Die harten Methoden der Psychiatrie

Männliche Hysteriker

Während des 1. Weltkriegs wurden Militärpsychiater mit einer wachsenden Zahl so genannter Kriegsneurotiker konfrontiert. Unter Kriegsneurotikern, die auch als „Kriegszitterer“ bezeichnet wurden, verstand man Menschen, die „im Stahlgewitter“ aus psychischen Gründen kampfunfähig geworden waren. Sie zeigten Symptome, die man damals als „hysterisch“ diagnostizierte.

Zu den typischen Beschwerden zählten psychisch bedingte Blindheit und Taubheit, Stummheit bei intaktem Sprechorgan, Lähmungen und Zittern ohne erkennbare körperliche Ursache.

27,7 % der Frontkämpfer wurden während des I. Weltkriegs wegen eines psychiatrischen Zusammenbruchs aus der Kampfzone evakuiert, weitere 16,6 % wurden vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen gebracht, schreibt der Historiker Richard A. Gabriel in seinem Buch über die psychiatrische Dimension des modernen Kriegs: The painful field.1)Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press

Kaufmanns Kur

Die militärische Führung vermutete natürlich, dass ein erheblicher Teil dieser Kranken Simulanten seien. Bei einem anderen Teil jedoch räumte man ein, dass sie ihre Störungen nicht vortäuschten, sondern dass sie tatsächlich unter ihnen litten.

Unabhängig voneinander kamen Militärpsychiater in verschiedenen Ländern auf die Idee, diese Menschen in einer hochsuggestiven Atmosphäre durch starke elektrische Ströme zu kurieren. Die Patienten wurden an den Körperteilen, die ohne physische Ursachen erkrankt waren, äußerst schmerzhaft elektrisiert. Falls erforderlich, wurden besonders empfindliche Zielgebiete ausgewählt, wie beispielsweise die Lippen oder die Hoden.

Im Militärjargon hieß diese Behandlung „Kaufmanns Kur“ – nach dem deutschen Psychiater Fritz Kaufmann, der 1916 einen wissenschaftlichen Artikel über diese Behandlung in einer medizinischen Zeitschrift veröffentlichte und irrtümlich als ihr Erfinder galt. In Wirklichkeit wurde die schmerzhafte Elektrotherapie bereits im 19. Jahrhundert praktiziert.

Nach heutigen Maßstäben handelte es sich dabei um eine Form der Folter-Gehirnwäsche. In jenen Tagen aber sah man darin eine durchaus legitime Behandlungsmethode, wenngleich sich auch Opposition bei Ärzten und sogar auf den Führungsebenen der Streitkräfte regte.

In Frankreich wurde diese Methode beispielsweise von Clovis Vincent sowie von Gustave Roussy & Jean Lhermitte2)Roussy, G. & Lhermitte, J. (1918). The Psychoneuroses of War. London: University of London Press, in Österreich von Wilhelm Neutra3)Neutra, W. (1920). Seelenmechanik und Hysterie. Leipzig: F. C. W. Vogel und Julius Wagner-Jauregg, in Deutschland von Fritz Kaufmann, in Großbritannien von Lewis Yealland4)Yealland, L. (1918). „The Hysterical Disorders of Warfare“. London: McMillan sowie von Hunderten weiterer Ärzte eingesetzt.

Dank ihrer schnörkellosen Präzision und Klarheit ist besonders die Schrift Lewis Yeallands (“The Hysterical Disorders of Warfare“) zur Lektüre zu empfehlen.5)Diese Empfehlung gilt allerdings nur für Leser, die nicht allzu zart besaitet sind.

