Das Einhorn und die Irren

Im wissenschaftlichen Sinne valide ist ein Begriff, dem Tatsachen entsprechen. Tatsachen sind Sachverhalte, deren Vorliegen von unabhängigen Beobachtern aufgrund sinnlicher Erfahrung (evtl. mittels Instrumenten) bestätigt wurde. Die Bestätigung erfolgt in der Regel durch Replikation von Experimenten und durch Reproduktion systematischer nicht-experimenteller Beobachtungen.

Das Einhorn ist ein Säugetier, das einem Pferd ähnelt, aber ein gewundenes Horn auf der Stirn trägt. Es hat gespaltene Hufe, einen Löwenschwanz und einen Ziegenbart. Sein Fell ist reinlich weiß. Einhornhengst und Einhornstute leben monogam zusammen, bis eines der beiden Tiere stirbt. Der Witwer oder die Witwe ziehen dann zum Horizont, um dort mit der untergehenden Sonne zu verschmelzen.

Man wird dieses Tier in der biologischen Nomenklatur vergeblich suchen. Denn es fehlt der Holotypus, ein Exemplar des Namensträgers, das in einer wissenschaftlichen Sammlung aufbewahrt wird. Kurz: „Einhorn“ ist kein valider wissenschaftlicher Begriff. Ihm entspricht nichts in der Realität. Man muss es, bis zum Beweis des Gegenteils, als Fabeltier betrachten, als Ausgeburt der Fantasie. Weitere hypothetische Lebewesen dieser Art sind Bigfoot und Yeti oder die Steinlaus (Petrophaga lorioti).1

Der Begriff ‚psychische Krankheit‘ ist eine Black Box“,

schreiben die amerikanischen Professoren für Sozialarbeit, Stuart A. Kirk, Tomi Gomory und David Cohen in ihrem Buch „Mad Science“ (Kirk et al. 2013). Und weiter:

Medizinisch Orientierte argumentieren, dass diese Syndrome Gehirnkrankheiten seien, Thomas Insel, der Direktor des NIMH spekuliert, dass ‚abnorme Aktivität in bestimmten Hirnschaltkreisen‘ die Ursache psychischer Krankheiten sei. Unglücklicherweise konnte, nach hundert Jahren solcher Hypothesen, nicht ein einziger Biomarker für psychiatrische Störungen identifiziert werden, um Sorgen und Fehlverhalten als psychische Krankheiten zu validieren.“

In dem Buch „Cracked“ (Davies 2013) des britischen Psychologen James Davies heißt es:

… es gibt immer noch keine objektiven Tests, mit denen man die Validität irgendeiner psychiatrischen Diagnose bestätigen kann – eine Tatsache, die durch die fortgesetzt niedrigen Reliabilitäts-Raten noch unterstrichen wird.“

Andere Autoren verwenden den Begriff der „psychischen Krankheit“ zwar noch, aber eher einer Konvention entsprechend, denn aus Überzeugung. So schreibt beispielsweise die britische Psychiaterin Joanna Moncrieff:

Üblicherweise gebrauchte Begriffe wie ‚psychische Krankheit‘, ‚Patient‘, ‚Therapie‘ und natürlich ‚Antipsychotika‘ bergen Konnotationen, die ein kritisch gestimmter Beobachter womöglich in Frage stellen möchte. Doch da die medizinische Sicht so tief in die allgemeine Psyche eingegraben ist und die Basis des modernen Systems der psychischen Gesundheit bildet, ist es manchmal schwierig, Sinn zu vermitteln, wenn diese Begriffe nicht gebraucht werden. Allgemein gebräuchliche und akzeptierte Alternativen existieren einfach nicht, und man riskiert, unverständlich zu werden oder zumindest extrem sperrig, wenn man sie insgesamt zu vermeiden versucht (Moncrieff 2013: Kindle Edition, Pos. 170).“

Diese und zahllose andere Autoren bestätigen, was der amerikanische Psychiater Thomas Szasz bereits 1961 zu Papier brachte: Die so genannten psychischen Krankheiten sind ein Mythos (Szasz 1974). Die psychiatrischen Konstrukte, die so genannten „Krankheitsbilder“ oder „Syndrome“ sind nicht valide. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Und so kann man „psychisch Kranke“ durchaus mit Einhörnern vergleichen. Es handelt sich, bis zum Beweis des Gegenteils, um Fabelwesen.

