Wissendes Nichtwissen

Vorbemerkung

Demnächst werden vermutlich viele in einem gespaltenen Bewusstseinszustand in der Wahlkabine stehen:

Einerseits sind sie pflichtbewusste Bürger, die Partei und Kandidaten in der Hoffnung wählen, dass diese in ihrem Sinn Politik machen werden.

Andererseits glauben sie aber auch, dass es sich bei diesen Parteien und Abgeordneten überwiegend um Handlanger von Eliten handelt, deren Interessen mit den eigenen keineswegs immer identisch sind.

Eigentlich müsste ein solcher Wähler im Widerstreit der Überzeugungen unentschlossen in der Wahlkabine stehen, bis das Wahllokal schließt.

Wenn sie dennoch ziemlich zügig ihr Kreuzchen machen, sich daraufhin frohgemut zum Frühschoppen begehen und ab dem frühen Abend vor dem Fernseher fiebern, dann liegt dies daran, dass sie sich beim Wahlakt in einem Zustand des wissenden Nichtwissens befanden.

Lesen Sie im Folgenden Grundlegendes zur Psychologie des wissenden Nichtwissens.

Logischer Widerspruch

Ein Zustand, den es laut klassischer, aristotelischer Logik gar nicht geben dürfte – wissendes Nichtwissen – prägt dennoch unser Bewusstsein in vielen alltäglichen Situationen.

Ein Beispiel: Ein Vorgesetzter der mittleren Ebene, nennen wir ihn Huber, ist sich sicher, dass er Entscheidungen nur überzeugend vor seinen Untergebenen vertreten kann, wenn er selbst davon überzeugt ist. Er gilt als authentischer Mensch und will auch so gesehen werden. Ehrlichkeit ist ihm seit Kindesbeinen ein Herzensanliegen.

Huber steht nun vor der Aufgabe, einen seiner Mitarbeiter zu befördern. Es kann ihm nicht verborgen geblieben sein, dass der Oberboss des Unternehmens – aus welchen Gründen auch immer – erwartet, dass die Wahl auf den Mitarbeiter Meyer fällt. Huber weiß natürlich, dass ein beförderter Mitarbeiter einerseits die besten Aussichten auf Erfolg in der neuen Position hat, wenn er sich der Unterstützung der oberen Führungsebene gewiss sein kann. Andererseits aber ist bei Meyer nicht zu erwarten, dass dieser sich trotz der Protektion besser bewähren wird als geeignetere Mitarbeiter.

Herr Huber hat also die Aufgabe zu bewältigen, den vom Chef favorisierten Mitarbeiter Meyer auszuwählen, der aber an sich nicht der Beste für diesen Posten ist, und diese Entscheidung überzeugend vor den anderen Mitarbeitern zu vertreten. Dies kann ihm aufgrund seines Naturells aber nur gelingen, wenn er auch selbst davon überzeugt ist, dass der beförderte Mitarbeiter der Beste sei. Die in diesem Fall einzig mögliche Konfliktlösung setzt wissendes Nicht-Wissen voraus.

Huber muss wissen, dass der Oberboss Meyer favorisiert, sonst könnte und würde er ihn nicht auswählen, da er nicht der Beste ist. Gleichzeitig darf er dies aber nicht wissen, sonst könnte er die Wahl vor seinen Mitarbeitern nicht überzeugend vertreten. Empirische Studien, die dieses Phänomen belegen, sind mir nicht bekannt.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass dieses Phänomen des Handelns auf Basis wissenden Nichtwissens tatsächlich existiert, im Alltag sogar sehr häufig vorkommt, weil eben Zwangslagen der beschriebenen Art nicht gerade selten sind.

Dass Menschen gezwungen sind, zugleich ehrlich und unehrlich zu sein, ist offenbar ein Alltagsphänomen. Man sagt: Diese Menschen machen sich etwas vor. Ja, und sie machen sich zudem vor, nicht zu wissen, dass sie sich etwas vormachen, obwohl sie dies wissen müssen, um sich etwas vorzumachen.

