Wissenschaftliche Diagnosen sind nicht beliebig

Radikale Verbände Psychiatrie-Erfahrener bestreiten die Existenz psychischer Krankheiten. Dies ist, so platt formuliert, natürlich Unsinn. Man kann grundsätzlich Existenzsätze nicht widerlegen. Also auch nicht die Behauptung der Existenz psychischer Krankheiten. Irgendwo im Universum könnte es sie geben. Das ist niemals sicher auszuschließen.

Die Wut aber, die sich in der Haltung mancher Psychiatrie-Erfahrener ausdrückt, scheint mir durchaus berechtigt zu sein. Sie fühlen sich verleumdet. Man heftet ihnen willkürlich ein Etikett an. Schließlich ist die Existenz psychischer Krankheiten wissenschaftlich keineswegs erwiesen. Es handelt sich hier um eine Mutmaßung. Die Diagnosen sind keine validen Begriffe, die durch objektive Tests erhärtet wurden.

Manche Verteidiger der Psychiatrie sind auf ein Argument verfallen, das beim ersten Hinhören plausibel klingt. Krankheit sei eine Definition. Ärzte hätte die Freiheit und die Macht, nach Gutdünken Kombinationen von Merkmalen als Krankheiten festzulegen. Das sei keine theoretische, sondern eine praktische Frage.

Denkt man genauer darüber nach, stellt sich die Sache allerdings anders dar. Wenn dies statthaft wäre, so könnte man z. B. nach Belieben Rothaarigkeit zur Krankheit erklären oder die Begeisterung für den gegnerischen Fußballverein. An diesen absurden Beispielen zeigt sich, dass Krankheitsdefinitionen nicht in das freie Ermessen von Ärzten gestellt sein können.

Jede wissenschaftliche Disziplin, und so auch die Psychiatrie, hat eine Vorstellung dessen, was sie ausmacht. Der Astronom wird keine Fußbälle zu Objekten seiner Wissenschaft erklären, nur weil sie sich im Raum bewegen.

Ein Patient erwartet zu recht, nicht nach Belieben etikettiert zu werden. Schließlich ist er keine Ware im Supermarkt, sondern ein Mensch. Eine Diagnose ist kein beliebig festgesetzter Preis. Sie sagt etwas über den ganzen Menschen aus. Sie ordnet ihm Merkmale zu, die seine Persönlichkeit betreffen.

Die heutige Psychiatrie beruft sich auf ein medizinisches Modell psychischer Krankheiten. Das Grundverständnis lautet: Psychische Krankheiten sind im Kern Störungen des Gehirns. Umweltfaktoren können eine psychische Krankheit auslösen und den Heilungsprozess beeinflussen. Aber sie spielen, wenn überhaupt, im Ursachenbündel einer psychischen Krankheit nur eine untergeordnete Rolle. Ein weiteres Kennzeichen einer Krankheit im medizinischen Grundverständnis ist die Behandlungsbedürftigkeit. Diese sollte stets gegeben sein, selbst wenn eine Therapie zur Zeit noch nicht gefunden wurde.

Auch die Psychiatrie kann nur zur Krankheit erklären, was bei Betroffenen und / oder Mitmenschen Leiden verursacht und darum überwunden oder gelindert werden sollte.

Dies wird in der Psychiatrie allgemein auch so gesehen. Die Psychiatrie sucht deswegen nach den körperlichen Ursachen ihrer „Krankheitsbilder“, seitdem sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts als moderne medizinische Spezialdisziplin entstand. Die Psychiatrie rückt aufgrund ihres medizinischen Selbstverständnisses den biologischen Faktor in den Vordergrund. Und so richtet sie ihr Augenmerk auf körperliche Abweichungen, beispielsweise im Gehirn oder in den Erbanlagen. Allein, es ist ihr bisher noch nicht gelungen, solche Abweichungen als Ursachen gestörten Verhaltens zweifelsfrei zu identifizieren. Es gab immer wieder einmal „Kandidaten“, aber im Licht der Forschung besehen, hielten sie bisher einer Überprüfung nicht stand.