Warum lassen sich Menschen als psychisch krank diskriminieren?

Bei manchen Menschen treten zweifelsfrei jene störenden, mitunter bizarren Phänomene auf, die von der Psychiatrie als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet werden. Sie hören Stimmen, die sonst niemand hört; sie sehen Dinge, die sonst niemand sieht; sie glauben an Ideen, die andere für nicht plausibel oder gar für verrückt halten; sie fürchten sich vor Vorgängen oder Gegenständen, die für andere harmlos sind; manche rasen und toben oder versinken in tiefe Traurigkeit – kurz: sie verhalten sich rätselhaft und fügen nicht selten sich oder auch anderen Schaden zu. Einige dieser Leute sind sogar ausgesprochen gefährlich, vor allem dann, wenn sie gewohnheitsmäßig Drogen oder Alkohol missbrauchen. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass sie „psychisch krank“ sind.

Sicher: Das rätselhafte Verhalten kann man beobachten. Es ist gar nicht einmal selten. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die niemanden kennen, dessen Verhalten auf unerklärliche, schwer nachvollziehbare Weise von der Norm abweicht. Doch die Unterstellung einer „psychischen Krankheit“ als Ursache solcher merkwürdigen Muster des Verhaltens und Erlebens ist eine Hypothese, die erst einmal bewiesen werden müsste.

Eine Krankheit im medizinischen Sinn ist ein im Individuum ablaufender Prozess, der charakteristische Symptome verursacht. Es versteht sich von selbst, dass man nur dann von Krankheit sprechen kann, wenn dieser Prozess bekannt ist bzw. anhand von eindeutigen, objektiv messbaren Indikatoren, den so genannten Zeichen, identifiziert werden kann. Ist dies nicht möglich, darf man allenfalls von mutmaßlichen Krankheiten sprechen. Es wäre ja auch denkbar, dass die merkwürdigen Verhaltensweisen gar nicht einer individuellen Pathologie entspringen, sondern durch die Umwelt konditioniert werden oder dass sie einfach nur rätselhaft und nicht weiter erklärbar sind.

Die Psychiatrie kennt bisher keine objektiven Verfahren, mit denen sie ihre Diagnosen erhärten könnte. Sie basiert auf „Symptomen“, auf den vom Patienten oder von Dritten berichteten Beschwerden. Die damit verbundenen Probleme sind Gegenstand dieses Kapitels zum Stand der empirischen Forschung in der psychiatrischen Diagnostik.

Durch eine psychiatrische Diagnose wird einem Menschen eine so genannte psychische Krankheit unterstellt. Dies kann schwerwiegende Konsequenzen haben, die von der Diskriminierung, über den Verlust des Arbeitsplatzes, die Zerstörung von Partnerschaften und Ehen bis hin zur Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung reichen können. Es gibt keine objektiven Verfahren, mit denen der Arzt eine psychiatrische Diagnose erhärten könnte. Sie ist eine reine Mutmaßung. Sie beruht auf Informationen, die vom angeblich Kranken oder auch von Dritten (Familienmitgliedern, Bekannten, Arbeitskollegen, Arbeitgebern etc.) stammen.

Was bringt einen Menschen dazu, eine solche Diagnose für sich zu akzeptieren? Sicher, viele Menschen haben ernste Lebensprobleme1, sie geben sich selbst Rätsel auf, sie leiden, sie fühlen sich krank; allein, sich krank zu fühlen reicht noch nicht aus, um eine objektive medizinische Diagnose zu rechtfertigen.

Die folgende Liste von Gründen, sich als „psychisch krank“ definieren zu lassen, kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

  • Die Diagnose stammt von einem ausgebildeten Facharzt.
  • Der Mediziner hat Erfahrung in seinem Beruf.
  • Das angebliche Krankheitsbild ist aus Funk, Fernsehen und Presse bekannt; auch im Internet finden sich Websites, die sich damit beschäftigen.
  • Wir alle unterliegen den Einflüssen des psychiatrisch-pharmawirtschaftlichen Marketings, das uns dazu verleitet, Lebensprobleme als behandlungsbedürftige „psychische Krankheiten“ zu deuten.
  • Ärzten muss man vertrauen, schließlich geht es um die eigene Gesundheit, und man selbst kann ja gar nicht beurteilen, was einem fehlt.
  • Menschen mit erheblichen Lebensproblemen stehen unter Stress – und Stress kann die Kritikfähigkeit einschränken, ja, sogar ausschalten. Man ist daher geneigt, Diagnosen zu akzeptieren, ohne sich rational mit ihrer Berechtigung auseinanderzusetzen.
  • Wir alle neigen dazu, nach Erklärungen für rätselhafte Phänomene zu suchen und sind bereit, sie zu akzeptieren, sobald sie plausibel erscheinen, auch wenn sie nicht bewiesen sind.
  • Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unterliegen die Gesellschaften in modernen Industriestaaten einer zunehmenden Medikalisierung; immer weitere Bereiche des menschlichen Verhaltens und Erlebens werden pathologisiert und zu behandlungsbedürftigen „Krankheiten“ erklärt (Conrad 2007)2.
  • Daher sind wir von klein auf mit dem Gedanken vertraut, dass es „psychische Krankheiten“ gäbe und dass jeder von ihnen betroffen sein könne.
  • Menschen, die unter erheblichem Stress stehen, tendieren dazu, sich väterlich gebenden Autoritäten unterzuordnen.
  • Menschen wählen in der Regel unter den zu Gebote stehenden Verhaltensalternativen jene aus, die ihnen als die beste erscheint. Unter den gegebenen Bedingungen kann es subjektiv und evtl. auch objektiv in der Tat die beste Lösung sein, in Krisensituationen die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen.
  • Menschen in akuten Lebenskrisen und erst recht Menschen mit chronischen Lebensproblemen neigen dazu, Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln und sich nur noch wenig zuzutrauen; sie sind dann eventuell dankbar, wenn ein Arzt die Verantwortung für sie übernimmt.
  • Menschen mit Lebensproblemen sind oft erheblichem Druck von Mitmenschen (Familienangehörigen, Bekannten, Arbeitgebern etc.) ausgesetzt, zum Psychiater zu geben, weil etwas mit ihnen nicht stimme.

Bei einer genaueren Betrachtung der empirischen Literatur und der philosophischen Grundlagen zeigt sich allerdings, dass „psychische Krankheiten“ willkürliche Konstrukte sind, die zwar eine soziale und wirtschaftliche Funktion, aber keine wissenschaftliche Grundlage besitzen.

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Ein Problem liegt vor, wenn ein Ist-Zustand als unbefriedigend erlebt wird, wenn er durch befriedigenderen Soll-Zustand ersetzt werden soll und von die Überführung des Ist-Zustandes in den Soll-Zustand Schwierigkeiten bereitet. Von Lebensproblemen spreche ich, wenn die Schwierigkeiten nicht allein in objektiven Gegebenheiten bestehen, sondern subjektive Hemmnisse einschließen, die sich nicht auf objektive Bedingungen zurückführen lassen. Beispiel: Ein Fluss soll überquert werden. Fritz hat alle Materialien, die zum Floßbau erforderlich sind. Die Überquerung des Flusses ist für ihn vorteilhaft. Er besitzt die notwendigen Fähigkeiten. Das Vorhaben stellt keine besondere Gefahr dar. Er möchte auf die andere Seite des Flusses. Aber er kann sich – aus ihm und anderen rätselhaften Gründen – nicht dazu überwinden. Fritz hat ein Lebensproblem.

2 Conrad, P. (2007). The Medicalisation of Society. On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Baltimore: John Hopkins University Press

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