Damit ist allerdings kein Beweis für die Existenz dieses Phänomens im Alltag verbunden. Die Basis solcher Experimente besteht darin, dass ein Befehl X nur realisiert werden kann, wenn man eine Information Y bemerkt und zugleich nicht bemerkt.

Wenn beispielsweise einem Hypnotisanden eine selektive Blindheit für eine Kiste befohlen wird, so muss er, um die negative Halluzination1 perfekt zu machen, das Teppichstück unter der Kiste halluzinieren, also sehen, wo sie sich befindet. Wenn ich mich recht entsinne, so hat die Neo-Psychoanalytikerin Karen Horney dieses Phänomen als “vermerken” bezeichnet, als einen Schwebezustand zwischen Wissen und Nicht-Wissen.

Laut Theorie der “kognitiven Dissonanz” wird ein solcher Zustand des Widerspruchs, beispielsweise zwischen ursprünglicher Überzeugung und Entscheidung, als unangenehm erfahren, so dass seine Auflösung angestrebt wird; es scheint aber auch die Möglichkeit zu geben, die Erfahrung dieses Widerspruchs aus dem Bewusstsein auszublenden, was verhindert, dass sich kognitive Dissonanz und eine Unlusterfahrung einstellen.

Ironie

Dies bringt mich zur Ironie. Ironisch ist eine Aussage, die etwas anderes meint als das, was gemeint zu sein scheint, wenn man diese Aussage wortwörtlich nimmt. Einem Hypnotisand wird suggeriert, dass er ein Flusspferd vor sich sähe. Wenn er ein guter Hypnotisand ist, so wird er auf Befragen bestätigen, dass er nun ein Hippopotamus vor sich sehe, es sei sehr groß und behäbig, schaue friedlich drein und es zwinkere ihm gelegentlich zu.

Dies ist natürlich pure Ironie. Der Hypnotisand weiß durchaus, dass er die “Vision” des Tieres auf Anweisung des Hypnotiseurs konstruiert. Damit er es aber konstruieren kann, darf er dies zugleich nicht wissen. Das Flusspferd muss wie herbeigezaubert plötzlich vor seinen Augen auftauchen. Das Hypnotische an der Situation wurde vermerkt.2

Die Dissonanz, die dem wissenden Nichtwissen innewohnt, wurde an den äußersten Rand des Bewusstseins gedrängt und der Reflexion entzogen. Sie wird nicht als unangenehm, sondern durchaus als lustvoll erlebt. Dies ist also im strengen, literaturwissenschaftlichen Sinn romantische Ironie. Dies macht den hypnotischen Zauber aus – und ermöglicht ihn.

Der romantische Ironiker will das Produzierende mit dem Produkt darstellen. Das Kunstwerk soll in der Schwebe gehalten werden

  • zwischen Konstruktion kraft Suggestion des Fiktiven als real und
  • Dekonstruktion des realen Scheins durch Transparenz seiner Konstruktionsprinzipien
  • und zwar so, dass dennoch die literarische Glaubwürdigkeit des Werks nicht in Frage gestellt wird.

Was könnte hypnotischer sein? Um Zeit zu sparen zitiere ich eine Passage aus Wikipedia, die den Grundgedanken recht passabel zum Ausdruck bringt:

“Die vollendete Ironie hört auf, Ironie zu sein und wird ernsthaft, sagt Schlegel. Denn weil sie sich selbst in Frage stellt, kann sie komisch sein, erreicht in ihrem beständigen Willen zu solcher Selbstkritik aber eben eine höher liegende Ernsthaftigkeit. In jenem ursprünglichen Sokratischen Sinne […] bedeutet die Ironie eben nichts andres, als dieses Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln auflöst (Schlegel).”

Ist es nicht auch diese Mutation von Komik zur Ernsthaftigkeit, die das Faszinierende an einer Showhypnose ausmacht?

Verbrechen in Hypnose

Kann diese Mutation so weit gehen, dass ein Verbrechen in Hypnose begangen wird? Ein solches Verbrechen würde im Zustand des wissenden Nichtwissens verübt. Der hypnotisierte Täter müsste wissen, dass er dem posthypnotischen Befehl eines Hypnotiseurs gehorcht und dies zugleich nicht wissen, weil er sonst dem Befehl ja nicht entsprechen würde (und wenn doch, dann wäre er ein kein Komplize wider Willen). Kann man Komplize wider Willen sein?

