Zehn Thesen zur Psychotherapie

Die folgenden Statements beziehen sich auf Angebote, die auf dem medizinischen Modell psychischer Krankheiten beruhen. Es gibt natürlich psychotherapeutische Maßnahmen, die von diesem Standardmodell abweichen – und je weiter sie sich von ihm entfernen, desto weniger treffen die folgenden Thesen auf sie zu.

  1. Psychotherapien“ stigmatisieren.Wer sich in eine „Psychotherapie“ begibt, räumt dadurch zwangsläufig ein, „psychisch krank“ zu sein. Damit die Krankenkasse diese Dienstleistung bezahlt, muss eine psychiatrische Diagnose erstellt werden. Auch wenn diese geheim bleibt, wird der Betroffene fortan alle negativen Einstellungen seiner Mitmenschen bezüglich „psychisch Kranker“ im Allgemeinen und gegenüber Menschen mit seiner Diagnose im Besonderen auf sich beziehen. Es ist unmöglich, dies nicht zu tun.
  2. Psychotherapien“ deformieren das Selbstbild. Unter dem Druck der Stigmatisierung verändert sich das Selbstbild des Betroffenen schleichend im Sinne der gängigen Vorurteile. Sofern sich, was leider die Regel und letztlich auch nicht zu vermeiden ist, die „Psychotherapie“ auf die (vermeintlichen) Schwächen des Patienten konzentriert, wird diese Deformation des Selbstbildes sogar noch beschleunigt und verstärkt. Der Betroffene neigt zunehmend dazu, seine Gedanken, Stimmungen, Gefühle und Handlungen als Ausdruck seiner „Krankheit“ zu betrachten.
  3. Psychotherapien“ schwächen natürliche soziale Bindungen. Wer sich in eine „Psychotherapie“ begibt, hat oft niemandem, dem er wirklich vertraut, mit dem er sich aussprechen kann, der gewillt ist, ihm auch bei unerfreulichen und emotional belastenden Themen zuzuhören. In der „Psychotherapie“ findet er nun einen Menschen, der ihm aus beruflichen Gründen seine volle Aufmerksamkeit widmet. Zwar muss sich der Patient an gewisse Spielregeln halten und sich diversen Anstrengungen unterwerfen. Aber es ist viel schwieriger, viel anspruchsvoller, viel zeitraubender und mitunter auch demütigender zu versuchen, wahre Freunde zu gewinnen.
    Der Besuch eines „Psychotherapeuten“ gleicht in mancherlei Hinsicht dem Gang ins Bordell. Eingedenk der menschlichen Natur besteht die Gefahr, dass die bequeme Lösung die anspruchsvollere zunehmend verdrängt. Und diese Gefahr ist bei der „Psychotherapie“ sogar noch größer als beim käuflichen Sex, weil letzteren die Kasse nicht bezahlt.
  4. Psychotherapien“ machen süchtig. Die meisten „Psychotherapiepatienten“ erfahren nirgendwo sonst so viel Aufmerksamkeit für ihre persönlichen Belange. Sie sind, oftmals auch in Partnerschaften oder Ehen, einsam und fühlen sich unverstanden oder gar missachtet. Sie erleben daher die Stunden mit dem Psychotherapeuten als sehr befriedigend und lustvoll, auch wenn es nicht zum Äußersten kommt. Da die Zuwendung aber eine professionelle, keine authentische ist, hinterlässt sie ein schales Gefühl, das allerdings in der Regel nicht bewusst gemacht und reflektiert wird.
    Die erlebte Befriedigung ist also nicht tief und echt, sondern sie verblasst schnell wieder und hinterlässt keine dauerhaften Spuren in der Seele. Konstellationen dieser Art erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Suchtentwicklung, verbunden mit dem Zwang zur Dosissteigerung und mit Entzugserscheinungen. Obwohl sonst keine menschliche Lebensregung psychiatrischer Erfindungsgabe entgeht, findet sich in den diagnostischen Manualen bezeichnenderweise nirgends die “
    Psychotherapiesucht”.
