Zwei Formen der Psychiatriekritik

Die idealistische Psychiatriekritik ruht auf folgendem Grundgedanken:

  1. Es gibt eine natürliche und eine übernatürliche Welt.
  2. Die Psyche (Seele) gehört zur übernatürlichen Welt.
  3. Krankheit ist ein Geschehen in der Natur.
  4. Daher kann die Psyche nicht erkranken.
  5. Und so hat die Psychiatrie kein legitimes Arbeitsfeld. Es gibt keine psychischen Krankheiten.

Folgende Überlegung kennzeichnet die materialistische Psychiatriekritik:

  1. Alles, was existiert, gehört zur Natur; es gibt nichts Übernatürliches.
  2. Die Psyche existiert als Vorstellung im Gehirn, nicht aber als etwas Reales, nicht nur Imaginiertes. Man kann sie mit einem Einhorn vergleichen, nicht mit einem Reh.
  3. Ein Reh kann erkranken, nicht aber ein Einhorn. Man kann sich zwar vorstellen, das Einhorn sei krank, dennoch fehlt ihn in Wirklichkeit nichts, weil es nur eine Fantasiegestalt ist.
  4. Entsprechend kann auch die Psyche nicht erkranken.
  5. Und so hat die Psychiatrie kein legitimes Arbeitsfeld. Es gibt keine psychischen Krankheiten.

Die Auseinandersetzung zwischen idealistischer und materialistischer Psychiatriekritik ist also, philosophisch betrachtet, eine Spielart der Leib-Seele- bzw. Körper-Geist-Debatte. Diese Debatte ist (beinahe) so alt wie die Philosophie selbst, sie wird seit Jahrhunderten geführt und bisher blieb die Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seele, Körper und Geist schlussendlich ungeklärt. Ist die Natur eine Entäußerung des Geistes, ist der Geist ein Geschehen in der Natur? Sind psychische Abläufe identisch mit Prozessen im Nervensystem bzw. im gesamten Körper?

Wer diese Frage philosophisch diskutieren möchte, muss viel Zeit mitbringen; ein Leben, und währte es auch noch so lang, reichte dazu mitnichten aus.

Meine Position ist die materialistische; und zwar aus pragmatischen Gründen. Der philosophischen Debatte weiche ich bewusst aus, weil mir die mit meinem Standpunkt verbundenen Probleme durchaus klar sind und ich mir nicht anmaße, zu ihrer Lösung beitragen zu können. Daran nämlich, dass der Versuch, Geistiges, Psychisches auf Physisches zu reduzieren, in seiner gegenwärtigen Form gescheitert ist, kann kein Zweifel bestehen. Dies soll hier nicht diskutiert werden; der Interessierte finde eine brillante Auseinandersetzung mit diesem Thema in Thomas Nagels Alterswerk: „Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False.“

Meine pragmatische Argumentation klammert die philosophischen Fragestellungen aus. Mir fehlt vor allem auch die Zeit dazu, mich ihnen zu widmen. Mein Anknüpfungspunkt sind praktische Fragen. So müsste beispielsweise der idealistische Psychiatriekritiker die Existenz von Störungen des Verhaltens und Erlebens, die auf körperlichen Erkrankungen beruhen, folgerichtiges Denken vorausgesetzt, entschieden leugnen – denn schließlich ist die Psyche etwas Übernatürliches und kann folglich nicht erkranken. Aus meiner Sicht ist eine solche Sichtweise unhaltbar und für betroffene Patienten wohl auch unzumutbar.

Schätzungsweise leiden beispielsweise mindestens 40 Prozent der Patienten mit Hirntumoren unter psychischen Phänomenen, die, zumindest bei oberflächlicher Betrachtung und unter Zeitdruck, als „Symptome einer psychischen Erkrankung“ missdeutet werden könnten. Am häufigsten zeigen sich diese Phänomene bei Patienten mit Temporallappentumoren (bis zu 90 Prozent und mehr).

Es ist kaum möglich, diese Symptome als Ausdruck schwieriger Lebensumstände aufzufassen, denn bei anderen Patienten mit Karzinomen vergleichbarer Prognose, bei denen das Hirn nicht betroffen ist, findet sich diese Häufung der einschlägigen Phänomene nicht. Generell scheint mir zu gelten, dass alle bekannten Tatsachen für die materialistische These sprechen und keine dagegen.

Noch nie wurde bei einem Toten eine psychische Aktivität festgestellt, ebenso wenig konnte die Existenz von körperlosen Geistern bisher nachgewiesen werden. Man kann durch elektrische Stimulation des Gehirns zuverlässig psychische Reaktionen hervorrufen. Die Wirkungen des Alkohols oder gar von Halluzinogenen sind bekannt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Immer dann, wenn wir mit psychischen Abläufen konfrontiert sind, dann haben wir es mit den Lebensäußerungen eines Organismus aus Fleisch und Blut zu tun.

