Entscheidungsprozesse bei Schizophrenen

Vorbemerkung

Meine These1)Ich will nicht verhehlen, dass meine These der Ideenwelt des amerikanischen Psychiaters William Glasser entspringt. Die Grundlagen seiner Sichtweise hat er in seinem Buch „Choice Theory“ ausgearbeitet: Glasser, W. (1998). Choice Theory. New York, N, Y.: HarperCollins lautet, dass die so genannten psychischen Krankheiten nicht auf Defekten im Gehirn beruhen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer Reihe von (meist unzulänglich durchdachten) Entscheidungen.3)Siehe meinen Artikel: Die Rolle des psychisch Kranken

Man könnte natürlich einwenden, dass für diese Entscheidungen gestörte Hirnprozesse verantwortlich seien. Dieser Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Schauen wir uns also die Entscheidungsprozesse bei den „psychisch Kranken“ genauer an, z. B. bei den Schizophrenen.

Das Experiment von Cattapan-Ludewig

Katja Cattapan-Ludewig und Mitarbeiter untersuchten Fehlsteuerungen in Entscheidungsprozessen bei Menschen mit einer ersten schizophrenen Episode.2)Cattapan-Ludewig, K. et al. (2008). Decision-Making Dysregulation in First-Episode Schizophrenia. J Nerv Ment Dis;196: 157–160 Die Versuchspersonen waren 32 „first-episode“ bzw. schizophreniforme (F20.8) Patienten,4)Diese Personen standen also am Beginn der als Schizophrenie bezeichneten Störung. Diese Phase ist u. a. durch folgende „Symptome“ gekennzeichnet: Vorzeichen: Unruhe (19 %); Depression (19 %); Angst (18 %); Denk- und Konzentrationsstörungen <(16 %); Sorgen (15 %); mangelndes Selbstvertrauen (13 %); Energieverlust und Verlangsamung (12 %); Probleme am Arbeitsplatz (11 %); sozialer Rückzug (Misstrauen) (10 %) und sozialer Rückzug (Kommunikation) (10 %); Erste Episode: Beziehungswahn (51,7 %); Verfolgungswahn (41,4 %); unspezifische Wahnsymptome (38,8 %); Denkstörungen (36,2 %); Halluzinationen (31,0 %); Wahninhalte (27,6 %); Gedankeneingebung (20,3 %); Beeinflussungswahn (19,8 %); Wahn, kontrolliert zu werden (19,4 %); Größenwahn (17,7 %) (Häfner, H. et al: Onset and early course of schizophrenia. In: Häfner, H. et al (1995). Search for the causes of schizophrenia. Vol. III, Springer Berlin, S. 43–66). die mit dreißig „gesunden“ Kontroll-Personen verglichen wurden.

Zur Auswahl der Versuchspersonen:

Etwaige Unterschiede zwischen den „gesunden“ und den „kranken“ Versuchspersonen können nur unter einer Voraussetzung als Hinweise darauf gedeutet werden, dass Merkmale des Entscheidungsprozesses Ursache einer Schizophrenie sind: Die beiden Gruppen dürfen sich nur nur hinsichtlich der Diagnose, nicht aber systematisch bezüglich anderer Merkmale unterscheiden.

U. a. aus diesem Grunde entschied sich das Forscherteam für Versuchspersonen, die am Beginn ihrer „Erkrankung“ standen. Denn die Medikamente, die „Schizophrene“ im weiteren Verlauf oftmals kontinuierlich einnehmen, können auch kognitive Prozesse beeinträchtigen. Dies könnte also zu einem relevanten Unterschied zwischen der Versuchs- und der Kontrollgruppe führen. Bliebe dies unentdeckt, würden u. U. Ursache und Wirkung verwechselt.

Es wäre allerdings auch denkbar, dass sich die „Gesunden“ von den „Kranken“ zudem hinsichtlich der Art und des Ausmaßes von nicht ärztlich verordnetem Drogenkonsum unterscheiden. Daher war Drogenkonsum ein Ausschlussgrund für die Teilnahme am Experiment in beiden Gruppen.

Die Kontrollgruppe bestand aus Mitgliedern des Klinikpersonals bzw. aus Menschen, die sich auf entsprechende Anzeigen in lokalen Medien gemeldet hatten. Die beiden Gruppen wurden hinsichtlich ihres Geschlechts und ihres Alters aufeinander abgestimmt.

Die Ausschlusskriterien für die Schizophrenie-Gruppe waren: Drogenabhängigkeit, gravierende medizinische Erkrankungen, geistige Behinderung, Kopfverletzungen und andere psychiatrische „Erkrankungen“.

