Vaterlandshass und Vaterlandsliebe

Auf dem letzten Bundeskongress im April 2017 wurde Sarah Rambatz in  den „Bundessprecher*innenrat“ der Linksjugend Solid  gewählt. 1)Dies ist eine Jugendorganisation, die der Partei „Die Linke“ nahesteht. Sie wurde von der Partei „Die Linke“ für die Bundestagswahl 2017 aufgestellt. Nunmehr hat Sarah Rambatz auf ihren Listenplatz  verzichtet.

Der Grund: Sie junge Frau hatte in einer nicht öffentlichen Facebook-Gruppe um Empfehlungen für „antideutsche Filme“ gebeten und hinzugefügt: „& grundsätzlich alles wo Deutsche sterben“. Dieses Posting wurde von einem Gruppenmitglied der Parteiführung zugeleitet, diese reagierte schnell und nahm ihre Kandidatin ins Gebet.

Der Spitzenkandidat der Hamburger Spitzenkandidat Fabio de Masi sagte, es handele sich um einen Einzelfall. Daran zweifele ich, sofern sich diese Einschätzung nicht auf die Besonderheit des Falles, sondern auf das Antideutsche in dieser Partei bezieht. Leute, die wünschen, dass Deutschland verrecken und Bomber Harris Dresden nach einmal in Schutt und Asche legen solle, gibt es in der Linkspartei zur Genüge.

Die Mehrheit der Mitglieder dieser Partei hasst Deutschland vermutlich nicht. Aber einen Ausschluss von Mitgliedern aus der antideutschen Ecke hat man bisher auch noch nicht ins Auge gefasst. Vielleicht ist man dort der Ansicht, dass Menschen mit Deutschland-Hass ins Spektrum einer linken Partei gehören.

Fraglos gibt es nachvollziehbare Motive, Deutschland zu hassen, nicht nur, aber vor allem, wenn man in die Nazi-Vergangenheit denkt. Es ist sicher die Pflicht einer linken Partei, die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten. Die Frage ist nur, ob sich eine Kultur des Hasses dazu eignet.

Die Nazizeit war zweifellos ein Bruch im Prozess deutscher Zivilisation. Ein Volk wurde zum Kind, schaute zum Führer auf wie zu einem strengen Vater und ersetzte das Gewissen durch dessen Wort. Die Vernunft versankt in einem Meer von Blut. Die romantische Barbarei, um einen Gedanken Thomas Manns zu paraphrasieren, triumphierte furchtbar.

Die Nazis waren nicht links, nicht rechts, nicht progressiv, nicht konservativ. Sie waren reaktionär. Sie wollten zurück auf eine längst überwundene, vordemokratische Kulturstufe, in der starke Männer als feminin erachtete Massen führten und aus kollektivem Egoismus über Leichen gingen.

Inzwischen bereut Sarah Rambatz ihre Kapriole auf Facebook und beklagt, dass man die „Überspitzung“ übersehen habe, die zum Ausdruck zu bringen ihr offenbar nicht gelungen sei. Für derlei Überspitzungen sind Antideutsche bekannt, nicht alle verstehen diese Art von „Humor“.

Eine allgemeine Distanzierung vom Vaterlandshass vermag ich bei dieser Politikerin bisher aber nicht zu erkennen. Antideutsche würden dies vielleicht auch als Verrat an der eigenen Sache betrachten – so, als ob Antifaschismus und eine proisraelische Haltung ohne eine gehörige Portion Hass auf Deutschland und die Deutschen nicht möglich seien.

Die Nazis betrieben das Werk der Zerstörung der Vernunft mit wilder Leidenschaft.2)Sie vollendeten dabei eine Tendenz , die in Deutschland schon lange vor ihnen virulent war, siehe: Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft Ihr Leitbild war nicht der vernünftige, sondern der fanatische Nationalsozialist.

Ist nun ein von Deutschlandhass dominiertes Weltbild die Antwort auf die berserkerhafte Irrationalität der Nazis? Muss man nur viele Filme schauen, in denen Deutsche sterben, um eine gute Antifaschistin zu sein?

Emotionen sind schön. In vielen Bereichen unseres Daseins  wirken sie belebend und befruchtend. Ohne sie wären wir nichts weiter als Automaten. Mit ihnen sind wir Tiere, Menschentiere. Doch human sind wir nur, wenn wir unsere Vernunft entfalten. Denn diese ist unser Alleinstellungsmerkmal in der uns bekannten Natur. Die Kunst besteht darin zu erkennen, wann Emotionen angebracht sind und wann nicht.

Die Politik ist eine Sphäre der Abstraktion. Es geht um Allgemeines, um Interessen von Gruppen, Klassen, des Volks – unter Abzug des Besonderen, des Individuellen.  Deswegen sind Emotionen bei der Lösung politischer Probleme ebenso hilfreich wie in der Mathematik, nämlich gar nicht.

Nicht nur der Vaterlandshass, sondern auch die Vaterlandsliebe zur untauglich zur Meisterung politischer Aufgaben. Emotionen sind eindimensional, sie lassen eine Differenzierung kaum zu. Das abwägende Urteil ist in der Politik aber unerlässlich, vor allem in einer, die das Gegenbild zur romantischen Barbarei der Faschisten sein will.