  5. Psychotherapien“ führen zu kognitiven Defiziten. Bevor sie süchtig geworden sind, gehen Menschen überwiegend wegen ihrer Lebensprobleme in eine Psychotherapie. Lebensprobleme sind Ausdruck komplexer Wechselwirkungen zwischen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten. Diese Wechselwirkungen spiegeln sich in der Psyche wieder, mehr oder weniger verzerrt. Art und Ausmaß der Verzerrungen hängen sicher auch von psychischen Faktoren ab (von den Erbanlagen und der bisherigen Lerngeschichte); dies ändert aber nichts an Tatsache, dass der Ursachenkern des jeweiligen Lebensproblems außerhalb der Psyche zu suchen ist.
    Die gesellschaftlichen Prozesse sind ungleich stärker als die Kräfte der Seele. Von diesem Strom werden wir alle mitgerissen – und wenn es uns auch gelingt, den Kopf über Wasser zu halten, dann sollten wir uns deswegen nicht einbilden, das wir Meister des Stromes werden könnten.
    Indem nun aber die „Psychotherapie“ sich auf die Psyche konzentriert und die außer-psychischen Faktoren missachtet, richtet sie den Patienten dazu ab, sich vom Wesentlichen ab- und dem weniger Wichtigen zuzuwenden. Salopp formuliert: „
    Psychotherapien“ verblöden.
  6. Psychotherapien“ vermindern die intrinsische Motivation. Wer intrinsisch motiviert ist, handelt aus eigenem Antrieb, verfolgt selbst gesetzte Ziele. Die intrinsische Motivation steigt, wenn Handeln aus eigenem Antrieb beim Verfolgen selbst gesetzter Ziele Erfolg hat. Wer aber nach einer Therapie Erfolg hat in Bereichen, in denen er zuvor nicht so erfolgreich war, der wird dies, sofern er an diesen Schwindel glaubt, der „psychotherapeutischen“ Methode und der Kompetenz des Therapeuten zuschreiben. Dadurch wird die eigene Leistung, der eigene Anteil am Erfolg geschmälert und entsprechend weniger wird die intrinsische Motivation gefördert.
    Da aber empirisch erwiesen ist, dass die Kompetenz des Therapeuten und die psychotherapeutische Methode nur einen verschwindend geringen Einfluss auf den Erfolg der „Behandlung“ haben, sondern dass vielmehr die Fähigkeit und Bereitschaft des Patienten, sich zu ändern, den Ausschlag gibt, schädigt eine Psychotherapie ihre Patienten motivational schwerwiegend.
    Denn wer in Lebensproblemen steckt, braucht intrinsische Motivation. Extrinsische Motivation, in Form von Druck durch Partner, Verwandtschaft, Arbeitgeber etc. hatte der Betroffene bereits genug und geholfen hat es nichts, im Gegenteil, sonst würde er sich ja nicht „psychotherapieren“ lassen.
  7. Psychotherapien“ machen realitätsblind. Um Patienten zur Mitarbeit zu motivieren und vom Sinn der Veranstaltung zu überzeugen, neigen Psychotherapeuten dazu, vermeintliche Verbesserungen der Seelenlage und geringfügige Anpassungen ans erstrebte Verhaltensmuster zu großen Erfolgen oder gar Durchbrüchen emporzustilisieren. In einsichtsorientierten Therapien wird geradezu ein Kult der Aha-Erlebnisse zelebriert.
    Selbstverständlich haben solche Phänomene unter der „psychotherapeutischen“ Käseglocke im frischen Wind des alltäglichen Lebens keine besonders große Bedeutung. Da sie aber mit einer hohen emotionalen Relevanz aufgeladen wurden, können sie den Blick für die schnöden Tatsachen des realen Daseins empfindlich trüben. Ein Beispiel für die Folgen sind behandelte Drogenabhängige, die in Bewerbungsgesprächen mächtig auftrumpfen, weil sie dies während der stationären Rehabilitation im
    Selbstbehauptungskurs „erfolgreich“ so gelernt haben. Wenn sie damit auf den Bauch fallen, haben sie dies ihrer Psychotherapie zu verdanken.
