Vom Glauben und Wissen

Manche moderne, aufgeschlossene Christen räumen ein, dass man die Existenz Gottes nicht beweisen könne und fügen flugs hinzu: Der Atheismus ist aber auch ein Glaube, nämlich der Glaube an die Nicht-Existenz Gottes. Diesen könne man ebenso wenig beweisen. Kurz: Man könne nicht wissen, ob Gott existiere. Da sei es doch schön, dass der Schöpfer uns Menschen mit der Fähigkeit zu glauben ausgerüstet habe.

Viele meinen, die Logik sei die Lehre vom folgerichtigen Schließen und es gebe nur eine davon. Diese Menschen haben meist eine Logik vor Augen, nach der eine Aussage entweder wahr oder falsch sein kann. Man nennt diese Art der Logik eine zweiwertige. Sie ist natürlich nicht die einzig mögliche. Aber im Allgemeinen denken wir im Rahmen dieser zweiwertigen Logik.

Nach dem wir beispielsweise 1 und 1 erfolgreich zusammengezogen haben, können wir das Ergebnis verkünden, nämlich 2. Das Ergebnis ist nicht ein bisschen 2, sondern 2 und sonst nichts. Ein Frau ist schwanger oder sie ist nicht schwanger. Gott existiert oder er existiert nicht.

Setzen wir also für den weiteren Gedankengang die zweiwertige Logik voraus und betrachten wir den Satz:

„Gott existiert“

Daran glauben die Christen. Sonst wären sie keine. Nun aber sagen die eingangs erwähnten Christen jedoch: Die Existenz Gottes kann man nicht beweisen. Dies sei aus prinzipiellen Gründen nicht möglich. Gott sei eben kein Ding wie ein Tisch, ein Stuhl oder der Eiffelturm.

Betrachten wir den Satz:

Der Eiffelturm existiert

Um diesen Satz zu beweisen, begibt man sich nach Paris und macht Fotos mit dem Handy. So einfach geht das mit Gott natürlich nicht. Klar, das kann man auch nicht erwarten.

Im Allgemeinen betrachten wir eine Aussage als wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt (Korrespondenztheorie der Wahrheit).

Der Satz:

Der Eiffelturm befindet sich in Paris

ist wahr, weil er den Tatsachen entspricht.

Die Aussage aber

Gott befindet sich im Himmel

ist ein Kinderglaube, auf den wir keinen Christen festnageln wollen.

Der aufgeklärte Christ hat ja ohnehin schon eingeräumt: Man kann die Existenz Gottes nicht beweisen, weil man grundsätzlich nicht in der Lage ist, angeben, wann und wo man Gott zu beobachten vermag und an welchen beobachtbaren Merkmalen er zu erkennen ist.

Nun müssen wir uns nur noch einmal vergewissern, ob wir den Christen recht verstanden haben. Argumentierst du ihm Rahmen der zweiwertigen Logik und der Korrespondenztheorie der Wahrheit?

Wenn ja, dann glaubst du an etwas Falsches.

Denn dann gilt für den Satz

Gott existiert

  1. Diese Aussage ist nicht wahr. Denn um wahr zu sein, müsste sie beweisbar sein. Du hast aber zugegeben, dass sie dies prinzipiell nicht ist.
  2. Wenn dieser Satz nicht wahr ist, dann muss er falsch sein. Denn ein bisschen wahr gibt es im Rahmen der zweiwertigen Logik nicht.
  3. Dem Satz „Gott existiert“ kann unter diesen Bedingungen also nur der Wahrheitswert „falsch“ zugeordnet werden.
  4. Daraus folgt: Wer unter den gegebenen Voraussetzungen an Gott glaubt, der muss zwingend einräumen, dass er an etwas Falsches glaubt.

Nun wird mancher vorbringen, dass die Aussage

Gott existiert

weder wahr, noch falsch, sondern unentscheidbar sei und dass man deswegen auf den Glauben ausweichen müsse und dürfe. Wer so argumentiert, hat aber bereits den Rahmen der zweiwertigen Logik verlassen, denn den Wahrheitswert „unentscheidbar“ gibt es in dieser Logik nicht.

Ist nun der Atheist mit seinem Unglauben in einer ähnlichen Lage, nur spiegelverkehrt?