Zur Kontrollgruppe wurden Menschen mit einer Vorgeschichte „psychischer Erkrankungen“ und psychopharmakologischer Behandlung, Drogenabhängigkeit, gravierenden medizinischer Erkrankungen, geistiger Behinderung, Kopfverletzungen und psychotisch gestörten Verwandten ersten Grades nicht zugelassen.

Es finden sich in diesem Forschungsbericht keine Angaben darüber, mit welchen Methoden das Vorliegen bzw. Fehlen der Ausschlusskriterien erhoben wurde.

Die psychopathologischen Symptome wurden mit der PANSS (Positive and Negative Syndrome Scale) ermittelt.5)Die Ergebnisse der bisherigen Forschung zur PANSS rechtfertigen bisher noch keine Empfehlung für den klinischen Einsatz dieses Instruments. Beispielsweise konnten die kognitiven Items dieser Skala 66 Prozent der Varianz des globalen kognitiven Funktionsniveaus nicht erklären. Siehe: Mortimer, A. M. (2007). Symptom rating scales and outcome in schizophrenia. The British Journal of Psychiatry, 191: s7-s14

Vierzehn der 32 Schizophrenie-Versuchspersonen hatten bisher noch keine Medikamente erhalten. Der Rest war für einen Zeitraum von weniger als zwei Monaten mit Neuroleptika behandelt worden.

Die Aufgabe dieses Experiments bestand in der „two-choice prediction task“. Die Versuchspersonen mussten vorhersagen, auf welcher Seite eines Monitors das Bild eines Autos auftauchen würde. Das Fahrzeug wurde nach der Entscheidung der Versuchsperson für eine Seite für 250 Millisekunden gezeigt. Sofort nach der Präsentation des Fahrzeugs begann ein neuer Durchgang des Experiments.

Die Versuchspersonen erhielten keine Informationen über die Sequenz der Präsentationen. Es wurde ihnen also nicht mitgeteilt, ob die Fahrzeuge zufällig oder in einer bestimmten Reihenfolge auf der einen oder anderen Seite des Bildschirms erscheinen würden. Sie wussten nicht, dass der Ort der jeweils gezeigten Autos auf der Entscheidung der Versuchsperson basierte, das heißt, dass sie bei 64 von 128 Durchgängen den Ort des Autos „richtig“ vorhersagten.

Vorab: Es ergaben sich keine statistisch signifikanten Unterschiede der Leistung im Test zwischen den „Schizophrenen“ mit und ohne Medikation. Dies bedeutet aber keineswegs, dass sie in der Population nicht existieren, sondern nur, dass sie sich in dieser kleinen Stichprobe (14 nicht medikamentös behandelte, verglichen mit 18 medikamentös behandelten Patienten) nicht nachweisen ließen.

Verglichen mit den „gesunden“ zeigten die „schizophrenen“ Versuchspersonen häufiger sowohl hochgradig vorhersagbare als auch hochgradig nicht vorhersagbare Abfolgen von Entscheidungen. Im Durchschnitt jedoch waren die Wahl-Sequenzen der „Schizophrenen“ besser vorhersagbar als die der „Gesunden“. Die vorhergehende Reaktion sagte die nächste bei „Schizophrenen“ besser voraus als bei den Mitgliedern der Kontrollgruppe. Eine Wechselstrategie (recht – links bzw. links – rechts) wurde von den „Schizophrenen“ häufiger gezeigt als von den „Gesunden“.

Die Autoren schreiben:

„Das Schizophrenie-Muster der Periodizität von fixen und zufälligen Wahlsequenzen kann am besten als Koexistenz von hoch vorhersagbaren und hoch nicht vorhersagbaren Sequenzen (Dysregulation) innerhalb des Reservoirs von Verhaltensmustern bei einem schizophrenen Patienten erfasst werden. Obwohl gesunde Personen ihre verschiedenen Strategien bei der Meisterung dieses Tests hauptsächlich aus den vorhergegangenen entwickeln (Übergänge), beharren schizophrene Patienten für lange Zeit auf Strategien, die sie gewählt haben, und wechseln dann abrupt von der alten zu einer neuen Strategie.“6)Cattapan-Ludewig et al. 2008 a.a.O.

