Wahrheit und Psychotherapie

Freud

Ursprünglich glaubte Sigmund Freud, einen einfachen und einleuchtenden Grund dafür entdeckt zu haben, warum sich seine hysterischen Patientinnen so bizarr verhielten. Sie verfielen in wilde Krämpfe, waren gelähmt, blind und taub, litten an allerlei theatralisch zur Schau gestellten körperlichen Störungen, ohne dass sich dafür eine physische Ursache finden ließ. Der Grund dafür, so dachte Freud zunächst, sei sexueller Missbrauch in der Kindheit, unter dem seine Patientinnen unbewusst nach wie vor litten (Freud 1886).

Später widerrief Freud diese Theorie aus Motiven, die ich nicht im Detail darlegen will (Masson 1994). Nur einen Grund möchte ich herausgreifen, den einzigen, der sich der Diskussion entzieht, weil er unmittelbar einleuchtet: Man kann einer (angeblichen) Erinnerung nicht ansehen, ob sie wahr ist oder falsch. Zwar erinnerten sich alle seine Patientinnen an sexuelle Übergriffe, allein: war das Fantasie, war das Realität?

Ich will hier nicht die Frage der falschen Erinnerungen aufgreifen, denn der oben genannte Grund sollte auch dann noch einleuchten, wenn man davon überzeugt ist, dass Erinnerungen an sexuellen Missbrauch immer zutreffend seien. Es ist ja nicht auszuschließen, dass jemand nur vorgibt, sich an sexuellen Missbrauch zu erinnern. Dabei kann es sich um eine bewusste Lüge handeln, es kann auch Folge einer Suggestion oder einer Überredung zur Falschaussage sein. Ganz gleich: Man braucht stets eine objektive Bestätigung, die von der Aussage desjenigen, der sich zu erinnern behauptet, unabhängig ist.

Freud entwertete schließlich derartige Erinnerungen mit dem Argument, dass Unbewusste könne nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden und daher seien derartige Erinnerungen in der Psychoanalyse wie Fantasien zu betrachten.1

Diese Denkweise beherrscht den psychoanalytischen Mainstream bis auf den heutigen Tag. Man darf die Auffassung des Psychoanalytikers Lawrence E. Hedges durchaus als repräsentativ betrachten; er schreibt:

Es gibt keinen denkbaren Weg, dass wiedergewonnene Erinnerungen, wie sie auf dem Marktplatz, in den Medien und im Gerichtssaal angepriesen werden, möglicherweise irgendetwas erinnern, das wir zuverlässig als objektiv wahr oder als völlig den Tatsachen entsprechend gelten lassen könnten… (Hedges 1994)“

Nach Freud

Nachdem sich Freuds Lehre nach dem Zweiten Weltkrieg als die dominierende, übergreifende Theorie der Psychiatrie durchsetzt hatte, wurde auch seine Haltung zum Inzest zur Doktrin unter Ärzten. Erinnerungen an Inzest seien Fantasie und dieser selbst extrem selten, so dachte man. Auch als der psychoanalytische Einfluss mit dem Aufstieg der biologischen, der psychopharmakologisch orientierten Psychiatrie wieder schwand, wurde die Grundhaltung in Sachen „sexueller Missbrauch“ dennoch weitgehend beibehalten.

Das Tabu „sexueller Missbrauch“ führte einen Dornröschenschlaf im Schloss der Psychiatrie: Nach außen verleugnet, nach innen verdrängt. Doch dann, 1980, störten schrille Töne die Ruhe. Eine Patientin hatte ihren Psychiater geheiratet. Beide hatten gemeinsam ein Buch geschrieben. Mir liegt hier die erste Taschenbuchausgabe aus dem Folgejahr vor. Dort steht oben vorn auf dem Einband über dem eigentlichen Titel:

Wer gewann die Schlacht zwischen Gut und Böse im Geist und Körper eines unschuldigen Kindes?” “Who won the battle of good and evil in the mind and body of an innocent child?”