  8. Psychotherapien“ machen unausstehlich. Wenn Menschen miteinander umgehen, dann ist es nicht verwerflich, wenn jedes Individuum auch die eigenen Interessen im Auge hat. Übertriebene Egozentrik jedoch stört die mitmenschliche Kommunikation und Kooperation erheblich. Wer mit Herzblut an einer gemeinsamen Sache hängt, ist immer wohlgelitten, selbst wenn er die eine oder andere störende Eigenart hat.
    Psychotherapien (und dies gilt auch für Gruppentherapien) sind vollständig auf das Individuum zentriert, denn definitionsgemäß geht es ja darum, eine „Erkrankung“ zu heilen. Die Patienten werden in der „Psychotherapie“ deswegen dazu verleitet, wenn nicht animiert, das Geschehen in einer Partnerschaft oder einer Gruppe von Menschen stets im Zusammenhang mit dem eigenen Befinden und Verhalten zu erleben und zu bedenken.
    Dadurch wird verhindert, dass die Patienten sich von der gemeinsamen Sache mitreißen lassen. Sie können ihre angebliche psychische Störung nicht vergessen; sie können nicht loslassen. Schließlich wurde die „Krankheit“ in der „Psychotherapie“ ja auch so furchtbar wichtig genommen.
  9. Psychotherapien“ verbarrikadieren die Zukunft. Fast alle Psychotherapien unterstellen, sich dem Hier & Jetzt zu widmen. Sogar die Psychoanalyse, die in dem Ruf steht, hemmungslos in der Vergangenheit zu wühlen, nimmt für sich in Anspruch, dass sie sich auf das Hier & Jetzt der Übertragungs- bzw. Gegenübertragungsbeziehung zwischen Patient und Therapeut konzentriere. Allein das kann ja wohl nicht stimmen, wenn es sich dabei um eine Krankenbehandlung handeln soll; denn Krankheiten sind Störungen, die irgendwann einmal in der Vergangenheit entstanden sind.
    Das unvermittelt erfahrene Hier & Jetzt ist das ganz und gar Unbestimmte, wie Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ zeigte, es hat keinen konkreten Inhalt. Wird also eine Krankheit behandelt, so ragt stets die Vergangenheit bestimmend ins Hier & Jetzt hinein. Das therapeutische Hier & Jetzt erhält so seinen zentralen Inhalt durch das Vergangene. Dies ist bereits mit dem Begriff der „Psychotherapie“ als Behandlung einer kranken Psyche gesetzt.
    Zwar kommt auch die Zukunft ins Spiel, aber nur als ein Zustand, in dem die Krankheit geheilt ist; und somit ist durch die Besonderheit der „Krankheit“ auch vorgegeben, welche Aspekte der Zukunft interessieren. Man kann es drehen und wenden wie man will: Solange Psychotherapie eine Krankenbehandlung sein soll, ist sie an die mutmaßlichen Defizite und Defekte des Patienten gekettet und damit an seine Vergangenheit.
    Wollte sie sich den
    offenen Horizont der Zukunft erschließen, so müsste sie sich den Potenzialen des Klienten widmen, doch dann wäre sie im strengen Sinne keine Krankenbehandlung mehr, denn zukünftige Entfaltungsmöglichkeiten sind nun einmal nichts Krankes.