Das „schizophrene“ Muster der Entscheidungen ist also durch die Koexistenz hochgradig vorhersagbarer und nicht vorhersagbarer Sequenzen gekennzeichnet. Verglichen mit den „gesunden“ Versuchspersonen, neigen die „Schizophrenen“ viel länger dazu, an den einmal gewählten Strategien festzuhalten und sie dann schlagartig zu verändern.

Es handelt sich hier allerdings nicht um eine randomisierte Studie, bei der die Teilnehmer zufällig aus der Grundgesamtheit ausgewählt wurden. Daher lässt sich der Verdacht nicht von der Hand weisen, dass sich die beiden Gruppen hinsichtlich eines nicht erfassten Merkmals unterschieden, das die gefundenen Unterschiede ursächlich hervorgebracht hat, ohne zum „Syndrom“ der „Schizophrenie“ zu gehören.

Der Versuchsplan dieses Experiments erlaubt auch keine Aussage darüber, ob die beschriebenen Besonderheiten (Dysregulationen) des Entscheidungsprozesses ursächlich auf Hirnstörungen oder andere pathologische Prozesse bzw. Strukturen zurückzuführen sind oder ob sie eine Anpassung der Hirnfunktionen oder der „Psyche“ an einen wie auch immer verursachten „schizophrenen“ Lebensstil darstellen.

Dass sie bereits in einer frühen Phase dieses Phänomens, also der so genannten Schizophrenie auftreten, bedeutet ja nicht, dass sie schon zuvor bestanden und in irgendeiner Weise zum Ursachenbündel der so genannten Schizophrenie zählen.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob dieses Experiment, dessen Daten an einer verhältnismäßig kleinen Stichprobe gewonnen wurden, auch repliziert werden konnte. Dies scheint nicht der Fall zu sein.

Halten wir als erste Annäherung an ein Fazit zu diesem Beitrags fest: Vorausgesetzt wird, dass sich die Studie von Cattapan-Ludewig als tragfähig erweisen sollte. In diesem Fall wissen wir nur, dass sich einige Aspekte des Entscheidungsprozesses bei Menschen mit First-Episode-Schizophrenie bzw. schizophreniformer Störung von denen „normaler“ Menschen in einer bestimmten Form von Experimenten (die auf der „two-choice prediction task“ beruhen), statistisch signifikant unterscheiden.

Wir wissen nicht, welche Rolle diese Unterschiede im Rahmen des Phänomens der Schizophrenie spielen. Es könnte sich um medizinische Zeichen handeln, die zum Ursachenbündel dieser Störung gehören und einige oder gar alle Symptome dieser mutmaßlichen Erkrankung hervorbringen. Es könnte sich aber auch um Anpassungen des Gehirns bzw. der Psyche an einen schizophrenen Lebensstil handeln, der anderen Ursachen entspringt oder gar auf einer freien Entscheidung des Individuums beruht.

Die Autoren versuchen, ihre experimentellen Befunde in eine klinische Sprache zu übersetzen; sie schreiben:

„Klinisch betrachtet, könnte man dieses Muster als repetitives Verhalten und repetitive Ideen und als Verringerung der Spannweite alternativer Strategien beschreiben.“

Es könnte durchaus sein, dass Menschen zu Beginn einer „Schizophrenie“ Experimenten der beschriebenen Art ein geringeres Interesse entgegenbringen als Beschäftigte einer Klinik oder Freiwillige, die auf einschlägige Anzeigen antworten.

Dieses geringere Interesse könnte womöglich zur Erklärung repetitiven Verhaltens und einer verringerten Spannweite alternativer Strategien beitragen. Die „Schizophrenen“, so lautet diese Erklärung, nehmen die Sache nicht so furchtbar ernst. Demgegenüber bemühen sich die Mitglieder der Kontrollgruppe, sich durch ein besonders rational erscheinendes Entscheidungsverhalten von den Irren abzugrenzen (eventuell motiviert durch den Wunsch, die Erwartungen der Versuchsleitung zu erfüllen).

Es stellt sich also die Frage nach der externen Validität7)Unter externer Validität versteht man die Repräsentativität von Untersuchungsergebnissen derartiger Studien.

Inwiefern lassen sich so gewonnene Erkenntnisse zu Verhaltensmustern im Experiment auf das „reale Leben“ übertragen?

Es mag sein, dass den „Schizophrenen“ andere Aufgaben stärker interessieren, mit der Folge, dass dort sein Verhalten variantenreicher und der Spielraum der von ihm genutzten alternativen Strategien größer ist.

Auf solche Gedanken wird man allerdings nicht kommen, wenn man sich von der Vorstellung leiten lässt, der „Schizophrene“ sei ein Kranker, dessen Verhalten im geschilderten Experiment Ausdruck einer (ererbten oder erworbenen) Hirnschädigung sei.