Kritiker meinen, dies sei nicht möglich, weil die Gesamtpersönlichkeit wissendes Nichtwissen ja selbst inszeniere. Demgegenüber halte ich es für denkbar, wenngleich nicht für sicher, dass es dem Hypnotiseur gelingen könnte, in seinem Opfer eine romantische Faszination zu entzünden, die es diesem unmöglich macht, seine Bereitschaft zu dieser Inszenierung zu verweigern oder, wenn’s ernst wird, zurückzuziehen.

Dieser Hypnotiseur müsste ein Meister-Verführer sein, ein Mephisto der allerfeinsten Sorte. Wenn jemand einen posthypnotischen Befehl befolgt, so handelt er. Dies heißt, er folgt einer Absicht. Diese Absicht ist der Reflexion entzogen, wird also nicht in Frage gestellt. Hypnotischer Zwang führt demgemäß nicht zu Automatismen, sondern zu Handlungen, denen ein felsenfester Entschluss zugrunde liegt. Es ist der felsenfeste Entschluss, sich hypnotisieren zu lassen und den Befehlen des Hypnotiseurs bedingungslos zu folgen.

Raubt jemand eine Bank aus, so liegt dem ein felsenfester Entschluss zu Grunde. Handelte der Bankräuber in einem Zustand einer romantischen Faszination, die absichtlich von einem anderen Menschen entfacht wurde, dann darf man dies meines Erachtens als Verbrechen in Hypnose betrachten. Zumindest kenne ich kein starkes Argument, das dagegen spricht.

Man könnte einwenden, in diesem Fall sei der Bankräuber wider Willen der Faszination des Hypnotiseurs erlegen, nicht aber durch Hypnose zu einer Tat veranlasst worden, die er ohne diese auf keinen Fall begangen hätte. Dies mag sein, in vielen Fällen.

Bekanntlich wurden schon Menschen ermordet, weil der Anstifter die Täter faszinierte, Beispiel: Charles Manson. Ob die Täter aber von starker, ihnen eigentümlicher Mordlust getrieben waren, für deren Ausleben die Hypnose nur Anlass war, kann ich nicht beurteilen.

„Psychische Krankheit“

Aus meiner Sicht ist wissendes Nichtwissen der vorherrschende Bewusstseinszustand von Menschen, die sich selbst als psychisch krank empfinden. Einerseits wissen sie, dass sie die Rolle des“psychisch Kranken” nur spielen; andererseits aber sind sie davon zutiefst überzeugt, tatsächlich an einer “psychischen Krankheit” zu leiden, unter Phänomenen also, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Sie entscheiden sich tagtäglich dazu, sich “psychisch krank” zu verhalten und “psychisch Krankes” zu erleben und gleichzeitig erfahren sie sich als gezwungen dazu.

Für diese Interpretation der “psychischen Krankheit” spricht, dass es trotz intensiver Suche seit mehr als hundert Jahren bisher noch nicht gelungen ist, Hirnmechanismen zu identifizieren, die für “psychische Krankheiten” verantwortlich sein könnten.

Dies bedeutet zwar nicht, dass es diese Mechanismen nicht gibt (vielleicht hat man sie nur noch nicht entdeckt), aber dies bedeutet mit Sicherheit, dass man sie zum gegebenen Zeitpunkt niemandem unterstellen darf. Nach Lage der Dinge muss man also in den “psychisch Kranken” ganz normale Menschen sehen, die, wie wir alle gelegentlich, in den Zustand des wissenden Nichtwissens verfallen sind – bis zum Beweis des Gegenteils, mit dem ich, ehrlich gesagt, nicht rechne.

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Negative Halluzination bedeutet, etwas nicht wahrzunehmen, was wahrnehmbar vorhanden ist. Entsprechend versteht man unter einer positiven Halluzination die Wahrnehmung eines Sachverhalts, der nicht vorliegt.

Der Begriff des Vermerkens bezieht sich auf eine Art der Vergegenwärtigung jenseits bewusster Reflexion am Rande des Bewusstseins.

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