Mehr Schaden als Nutzen. Peter C. Gøtzsche über Psychopharmaka

Peter C. Gøtzsche ist Mitbegründer der Cochrane Collaboration und Leiter des Nordic Cochrane Center.1)Die Cochrane Collaboration ist eine der bedeutendsten Organisationen zur medizinischen Qualitätssicherung. Mehr als 31000 Freiwillige arbeiten in über 120 Staaten zusammen, um die vorhandene empirische Literatur zu medizinischen Therapien zu sichten und kritisch zusammenzufassen. 2011 nahm die Cochrane Collaboration offizielle Beziehungen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Trotz mancher Kritik gilt die Cochrane Collaboration als seriös und ihre Übersichtsarbeiten werden als beispielgebend anerkannt. Als Zeichen des hohen Reflexionsniveaus dieser Organisation kann eine Studie gelten, die eigene und fremde Übersichtsarbeiten zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung macht. (Page, M. J. et al. (2013). An empirical investigation of the potential impact of selective inclusion of results in systematic reviews of interventions: study protocol. Systematic Reviews 2013, 2:21) Er ist als Forscher weltweit anerkannt. Er hat mehr als fünfzig Fachartikel in den „Big Five“ (BMJ, Lancet, JAMA, NEJM, Annals)4)Die Big Five gelten als die angesehensten medizinischen Fachzeitschriften weltweit.5)Am 14. September 2018 teilte Gøtzsche mit, dass er aufgrund eines Minderheitsvotums seine Mitgliedschaft in der Cochrane Collaboration verloren habe und nicht länger zum Direktorium dieser Organisation gehöre. Die Begründung dafür sei vage. Es sei ihm vorgeworfen worden, der Reputation der Cochrane Collaboration geschadet zu haben (A moral governance crisis). Infolgedessen scheint der Fortbestand der Collaboration erheblich bedroht zu sein, wie das British Medical Journal mitteilt (Cochrane – A Sinking Ship?) Einige bedeutende Forscher haben sich entschieden auf seine Seite gestellt. Über den Fortgang dieser Affäre werde ich berichten, sobald ich Neues weiß. publiziert, was nur wenigen Menschen auf diesem Planeten gelungen ist. Seine Arbeiten wurden bisher rund 9000-mal in wissenschaftlichen Artikeln zitiert.

Gøtzsche machte seinen Master 1974 in Biologie und Chemie und wurde 1984 als Arzt approbiert. Er ist Facharzt für innere Medizin und arbeitete als Forscher für die pharmazeutische Industrie sowie in diversen dänischen Krankenhäusern. Er ist heute Professor für klinische Versuchsplanung und Analyse an der Universität von Kopenhagen. Er erarbeitete als Leiter einschlägiger Forschungsteams zahllose Übersichtsarbeiten für die Cochrane Collaboration.

In einem Buch über tödliche Medizin und organisiertes Verbrechen2)Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Inzwischen hat dieses Buch über die Mafia-Methoden der Pharmaindustrie einen deutschen Verlag gefunden (Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. München: Riva). Dieses Buch ist Pflichtlektüre für jeden, der krank ist oder der es für möglich hält, einmal krank zu werden. Und erst recht ist es Pflichtlektüre für alle, die als „psychisch krank“ diagnostiziert wurden. zum Einfluss der Pharmaindustrie auf Wissenschaft, medizinische Praxis und Politik schreibt er:

„Unseren Bürgern ginge es besser, wenn wir alle Psychopharmaka vom Markt nehmen würden, weil die Ärzte unfähig sind, damit umzugehen. Es ist unausweichlich, das ihre Verfügbarkeit mehr Schaden als Nutzen schafft.“

Das sind klare, unmissverständliche Wort aus dem Mund eine Pioniers moderner medizinischer Qualitätssicherung, die sich vor allem auf methodisch hochwertige Studien stützt. Psychopharmaka sind keineswegs so sicher und effektiv, wie uns die Marketingmaschinerie der Pharmawirtschaft und der Psychiatrie vorgaukelt. Und sie sind bei den Ärzten auch nicht in den besten Händen, wie Patienten verständlicherweise gern glauben möchten.

