Windmühlenflügel

Manche meinen, und jene, die dies meinen, sind nicht die Dümmsten; sie meinen: Der Kampf gegen die Psychiatrie sei pure Donquichotterie. Die Psychiatrie sei schließlich systemrelevant. Ganz gleich also, welche Missstände in ihr ruchbar würden, ganz gleich auch, ob ihre Maßnahmen gegen das Grundgesetz verstießen, und unabhängig davon, wie sich die veröffentlichte Meinung oder gar das Volk zu ihr stellten, sie würde immer gerettet, sofern einmal Angriffe gegen sie wirksam genug seien, um sie in die Knie zu zwingen.

Bei nüchterner Betrachtung ist hiermit schon genug gesagt; diesen Text könnte ich nunmehr, mit einem, in Worte gegossenen, Achselzucken beschließen; und doch: So schnell werde ich mich der Vernunft nicht beugen. Mir ist durchaus bewusst, dass

  • der Staat die Psychiatrie braucht, um Aufmüpfige zu kujonieren, die nicht gegen Gesetze verstoßen haben
  • die Wirtschaft die Psychiatrie braucht, um Störenfriede oder gar Whistleblower kaltzustellen
  • Angehörige die Psychiatrie brauchen, um lästige Verwandte abzuschieben
  • Richter die Psychiatrie brauchen, um ohne großen Aufwand Straftäter länger brummen zu lassen, als sie es, angesichts der Schwere ihrer Tat, eigentlich verdienten
  • Psychiater, Psychologen, Pfleger und andere Bedienstete die Psychiatrie brauchen, weil diese sie schließlich in Arbeit und Brot bringt
  • die Medien die Psychiatrie brauchen, weil gefährliche Irre dankbares Personal für eine gute Story und „seelische Leiden“ überdies ein unverzichtbares Frauen-Thema sind
  • das Volk die Psychiatrie braucht, weil es sich nur sicher fühlt, wenn die „gefährlichen Irren“ hinter den Gittern psychiatrischer Anstalten schmachten
  • die Pharmaindustrie die Psychiatrie braucht, weil diese schließlich mit entsprechenden Rezepten für Umsatz sorgt
  • die „Patienten“ die Psychiatrie brauchen, weil sie sich als „psychisch Kranke“ vor Lebensaufgaben drücken und aus der Verantwortung stehlen können.

Ja, es gibt sie: Es gibt Psychiater, Psychotherapeuten, Arbeitgeber, Politiker, Angehörige, Chefs, Journalisten und sogar „Patienten“, die nicht daran glauben, dass es psychisch Kranke gäbe, und die, zumindest in ihrer gegenwärtigen Form, die Psychiatrie am liebsten abschaffen würden.

Aber, so meinen manche, und jene, die dies meinen, sind nicht die Dümmsten, sie meinen: Es gibt sie durchaus, diese bodenständigen Leute, die sich kein X für ein U vormachen lassen; die gibt es schon, allein: Sie stellen nur eine winzige Minderheit dar, die praktisch nicht ins Gewicht fällt.

Als gelernter Revolutionär – 1968 war ich im besten Alter für politische Prägungen, nämlich 17 – fällt mir zu diesem Argument, zwar nicht spontan, aber wie aus der Pistole geschossen, ein, dass alle fortschrittlichen Bewegungen, die später siegreich waren und die Massen hinter sich vereinten, zunächst nur ein kleines Häuflein von Idealisten darstellten.

Angeblich ist ja in modernen Industriegesellschaften rund ein Drittel des Volkes, zu jedem beliebigen Stichtag, psychisch krank; und wenn dies zutrifft, dann ist eine Massenbasis für psychiatriekritische Bewegungen durchaus vorhanden. Es kommt also nur noch darauf an, sie zu mobilisieren!

Genau! Genau, genau. Genau?

Was ist nur mit den „psychisch kranken“ Massen los, die nicht bemerken, vielleicht auch nicht begreifen wollen, dass die Psychiatrie der Idee des mündigen Staatsbürgers Hohn spricht, dass psychiatrische Zwangseinweisungen und Zwangsbehandlungen sogar den Rechtsstaat ad absurdum führen? Kann man solche Massenmenschen, die sich an Unfreiheit und Unrecht klammern, als ob ihr Leben davon abhinge, überhaupt befreien?