Der kanadische Psychiater behandelte Kriegsneurotiker nach einem beeindruckenden Konzept. Er verband Elektrofolter mit einfachen, unmissverständlichen Suggestionen. Diese Suggestionen waren Variationen eines Grundthemas, das der Psychiater seinen Patienten bereits zu Beginn der Tortur nahelegte:

„Die Therapie wird solange fortgesetzt, bis Sie geheilt sind.“

Klartext:

„Sie werden solange gefoltert, bis Sie das gewünschte Verhalten zeigen!“

Ein Beispiel: Der Gefreite, dessen Fall hier geschildert werden soll, hatte an mehreren Schlachten des 1. Weltkriegs teilgenommen. Eines Tages, aus heiterem Himmel, jenseits der Front, sank er bewusstlos nieder – und war stumm. Eine organische Ursache für den Verlust seines Sprechvermögens konnte nicht festgestellt werden.

Was wurde nicht alles versucht, um ihn zu behandeln! Er wurde an einen Stuhl gefesselt und mit starken elektrischen Strömen an seinem Nacken und seiner Kehle traktiert. Mit entzündeten Zigaretten wurde seine Zungenspitze verbrannt. Heiße Platten wurden in seinen Mund geschoben. Nichts wollte fruchten. Die Schrecken des Krieges hatten ihn offenbar sprachlos gemacht.

Als hoffnungsloser Fall kam er schließlich zu Lewis R. Yealland, dessen Buch „The Hysterical Disorders of Warfare” der Fortgang seiner nun folgenden „Therapie” zu entnehmen ist.6)Diese Schrift wurde 1920 veröffentlicht. Lewis Ralph Yealland war ein kanadischer Arzt, der während des 1. Weltkriegs in Großbritannien praktizierte. Er betrachtete den so genannten „Shell Shock” nicht als physische Krankheit, sondern als Ausdruck eines Mangels an Disziplin und Pflichtbewusstsein. Die betroffenen Soldaten wurden taub, blind, lahm und prägten die absonderlichsten körperlichen Symptome aus, ohne dass sich dafür eine medizinische Ursache finden ließ oder auch nur plausibel war.

Yealland fragte den Gefreiten, ob er geheilt werden wolle. Ein gleichgültiges Lächeln war die Antwort. Der Arzt wies ihn darauf hin, dass er Frau und ein Kind zu Hause habe, dass es seine Pflicht sei, an seiner Heilung mitzuwirken, dass er unentschlossen wirke, dass man sich dies in Zeiten wie diesen aber nicht leisten könne.

Er habe schon einige Patienten seiner Sorte behandelt. Darunter gebe es zwei Typen. Die einen wollten geheilt werden und die anderen wollten nicht geheilt werden. Er wirke so, als ob er der zweiten Gruppe angehöre. Doch es sei im Grunde unerheblich, zu welcher Gruppe er zähle. Er, Yealland mache da keinen Unterschied. Der Gefreite müsse sofort von seiner Stummheit befreit werden.

Daraufhin ließ der Arzt den Soldaten, der nun einen deprimierten Eindruck machte, für einige Stunden allein.

Am Abend wurde der Gefreite in den „elektrischen Raum” gebracht. Die Fensterläden waren geschlossen. Das Deckenlicht war ausgeschaltet. Die einzig sichtbare Lichtquelle waren die Kontrollleuchten der Batterie. Yealland befestigte eine Elektrode im Lendenwirbelbereich seines Patienten und führte die andere in seinen Rachen ein. Der Mund des Soldaten wurde durch einen Zungendrücker offen gehalten.

Yealland sagte:

“Sie werden diesen Raum nicht verlassen, bevor Sie wieder genau so gut sprechen, wie Sie es immer taten. Nein, vorher nicht.”

Der Arzt elektrisierte den Mann mit einem starken Stromstoß. Der Soldat sprang auf und riss dabei die Drähte aus der Batterie.

“Erinnern Sie sich daran”, sagte Yealland zu ihm, „dass Sie sich sich wie der Held verhalten müssen, der zu sein ich von Ihnen erwarte. Ein Mann, der durch so viele Schlachten gegangen ist, sollte sich besser kontrollieren können als Sie.”