In einem Artikel des Blogs „Mad in America“ setzt er sich unter dem Titel „Psychiatrie Gone Astray“ (Psychiatrie auf Abwegen) mit zehn Mythen der Psychiatrie auseinander:

  1. „Psychische Krankheiten“ werden durch chemische Ungleichgewichte verursacht.
  2. Es ist kein Problem, Antidepressiva abzusetzen.
  3. Psychopharmaka sind wie Insulin für Diabetes.
  4. Psychopharmaka reduzieren die Zahl chronischer Patienten.
  5. Antidepressiva verursachen keine Suizide bei Kindern und Jugendlichen.
  6. Antidepressiva haben keine Nebenwirkungen.
  7. Antidepressiva machen nicht abhängig.
  8. Die Häufigkeit von Depressionen hat stark zugenommen.
  9. Das Hauptproblem ist nicht Über-, sondern Unterbehandlung.
  10. Neuroleptika beugen Hirnschäden vor.3)Gøtzsche, P. (2014). Psychiatry Gone Astray. Mad in America, 28. Januar

Diese Mythen, so Gøtzsche, haben sich sämtlich im Licht systematischer, seriöser empirischer Forschung als falsch oder nicht bewiesen herausgestellt. Er sei, schreibt er, nicht grundsätzlich gegen Psychopharmaka. Sie könnten durchaus nützlich sein, zumindest kurzfristig, in akuten Situationen. Man dürfe sie aber nur einsetzen, wenn man sicher sein könne, damit mehr Nutzen zu stiften, als Schaden anzurichten.

Der weltweit boomende Verschreibung von Psychopharmaka aller Arten steht in krassem Widerspruch zu diesem pragmatischen Ansatz.

Gøtzsche ist Mitglied im „Council for Evidence-Based Psychiatry“ (CEP). In der Selbstdarstellung des CEP heißt es:

„Der CEP existiert, um Menschen und Institutionen im UK auf die Evidenz für die potenziell schädlichen Wirkungen psychiatrischer Medikamente … aufmerksam zu machen. Die wissenschaftliche Erfahrung zeigt klar, dass psychiatrische Medikamente, die von Teilen der medizinischen Profession als sicher und effektiv dargestellt werden, häufig bei vielen Patienten zu schlechteren Ergebnissen führen, insbesondere, wenn sie langfristig eingenommen werden.“6)Council of Evidence-based Psychiatry

Gøtzsche ist auf vielen Ebenen aktiv, um über den unheilvollen Einfluss der Pharmaindustrie auf Wissenschaft, praktische Medizin und Politik aufzuklären. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf die Psychiatrie, diese sei aber ein Paradies der Pharmaindustrie.

In seinem Buch über die tödliche Medizin setzt sich nur ein Kapitel mit der Psychiatrie auseinander. Inzwischen hat er ein weiteres Buch veröffentlicht, das sich ausschließlich mit der Psychiatrie beschäftigt. In dieser Schrift verschärft er seine Kritik an der Psychiatrie und den Herstellern von Psychopharmaka.7)Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press; deutsch: Peter C. Gøtzsche: Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen – Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen. München: Riva Verlag, 2016

Zu recht lehnt Gøtzsche Psychopharmaka nicht grundsätzlich ab. Sie könnten durchaus bei bestimmten Personen und in bestimmten Situationen nützlich sein. Patienten sollten jedoch in die Lage versetzt werden, Nutzen und Risiken auf Basis realistischer Daten abzuschätzen.