Angesichts des Versuchsplans und seiner methodischen Schwächen zwingen uns die Daten des vorliegenden Experiments jedenfalls nicht, die Hypothese zu verwerfen, das Verhalten der so genannten Schizophrenen beruhe im Allgemeinen auf denselben Entscheidungsstrategien wie das Verhalten der so genannten Gesunden bzw. Normalen.

Die Daten dieses Experiments sind durchaus mit der Hypothese verträglich, dass sich die Betroffenen zur Übernahme der Rolle des Schizophrenen entschieden hätten wie andere Menschen zur Übernahme der Rolle des Briefmarkensammlers oder Taubenzüchters.

Die „Defekte“ des Entscheidungsprozesses im Experiment wären dann die Folge der vorhergehenden Entscheidung zur Rollenübernahme, so wie ja auch die Entscheidung zur Übernahme der Rolle des Briefmarkensammlers oder Taubenzüchters mit Anpassungen im kognitiven, affektiven und physiologischen Bereich einhergehen mag.

In seinem Buch „Choice Theory“8)Glasser 1998 a.a.O. bringt der amerikanische Psychiater William Glasser diesen Gedanken am Beispiel der „Depression“ in bemerkenswert einfachen Worten zum Ausdruck:

„Als Todd sich entschied, deprimiert zu sein9)„chose to depress“ … wählte er ein totales Verhalten, für das sich zu deprimieren die normale Gefühlskomponente ist. Welche Gehirnchemie auch immer mit diesem Gefühl verbunden sein mag, sie ist ebenfalls normal. Die Gehirnchemie verursacht sein sich Deprimieren ebenso wenig wie Schwitzen das Laufen. Es ist die Entscheidung, sich zu deprimieren oder zu rennen, die beides verursacht…
Wenn die Neurophysiologen zeigen, dass sich die Gehirnaktivität einer sich deprimierenden Person von der einer glücklichen oder derselben Person, wenn sie glücklich ist, unterscheidet, dann sollten sie erwarten, was sie entdecken. Doch in diesem Fall – man hat sich entschieden, sich zu deprimieren – ist nicht nur die Physiologie unterschiedlich, sondern auch das Denken, Handeln und die Gefühle sind unterschiedlich.“ (Glasser 1999 a.a.O.: Kindle Edition Pos. 1341)

Mit anderen Worten: Das obige Experiment beweist keineswegs, dass der gezeigte Entscheidungsprozess Ausdruck einer Gehirnerkrankung oder Folge von dysfunktionalen Lernprozessen ist. Er könnte ebenso die Konsequenz der Entscheidung sein, sich, warum auch immer, schizophren zu verhalten.

Die unausweichliche Folge einer Entscheidung zur Schizophrenie wären Veränderungen der Hirnprozesse, des Denkens, des Handelns und der Gefühle. Kein Wunder also, wenn die Konsequenzen einer solchen Entscheidung auch in Experimenten festgestellt werden können.

Die Autoren berufen sich darauf, dass sich ähnliche Ergebnisse in Studien einer Arbeitsgruppe um Martin P. Paulus10)Paulus, M. P. et al. (2001). Trait Contributions of Complex Dysregulated Behavioral Organization in Schizophrenic Patients. Biol. Psychiatry 49:71–77 gezeigt hätten, die allerdings keine First-Episode-Fälle, sondern längerfristig und medikamentös behandelte „schizophren Erkrankte“ untersuchten.

Bevor wir uns einer dieser Arbeiten zuwenden, möchte ich zunächst einen Blick auf einen Übersichtsartikel zum Stand der einschlägigen Forschung11)Paulus, M. P. (2005). Neurobiology of decision-making: Quo vadis? Cognitive Brain Research 23, 2 – 10 werfen. In diesem trägt Paulus einen aufschlussreichen Gedanken vor:

„… obwohl die traditionelle Entscheidungspsychologie versucht hat, generische12)„Generisch“ bedeutet, dass sich etwas auf eine Klasse verwandter Fälle anwenden lässt. Regeln und Gesetze der Entscheidungsfindung zu entdecken, gibt es ausgedehnte verhaltensmäßige Hinweise darauf, das Entscheidungsfindung hochgradig kontextabhängig ist, in dem Ausmaß, dass manche Forscher in Frage gestellt haben, ob es überhaupt so etwas gibt wie eine generische Entscheidungsfindungssituation.“

Wenden wir diesen Gedanken auf die Fragestellung des oben geschilderten Experiments an:

Wenn Entscheidungen hochgradig vom Kontext und der Aufgabensituation abhängen, dann darf man wohl annehmen, dass

  • ein Experiment der geschilderten Art für einen als „schizophren“ diagnostizierten Menschen in einem anderen Kontext steht und eine andere Aufgabensituation darstellt
  • als für eine so genannte gesunde Versuchsperson.