Daraufhin brachte Yealland den Soldaten in eine Postion, aus der er sich nicht mehr befreien konnte und sprach also:

“Sie müssen reden, bevor Sie mich verlassen dürfen!”

Yealland elektrisierte ihn nun mehr oder weniger kontinuierlich mit einem etwas schwächeren Strom, während er folgende Worte beständig wiederholte:

“Nicken Sie mit dem Kopf, wenn Sie zu einem Sprechversuch bereit sind.”

Diese Prozedur wurde, mit einigen Unterbrechungen, rund eine Stunde beibehalten. Am Ende dieses Zeitraums konnte der Soldat „ah” flüstern. Yealland fragte ihn, ob er nicht selbst bemerke, dass dies ein Fortschritt sei. Wenn er vernünftig darüber nachdenke, dann müsse er seinem Arzt schon Recht geben, dass er bald wieder sprechen könne.

Yealland fuhr mit der elektrischen Behandlung für etwa eine halbe Stunde fort. Er ermunterte seinen Patienten dabei, „ah”, „bah” oder „cah” zu sagen, doch der Soldat wiederholte nur „ah”. Schließlich ermüdete der Soldat und Yealland fordert ihn deshalb auf, mit ihm im Zimmer auf und ab zu gehen. Währenddessen hielt er ihn an, Vokale zu sprechen.

Der Soldat verlor mit der Zeit vollends seinen Mut und versuchte, den „elektrischen Raum” zu verlassen. Doch Yealland wies ihn darauf hin, dass sich für ihn die Tür erst öffnen würde, wenn er geheilt sei. Er, Yealland, sei bereit, länger mit ihm zu verweilen als der Gefreite mit seinem Arzt.

“I am prepared to stay with you. Do you understand me?”

Diese unmissverständliche Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Mann zeigte auf den elektrischen Apparat und auf seine Kehle. Yealland aber beschied ihm, dass er keine Vorschläge zu machen habe. Er werde die Elektrizität erhalten, wenn Yealland dies für nötig erachte, ob der Gefreite damit einverstanden sei oder nicht.

Obwohl Yealland eigentlich mit der Elektrisierung fortfahren wollte, entschied er sich, weiter mit ihm auf- und abzugehen, um ihm zu zeigen, wer der Herr im Hause sei. Er versuchte, ihn für eine Weile ohne schmerzhafte Stromstöße zum Sprechen zu ermuntern. Wenngleich sich der Gefreite gewaltig Mühe gab, unterschiedliche Laute zu äußern, brachte er nicht mehr als ein „Ah” hervor. Der Patient musste sich schließlich wieder auf seinen Stuhl setzen; die Elektroden wurden befestigt.

Yealland sagte:

“Sie sind nun bereit für die nächste Stufe der Behandlung. Ich werde ihnen starke Stromstöße an Ihrem Nacken geben, und diese werden sich auf ihren Kehlkopf übertragen, und schon bald werden Sie, alles was Sie sagen wollen, flüstern können.“

Nach jedem Elektroschock forderte der Arzt seinen Patienten auf, „ah”, „bah”, „cah”, „dah” zu sagen. Schließlich begann der Soldat zu weinen und sagte stammelnd:

„Ich hätte gern ein Glas Wasser.”

Er könne ein Glas Wasser haben, aber erst, wenn er normal sprechen könne. Der Soldat versuchte erneut, den Raum zu verlassen.
Er sei ein Held, der gewaltige Fortschritte gemacht habe. Sein Wunsch, den Raum vor der endgültigen Heilung zu verlassen, entspräche nicht seinem wahren Selbst, sagte der Arzt.

Nach einigem Hin und Her mit ständigem Wechsel von Elektrisierung und Sprechversuchen, sagte Yealland schließlich:

“Es wird spät. Ich werde wohl eine noch stärkere Spannung wählen müssen. Ich möchte Sie nicht gern verletzen, doch, wenn es erforderlich ist, dann muss ich es wohl tun.”