Die Kryptozoologie ist ein Teilgebiet der Biologie, das vor dem Menschen bisher verborgene Tierarten aufspürt. Manchmal ist dieser Disziplin durchaus Erfolg beschieden. So hielt man zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Berggorilla noch für eine Ausgeburt der Fantasie; seine reale Existenz ist heute Schulwissen. Andere Entdeckungen verborgener Lebewesen, wie im Falle des Bigfoots oder des Yetis, erwiesen sich allerdings als Schwindel.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Kryptomedizin irgendwann einmal einen „psychisch Kranken“ ausfindig macht, also einen Menschen, der aufgrund körperlicher Ursachen beispielsweise an einer „Schizophrenie“, an einer „Depression“ oder an einer „Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung“ leidet. Es ist aber auch denkbar, dass es sich bei diesen „Krankheiten“ um willkürliche Zusammenstellungen von Phänomenen handelt, die als „Symptome psychischer Krankheiten“ gedeutet werden, obwohl sie andere Ursachen haben und keineswegs einheitliche, voneinander abgegrenzte „Syndrome“ darstellen.

So wie mancher Bigfoot mitunter schon als gemeiner Bär identifiziert wurde, musste auch schon mancher „psychisch Kranke“ aus den Verzeichnissen psychiatrischer Fabelwesen entlassen werden. Man denke zum Beispiel an den Homosexuellen. Zwar halten Psychoanalytiker auch heute noch daran fest, dass Homosexuelle pervers und krank seien, aber es gibt ja auch obskure Vereinigungen, die an die beispielsweise an die Realität von Yetis glauben, obwohl die Fachwelt allgemein davon nichts wissen will. Aus den maßgeblichen Klassifikationssystemen psychiatrischer Krankheiten (DSM, ICD) ist die Homosexualität allerdings verschwunden.

Andererseits gibt es natürlich auch körperliche Erkrankungen mit Auswirkungen auf das Verhalten und Erleben. Mitunter stellt sich eine mutmaßliche „psychische Krankheit“ als neurologische oder sonstige körperliche Störung heraus. Die Epileptiker beispielsweise galten seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhundert als „psychisch Kranke“, bis schließlich die tatsächliche Ursache dieser Störung identifiziert werden konnte (Szasz 2010:118 ff.).

Wenn etwas wirklich Vorhandenes nicht für das, was es ist, sondern für etwas anderes gehalten wird, spricht man von illusionärer Verkennung. Dies dürfte häufig der Grund für UFO-Sichtungen sein. Die fehlende Validität psychiatrischer Diagnosen spricht dafür, dass auch diesen eine illusionäre Verkennung zugrunde liegt. Man meint, einen psychisch Kranken zu sehen, obwohl das, was tatsächlich mit den Sinnen wahrgenommen wird, ein Mensch ist, der z. b. bekundet, Stimmen zu hören, die sonst niemand hört oder an Ideen zu glauben, die andere für nicht plausibel oder abwegig halten. Nicht nur bei der Wahrnehmung mit dem bloßen Auge, sondern sogar unter Zuhilfenahme moderner Instrumente, sind wir vor illusionären Verkennungen nicht gefeit. Dies zeigt sich z. B. bei den voll computerisierten bildgebenden Verfahren, mit denen man den Ursachen „psychischer Krankheiten“ im Gehirn auf der Spur zu sein wähnt.

Wer von „psychisch Kranken“ spricht, bewegt sich auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes, das an den Weihnachtsmann glaubt. Da der Mann einen weißen Bart hat, eine rote Mütze und einen roten Mantel trägt, wird wohl schon stimmen, was Mutter und Vater behaupten.

Aus der Tatsache, dass es sich bei den heutigen Konstrukten „psychischer Krankheiten“ nicht um valide Begriffe handelt, folgt allerdings nicht, dass es grundsätzlich unmöglich wäre, sie jemals zu validieren. Wenn eine Theorie aus Universalaussagen besteht, dann können wir sie nicht beweisen und nur versuchen, sie zu widerlegen. Die Theorie beispielsweise, dass alle Schwäne weiß seien, kann nicht bewiesen werden, denn wie viele weiße Schwäne man auch immer vorweist: nicht auszuschließen ist, dass einer entdeckt wird, der es nicht ist. Ein einziger nicht weißer Schwan aber widerlegte die Theorie, definitiv.

Setzt sich eine Theorie aber aus Existenzaussagen zusammen, dann verhält es sich genau umgekehrt. Die Theorie, dass es mindestens einen schwarzen Schwan gebe, kann man nicht widerlegen, denn dazu müsste ich alle Gegenstände des Universums durchmustern und zeigen, dass keiner von diesen ein Schwan und schwarz ist. Das geht natürlich nicht. Daher ist derjenige, der eine solche Theorie aufstellt, verpflichtet, sie zu beweisen.2 Dies gilt natürlich auch für die Theorie, dass es psychisch Kranke gäbe.

