon zweimal vollständig gelesen und beabsichtige, dies auch noch ein drittes Mal zu tun. Das ist Prosa vom Feinsten, eine anregende Lektüre.
11.Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege
12.Gerd Postel ist ein Hochstapler, der eine beeindruckende Karriere in der Psychiatrie durchlief und auch sehr erfolgreich als forensischer Gutachter tätig war
13.Szasz, T. (2008). Psychiatry: The Science of Lies. Syracuse, New York: Syracuse University Press