Yealland fuhr mit seiner Behandlung fort, und als der Soldat erneut Anstalten machte, den Raum zu verlassen, sagte er:

“Es gibt keinen Weg nach draußen, es sei denn, Ihre Stimme kehrt zurück. Sie haben einen Schlüssel, ich habe den anderen. Wenn Sie richtig sprechen, öffne ich die Tür und Sie können ins Bett gehen.”

Der Soldat stammelte:

“Ich glaube, Sie haben beide Schlüssel. Machen Sie weiter und bringen Sie es zu Ende.”

Der Strom, antwortete der Arzt, habe schon gute Arbeit geleistet, aber der Gefreite verkrampfe sich noch zu sehr. Er müsse also noch stärkeren Strom einsetzen. Dann werde er schon bald richtig sprechen können.

Der Arzt elektrisierte seinen Patienten nunmehr mit extrem starkem Strom. Nach etwa zehn Minuten konnte der Soldat sprechen, ohne auch nur geringfügig zu stammeln. Daraufhin wurde mit nämlicher Methode das Armzittern des Gefreiten erfolgreich behandelt.

Man möge sich vor Augen halten, dass hier kein Kapitel aus einem schlechten Horror-Roman nacherzählt, sondern aus einem medizinischen Lehrbuch referiert wurde. Yealland war keineswegs ein Außenseiter seines Fachs. Die von ihm beschriebene Methode der Behandlung von „Kriegshysterikern” war während der beiden Weltkriege allgemein üblich, weltweit.

In den Archiven der Bibliotheken finden sich zahlreiche Fachbücher mit Fallgeschichten, die den Erfolg dieser Suggestivverfahren mit starken elektrischen Strömen dokumentieren. Auch wenn damals randomisierte Therapie-Experimente mit Kontrollgruppen noch nicht üblich waren, kann es wohl keinen begründeten Zweifel daran geben, dass die Ärzte mit diesen rabiaten Methoden durchaus Erfolg hatten und effektiver waren als ihre Kollegen, die sanftere Verfahren anwendeten.

Diese Verfahren wurden nämlich in einem militärischen Rahmen eingesetzt. Die militärischen Vorgesetzten hatten also einen guten Überblick darüber, was mit den so oder anders behandelten Soldaten geschah.

Sie konnten feststellen, ob

  • sie an die Front zurückkehren konnten oder nicht,
  • sie in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden konnten oder nicht,
  • sie hinterher Behindertenrente beantragten oder nicht.

Dass diese Verfahren weltweit angewendet wurden, spricht dafür, dass sie im Sinne der Militärs funktionierten.

Eine ungeschönte Beschreibung

Wilhelm Neutra fühlt sich in seiner Schrift „Seelenmechanik und Hysterie“ genötigt, den Leser durch ausführliche, wenn nicht ausschweifende philosophische und psychologische Betrachtungen auf sein eigentliches Thema hinzuführen.

Doch sobald er dann zur Sache kommt, schildert er seine Methode sehr drastisch, unmissverständlich und beinahe lustvoll. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Form der Folter handele und bekennt sich auch dazu. Sie sei leider nur im militärischen Rahmen anwendbar, weil allein hier der notwendige Zwang ausgeübt werden könne. In diesem Rahmen aber feiere sie Triumphe.

Er schreibt:

