Verhaltensbiologie: Die Gene zwingen nicht. Sie machen geneigt.

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe ein angeborenes und ausgeprägtes Talent zum Klavierspielen. Ein solch begabter Zeitgenosse wird natürlich mit größerer Wahrscheinlichkeit  eines Tages professioneller Pianist als weniger begnadete Menschen. Er hat dann unter all den Unwägbarkeiten eines Künstlerlebens zu leiden. Damit ist u. a. der Zwang verbunden, viele Stunden am Tag zu üben, zu üben und nochmals zu üben. Ohne Übung kann sich bekanntlich auch das größte Talent nicht entfalten.

Es ist aber keineswegs sicher, dass sich dieser Mensch der Musik verschreibt. Er könnte beispielsweise auch Rechtsanwalt, Arzt, Psychiater oder Drogenhändler werden – je nachdem, welche Umwelteinflüsse auf ihn einwirken. Wenn die angemessene Förderung ausbleibt, liegt das Talent womöglich brach.

Im Bereich des Verhaltens und Erlebens gilt für die Gene, was die Astrologie fälschlicherweise über die Sterne behauptet: Die Gene machen geneigt, aber sie zwingen nicht.

Menschen mit einem angeborenen Talent zur Manie, zum Wahn, zur Halluzination, zur Traurigkeit oder Ängstlichkeit werden deswegen aber nicht zwangsläufig die Rolle von „psychisch Kranken“ übernehmen. Auch diese Talente erfordern Übung, um zur Reife zu gelangen. Bleibt die Förderung aus, können sich derartige Talente u. U. nicht entwickeln.

Genetische Einflüsse könnten durchaus bei den Phänomenen eine Rolle spielen, die von der Psychiatrie als „Symptome psychischer Krankheiten“ missdeutet werden. Dass diese mutmaßlichen Krankheiten erblich sind, konnte bisher zwar noch nicht nachgewiesen werden. Aber es ist immerhin denkbar. Dies wäre aus meiner Sicht sogar plausibel.

Dennoch können sich diese Einflüsse nur unter entsprechenden Umweltbedingungen Geltung verschaffen. Dies ist in diesem Bereich des menschlichen Verhaltens nicht anders als in der Kunst oder der Wissenschaft.

Es mag befremdlich erscheinen, „Symptome“ wie Wahn oder Halluzinationen als Talente aufzufassen und sie in einem Atemzug mit der Begabung fürs Klavierspielen zu nennen. Im Allgemeinen ist der Begriff „Talent“ auf Leistungen beschränkt und umfasst nicht zugleich die Fehlleistungen. Für mich ist diese Unterscheidung allerdings Ansichtssache.

Doch auch wenn man das Spielen der Rolle des psychisch Kranken nicht als Kunst auffassen möchte, so kann man die Parallele zwischen den Bereichen Kunst und „psychische Krankheit“ beim Zusammenspiel von Anlage und Umwelt wohl kaum bestreiten.