Entgegen anders lautender Gerüchte ist der Atheismus kein Glaube. Man muss an nichts glauben, um sich Atheist nennen zu dürfen. Atheist ist man vielmehr stets dann, wenn man die Behauptung

Gott existiert

als falsch bezeichnet, dieser Aussage also den Wahrheitswert „falsch“ zuordnet. Dazu ist kein Glaube erforderlich. In diesem Willensakt manifestiert sich vielmehr das Gegenteil, nämlich Unglaube.

Ein Atheist steht auch nicht vor der Aufgabe, die Nicht-Existenz Gottes zu beweisen. Um Atheist zu sein, genügt es, ein Bekenntnis zum Unglauben abzulegen.

Am Rande sei hinzugefügt, dass man aus logischen Gründen die Nicht-Existenz eines Gegenstandes ohnehin nicht beweisen kann, unabhängig von der Art des Gegenstandes.

Um z. B. zu beweisen, dass die Aussage

Ein Wolpertinger existiert nicht

falsch ist, müsste man alle Gegenstände des Universums durchmustern. Man müsste bei jeden Gegenstand prüfen, ob es sich dabei um einen Wolpertinger handelt. Nun ist aber die Menge der Gegenstände im Universum unabzählbar. Deswegen kann ich nie sagen, ob ich tatsächlich alle in Augenschein genommen habe. Selbst wenn ich unbegrenzt Zeit hätte, wäre dies nicht möglich.

Angesichts der logischen Unmöglichkeit des Beweises der Nicht-Existenz Gottes ist es fraglos zumutbar, vom Christen zu verlangen, er möge doch den Streit schlichten, indem er die Existenz Gottes beweist. Und wenn er dies dann mit dem Argument ablehnt, dies sei unmöglich, dann glaubt er eben an etwas Falsches.

Aus logischen Gründen unmöglich ist der Beweis der Existenz Gottes allerdings nicht. Dazu wäre es nur erforderlich anzugeben, wann und wo man Gott beobachten und an welchen Merkmalen man ihn erkennen könne.

Der eingangs in die Diskussion eingeführte aufgeklärte Christ hatte allerdings vorgebracht, Gott sein kein Gegenstand wie Tisch oder Computer und könne nicht wie ein solcher beobachtet werden. Er besitze Attribute, die sich der Beobachtung entzögen. Dies wäre dann aber kein logischer, sondern ein inhaltlicher Grund für die Nicht-Beweisbarkeit der Existenz Gottes.

Die Attribute sind ja eine inhaltliche Bestimmung. Da Gott inhaltlich nicht als Gegenstand definiert ist, der ins Schema des Beweisens passt, da über ihn also kein Wissen generiert werden kann, ist sein Standort im Reich des Glaubens zu verorten.

Wenn wir allerdings noch eine Weile ihm Rahmen der zweiwertigen Logik argumentieren wollen, ergibt sich ein weiterer Gesichtspunkt, der in diesem gedanklichen Bezugssystem ebenfalls gegen seine Existenz spricht.

Betrachten wir folgende Aussagen:

  1. Gott ist allmächtig
  2. Gott kann Steine beliebiger Schwere erschaffen (folgt aus 1)
  3. Gott kein jeden Stein heben (folgt aus 1)
  4. Gott kann einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann (folgt aus 1) 

Aus der Annahme der Allmächtigkeit folgt demgemäß ein Widerspruch. Der Aussage

Gott ist allmächtig

muss also der Wahrheitswert „falsch“ zugeschrieben werden. Die Aussage wird durch den Beweis widerlegt, dass ihr etwas Widersprüchliches zugrundeliegt.

Der aufgeklärte Christ sagt also:

Ich glaube an den allmächtigen Gott, wohl wissend, dass die Aussagen „Gott existiert“ und „Gott ist allmächtig“ im Rahmen der zweiwertigen Logik und ihrer Gesetze bzw. der Korrespondenztheorie der Wahrheit falsch sind.

Was aber sind die Wahrheitsbedingungen eines solchen Satzes?

Dieses Glaubensbekenntnis mutet ein aufgeklärter Christ einem ungläubigen Gesprächspartner ja zu.

Ich glaube, dass p

ist genau dann wahr, wenn „ich“ sich im Zustand des Glaubens an p befindet, wenn „ich“ also die Wahrheit sagt und nicht lügt.

Wenn der allmächtige Gott uns Menschen hienieden eine Maschine schenkt, mit der wir Gedanken lesen können, das werden wir auch die Wahrheit dieser Aussage überprüfen können. Bis dahin müssen wir mit dem Zweifel leben.

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