“Dergestalt sind viele Funktionsstörungen als paradoxe Erfolge der Selbstheilungstendenz zu deuten. Erst wenn der Zustand ein andauernd qualvoller ist und sich nicht als erträglich zu gestalten erweist, dann entschließt sich die Heilbereitschaft, ich möchte beinahe sagen wehmutsvoll, zur Preisgabe der Hysterie. Die Heilbereitschaft wächst mit der Qual. In der Anwendung der schmerzhaften Pinselfaradisation können wir dies sozusagen experimentell erkennen. Betrachten wir irgendein Beispiel. Ein hysterisch Gelähmter mit kompletter Astasie-Abasie7)Unfähigkeit zu gehen und zu stehen möchte zwar seinem präsidialbewussten Willen entsprechend wieder gesund sein; seine innere Heilbereitschaft sei aber, nehmen wir an, viel zu gering, um durch irgendein Suggestivmittel zur Gesundheit zu führen. Der Kranke wird deshalb der Schmerzbehandlung unterzogen, um seine Qualen zu vermehren, die eben an sich absolut nicht ausreichen, um eine genügende Expansion des Gesundungstriebes zu erzeugen. Seine Beine werden also mit dem faradischen Pinsel bearbeitet. Zunächst liegt der Patient dabei ganz ruhig und außer den durch den elektrischen Strom ausgelösten Muskelzuckungen tritt keine aktive Bewegung in die Erscheinung. Die Heilbereitschaft besteht noch nicht. Würde man in diesem Stadium den Patienten auf die Beine stellen, so wäre er immer noch vollkommen unfähig, auch nur einen Augenblick zu stehen. Wir verstärken den Strom und damit die Schmerzempfindung. Der Patient zeigt nun mimische Schmerzäußerungen, verzieht das Gesicht und beginnt ev. zu weinen. Gleichzeitig krampft er aktiv irgendwelche Muskeln der Beine zusammen, auch solche, die, nicht vom elektrischen Strome getroffen, sich nicht passiv kontrahieren. Die Heilbereitschaft wird rege und erzeugt immer wieder aktive Beinbewegungen, sobald der Schmerz durch den elektrischen Pinsel einsetzt. Aus der Tiefe der völlig unbewussten Schmerzreaktion taucht die Bewegungsmöglichkeit ins Halbbewusstsein empor. Aber dieser Grad reicht noch immer nicht aus und es wäre verfehlt, es dabei bewenden zu lassen. In diesem Stadium würde das Maximum des Erfolges darin bestehen, dass schon die Angst vor dem neuerlichen Elektrisieren die Beinbewegungen ermöglicht, aber ein Stehen oder sogar Gehen wäre noch vollkommen ausgeschlossen. Um den Erfolg rasch zu komplettieren, wird der Strom neuerdings verstärkt. Die mimischen Schmerzäußerungen oder das Weinen verwandelt sich in Zorn und Raserei. Der Patient wehrt sich aus Leibeskräften, um sich der Qual zu entziehen. Die Kaltblütigkeit des Arztes, der sine ira8)Ohne Zorn, unbewegt zielbewusst weiterarbeitet, und die Handfestigkeit seiner Gehilfen, die dem Patienten die Unzulänglichkeit seiner Fluchtversuche beweist, steigert endlich die Heilbereitschaft bis zu einer solchen Expansion, dass die Steh- und Gehfähigkeit eintritt. Aber noch ist das therapeutische Martyrium gewöhnlich nicht zu Ende. Während früher nur die Befreiung von der Qual erstrebt wurde, ist in diesem Zeitpunkte oft nur die grobe Funktionsstörung gewichen, die volle Heilung jedoch noch nicht erzielt. Der Patient kann jetzt wohl stehen und gehen, aber sein Gang ist ungelenk, unelastisch, unkoordiniert. Die Heilbereitschaft der Hysterie begnügt sich damit nicht bloß, sondern strebt geradezu nur eine derartige Besserung des Zustandes an, als notwendig ist, um die Lustbilanz aktiv zu machen. Wir müssen uns eben nur daran erinnern, dass die Hysterie psychenergetisch ein Ziel des Lusttriebes und ein Werk der in seinem Dienste stehenden Krankheitsbereitschaft sei. Um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, setzt nun der Arzt seine Folterarbeit fort, bis endlich der Lusttrieb, diesmal aber in seiner Verkleidung als Heilbereitschaft sich in die Gesundheit flüchtet, die unter den gegebenen Umständen einzig und allein die Qualfreiheit verbürgt.“

Neutra führte die kriegsbedingte Hysterie auf einen unterbewussten Konflikt zwischen Selbsterhaltungstrieb und Kampfmoral (Patriotismus, soldatische Ehre) zurück. Die hysterischen Symptome stellten also einen Kompromiss dar, seien eine Flucht in die Krankheit, durch die der Erkrankte das Gesicht wahren und gleichermaßen auch strafrechtliche Konsequenzen vermeiden könne. Es handele sich bei der Kriegsneurose nicht um eine Simulation, da der Patient diese Konfliktlösung nicht mit bewusstem Willen anstrebe.