Selbstverständlich können Erkrankungen von Organismen auch mit pathologischen Veränderungen des Verhaltens und Erlebens verbunden sein. Daraus folgt aber nicht, dass alle (von wem auch immer) unerwünschten Veränderungen des Verhaltens und Erlebens eine körperliche Ursache haben. Sehr wohl natürlich ist jedes Verhalten und Erleben von körperlichen Prozessen begleitet, dies gilt für krankes, wie für gesundes; dies bedeutet aber keineswegs, dass die letztliche Ursache im körperlichen Bereich zu suchen ist.

So kann man einen psychisch normalen Menschen mit intaktem Gehirn unter Hypnose dazu bringen, zu halluzinieren, an Wahnideen zu glauben, hyperaktiv zu werden und was weiß ich nicht alles. Verursacht wurde dies dann aber offensichtlich nicht durch das Gehirn, sondern durch den hypnotischen Prozess, also durch ein Rollenspiel in einem bestimmten sozialen Kontext.

In meinen Augen ist idealistische Psychiatriekritik ein Papiertiger, und, wenn es hier der Steigerung noch bedarf, ein zahnloser Papiertiger. Über eine philosophisch begründete und esoterisch anmutende Psychiatriekritik kann der Psychiater achselzuckend hinweggehen. Er lässt den Nimbus der Naturwissenschaften für sich arbeiten. Computer, Tomographen und moderne genetische Forschung beeindrucken den Laien zumeist einfach mehr als philosophische oder gar religiöse Erwägungen.

Auch wenn sie, eher spröde gestrickt und trocken, die Volksmassen nicht zu begeistern vermag, ist eine wissenschaftlich fundierte, empirisch erhärtete, also materialistische Psychiatriekritik die einzig Erfolg versprechende, zumindest die einzig ernst zu nehmende. Sie schlägt die Kritisierten mit den eigenen Waffen. Wer vorgibt, Kranke zu behandeln, der muss mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen, dass diese Patienten tatsächlich krank sind. Dies ist der Psychiatrie bei den „Schizophrenen“, den „Depressiven“, den „Persönlichkeitsgestörten“ und bei all den anderen so genannten psychisch Kranken bisher nicht gelungen.

Der Prüfstein materialistischer Psychiatriekritik ist die empirische Forschung. Hier allerdings ist die Spreu vom Weizen zu trennen. Es wurde inzwischen nachgewiesen, war Gegenstand peinlicher Prozesse, dass die Pharmaindustrie die Forschung verfälschend und zu ihren Gunsten beeinflusst hat. Studien, auf die dies zutrifft oder die aus anderen Gründen methodisch fragwürdig sind, gilt es natürlich auszusondern. Was dann übrigbleibt, zeichnet, zumindest bisher, ein überaus klägliches Bild vom Zustand der gegenwärtigen Psychiatrie.

Die moralische Legitimität will ich der idealistischen Psychiatriekritik ebenso wenig absprechen wie ihre philosophische Berechtigung; allein: Sie muss ihre Debatten auf einem Felde führen, das dafür bekannt, vielleicht dazu verdammt ist, keine allgemein befriedigenden Antworten zu finden, nicht einmal solche, die auch nur vorübergehend weitgehend ungeteilte Zustimmung finden.

Auf diesem Feld zählt die Rhetorik, häufig sogar die schiere Lautstärke. Dies ist das Niveau von Talkshows, und diese veranlassen Politiker allenfalls zu kosmetischen Korrekturen, nicht aber zu grundlegendem Kurswechsel.

Natürlich räume ich ein, dass die idealistische Psychiatriekritik mächtige Affekte für sich arbeiten lassen kann, allen voran den anti-naturwissenschaftlichen Affekt, der in einer starken Minderheit des Volkes virulent ist. Die suggerierte Frontstellung: hier die böse biologische Psychiatrie, dort die gute humanistische Gesinnung. Hier die kalten Apparate, dort die ewigen Wahrheiten.

Meine Güte, wenn es doch so einfach wäre! Das ist keine Psychiatriekritik, letztlich, wenn man unter Kritik eine Äußerung der Vernunft versteht. Das ist Politik mit antipsychiatrischen Affekten. Es mag ja sein, dass eine solche Politik Erfolg hat, und sei es nur den, dass sie ihre Protagonisten in die Presse oder ins Fernsehen bringt. Aber ich bezweifele, dass man so Erfolge erarbeiten kann, die wirklich der Sache dienen. Die Verhältnisse sollen sich ja schließlich nicht nur verändern, sie sollen sich verbessern. Ohne sachliche Kritik, die sich auf Fakten bezieht, wird sich dies aber nicht bewerkstelligen lassen.

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