Und dann wären allein schon deswegen die referierten Ergebnisse nicht weiter erstaunlich.

Ein weiterer Gesichtspunkt gibt zu denken:

„… negative Affekte … können die Suche nach Verhaltensalternativen einschränken (Paulus 2005 a.a.O.).“

Rufen wir uns noch einmal die Aussage von Cattapan-Ludewig und Mitarbeitern ins Gedächtnis:

„Klinisch betrachtet, könnte man dieses Muster als repetitives Verhalten und repetitive Ideen und als Verringerung der Spannweite alternativer Strategien beschreiben.“

Dieser tendenzielle Unterschied zwischen dem Verhalten der „kranken“ und der „gesunden“ Versuchspersonen, auf den diese Übersetzung ins Klinische anspielt, könnte durchaus auch durch negativere Affekte bei den „schizophrenen“ Versuchspersonen hervorgerufen worden sein. Unglücklicherweise wurde nicht versucht, die den Versuch begleitenden Affekte zu erfassen.

Es gibt jedoch gute Gründe anzunehmen, dass bei Menschen mit einer ersten Episode einer „schizophrenen Erkrankung“ eher negative Affekte dominieren als bei den Angestellten eines Krankenhauses oder Leuten, die sich freiwillig zur Versuchsteilnahme aufgrund von Zeitungsannoncen melden.

Und so wiederhole ich noch einmal mit Nachdruck: Selbst wenn sich das geschilderte Experiment als replizierbar erweisen sollte, so wären neben der von Cattapan-Ludewig und Mitarbeitern gegebenen Interpretation auch andere Erklärungen der Differenzen zwischen den Gruppen mit den Daten verträglich.

Nach einem kurzen Referat ähnlicher Forschungen gelangen Cattapan-Ludewig und Mitarbeiter zu folgendem Fazit:

„Zusammengenommen unterstützen diese Befunde den Begriff, dass dysreguliertes Entscheidungsfindungsverhalten ein möglicher endophänotypischer13)Mit diesem Begriff bezeichnet die genetische Psychiatrie Symptome mit einem mutmaßlich engen Zusammenhang mit den Erbanlagen. Marker der Schizophrenie sein könnte.“

Die Vorstellung, dass Entscheidungsverhalten ein endophänotypischer Marker der „Schizophrenie“ sein könnte, muss beim Stand der Erkenntnis, um es vornehm auszudrücken, wohl als verfrüht betrachtet werden. Man könnte dieses Verhalten durchaus im Einklang mit den vorliegenden Daten als integralen Bestandteil eines selbst gewählten Lebensstils betrachten.

Man mag einwenden, dass niemand freiwillig so etwas Schreckliches wählen würde wie eine „Schizophrenie“. Dies klingt plausibel. Dennoch sollte man bedenken: Manch einer hat es in der Achterbahn schon mit der Angst zu tun bekommen und hätte dann lieber festen Grund unter den Füßen gehabt! Trotzdem war er selbst es, der die Karte kaufte und sich in den Wagen setzte.

Das Experiment von Martin P. Paulus

Martin P. Paulus und Mitarbeiter testeten 91 schizophrene Patienten mit der bereits beschriebenen „two-choice prediction task“ (Paulus 2001 a.a.O.). Eine Kontrollgruppe mit „gesunden“ Versuchspersonen fehlte.

Deswegen ist natürlich auch keine durch die experimentellen Daten gestützte Aussage darüber möglich, ob es sich bei den Ergebnissen um Besonderheiten „schizophrener“ Menschen oder aber um allgemein menschliche Merkmale handelt.

58 der 91 Versuchspersonen wiederholten 40 Tage später den Test, um die Stabilität der gemessenen Befunde zu überprüfen.

Die Autoren wollten zwei Hypothesen testen:

  1. Die Faktoren, die das Verhalten der Versuchspersonen charakterisieren, sind im Zeitverlauf stabil.
  2. Die Leistungen in den Tests können nicht mit soziodemographischen Daten oder klinischen „Symptomen“ vorhergesagt werden.