Das Pansen

Während des 2. Weltkriegs entwickelte der Psychiater Friedrich Panse eine verschärfte Form der Elektrobehandlung von Kriegsneurotikern. Panse war externer Gutachter der Aktion T4, also Mittäter beim Massenmord der Nazis an den so genannten psychisch Kranken während des Dritten Reichs.

Im Nachkriegsdeutschland wurde er zwar vor Gericht gestellt, aber freigeprochen und schließlich sogar wieder Direktor einer Nervenklinik sowie Universitätsprofessor. Er trat 1967 in den Ruhestand und starb 1973. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches rückten bekanntlich viele Spezialisten, die durch ihr Verhalten während der Nazizeit belastet waren, wieder in gehobene Positionen auf. Sie wurden gebraucht.

Panse kombinierte die „Elektrotherapie“ mit einen ausgeklügelten System von Suggestionen. Sein Verfahren ging unter dem Begriff „Pansen“ in die Medizingeschichte ein.

Einen guten Überblick über das Verfahren bietet Marco Bernhard Kaul in seiner Dissertation über einen anderen Anwender des Pansens, Günter Elsässer.9)Kaul, M. B. (2012). Günter Elsässer. Von der Erbforschung zur Psychotherapie. Inauguraldissertion, Gießen

Die entscheidende Komponente des Pansens ist der schmerzhafte Hautreiz durch hohe galvanische Ströme. Es handelte sich dabei um unerträgliche Schmerzen, und folglich mussten die Soldaten während der Behandlung festgehalten oder fixiert werden.

Man darf diese Methode nicht mit der Elektrokrampftherapie verwechseln, die mit Stromstößen durchs Gehirn arbeitet und heute nur unter Betäubung angewendet wird. Es ging bei Pansen aber darum, die Soldaten bei vollem Bewusstsein einer aufwühlenden Schmerzerfahrung auszusetzen. Als zweite Komponente neben dem Schmerz trat die Suggestion hinzu. Es wurde den Soldaten, während sie gefoltert wurden, beispielsweise gesagt:

“Sie werden merken, wie der gefühllose Arm tot und heiß wird. Das ist der erste Schritt zur Heilung.“

Zunächst wollte die Führung der Wehrmacht die Anwendung dieser äußerst brutalen Methoden ohne Zustimmung des betroffenen Soldaten nicht gestatten. Da sich die Lage an der Front jedoch verschärfte und die Zahl der psychisch dekompensierten Soldaten stieg, wurde sie schließlich auch ohne Einverständnis der „Patienten“ freigegeben.

Daraufhin wurde das Pansen aufgrund seiner bemerkenswerten Effizienz zur Methode der Wahl, um „Kriegshysteriker“ zu behandeln.10)Forsbach, R. (2012). Friedrich Panse – etabliert in allen Systemen. Nervenarzt, 83:329–336

Cameron

Donald Ewen Cameron war Präsident des Weltverbandes der Psychiatrie (WPA). Er bediente sich während des Kalten Kriegs ebenfalls der Elektrizität zur Formung des Verhaltens seiner Patienten. Seine Methoden waren nicht minder brutal wie die Kaufmann-Kur oder das Pansen.

Eines der von ihm erprobten Verfahren nannte er Depatterning Treatment. Dabei traktierte seine Opfer allerdings nicht mit elektrischen Strömen an schmerzempfindlichen Körperteilen, sondern mit massiver Elektrokrampftherapie, deren Zielgebiet der Kopf bzw. das Gehirn ist.