Über Don Quijote schreibt Cervantes:

“Die Phantasie füllte sich ihm mit allem an, was er in den Büchern las, so mit Verzauberungen wie mit Kämpfen, Waffengängen, Herausforderungen, Wunden, süßem Gekose, Liebschaften, Seestürmen und unmöglichen Narreteien. Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, sei volle Wahrheit, dass es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab.“

Wenn es schon, nach Lage der Dinge eine Narrheit ist, gegen den psychiatrischen Moloch zu kämpfen, dann liegt es durchaus nahe, sich nicht Lenin, Rosa Luxemburg oder Che Guevara zum Vorbild zu nehmen, sondern den durchgeknallten, aber sinnreichen Junker von der Mancha. Don Quijote ist unvergessen und wird es bleiben, aber wer würde sich an Psychiater wie Fritz Kaufmann, Wilhelm Neutra oder Friedrich Panse denn noch erinnern, wenn Leute wie ich deren Namen nicht hin und wieder erwähnen würden?

Also, wohlan, kämpfen wir für den Nachruhm. Manche meinen ja, die Gehirnwäsche-Experimente der CIA, die den Mandschurischen Kandidaten schaffen wollte, seien ein abgeschlossenes Kapitel aus dem Kalten Krieg. Doch da möge man sich nicht täuschen. Im Kalten Krieg sollte der Mandschurische Kandidat Aufgaben übernehmen, zu denen man unter demokratischen und rechtsstaatlichen Bedingungen offiziell niemanden verpflichten kann und die niemand, der noch bei Trost ist, freiwillig übernimmt. Wer davon überzeugt ist, dass es solche Aufgaben heute nicht mehr gibt, kann also beruhigt sein.

Manche meinen, und jene, die dies meinen, sind nicht die Dümmsten; sie meinen: Allein mit rechtsstaatlichen Methoden sei das Volk, angesichts der Widrigkeiten des Kapitalismus, nicht zu kontrollieren; vielmehr sei die Anwendung von Methoden der Folter-Gehirnwäsche im Massenmaßstab, die als Krankenbehandlung zu tarnen seien, unverzichtbar. Die Psychiatrie sei systemrelevant; sie würde so oder so gerettet, ganz gleich, was sie anstelle.

Sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen man von bürgerlichen Freiheiten noch sprechen konnte, ohne belächelt zu werden? Sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen man von der Rechtsgleichheit aller Bürger sprechen konnte, ohne der Naivität geziehen zu werden?

Der Kampf gegen Windmühlenflügel gilt als Symbol einer sinnlosen und lächerlichen Auflehnung gegen unaufhaltsamen Fortschritt. Wogegen kämpfen Psychiatriekritiker? Gegen den Fortschritt der Kontrolle menschlichen Verhaltens und Erlebens durch Pillen, Elektroschocks, Psychochirurgie, Psychotronik, Psychotechniken etc.

Ist dieser Fortschritt tatsächlich unaufhaltsam? Ist er wirklich wünschenswert?

Der technische Fortschritt ist naturgemäß mit zunehmender Arbeitslosigkeit verbunden; dieses Faktum kann auch Pseudo-Arbeit, deren Ertrag nicht zum Leben reicht, allenfalls notdürftig kaschieren. Dies bedeutet für eine steigende Zahl von Menschen ein Leben unter jammervollen Bedingungen. Viele halten das nicht aus und laufen aus dem Ruder, drehen durch. Sie werden, mitunter zwangsweise, zur Kundschaft der Psychiatrie. So greift eins ins andere.

Manche meinen, der Kampf gegen den Kapitalismus sei Donquichotterie. Er sei nun einmal effizienter als jedes andere Wirtschaftssystem und er gewähre den größtmöglichen Wohlstand für die größtmögliche Zahl von Menschen. Daher sei auch der Kampf gegen die Psychiatrie Donquichotterie; denn wer sonst solle sich um die unvermeidlichen seelischen Blessuren der Wohlstandsbürger kümmern, wenn nicht die Psychiatrie. Sie sei ein Garant der Effizienz des Kapitalismus.

Manche meinen, eine menschliche Ökonomie, die nicht auf Konkurrenz, sondern auf gegenseitiger Hilfe beruhe, sei eine Utopie, ein Wunschtraum, der unerfüllbarer bleiben müsse. Mir will jedoch scheinen, dass die Idee vom ewigen Bestand des Kapitalismus eine noch viel ausgeprägtere Utopie ist. Ein Wirtschaftssystem, das nur funktionieren kann, wenn eine beständig steigende Zahl von Bürgern einer Gehirnwäsche unterzogen wird, die jedoch nur mehr schlecht, als recht funktioniert, muss früher oder später kollabieren.

Dieser Zusammenbruch könnten allenfalls verhindert werden, wenn die Psychiatrie die perfekte Form der Gehirnwäsche entwickeln würde, mit der alle Betroffenen vollends zufrieden sind. Dies wäre das Ende der Freiheit und somit das Ende des Menschengeschlechts. Die psychiatriekritische Donquichotterie ist notwendig, um den Gedanken daran aufrecht zu erhalten, dass Derartiges verhindert werden muss – auch wenn es als Narretei erscheint, dies zu versuchen.

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