Die Versuchspersonen hatten eine Diagnose der Schizophrenie nach DSM-IV. Die Reliabilität und Validität dieses Instruments sind unzulänglich.14)Siehe z. B.: Kirk, S. A. et al. (2013). Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs. Piscataway, N. J.: Transaction Selbst wenn man also „psychische Krankheiten“ für existent hält, muss man damit rechnen, dass eine, mangels einschlägiger Validitätskoeffizienten, unkalkulierbare Zahl von Probanden falsch klassifiziert wurde.15)Siehe meinen Artikel: Mathematik der psychiatrischen Diagnostik

Schon allein deswegen verbietet es sich, die Ergebnisse dieses Experiments als eine Beschreibung des Entscheidungsverhaltens „schizophrener“ Menschen zu deuten.

Der Versuchsablauf wird wie folgt geschildert:

„Jede Versuchsperson erhält die Versuchsanweisung auf dem Computer-Bildschirm. Es wird in der Mitte des Monitors kurz ein Haus mit einer Person auf der linken oder rechten Seite gezeigt. Der Versuchsperson wird mitgeteilt, dass ein Auto auf der linken oder rechten Seite erscheinen wird. Die Aufgabe der Versuchsperson besteht darin, dass sie vorhersagen soll, wo das Auto erscheinen wird. Der Versuchsperson wird gesagt, dass das Auto kurz (300 msec) erscheinen wird, nachdem sie ihre Reaktion16)Vorhersage gezeigt hat. Die Versuchsperson benutzt die linke oder die rechte Maustaste, um zu entscheiden, wo sie glaubt, dass das Auto auftauchen wird. Ein neuer Versuch beginnt unmittelbar nach der Präsentation des Autos. Der Versuchsperson wird keine Information über die Abfolge der Reizpräsentationen gegeben. Die „two-choice prediction task“ besteht aus 128 Versuchen; die Präsentation des Autos fußt auf der Reaktion der Versuchsperson. Das heißt, dass die Versuchsperson den Ort des Autos bei 64 Versuchen „richtig“ vorhersagt. Die Sequenz der „richtigen“ Vorhersagen ist zufällig. Die Basismaße bestehen aus den Reaktionen der Versuchsperson, der Präsentation des Autos, und der Latenz der Reaktion, d. h. der Zeit zwischen dem Beginn des Versuchs und dem Tastendruck.“

Es zeigte sich:

  1. Das Entscheidungsverhalten der Versuchspersonen tendierte zur Dysregulation (Wechsel zwischen hochgradig vorhersagbaren und hochgradig nicht vorhersagbaren Reaktions-Sequenzen). Sie neigten dazu, ihre Vorhersage beizubehalten, wenn die vorhergehende richtig und zu verändern, wenn die vorhergehende falsch war (win-stay, lose-shift). Sie tendierten ebenso dazu, die linke Taste zu bevorzugen und unabhängig vom vorhergehenden Ergebnis die Taste zu wechseln (Reaktionsbeharrlichkeit).
  2. Zwei der Maße (Dysregulation und win – stay, lose – shift) erweisen sich im zweiten Test als reliabel.
  3. Weder soziodemographische Variablen, noch Symptome waren in der Lage, das Verhalten im Test vorherzusagen.
  4. Auch die Medikamentation hatte keinen nachweisbaren Einfluss auf die Leistung bei der Aufgabenbewältigung. Dies bedeutet, dass die Patienten, die zur Zeit des Tests Neuroleptika erhielten, nicht schlechter abschnitten – aber auch nicht besser.

Der Grad der Dysregulation quantifiziert das Ausmaß des Umschaltens zwischen unterschiedlichen Strategien während des Experiments. Der „win-stay/lose-shift“-Faktor beziffert das Ausmaß, indem die augenblickliche Wahl vom vorhergehenden Ergebnis abhängt. Der Faktor der Reaktionsbeharrlichkeit misst das Ausmaß, in dem die Versuchspersonen ihre Entscheidungen repetitiv, ergebnisunabhängig gestalten.

Es handelt sich hier also Strategien, die unterschiedlichen Regeln unterliegen. Die Versuchspersonen des Experiments neigten zur Nichtuniformität ihrer Reaktionsmuster im Zeitverlauf.