Die Patienten durchliefen drei Phasen, die Cameron und Mitarbeiter wie folgt beschreiben:

“In der ersten Phase der Störung der Raum-Zeit-Vorstellung sind deutliche Erinnerungsmängel vorhanden, aber es ist dem Individuum möglich, eine Raum-Zeit-Vorstellung aufrechtzuerhalten. In anderen Worten: Es weiß, wo es ist, wie lange es sich schon dort befindet und wie es dorthin gekommen ist. In der zweiten Phase hat der Patient seine Raum-Zeit-Vorstellung verloren, doch er fühlt klar, dass eine solche Vorstellung vorhanden sein sollte. Er ist ängstlich und besorgt, doch er kann nicht sagen, wo er sich befindet und wie er dorthin gelangte. In der dritten Phase ist nicht nur die Raum-Zeit-Vorstellung verloren gegangen, sondern auch jedes Gefühl dafür, dass eine solche Vorstellung vorhanden sein sollte.“11)Cameron, D. E. et al. (1962). The Depatterning Treatment of Schizophrenia. Comprehensive Psychiatry, Vol. 3, No. 2, April 1962, 65-76

Cameron hoffte, bei seinen „Patienten“ eine differentielle Amnesie erzeugen zu können, mit der Folge, dass die „pathologischen“ Erinnerungen und Verhaltensmuster nicht so leicht zurückkehren würden wie die „gesunden“.12)Cameron, D. E. (1960). Production of differential amnesia as a factor in the treatment of schizophrenia. Comprehensive Psychiatry, 1, 26-34

Erst nach seinem Tode wurde bekannt, dass seine Forschungen im Rahmen des Gehirnwäscheprogramms MKULTRA von der CIA gefördert wurden.13)Collins, A. (1988). In the Sleep Room. The Story of the CIA Brainwashing Experiments in Canada. Toronto, Lester & Orpen Dennys Ltd. Dieses und ähnliche Programme der CIA hatten u. a. das Ziel, Menschen dazu zu bringen, jedem Befehl zu gehorchen, und koste er auch das eigene Leben.

Man darf, dies sei noch einmal betont, die „Elektrotherapien“ wie die „Kaufmann-Kur“ bzw. das „Pansen“ nicht mit der Elektrokrampftherapie verwechseln, obwohl die genannten Verfahren insgesamt salopp auch mit dem Begriff „Elektroschock“ angesprochen werden.

Bei der so genannten Elektrokrampftherapie werden Ströme, heute meist unter Betäubung des Patienten, durch das Gehirn gejagt. Demgegenüber werden bei der „Kaufmann-Kur“ oder beim „Pansen“ absichtlich unterschiedliche Körperstellen mit sehr schmerzhaften Strömen traktiert.

Da die Intensität des Schmerzes hier ausschlaggebend für den „Behandlungserfolg“ ist, werden bevorzugt besonders schmerzempfindliche Körperpartien, wie beispielsweise die Genitalien, elektrisiert. Die Schmerzen waren so stark, dass die „Patienten“, also die Folteropfer entweder angeschnallt oder von mehreren starken Männern festgehalten werden mussten, um sie an der Flucht zu hindern.

Demgegenüber gehört der Schmerz nicht zu den Wirkfaktoren der Elektrokrampftherapie, deren Heil-Effekt nach heutigem Wissensstand vermutlich weitgehend auf dem Placeboeffekt beruht.14)Read, J. & Bentall, R. (2010). The effectiveness of electroconvulsive therapy: a literature review. Epidemiologia e psichiatria sociale 19 (4): 333–47)

Kein Placeboeffekt, sondern eine reale Auswirkung der durchs Gehirn geleiteten elektrischen Ströme, ist allerdings die Amnesie. Und auf diese, und nicht auf mutmaßliche Heilwirkungen, kommt es den Gehirnwäschern an.