Zum Beweis der Existenz psychisch Kranker genügt es nicht, auf unsere gut gefüllten Irrenhäuser zu verweisen. Denn die dortigen Insassen könnten auch die Opfer einer illusionären Verkennung sein. Man könnte die echten von den falschen psychisch Kranken nur durch eine valide Diagnostik unterscheiden. Diese aber gibt es zur Zeit nicht. Dies musste auch der vormalige Direktor des weltweit größten psychiatrischen Forschungszentrums, des National Institute of Mental Health (NIMH), Thomas Insel einräumen. Er schrieb in seinem Director’s Blog über das diagnostische Handbuch der amerikanischen Psychiatrie, das DSM:

Das Ziel dieses neuen Handbuchs, wie aller vorherigen Ausgaben, ist es, eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Psychopathologie bereitzustellen. Obwohl das DSM als “Bibel” für dieses Gebiet beschrieben wurde, ist es, bestenfalls, ein Lexikon, das eine Menge von Etiketten kreiert und sie definiert. Die Stärke jeder dieser Ausgaben des DSM war ‚Reliabilität‘ – jede Edition stellte sicher, dass Kliniker dieselben Begriffe in derselben Weise benutzten. Seine Schwäche ist ist sein Mangel an Validität. Anders als bei unseren Definitionen der Ischämischen Herzkrankheit, des Lymphoms, oder von AIDS, beruhen die DSM-Diagnosen auf dem Konsens über Muster klinischer Symptome, nicht auf irgendwelchen objektiven Labor-Daten. In der übrigen Medizin, entspräche dies dem Kreieren diagnostischer Systeme auf Basis der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität des Fiebers. In der Tat, symptom-basierte Diagnosen, die einst in anderen Gebieten der Medizin üblich waren, wurden im letzten halben Jahrhundert weitgehend ersetzt, weil wir verstanden haben, dass Symptome selten die beste Wahl der Behandlung anzeigen. Patienten mit psychischen Störungen haben Besseres verdient (Insel 2013a).“

Am Rande sei erwähnt, dass sich Insel hinsichtlich der Reliabilität täuscht, denn auch diese ist unzulänglich (Kirk et al. 2013), aber seine Einschätzung bezüglich der Validität entspricht dem Stand seriöser Forschung. Insel ist im Übrigen ein leidenschaftlicher Verfechter der These, dass „psychische Krankheiten“ existierten und dass sie Hirnerkrankungen seien. Man darf ihn also als einen eminenten Vertreter der Kryptomedizin betrachten.

Man mag ihn, angesichts des beständigen Scheiterns der Versuche, psychisch Kranke zu entdecken, milde belächeln, aber man muss anerkennen, dass er immerhin die Notwendigkeit der Validierung psychiatrischer Diagnostik erkennt. Dies ist leider auch in psychiatrischen Fachkreisen nicht so selbstverständlich, wie es wünschenswert wäre.

Die Validierung des Konstrukts einer psychischen Krankheit im medizinischen Sinn (beispielsweise einer „bipolaren Störung“) hätte in zwei Schritten zu verfolgen:

  1. Es müsste replizierbar nachgewiesen werden, dass eine Kombination von Merkmalen des Verhaltens und bekundeten Erlebens durch eine somatische Störung (des Nervensystems oder sonstiger körperlicher Prozesse) verursacht wird.
  2. Es müsste ein physiologisches Modell der „gesunden“, ihrer natürlichen Bestimmung gemäß funktionierenden Psyche konstruiert und es müsste gezeigt werden, dass die als ursächlich ermittelte körperliche Störung signifikant von diesem Modell abweicht.

Literatur

Davies, J. (2013). Cracked. Why Psychiatry Is Doing More Harm Than Good. London: Icon Books

Insel, T. (2013a). Director’s Blog, 29. April: Transforming Diagnosis

Kirk, S. A. et al. (2013). Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs. Piscataway, N. J.: Transaction

Moncrieff, J. (2013). The Bitterest Pills. The Troubling Story of Antipsychotic Drugs. Houndmills, Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan

Szasz, T. S. (1974). The Myth of Mental Illness: Foundations of a Theory of Personal

Szasz, T. S. (2010). Coercion As Cure. A Critical History of Psychiatry. New Brunswick, N. J.: Transaction Publishers (Second Paperback Edition)

***

Wissenschaftlich nicht valide Begriffe können wertvoll sein, vor allem in der Kunst, aber auch in der alltäglichen Kommunikation. Allerdings helfen sie uns nicht bei der Lösung realer Probleme. Jäger sind schlecht beraten, auf die Jagd nach Einhörnern zu gehen, wenn es gilt, die Nahrungsbedarf der Lieben daheim zu befriedigen.

Wer eine Existenzbehauptung aufstellt, muss sagen können, wann und wo man den als existent behaupteten Gegenstand beobachten und woran man erkennen kann, dass es sich zweifelsfrei um diesen Gegenstand handelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.