Eine bange Frage. In dem gemeinsam mit ihrem Mann, dem Psychiater Lawrence Pazder verfassten Buch „Michelle Remembers“ (Smith & Pazder 1980) behauptet dessen ehemalige Patientin Michelle Smith, sie sei während ihrer Kindheit durch eine satanischen Kult in grausamen Ritualen gefoltert und sexuell missbraucht worden. Dieses Buch wurde ein Sensationserfolg. Natürlich schieden sich an ihm die Geister. Allein, nun war es nicht mehr möglich, die Themen „sexueller Missbrauch“ und „häusliche Gewalt“ auf kleiner Flamme zu halten, zumal damals auch die feministische Bewegung aus diesen Themen Honig saugte.

Grausame, gottlose Satanisten, so glaubte eine wachsende Gemeinde von Gläubigen, begingen tagtäglich in finsteren Gewölben unbeschreibliche (und nur zu gern beschriebene) Gräueltaten an arglosen Kindern, schlugen und penetrierten, schlachteten und aßen sie.

Glauben oder Nicht-Glauben

Im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte meldete sich eine wachsende Zahl von Therapeuten, nicht nur weiblichen Geschlechts, mit Fallberichten zum so genannten satanisch rituellen Missbrauch zu Wort. Viele glaubten den mutmaßlich Betroffenen und forderten polizeiliche Ermittlungen sowie politische Maßnahmen gegen satanische Kulte im Besonderen und die teuflische Männerwelt im Allgemeinen. Auch wenn der Hype in den Medien nur eher bescheidene Ausmaße annahm, so waren die Auswirkungen in der therapeutischen Szene doch nachhaltig und gravierend.

Zugleich entstand eine Gegenbewegung, die sich um die „False Memory Syndrome Foundation“ scharte und die behauptete, der satanisch rituelle Missbrauch, Missbrauch allgemein sei den Patientinnen von ihren Therapeutinnen und Therapeuten nur suggeriert worden.2

Im 21. Jahrhundert kühlte sich die Gemüter wieder ab; wenngleich eine Minderheit von Therapeuten zäh am satanisch rituellen Missbrauch festhält (Noblitt & Perskin 2000; Noblitt & Perskin 2008, Epstein et al. 2011). Wie so oft in der Geschichte der modernen Psychiatrie setzte sich schließlich ein Denkansatz durch, der durch Freuds Lehre vorgeformt worden war.3

Narrative Wahrheit

Seither sagen viele Therapeuten und Therapeutinnen, auch solche, die zuvor noch die Realität der Erinnerungen ernsthaft erwogen hatten, ihren Patientinnen und Patienten, die sich an sexuellen Missbrauch erinnern, sinngemäß in etwa Folgendes:

Wir sind selbstverständlich Anwälte unserer Patienten und wir möchten ihnen daher auch gern glauben. Allein wir sind keine Polizisten, keine Staatsanwälte. Wir können Ihre Geschichte deswegen nicht nachprüfen; wir können keine Beweise zusammentragen, die vor Gericht standhalten würden. Doch, glücklicherweise, kommt es darauf hier in unserem therapeutischen Stübchen, an diesem sicheren Ort auch gar nicht an. Vielmehr wollen wir Ihre Geschichte als Ausdruck einer narrativen Wahrheit verstehen. Dies bedeutet, dass Ihre Geschichte in sich stimmig und subjektiv für Sie sehr bedeutend ist.“

Dies ist natürlich im Kern nichts anderes als Freuds Lehre von den „unbewussten Fantasien“, die in der Therapie ans Licht kommen und die mit der objektiven Realität nichts zu tun haben. Durch diesen Schachzug schützen sich heute wie damals Therapeuten vor Angriffen und vor dem Vorwurf, sie würden ihren Patientinnen und Patienten Vorfälle suggerieren, die niemals stattgefunden hätten. Das Tabu kehrte ins Märchenschloss zurück, um dort den Dornröschenschlaf fortzusetzen.