Die Autoren schreiben:

„Eine unregelmäßige Spaltung dieser Prozesse mag zu einer zeitweiligen Verringerung des Strategiewechsels oder ergebnisabhängiger Reaktionsauswahl führen. Diese Spaltung kann in hochgradig vorhersagbaren Reaktionssequenzen resultieren. Kontrastierend dazu kann eine unregelmäßige Steigerung des Strategiewechsels oder der ergebnisabhängigen Reaktionswahl zu einer Steigerung hochgradig unvorhersagbarer Antwortsequenzen führen, aufgrund der Tatsache, dass die Präsentation des Autos zufällig ist. Deswegen kann ein gespaltener Wettbewerb zwischen diesen Regelwerken zu einer oszillierenden Dysregulation zwischen hochgradig vorhersagbaren und hochgradig unvorhersagbaren Unter-Sequenzen innerhalb eines Tests führen.

Die Autoren sehen in den Ergebnissen ihres Experiments eine weitere Bestätigung dafür, dass die temporale Architektur des Verhaltens von „Schizophrenen“ dysreguliert sei. Die Studie erlaube, neue Hypothesen zu den fundamentalen Hirnstörungen zu generieren, die der Schizophrenie zugrunde lägen.

Bei nüchterner Betrachtung dieses Experiments zeigt sich aus meiner Sicht aber Folgendes:

  1. Mangels Kontrollgruppe kann auf Basis der Ergebnisse des Experiments nicht gesagt werden, ob die gefundenen Merkmale der Entscheidungsprozesse bei den Versuchspersonen
    – Besonderheiten einer Teilgruppe (hier der „Schizophrenen“),
    – allgemeine Populationsmerkmale oder
    – Besonderheiten einer zusammengewürfelten Gruppe von Personen mit ansonsten (also außer der Diagnose) unbekannten gemeinsamen Merkmalen sind.
  2. Selbst wenn die Merkmale Besonderheiten einer Teilgruppe wären, kann aufgrund der Daten des Experiments nicht gesagt werden, um welche Teilgruppe es sich handelt, da die Rekrutierung der Versuchspersonen auf Grundlage eines unzulänglichen diagnostischen Verfahrens erfolgte.
  3. Selbst wenn die im Experiment identifizierten Merkmale des Entscheidungsprozesses Besonderheiten von Menschen mit „Schizophrenie“ sein sollten, könnte aufgrund der Ergebnisse des Experiments, seines Versuchsplans und seiner methodischen Schwächen, nicht entschieden werden,
    – ob sie durch eine Störung von Gehirn- oder sonstigen pathologischen Prozessen verursacht wurden oder
    – ob umgekehrt die Entscheidung, die Rolle des Schizophrenen zu spielen, die entsprechenden Merkmale des Verhaltens ebenso wie die damit verbundenen „dysfunktionalen“ Hirnprozesse kausal hervorgebracht hat.

Es ist bemerkenswert, dass die aktuellen „Symptome“ der so genannten Schizophrenie nicht in der Lage waren, die Leistung bei der Aufgabenbewältigung vorherzusagen.

Die Autoren schreiben hierzu:

„… die temporale Architektur der Reaktionen ist beides: abnormal und sie scheint gleichermaßen ‚fundamental‘ zu sein, d. h. unabhängig von zustandsbezogenen Faktoren.“

Dies bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass die Symptome, also die zustandsbezogenen Faktoren, nicht durch die im Test ermittelten Dysfunktionen verursacht werden. Da stellt sich natürlich die Frage, in welcher Beziehung diese fundamentale Störung eigentlich zum „Krankheitsbild“ der „Schizophrenie“ stehen soll.

Die Merkmale, die zur Diagnose der Schizophrenie in der ICD und im DSM herangezogen werden, beziehen sich ja auf die so genannte Symptomatik. Irgendwelche Hirnprozesse oder andere ursächliche körperliche Vorgänge sind schließlich unbekannt. Auf welcher Grundlage wird dann die Dysregulation des Verhaltens in Entscheidungssituationen mit dem so genannten Syndrom in Verbindung gebracht? Eine Korrelation zwischen den Merkmalen des Entscheidungsprozesses und den die „Krankheit“ definierenden Symptomen lässt sich ja nicht nachweisen.

Plausibilität

Man mag die These, dass die Schizophrenie eine Hirnstörung sei und dass diese Hirnstörung Dysregulationen der Entscheidung und des Verhaltens hervorbringt, für plausibel halten. Allein, Plausibilität ist allenfalls ein untergeordneter Maßstab wissenschaftlichen Denkens.

Wenn Wissenschaftler nicht immer schon das, was als plausibel galt, in Zweifel gezogen hätten, dann gäbe es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, dann glaubten wir noch immer, dass sich die Sonne um die Erde drehe.