Wer z. B. erwägt, ein Antidepressivum zu nehmen, sollte wissen: Man muss acht Depressive damit behandeln, um bei einem einen Nutzen zu erzielen. Bei sieben von acht sind diese Medikamente also pharmakologisch wirkungslos und haben allenfalls einen Placeboeffekt. Nebenwirkungen muss aber jeder befürchten, der das Medikament nimmt. Hierzu zählen z.B. die sehr häufigen sexuellen Störungen.8)Whitaker, R. (2018). Randomized Controlled Trials of Psychiatric Drugs Tell of Harm Done. Mad in Amerika Ob man der eine von acht ist, weiß man im Übrigen nicht sofort. Die Wirkung baut sich, wenn überhaupt, nur langsam über Wochen auf. Bis dahin aber ist man so oder so den Nebenwirkungen ausgesetzt.

Das Verhältnis 1:8 beruht auf zusammenfassenden Studien zur Effektivität von Antidepressiva. Man kann diese Maßzahl natürlich für jedes beliebige Medikament berechnen, wenn entsprechende Studien vorliegen. Man bezeichnet sie als „Number needed to treat“ (NNT, Anzahl der notwendigen Behandlungen).

Die NNT ist eine sehr sinnvolle, anschauliche Statistik, die auch Laien intuitiv verstehen können. Ich fürchte, dass nicht sehr viele Psychiater diese Zahl gegenüber ihren Patienten erwähnen werden. Ich rate dazu, den Arzt danach zu fragen.

Fußnoten   [ + ]

1.Die Cochrane Collaboration ist eine der bedeutendsten Organisationen zur medizinischen Qualitätssicherung. Mehr als 31000 Freiwillige arbeiten in über 120 Staaten zusammen, um die vorhandene empirische Literatur zu medizinischen Therapien zu sichten und kritisch zusammenzufassen. 2011 nahm die Cochrane Collaboration offizielle Beziehungen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Trotz mancher Kritik gilt die Cochrane Collaboration als seriös und ihre Übersichtsarbeiten werden als beispielgebend anerkannt. Als Zeichen des hohen Reflexionsniveaus dieser Organisation kann eine Studie gelten, die eigene und fremde Übersichtsarbeiten zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung macht. (Page, M. J. et al. (2013). An empirical investigation of the potential impact of selective inclusion of results in systematic reviews of interventions: study protocol. Systematic Reviews 2013, 2:21)
2.Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Inzwischen hat dieses Buch über die Mafia-Methoden der Pharmaindustrie einen deutschen Verlag gefunden (Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. München: Riva). Dieses Buch ist Pflichtlektüre für jeden, der krank ist oder der es für möglich hält, einmal krank zu werden. Und erst recht ist es Pflichtlektüre für alle, die als „psychisch krank“ diagnostiziert wurden.
3.Gøtzsche, P. (2014). Psychiatry Gone Astray. Mad in America, 28. Januar
4.Die Big Five gelten als die angesehensten medizinischen Fachzeitschriften weltweit.
5.Am 14. September 2018 teilte Gøtzsche mit, dass er aufgrund eines Minderheitsvotums seine Mitgliedschaft in der Cochrane Collaboration verloren habe und nicht länger zum Direktorium dieser Organisation gehöre. Die Begründung dafür sei vage. Es sei ihm vorgeworfen worden, der Reputation der Cochrane Collaboration geschadet zu haben (A moral governance crisis). Infolgedessen scheint der Fortbestand der Collaboration erheblich bedroht zu sein, wie das British Medical Journal mitteilt (Cochrane – A Sinking Ship?) Einige bedeutende Forscher haben sich entschieden auf seine Seite gestellt. Über den Fortgang dieser Affäre werde ich berichten, sobald ich Neues weiß.
6.Council of Evidence-based Psychiatry
7.Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press; deutsch: Peter C. Gøtzsche: Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen – Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen. München: Riva Verlag, 2016
8.Whitaker, R. (2018). Randomized Controlled Trials of Psychiatric Drugs Tell of Harm Done. Mad in Amerika