Selbst die einst wutschnaubenden Feministinnen halten sich heute bemerkenswert zurück, um nicht durch unnötigen Lärm Dornröschen aufzuwecken und das Behandlungsgeschäft zu stören, das auch auf der Ebene „narrativer Wahrheiten“ floriert und die Kasse klingeln lässt. In der Therapie ergeben sich vielfältige Konstellationen, die aus einer solchen narrativen Wahrheit hervorgehen könnten (ich schreibe T für Therapeutin/Therapeut und P für Patientin/Patient):

  • P und T fühlen sich als verschworene Gemeinschaft, die von der objektiven Wahrheit der Geschichte überzeugt, aber zu klug sind, ins offene Messer einer männerdominierten Welt zu rennen.
  • P und T glauben beide, dass die Geschichte in der Tat nur eine Fantasie ist, die therapeutisch entschärft werden muss.
  • T glaubt, dass die Geschichte eine Phantasie ist und P glaubt, dass die Geschichte wahr ist und dass auch T daran glaubt.
  • P glaubt, dass die Geschichte den Tatsachen entspricht und dass T nur so tut, als glaube er/sie die Geschichte
  • T und P wissen nicht so recht, was sie eigentlich glauben sollen.

Diese Liste kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Der imaginäre Raum narrativer Wahrheiten entbirgt vielfältige Möglichkeiten der Kombination, die eins gemeinsam haben: Sie können nur in einem imaginären Raum zu einem „guten“ Ende finden. Dieses „gute“ Ende ist der einzige Ausweg aus der heillosen Konfusion, die durch die narrative Wahrheit hervorgerufen wird und die sich in den oben genannten und ähnlichen Konstellationen manifestiert.

Mit einer narrativen Wahrheit kann man ja nicht zur Polizei gehen oder vor Gericht ziehen und auch die Medien werden derartiges Futter eher verschmähen. Eine narrative Wahrheit eignet sich nicht zum Kampf gegen die Täter oder zur Veränderung von Verhältnissen, die solche Taten oder die Einbildung solcher Taten möglich machen. Kurz: Eine narrative Wahrheit taugt nicht zur Auseinandersetzung mit der Realität.

Versöhnung, Medikalisierung

Es ist der narrativen Wahrheit vielmehr eingeschrieben, wie es eigentlich nur weitergehen kann in einer solchen Therapie. An ihrem „glücklichen“ Ende muss die großherzige Versöhnung mit den Tätern stehen. Allein: Wie kann man sich aufgrund einer narrativen Wahrheit mit Menschen versöhnen, deren Täterschaft imaginär ist? Man möge sich vor Augen halten, was hier de facto abläuft:

  • Ein Mensch leidet an allerlei psychischen Problemen. Er fühlt sich z. B. innerlich zerrissen, kann keinen Sinn in seinem Leben entdecken. Er lebt in einem spannungsreichen Verhältnis zu seiner sozialen Umwelt.
  • Dieser Mensch erfährt nun durch Berichte in Illustrierten, durch Fernsehsendungen, durch Gespräche mit Freunden in Freundinnen von satanisch rituellem Missbrauch und multiplen Persönlichkeiten.
  • Dieser Mensch entwickelt alsbald die Vorstellung, er sei in seiner Kindheit von einem satanischen Kult rituell misshandelt worden. Seine eigenen Eltern seien Mitglieder des Kultes gewesen.
  • Ob dies nun wahr ist, spielt überhaupt keine Rolle in den folgenden Überlegungen. Fakt ist jedenfalls, dass wir es so oder so mit einer Störung im sozialen Raum zu tun haben. Wäre dieser nämlich ungestört, dann käme dieser Mensch vermutlich nicht auf die Idee, seine Eltern schlimmster Verbrechen zu bezichtigen.
  • Nunmehr geht dieser Mensch in eine Therapie. Er erhält z. B. die Diagnose „Multiple Persönlichkeitsstörung“. Bereits jetzt betritt er einen imaginären Raum, der von den sozialen Problemen, die bei seiner problematischen psychischen Reaktion Pate standen, abgeschottet ist.
  • Aus einem sozialen wird ein medizinisches Problem. Perfektioniert wird diese Abschottung durch die Verwandlung seiner Erfahrungen mit Interaktionspartnern im sozialen Raum in eine narrative Wahrheit im Bezugssystem einer „psychischen Krankheit“.

