Was ist eine psychische Krankheit?

In der alltagssprachlichen Bedeutung ist ein Mensch psychisch krank, der eine Reihe von störenden, mitunter bedrohlichen und zumeist rätselhaften Verhaltensweisen zeigt. In diesem Sinn existieren psychische Krankheiten unbedingt. Es gibt ja Menschen, die beispielsweise halluzinieren, Wahnideen haben oder sich ängstigen, wo es nichts zu fürchten gibt. Man kann sich darüber streiten, ob man diese seltsamen Verhaltensweisen Krankheit nennen sollte. Aber eine Mehrheit der Menschen bezeichnet sie wohl so.

In der medizinischen Betrachtungsweise werden die störenden, bedrohlichen und sozial unverständlichen Verhaltensweisen durch einen Prozess im Inneren des Individuums hervorgebracht. Dafür gibt es keinerlei Beweis. Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass jedes Verhalten durch das Gehirn gesteuert wird. Dies bedeutet aber nicht, dass es kausal dafür verantwortlich ist. Wenn z. B. ein Autofahrer vor einer roten Ampel stoppt, dann wird dieses Verhalten durch sein Gehirn hervorgerufen. Es wäre aber absurd zu behaupten, das Gehirn und nicht die rote Ampel sei die Ursache dafür.

Die beiden unterschiedlichen Begriffsverständnisse werden häufig miteinander verwechselt. Deswegen stoßen Psychiatriekritiker oft auf Unverständnis, wenn sie die Existenz psychischer Krankheiten bezweifeln. Viele Menschen können nicht verstehen, wie man Offensichtliches in Frage stellen kann. Sie haben das alltägliche Verständnis psychischer Krankheiten im Kopf, während sich der Psychiatriekritiker auf die medizinische Definition bezieht.

Wenn ich in diesem Blog von psychisch Kranken spreche, verwende ich natürlich immer den umgangssprachlichen Begriff. Den medizinischen Begriff der psychischen Krankheiten halte ich für überaus fragwürdig. Häufig werden irgendwelche Phänomene im Inneren von Menschen als Ursache gestörten Verhaltens vorgeschlagen. Es dauert dann meist nicht lang, bis diese Hypothesen durch die einschlägige Forschung widerlegt werden. Bisher hat noch keine dieser Theorien überlebt. Alle sind hochgradig durch widersprechende Befunde belastet. Keine kann als bewährt betrachtet werden. Zweifel am medizinischen Begriff psychischer Krankheiten sind also berechtigt.

Es mag durchaus ein Talent für Verhaltensweisen geben, die als psychisch krank bezeichnet werden. Dies ist zwar nicht erwiesen, aber denkbar ist es immerhin. Aber wer dieses Talent geerbt haben sollte, muss deswegen keineswegs auch psychisch krank werden. Wer eine Begabung fürs Klavierspielen hat, ist ja auch nicht gezwungen, Pianist zu werden. Man kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Wie die Entscheidung ausfällt, hängt von der Erfahrung ab. Was wurde belohnt, was bestraft? Es kommt aber auch auf die Willenskraft an.

Manche haben z. B. Vorteile, wenn sie die Rolle des psychisch Kranken übernehmen. Sie werden krank geschrieben. Man bemitleidet sie. Man schenkt ihnen Aufmerksamkeit, die sie vielleicht lange bitter vermissen mussten.

Dennoch widerstehen einige der Versuchung, obwohl sie eventuell sogar ein Talent für die entsprechenden Verhaltensweisen besitzen. Sie wollen sich nicht treiben lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen.

Manche meinen: Auch wenn man psychische Krankheiten nicht exakt wissenschaftlich nachweisen kann, könne das Verhalten einiger Leute gar nicht anders verstanden werden, denn als krank im medizinischen Sinn. Dabei sollte man aber bedenken, dass eine solche Diagnose zutiefst diskriminierend ist. Damit werden Menschen negativ bewertete Merkmale zugeschrieben. Sie werden abgewertet.

Wer aber einer Gruppe von Menschen pauschal ohne Beweis negative Merkmale zuschreibt, handelt moralisch verwerflich. Er ist nicht besser als ein Rassist, Antisemit, Frauenfeind, Fremdenfeind, Homophober oder Islamophober, um Beispiele zu nennen.
Er ist im Grunde sogar schlimmer. Denn z. B. Rassisten setzen sich der Ächtung aus. Wer aber Menschen eine psychiatrische Diagnose anheftet, muss nicht damit rechnen, auf Missbilligung zu stoßen. Die Diskriminierung von Menschen als psychisch krank, ohne Beweis für die Richtigkeit dieser Unterstellung, ist also nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch feige.

Mitunter trägt diese amoralische Feigheit kriminelle Züge. Dies ist z. B. der Fall, wenn Vorgesetzte, die Dreck am Stecken haben, das Gerücht streuen, ein Mitarbeiter sei psychisch krank, weil sie befürchten, er wolle sich als Whistleblower betätigen. Wenn ich höre, dass sich ein Vorgesetzter so über Mitarbeiter äußert, gehen bei mir unmittelbar alle roten Lampen an. Man kann dies im Grunde als begründeten Tatverdacht interpretieren. Da soll möglicherweise etwas Verbrecherisches unter den Teppich gekehrt werden.