Cameron verwendete starke Ströme und schockte seine Patienten sehr häufig; dadurch werden gravierende Amnesien wahrscheinlicher.

Gehirnwäsche

Bei den hier von mir beschriebenen harten Methoden der Psychiatrie handelt es sich zweifelsfrei um Gehirnwäsche.

Der „Patient“ wird vor die Wahl gestellt,

  • entweder sein Verhalten zu ändern oder
  • weiterhin sich steigernde Schmerzen zu erdulden.

Suggestionen dienen der Formung seines Verhaltens.

Eventuell wird seine Erinnerung an diese Prozedur durch eine Elektroschockbehandlung des Gehirns ausgelöscht.

Früher konnte die Militärpsychiatrie diese harten Methoden öffentlich praktizieren. Regierungen und Gerichte waren offenbar der Meinung, dass der Zweck die Mittel heilige. Heute würden solche Praktiken natürlich als schwere Menschenrechtsverletzungen betrachtet und geahndet.

Man kann nur hoffen, dass sie deswegen auch nicht mehr angewendet werden. Ob diese Hoffnung gerechtfertigt oder allzu naiv ist, steht auf einem anderen Blatt. Es wäre jedenfalls einfach, sie im Verborgenen zu praktizieren, wenn man das Erinnerungsvermögen ihrer Opfer an die Gehirnwäsche auslöscht.

Die beschriebene Form der Gehirnwäsche ist die effektivste Möglichkeit zur Verhaltenskontrolle, die bisher entwickelt wurde. Mir ist kein vernünftiger Grund dafür bekannt, warum sie nicht auch weiterhin praktiziert werden sollte. Sie widerspricht natürlich jeder Moral und den Menschenrechten. Allein Staaten neigen dazu, die Staatsräson über Moral und Menschenrechte zu stellen.

 

Fußnoten   [ + ]

1.Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press
2.Roussy, G. & Lhermitte, J. (1918). The Psychoneuroses of War. London: University of London Press
3.Neutra, W. (1920). Seelenmechanik und Hysterie. Leipzig: F. C. W. Vogel
4.Yealland, L. (1918). „The Hysterical Disorders of Warfare“. London: McMillan
5.Diese Empfehlung gilt allerdings nur für Leser, die nicht allzu zart besaitet sind.
6.Diese Schrift wurde 1920 veröffentlicht. Lewis Ralph Yealland war ein kanadischer Arzt, der während des 1. Weltkriegs in Großbritannien praktizierte. Er betrachtete den so genannten „Shell Shock” nicht als physische Krankheit, sondern als Ausdruck eines Mangels an Disziplin und Pflichtbewusstsein. Die betroffenen Soldaten wurden taub, blind, lahm und prägten die absonderlichsten körperlichen Symptome aus, ohne dass sich dafür eine medizinische Ursache finden ließ oder auch nur plausibel war.
7.Unfähigkeit zu gehen und zu stehen
8.Ohne Zorn, unbewegt
9.Kaul, M. B. (2012). Günter Elsässer. Von der Erbforschung zur Psychotherapie. Inauguraldissertion, Gießen
10.Forsbach, R. (2012). Friedrich Panse – etabliert in allen Systemen. Nervenarzt, 83:329–336
11.Cameron, D. E. et al. (1962). The Depatterning Treatment of Schizophrenia. Comprehensive Psychiatry, Vol. 3, No. 2, April 1962, 65-76
12.Cameron, D. E. (1960). Production of differential amnesia as a factor in the treatment of schizophrenia. Comprehensive Psychiatry, 1, 26-34
13.Collins, A. (1988). In the Sleep Room. The Story of the CIA Brainwashing Experiments in Canada. Toronto, Lester & Orpen Dennys Ltd.
14.Read, J. & Bentall, R. (2010). The effectiveness of electroconvulsive therapy: a literature review. Epidemiologia e psichiatria sociale 19 (4): 333–47