Wissenschaftliche Diagnosen sind nicht beliebig

Radikale Verbände Psychiatrie-Erfahrener bestreiten die Existenz psychischer Krankheiten. Dies ist, so platt formuliert, natürlich Unsinn. Man kann grundsätzlich Existenzsätze nicht widerlegen. Also auch nicht die Behauptung der Existenz psychischer Krankheiten. Irgendwo im Universum könnte es sie geben. Das ist niemals sicher auszuschließen.

Die Wut aber, die sich in der Haltung mancher Psychiatrie-Erfahrener ausdrückt, scheint mir durchaus berechtigt zu sein. Sie fühlen sich verleumdet. Man heftet ihnen willkürlich ein Etikett an. Schließlich ist die Existenz psychischer Krankheiten wissenschaftlich keineswegs erwiesen. Es handelt sich hier um eine Mutmaßung.1)Siehe meinen Artikel: Das psychiatrische Paradigma: die Mutmaßung Die Diagnosen sind keine validen Begriffe, die durch objektive Tests erhärtet wurden.

Manche Verteidiger der Psychiatrie sind auf ein Argument verfallen, das beim ersten Hinhören plausibel klingt. Krankheit sei eine Definition. Ärzte hätte die Freiheit und die Macht, nach Gutdünken Kombinationen von Merkmalen als Krankheiten festzulegen. Das sei keine theoretische, sondern eine praktische Frage.

Denkt man genauer darüber nach, stellt sich die Sache allerdings anders dar. Wenn dies statthaft wäre, so könnte man z. B. nach Belieben Rothaarigkeit zur Krankheit erklären oder die Begeisterung für den gegnerischen Fußballverein. An diesen absurden Beispielen zeigt sich, dass Krankheitsdefinitionen nicht in das freie Ermessen von Ärzten gestellt sein können.

Der amerikanische Autor und Psychologe Eric Maisel schreibt:

„Niemand bezweifelt ernsthaft die Phänomene Vögel und Bienen. Doch Vögel und Bienen Wunder zu nennen und einen Wunder wirkenden Gott zu erfinden, der sie schuf, ist eine bestimmte Art eines betrügerischen Sprungs. Niemand bezweifelt ernsthaft die Phänomene von Traurigkeit und Sorge. Doch sie Symptome von psychischen Krankheiten zu nennen, ist exakt dieselbe Art eines betrügerischen Sprungs. Wir machen Götter und psychische Krankheiten auf genau dieselbe Weise, indem wir illegitimerweise reale Phänomene gebrauchen, um nicht-existierende Dinge zu „beweisen“. Teil der Freude und Leichtigkeit dieses betrügerischen Kreierens ist, dass du das nicht-existierende Ding nach Belieben definieren kannst.“2)Maisel, E. (2013). The New Definition of a Mental Disorder, Psychology Today, online / „No one really doubts the phenomena of birds and bees. But to call birds and bees miracles and to create a miracle-maker god who created them is a certain kind of fraudulent leap. No one really doubts the phenomena of sadness and worry. But to call them symptoms of mental disorders is exactly the same kind of fraudulent leap. We make gods and mental disorders in exactly the same fraudulent way, by illegitimately using real phenomena as “proof” of the existence of non-existing things. … Part of the joy and ease of this fraudulent creating is that you can define the non-existing thing any way you like.“

Man kann natürlich „psychische Krankheiten“ als Hirnerkrankungen definieren. Auch dies ist ein „betrügerischer Sprung“, solange man nicht beweisen kann, dass die so definierten Krankheiten tatsächlich existieren.

Jede wissenschaftliche Disziplin, und so auch die Psychiatrie, hat eine Vorstellung dessen, was sie ausmacht. Der Astronom wird keine Fußbälle zu Objekten seiner Wissenschaft erklären, nur weil sie sich im Raum bewegen.

Ein Patient erwartet zu recht, nicht nach Belieben etikettiert zu werden. Schließlich ist er keine Ware im Supermarkt, sondern ein Mensch. Eine Diagnose ist kein beliebig festgesetzter Preis. Sie sagt etwas über den ganzen Menschen aus. Sie ordnet ihm Merkmale zu, die seine Persönlichkeit betreffen.

Die heutige Psychiatrie beruft sich auf ein medizinisches Modell psychischer Krankheiten.

Das Grundverständnis lautet:

Psychische Krankheiten sind im Kern Störungen des Gehirns. Umweltfaktoren können eine psychische Krankheit auslösen und den Heilungsprozess beeinflussen. Aber sie spielen, wenn überhaupt, im Ursachenbündel einer psychischen Krankheit nur eine untergeordnete Rolle.
Ein weiteres Kennzeichen einer Krankheit im medizinischen Grundverständnis ist die Behandlungsbedürftigkeit. Diese sollte stets gegeben sein, selbst wenn eine Therapie zur Zeit noch nicht gefunden wurde.
Auch die Psychiatrie kann nur zur Krankheit erklären, was bei Betroffenen und / oder Mitmenschen Leiden verursacht und darum überwunden oder gelindert werden sollte.

Um dieses Grundverständnis wissenschaftlich abzusichern, sucht die Psychiatrie nach den körperlichen Ursachen ihrer „Krankheitsbilder“, seitdem sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts als moderne medizinische Spezialdisziplin entstand. Sie rückt aufgrund ihres medizinischen Selbstverständnisses den biologischen Faktor in den Vordergrund. Und so richtet sie ihr Augenmerk auf körperliche Abweichungen, beispielsweise im Gehirn oder in den Erbanlagen. Allein, es ist ihr bisher noch nicht gelungen, solche Abweichungen als Ursachen gestörten Verhaltens zweifelsfrei zu identifizieren.3)Siehe meine Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen / Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet  /   Christian Fibiger – Psychiatriekritik aus der Pharmawirtschaft

Es gab immer wieder einmal „Kandidaten“, aber im Licht der Forschung besehen, hielten sie bisher einer Überprüfung nicht stand.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Das psychiatrische Paradigma: die Mutmaßung
2.Maisel, E. (2013). The New Definition of a Mental Disorder, Psychology Today, online / „No one really doubts the phenomena of birds and bees. But to call birds and bees miracles and to create a miracle-maker god who created them is a certain kind of fraudulent leap. No one really doubts the phenomena of sadness and worry. But to call them symptoms of mental disorders is exactly the same kind of fraudulent leap. We make gods and mental disorders in exactly the same fraudulent way, by illegitimately using real phenomena as “proof” of the existence of non-existing things. … Part of the joy and ease of this fraudulent creating is that you can define the non-existing thing any way you like.“
3.Siehe meine Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen / Die Psychiatrie ist zum Beweis verpflichtet  /   Christian Fibiger – Psychiatriekritik aus der Pharmawirtschaft