Psychiatrische Studien setzen im Allgemeinen bereits voraus, was keineswegs bewiesen ist, dass es nämlich „psychische Krankheiten“ im medizinischen Sinn tatsächlich gibt. „Psychische Krankheiten“ sind Konstrukte, die nur dann den Anspruch der Wissenschaftlichkeit“ erheben können, wenn man sie nachweislich nachprüfbar messen kann. Dies ist aber zur Zeit nicht der Fall.17)Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet Daher ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, Studien wie die hier geschilderten sinnvoll zu interpretieren.

Nehmen wir für ein Gedankenexperiment an, es gäbe eine wundersame Droge namens „Confusio“. Confusio beeinträchtige einerseits Entscheidungsprozesse, andererseits aber hebe sie die Stimmung. Wer sie einmal genossen hat, neigt dazu, sie erneut zu nehmen. Nach einer Weile befindet er sich in einem heillosen Zustand, und zwar aufgrund wiederholter Einnahme von Confusio. Die Substanz hat seine Entscheidungsprozesse zerrüttet. Ist Confusio also letztlich die Ursache seines Zustandes?

Fußnoten   [ + ]

1.Ich will nicht verhehlen, dass meine These der Ideenwelt des amerikanischen Psychiaters William Glasser entspringt. Die Grundlagen seiner Sichtweise hat er in seinem Buch „Choice Theory“ ausgearbeitet: Glasser, W. (1998). Choice Theory. New York, N, Y.: HarperCollins
2.Cattapan-Ludewig, K. et al. (2008). Decision-Making Dysregulation in First-Episode Schizophrenia. J Nerv Ment Dis;196: 157–160
3.Siehe meinen Artikel: Die Rolle des psychisch Kranken
4.Diese Personen standen also am Beginn der als Schizophrenie bezeichneten Störung. Diese Phase ist u. a. durch folgende „Symptome“ gekennzeichnet: Vorzeichen: Unruhe (19 %); Depression (19 %); Angst (18 %); Denk- und Konzentrationsstörungen <(16 %); Sorgen (15 %); mangelndes Selbstvertrauen (13 %); Energieverlust und Verlangsamung (12 %); Probleme am Arbeitsplatz (11 %); sozialer Rückzug (Misstrauen) (10 %) und sozialer Rückzug (Kommunikation) (10 %); Erste Episode: Beziehungswahn (51,7 %); Verfolgungswahn (41,4 %); unspezifische Wahnsymptome (38,8 %); Denkstörungen (36,2 %); Halluzinationen (31,0 %); Wahninhalte (27,6 %); Gedankeneingebung (20,3 %); Beeinflussungswahn (19,8 %); Wahn, kontrolliert zu werden (19,4 %); Größenwahn (17,7 %) (Häfner, H. et al: Onset and early course of schizophrenia. In: Häfner, H. et al (1995). Search for the causes of schizophrenia. Vol. III, Springer Berlin, S. 43–66).
5.Die Ergebnisse der bisherigen Forschung zur PANSS rechtfertigen bisher noch keine Empfehlung für den klinischen Einsatz dieses Instruments. Beispielsweise konnten die kognitiven Items dieser Skala 66 Prozent der Varianz des globalen kognitiven Funktionsniveaus nicht erklären. Siehe: Mortimer, A. M. (2007). Symptom rating scales and outcome in schizophrenia. The British Journal of Psychiatry, 191: s7-s14
6.Cattapan-Ludewig et al. 2008 a.a.O.
7.Unter externer Validität versteht man die Repräsentativität von Untersuchungsergebnissen
8.Glasser 1998 a.a.O.
9.„chose to depress“
10.Paulus, M. P. et al. (2001). Trait Contributions of Complex Dysregulated Behavioral Organization in Schizophrenic Patients. Biol. Psychiatry 49:71–77
11.Paulus, M. P. (2005). Neurobiology of decision-making: Quo vadis? Cognitive Brain Research 23, 2 – 10
12.„Generisch“ bedeutet, dass sich etwas auf eine Klasse verwandter Fälle anwenden lässt.
13.Mit diesem Begriff bezeichnet die genetische Psychiatrie Symptome mit einem mutmaßlich engen Zusammenhang mit den Erbanlagen.
14.Siehe z. B.: Kirk, S. A. et al. (2013). Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs. Piscataway, N. J.: Transaction
15.Siehe meinen Artikel: Mathematik der psychiatrischen Diagnostik
16.Vorhersage
17.Siehe meinen Artikel: Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet