Aufklärung über Psychopharmaka

§ 630e des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) bringt die ärztliche Aufklärungspflicht gegenüber den Patienten auf den Punkt:

„Der Behandelnde ist verpflichtet, den Patienten über sämtliche für die Einwilligung wesentlichen Umstände aufzuklären. Dazu gehören insbesondere Art, Umfang, Durchführung, zu erwartende Folgen und Risiken der Maßnahme sowie ihre Notwendigkeit, Dringlichkeit, Eignung und Erfolgsaussichten im Hinblick auf die Diagnose oder die Therapie. Bei der Aufklärung ist auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen, wenn mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Methoden zu wesentlich unterschiedlichen Belastungen, Risiken oder Heilungschancen führen können.“

Obwohl dies für manche Angehörige schwer zu ertragen oder gar zu verstehen ist, gilt die Aufklärungspflicht selbstverständlich auch für die als „psychisch krank“ diagnostizierten Patienten. Dies entspricht dem Grundgedanken unserer Rechtssprechung, die frühere paternalistische Arzt-Patient-Beziehung in eine partizipative umzuwandeln.

Psychopharmaka sind umstritten. Die einen meinen, Psychiatrie-Patienten müssten sie unbedingt einnehmen, häufig auch langfristig;1)Siehe z. B. DGBS: Heilungschancen und Medikamente andere warnen, dass dem kurzfristigen Nutzen ein viel größerer langfristiger Schaden gegenüberstünde.2)Siehe z. B. Psychopharmaka – ein Angriff auf die Menschenwürde / Interview mit Robert Whitaker

Patienten und Angehörige können Ärzte wirksam unterstützen, indem sie sich vor einem Aufklärungsgespräch über Psychopharmaka bereits kundig machen. Dann sind sie in der Lage, kritische Fragen zu stellen. Auf jeden Fall verkürzen sie die notwendige Zeit, die ja heutzutage im medizinischen Bereich so knapp ist wie nie zuvor.

Als grundlegende Lektüre zur Selbstaufklärung über Psychopharmaka möchte ich Patienten und Angehörigen zwei Bücher empfehlen.

  • Eines dieser Bücher stammt von dem weltweit renommierten dänischen Medizinprofessor Peter C. Gøtzsche. Er ist ein anerkannter Spezialist für die Auswertung und kritische Bewertung von empirischen Studien der Medizin. Dies ist ein wesentlicher Aspekt der Qualitätssicherung. Denn nur eine ärztliche Praxis, die den aktuellen Forschungsstand berücksichtigt, kann dem Patienten bestmöglich helfen.
    Gøtzsche hat die Studien zu den Psychopharmaka in langjähriger Forschungsarbeit zusammen mit seinem Team unter die Lupe gefunden. Seine Ergebnisse hat er in einer Schrift zusammengefasst, die auch in deutscher Sprache vorliegt: Tödliche Psychiatrie und organisiertes Leugnen.3)Peter C. Gøtzsche: Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen – Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen. München: Riva Verlag, 2016
    Es handelt sich hier um eine Auseinandersetzung, die zu einem skeptischen Fazit gelangt: Psychopharmaka richten mehr Schaden an, als sie Nutzen stiften. Er belegt diese Einschätzung allerdings wissenschaftlich auf höchstem Niveau.
  • Das zweite von mir empfohlene Buch ist, wenngleich nicht unkritisch, zweifelsfrei Nerven schonender. Es will den verantwortungsbewussten Umgang mit Psychopharmaka lehren. Es stammt aus der Feder von Psychiatern mit großer Erfahrung, die wissen, wie man Psychiatrie-Patienten zur Krankheitseinsicht führt: Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen: Leitlinien für den psychiatrischen Alltag.4)Finzen, A., Schenk, H. Weinmann, S.: Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen: Leitlinien für den psychiatrischen Alltag. Psychiatrie Verlag,  2016

Wer nicht die Zeit hat, gleich zwei Bücher zum Thema zu lesen oder wem dies grundsätzlich zu aufwändig ist, kann natürlich auch im Internet recherchieren. Damit kann man sich einen raschen Überblick verschaffen. Eine solide Information kann man meines Erachtens so aber nicht gewinnen. Viele Internetangebote sind offene, meist versteckte Pharma-Werbung.

Man sollte die Entscheidung zur Einnahme von Psychopharmaka nicht leichtfertig fällen. Sie haben zum Teil erhebliche Nebenwirkungen. Diese sind nicht selten unumkehrbar (irreversibel). Man sollte sich also fragen, ob der tatsächliche Nutzen den Risiken entspricht. Besondere Vorsicht ist bei Medikamenten-Cocktails geboten. Nimmt man eine größere Zahl von Medikamenten gleichzeitig über eine längere Zeit, so darf man ziemlich sicher damit rechnen, sich zumindest eine der gravierenderen Nebenwirkungen zuzuziehen. Nicht alle Nebenwirkungen kann man sofort bemerken. Sie stellen sich schleichend ein.

So wie bei Erkrankungen oftmals eine zweite ärztliche Meinung ratsam ist, muß es auch als hilfreich betrachtet werden, ein zweites Buch über Psychopharmaka zu studieren. Deswegen rate ich dazu, nicht eines der beiden von mir empfohlenen Bücher zu lesen, sondern beide. Selbstverständlich kann man auch eine andere Auswahl treffen, nur sollte die Bücher einander von der Grundaussage her nicht zu ähnlich sein.

So vorinformiert kann man sich nun, im Sinne einer modernen, partizipativen Medizin, als gut gerüstet für ein Aufklärungsgespräch mit seinem Arzt empfinden. Wer die Sache perfekt machen will, fertigt zuvor noch eine Patientenverfügung mit Vorsorgevollmacht aus. Wer mit diesen Begriffen nichts anfangen kann, dem empfehle ich die folgenden beiden Web-Seiten:

Auch hier gilt wieder, was über die Bücher gesagt wurde. Man sollte sich mit beiden Angeboten auseinandersetzen.

Fußnoten   [ + ]