Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Psychiatrie zu einer eigenständigen medizinischen Spezialdisziplin – so wie andere Sparten der Medizin ja auch. Seither versucht sie, die biologischen Grundlagen ihrer Diagnosen zu ergründen. Man befürchtete wohl, ohne eine solche wissenschaftliche Basis im Kreis der Medizin nicht bestehen zu können. Leider waren diese Bemühungen bisher erfolglos. Man darf sogar sagen: Sie sind grandios gescheitert.

Auch mit den neuesten Errungenschaften der medizinischen Forschung, den Computertomographen, wollte bisher kein Durchbruch gelingen.
Wissenschaftler des psychiatrischen Instituts der Universität Basel und des Instituts für Psychose-Studien des King’s College in London stellen beispielsweise unmissverständlich fest:

Mehr als drei Jahrzehnte nach Johnstones erster computergestützter axialer Tomographie (computerized axial tomography) der Gehirne von Personen mit Schizophrenie, konnten keine konsistenten anatomischen oder funktionellen Veränderungen eindeutig mit irgendeiner psychischen Krankheit assoziiert und keine neurobiologischen Veränderungen konnten durch psychiatrisches „Neuroimaging“ endgültig bestätigt werden.“1)Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46

Im Klartext: Es ließ sich bisher auch nicht mit den modernsten Untersuchungsmethoden nachweisen, dass die so genannten psychischen Krankheiten durch Störungen im Gehirn verursacht werden. Dies bedeutet natürlich nicht, dass es solche körperlichen Ursachen nicht gibt. Es mag ja sein, dass sie in Zukunft gefunden werden. Im Augenblick aber kann meine These nicht widerlegt werden, dass die „psychischen Krankheiten“ Reaktionen eines intakten Gehirns auf widrige – bzw. als widrig empfundene – Umstände darstellen.

Der amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler William Uttal hält es für denkbar, dass für die bisherige Erfolglosigkeit ein technischer Grund verantwortlich sein könnte. Eventuell ist die Auflösung der Computertomographen zu gering. Möglicherweise findet die Steuerung des menschlichen Verhaltens und Erlebens in mikroskopischen Netzwerken des Gehirns statt, die man mit heutiger Technik nicht abzubilden vermag.2)Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press, Kindle Edition Pos. 5553

Experten warnen ja immer wieder einmal vor einer Überschätzung der bunten Bilder aus dem Computertomographien. Viele Laien aber erliegen ihr dennoch. Und nicht nur sie: auch Journalisten. Die reißerische Aufbereitung entsprechender Forschungsergebnisse in den Medien hat dafür gesorgt, dass heute viele Menschen einer Täuschung aufsitzen. Sie glauben, die Ursachen psychischer Krankheiten seien inzwischen bekannt. Dies ist aber nicht der Fall.

Dies gilt auch für Thesen zur Erblichkeit der so genannten psychischen Krankheiten. Erblichkeit wird unterstellt, seitdem es die moderne Psychiatrie gibt. Der Psychologe und Psychotherapeut Jay Joseph zeigt jedoch in seinen Dokumentationen des einschlägigen Forschungsstandes3)Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83 /  Joseph, J. (2013). „Schizophrenia“ and heredity. Why the emperor still has no genes. In: Read, J. & Dillon, J. (Eds.). Models of Madness: Psychological, Social, and Biological Approaches to Madness. London: Routledge / Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America, dass bislang noch bei keiner dieser Störungen eine genetische Grundlage methodisch einwandfrei nachgewiesen werden konnte.

1973 veröffentlichte der Psychologe David Rosenhan einen Aufsatz zu einem bemerkenswerten Experiment: Er schleuste Pseudopatienten in psychiatrische Kliniken ein. Die Ärzte durchschauten den Schwindel nicht. Später gab er bekannt, dass er Pseudopatienten in psychiatrische Anstalten einquartieren werde. In Wirklichkeit schickte er aber keine. Dennoch glaubten viele Ärzte, Pseudopatienten entlarvt zu haben 4)Rosenhan, D. (1973): On Being Sane in Insane Places. In: Science, 179, 250-8.

Rosenhan wurde von der psychiatrischen Zunft heftig kritisiert. Seiner Studie wurden methodische Mängel vorgeworfen. Beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis können die Ergebnisse des Rosenhan-Experiments allerdings kaum erstaunen: Psychiatrische Diagnosen sind willkürlich. Was sonst also hätte bei so einem Experiment herauskommen können?

Immerhin bemühte sich die Psychiatrie in Reaktion auf dieses Experiment um eine Verbesserung ihrer Diagnostik. Sie beruht allerdings nach wie vor auf Symptomen. Deswegen würde eine Wiederholung des Rosenhan-Experiments heute vermutlich dieselben Ergebnisse erbringen.

Fußnoten   [ + ]

1.Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46
2.Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press, Kindle Edition Pos. 5553
3.Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83 /  Joseph, J. (2013). „Schizophrenia“ and heredity. Why the emperor still has no genes. In: Read, J. & Dillon, J. (Eds.). Models of Madness: Psychological, Social, and Biological Approaches to Madness. London: Routledge / Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America
4.Rosenhan, D. (1973): On Being Sane in Insane Places. In: Science, 179, 250-8