Man nennt diesen Prozess Medikalisierung. Sie ist eine Maschinerie, eine vollautomatische Gehirnwäscherei. Diese Maschinerie verarbeitet die sozialen Folgen der kapitalistischen und der staatlichen Maschinerie. Sie verwandelt das Leiden der Kinder unter ihren Eltern, der Arbeiter in der Fabrik, der Angestellten in den Bürotürmen, der Soldaten an der Front in narrative Wahrheiten. Sie produziert Versöhnung, imaginäre Versöhnung. Aus realer, möglicherweise aber verzerrt erinnerter Erfahrung werden psychiatrische Geschichten, die sich um eine Diagnose ranken und deren Moral die narrative Wahrheit nahelegt: Versöhne dich im imaginären Raum mit den mutmaßlichen Tätern unbewiesener Taten. Eine perfekte Doppelbindung (Double Bind), die verstört, lähmt, ja, vernichtet.

Literatur

Epstein, O. B., Schwartz, J. & Schwartz, R. W. (Eds.) (2011). Ritual Abuse and Mind Control. The Manipulation of Attachment Needs. London: Karnac Books

Freud, S. (1886). Zur Ätiologie der Hysterie. Studienausgabe, Bd. VI. Frankfurt: Fischer 1975, S. 51-81

Hedges, L. E. (1994). Remembering, Repeating, and Working Through Childhood Trauma. The Psychodynamics of Recovered Memories, Multiple Personality, Ritual Abuse, Incest, Molest, and Abduction. Northvale: Jason Aronson Inc.

Masson, J. M. (1984). Was hat man dir, du armes Kind getan? Sigmund Freunds Unterdrückung der Verführungstheorie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Noblitt, J. R. & Perskin, P. S. (2000). Cult and Ritual Abuse. Its History, Anthropology, and Recent Discovery in Contemporary America. Westport, CT: Praeger Publishers

Noblitt, J. R. & Perskin, P. S. (Eds.) (2008). Ritual Abuse in the Twenty-First Century. Psychological, Forensic, Social, and Political Considerations. Bandon, OR: Robert D. Reed Publishers

Ross, C. A. (1995). Satanic Ritual Abuse. Principles of Treatment. Toronto: University of Toronto Press

Smith, M. & Pazder, L. (1980). Michele Remembers. Who Won the Battle of Good and Evil in the Mind and Body or an Innocent Child? New York N.Y.: Pocket Books

 

Allerdings bezweifelte er nicht, dass manche „Neurosen“ oder „Psychosen“ durchaus auf einer realen „Traumatisierung“ beruhen könnten; für einen Fehler – und dies wohl auch zu Recht – hielt aber aber später seine ursprüngliche Idee, dass alle „psychischen Krankheiten“ durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit hervorgerufen würden.

Eine Auseinandersetzung mit dieser “Foundation” findet sich bei Ross (1995).

Ich befürworte weder den satanistischen, noch den Freudschen Ansatz. Aus meiner Sicht ist es denkbar, dass die Erinnerungen an satanische Rituale tatsächlich auf einem wahren Kern beruhen. Dies begründe ich mit der Tatsache, dass ein Teil dieser mutmaßlich Betroffenen nicht nur von satanischen Ritualen, sondern auch von Folterungen berichtet, die eine frappierende Ähnlichkeit mit Methoden haben, die von der Militärpsychiatrie bereits während des 1. Weltkriegs entwickelt wurden. Es handelt sich dabei um die so genannte suggestive Elektrotherapie mit schmerzhaften elektrischen Strömen. Es ist immerhin denkbar, dass interessierte Kreise diese „Therapie“ auch später noch praktizierten, um Mandschurische Kandidaten zu produzieren, und dass die “satanistischen Rituale” nur eine Camouflage sind, zu der sich die Täter in einer gegenüber solchen Methoden weniger toleranten Zeit gezwungen sahen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser These findet sich im Blogeintrag: Wurzeln der militärischen Bewusstseinskontrolle.

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