Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet

Die These, dass es psychisch Kranke gäbe, ist unwiderlegbar. Dies macht die These aber nicht stark, sondern schwach.

Um dies zu verstehen, müssen wir uns einen logischen Grundsatz vor Augen führen: Existenzaussagen kann man prinzipiell nicht widerlegen, unabhängig von ihrem Inhalt.

Nehmen wir das Beispiel: „Es gibt Einhörner.“ Gegen diese Behauptung kann man keinen vernünftigen Einwand vorbringen. Irgendwo in den Weiten des Universums könnte mindestens ein Einhorn verborgen sein. Dass noch niemand eines dieser Tiere auf Erden beobachtet hat, spricht nicht gegen diese Möglichkeit.

Mit Allaussagen verhält es sich genau umgekehrt. Beispiel: Alle Elefanten haben Rüssel. Diese Aussage ist widerlegt, wenn man auch nur einen Dickhäuter ohne Rüssel vorweisen kann. Beweisen kann man sie allerdings nicht: Auch wenn man ganze Herden von Rüsseltieren präsentiert – rüssellose Elefanten irgendwo im Universum sind dennoch denkbar.

Daraus ergibt sich eine moralische Konsequenz: Wer eine Allaussage bestreitet, muss sie widerlegen. Wer eine Existenzaussage vorträgt, muss sie beweisen.

Die Psychiatrie behauptet: Es gibt psychisch Kranke. Dafür muss sie den Beweis erbringen. Diesen ist sie bisher schuldig geblieben. Sie verfügt zur Zeit nicht über einen validen Begriff der psychischen Krankheit.

Der medizinische Begriff der Krankheit lässt sich knapp so formulieren: Auf der einen Seite stehen die Symptome, die subjektiven Beschwerden. Auf der anderen Seite steht die Pathologie. Es gibt also einen Prozess im Individuum, der die Symptome verursacht. Ein Krankheitsbegriff wird validiert, indem man zeigt, dass eine Krankheit tatsächlich bestimmte Ursachen hat. Sonst könnte man ja nach Belieben Symptome zusammenstellen und behaupten, sie seien eine Krankheit. Ohne Kenntnis der Ursachen kann man aber gar nicht wissen, dass sie zusammengehören.

Es ist selbstverständlich nicht unbedingt erforderlich, die Letztursachen in langen Ursachenketten zu kennen. Man muss auch nicht genau wissen, wie die Ursachen ihre Wirkungen hervorbringen. Es muss aber klar sein, dass man sich auf der richtigen Fährte befindet. Sonst hat man keinen validen Begriff.

Den Mangel an Validität psychiatrischer Diagnosen musste auch der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH), Thomas Insel einräumen. Das NIMH ist die weltweit größte psychiatrische Forschungsinstitution. In einer Auseinandersetzung mit der Diagnose-Manual DSM schrieb er:

„Das Ziel dieses neuen Handbuchs, wie aller vorherigen Ausgaben, ist es, eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Psychopathologie bereitzustellen. Obwohl das DSM als “Bibel” für dieses Gebiet beschrieben wurde, ist es, bestenfalls, ein Lexikon, das eine Menge von Etiketten kreiert und sie definiert. Die Stärke jeder dieser Ausgaben des DSM war ‚Reliabilität'1)Am Rande sei erwähnt, dass sich Insel hinsichtlich der Reliabilität täuscht. Auch diese ist unzulänglich. Seine Einschätzung der Validität entspricht aber durchaus dem Stand seriöser Forschung. Insel ist im Übrigen ein leidenschaftlicher Verfechter der These, dass „psychische Krankheiten“ existierten und dass sie Hirnerkrankungen seien. – jede Edition stellte sicher, dass Kliniker dieselben Begriffe in derselben Weise benutzten. Seine Schwäche ist sein Mangel an Validität. Anders als bei unseren Definitionen der Ischämischen Herzkrankheit, des Lymphoms, oder von AIDS, beruhen die DSM-Diagnosen auf dem Konsens über Muster klinischer Symptome, nicht auf irgendwelchen objektiven Labor-Daten. In der übrigen Medizin, entspräche dies dem Kreieren diagnostischer Systeme auf Basis der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität des Fiebers. In der Tat, symptom-basierte Diagnosen, die einst in anderen Gebieten der Medizin üblich waren, wurden im letzten halben Jahrhundert weitgehend ersetzt, weil wir verstanden haben, dass Symptome selten die beste Wahl der Behandlung anzeigen. Patienten mit psychischen Störungen haben Besseres verdient2)Insel, T. (2013) Director’s Blog, 29. April: Transforming Diagnosis.“

Die Validierung des Konstrukts einer psychischen Krankheit im medizinischen Sinn (beispielsweise einer „bipolaren Störung“) hätte in zwei Schritten zu verfolgen:
1. Es müsste nachgewiesen werden, dass das abweichende Verhalten durch eine Störung des Nervensystems oder sonstiger körperlicher bzw. psychischer Prozesse verursacht wird.
2. Es müsste ein Modell der „gesunden“, also ihrer natürlichen Bestimmung gemäß funktionierenden Psyche konstruiert werden. Man müsste dann zudem zeigen können, dass die als ursächlich ermittelten Abläufe im Individuum erheblich von diesem Modell abweichen. Sonst könnte man ja nach Belieben Verhalten als krank bezeichnen – etwa, weil es sozialen Normen oder persönlichen Vorlieben widerspricht.

Der Leser mag einwenden, dass dies ein zu hoher Anspruch sei. Es ist jedoch der Anspruch seriöser Wissenschaft. Eine medizinische Disziplin sollte diesem Anspruch genügen, sich zumindest darum bemühen.

Fußnoten   [ + ]

1.Am Rande sei erwähnt, dass sich Insel hinsichtlich der Reliabilität täuscht. Auch diese ist unzulänglich. Seine Einschätzung der Validität entspricht aber durchaus dem Stand seriöser Forschung. Insel ist im Übrigen ein leidenschaftlicher Verfechter der These, dass „psychische Krankheiten“ existierten und dass sie Hirnerkrankungen seien.
2.Insel, T. (2013) Director’s Blog, 29. April: Transforming Diagnosis