  10. Psychotherapien“ verstärken das Leiden. Wer sich in eine „Psychotherapie“ begibt, leidet unter Lebensproblemen. Diese Lebensprobleme wurzeln in aller Regel in sozialen und ökonomischen Schieflagen, die der Betroffene, wenn überhaupt, nur in geringem Maß beeinflussen kann. In der „Psychotherapie“ erfährt er nun, dass sein Leiden, wenngleich unter Umständen ausgelöst durch solche Lebensprobleme, Ausdruck einer „psychischen Krankheit“ sei. Es gelte, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sich zu ändern, um dann wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blicken zu können.
    Da man objektive Sachverhalte der Außenwelt nicht durch „Arbeit an sich selbst“ verändern kann, bestehen die Erfolge der „Psychotherapie“ allenfalls in einer positiven Reinterpretation der fortbestehenden miserablen Verhältnisse. Manche Therapeuten bekennen sich sogar offensiv dazu,
    ihren Patienten Scheuklappen aufzusetzen.
    Allein, dass solche Überzuckerungen des schnöden Daseins voraussichtlich den unausweichlichen Stürmen und Wolkenbrüchen nicht standhalten, bedarf keiner Begründung. Die Konsequenz besteht darin, dass die Patienten früher oder später aufgrund von Enttäuschungen zusätzlich leiden und sich womöglich sogar die Verantwortung für das Misslingen selbst zuschreiben, weil sie nicht genug an sich gearbeitet hätten. Es trifft zwar zu, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann, ob er glücklich oder unglücklich sein will.
    Dies bedeutet aber nicht, dass miserable Lebensbedingungen verschwinden, wenn man sich dazu entscheidet, trotz alledem glücklich zu sein. Das Lebensproblem, das einen Menschen in eine „Psychotherapie“ geführt hat, besteht jedoch in aller Regel nicht nur aus inneren Befindlichkeiten, sondern aus handfesten äußeren Schwierigkeiten. Diese weitgehend zu ignorieren, ist ein Charakteristikum von „Psychotherapie“ nach dem medizinischen Modell. Man müsste schon ein Philosoph vom Range eines Epiktet sein, wenn man bei schweren Nackenschlägen dennoch auf Dauer glücklich bliebe.1

Es handelt sich bei den vorangestellten zehn Punkten um Thesen, nicht um erwiesene Tatsachen. Sie ergeben sich aus den vorangestellten Ergebnissen empirischer Forschung und aus den daran anknüpfenden Überlegungen. Sie beanspruchen keineswegs, der Diskussion und Kritik enthoben zu sein; im Gegenteil: Einwände sind erwünscht.

Hin und wieder wenden sich Menschen, die mit meinen Auffassungen vertraut sind, an mich und geben zu bedenken, dass sie selbst und viele, die sie kennten, in der Psychotherapie ganz andere und unterm Strich positive Erfahrungen gesammelt hätten. Diese persönlichen Erfahrungen will ich nicht entwerten. Hier habe ich vorgetragen, was die Forschung zur Psychotherapie sagt und mein subjektives Fazit daraus in Thesen gegossen. Diese sind natürlich anfechtbar. Es mag die unanfechtbare absolute Wahrheit geben, allein, wo sich dieses Füllhorn befindet, hat sich mir noch nicht erschlossen.

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Es ist zwar durchaus richtig, dass man sich nicht durch widrige Lebensumstände die Stimmung verdüstern lassen sollte. Es trifft aber ebenso zu, dass es klug ist, angesichts solcher Lebensumstände zunächst einmal zu versuchen, das Beste aus ihnen zu machen. Dazu muss man sich aber mit ihnen auseinandersetzen und nach konkreten Ansatzpunkten zur Veränderung der Realität suchen, und zwar in der Außen-, nicht in der Innenwelt. Erst wenn keine Möglichkeiten erkennbar sind, die Außenwelt zu verändern, ist es an der Zeit, sein Augenmerk auf die Innenwelt zu richten. Psychotherapie tendiert allerdings dazu, diese Reihenfolge umzukehren. Zuerst soll das Individuum reformiert werden und dann erst darf es sich an die Neugestaltung seines Umfelds wagen.

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