Vaterlandshass und Vaterlandsliebe sind nur zwei Seiten einer Medaille.  Das Vaterland ist ein unwürdiges Objekt für Liebe oder Hass. Diese sollten unseren Freunden oder Feinden gelten, nicht einem Konstrukt. Die deutsche Nation ist ein Begriff, mit dem man nur vernünftig umgehen kann, wenn man keinen Schaden anrichten will. 3)Dies gilt vermutlich für alle Nationen, für Deutschland aber ganz besonders.

Manche meinen, ohne Vaterlandsliebe sei niemand solidarisch mit Landsleuten, die er nicht kenne, ohne eine solche, allumfassende Solidarität sei kein Staat zu machen. Solidarität, kein Zweifel, ist essenziell – aber sollte sie auf Gefühlen beruhen, oder nicht besser: auf Vernunft, auf dem kategorischen Imperativ nämlich?

Emotionen und Politik sind ein gefährliches, ein hoch toxisches Gemisch. Es lässt uns trunken werden. Dieses Gebräu macht uns reif fürs Bierzelt oder für ähnliche Veranstaltungen, die auf dem Schema von Führer und Gefolgschaft beruhen.  Der schauerliche Gipfel derartiger Veranstaltungen war die Sportpalastrede4)Goebbels: Rede im Berliner Sportpalast:

Goebbels: „Ich frage euch: Ist euer Vertrauen zum Führer heute größer, gläubiger und unerschütterlicher denn je? Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte? „

(Die Menge erhebt sich wie ein Mann. Die Begeisterung der Masse entlädt sich in einer Kundgebung nicht dagewesenen Ausmaßes. Vieltausendstimmige Sprechchöre brausen durch die Halle: „Führer befiehl, wir folgen!“ Eine nicht abebbende Woge von Heilrufen auf den Führer braust auf. Wie auf ein Kommando erheben sich nun die Fahnen und Standarten, höchster Ausdruck des weihevollen Augenblicks, in dem die Masse dem Führer huldigt.)

Emotionen bewirken immer eine Reduktion kognitiver Komplexität. Dies ist mitunter auch angebracht, nämlich immer dann, wenn ein Übermaß an kognitiver Komplexität unerwünscht ist. Ein Liebeserklärung beispielsweise ohne echtes Gefühl könnte leicht zu einer frostigen Angelegenheit entarten. Falls es aber z. B. um Krieg und Frieden geht, sollte man seine Gefühle zu zügeln verstehen.

Auch wenn man eine Büste des Säulenheiligen Adorno auf dem Nachtkästlein stehen hat, so ist die antideutsche Denkweise doch recht schlicht. Die Bösen sind Deutschland im Allgemeinen sowie die Deutschen und unter diesen im Besonderen jene, die man zu Faschisten oder Nazis erklärt hat. Gut sind Israel, die Juden sowie die Schutzmacht Amerika. Wie könnte sich, trotz kritischer Theorie, in solch einer hoch emotionalen Matrix Vernunft entfalten?

So gebietet uns beispielsweise der kategorische Imperativ, nichts zu unterstützen, was die Existenz Israels und der in diesem Staat lebenden Menschen gefährden könnte. Er zwingt uns aber nicht, jede Kritik an Maßnahmen der israelischen Regierung als „antisemitisch“ zu verunglimpfen.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Die Menschen sind auch nicht entweder gut oder böse. Liebe und Hass können sich legitimerweise auf Individuen beziehen (und oft ist dies auch nur vorübergehend gerechtfertigt), aber nicht auf Gruppen, Klassen, Vaterländer, also auf abstrakte Kategorien.

Auf ihrer Facebook-Seite versucht Sarah Rambatz, den Fall wie folgt zu erklären5)Facebook-Statement Sarah Rambatz:

Sicherlich war es eine dumme, unbedachte Aktion, die mir in dieser Form kein zweites Mal passieren wird. Meiner Meinung nach ist die Überspitzung anhand der Wortwahl, die ich getroffen habe, deutlich geworden. Unabhängig davon akzeptiere ich aber, dass die Lesart bei vielen Menschen eine andere ist und nicht jeder diese Überspitzung verstanden hat. Die Reaktionen der AfD und ihrer Sympathisant*innen zeigen aber das Kernproblem: Der Rechtsruck schreitet voran. Mehr denn je stehe ich hinter dem Slogan meiner Partei: »Entschieden gegen rechte Hetze!«

Die dumme Aktion bestand darin zu bekennen, dass sie gern Filme empfohlen haben möchte, in denen Deutsche sterben. Sie gelobt aber, dass ihr dies kein zweites Mal passieren wird – in dieser Form. Zum Inhalt dieser Auslassung scheint sie sich also unvermindert zu bekennen. „Überspitzt formuliert“ bedeutet, dass sie die Aussage im Kern beibehält. Das eigentliche Problem sei aber die Reaktion auf ihr Posting, sie zeige, dass der Rechtsruck voranschreite.

Mir scheint, Sarah Rambatz hat nicht begriffen, worin ihr Fehler eigentlich bestand. Sie scheint tatsächlich zu glauben, ihr Fehler sei die „Überspitzung“, die falsche Wortwahl gewesen.  Aus meiner Sicht haben derart emotionalisierte Menschen in der Politik nichts verloren, bis sie sich eines Besseren besinnen und Vernunft annehmen.

Fußnoten   [ + ]

1. Dies ist eine Jugendorganisation, die der Partei „Die Linke“ nahesteht.
2. Sie vollendeten dabei eine Tendenz , die in Deutschland schon lange vor ihnen virulent war, siehe: Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft
3. Dies gilt vermutlich für alle Nationen, für Deutschland aber ganz besonders.
4. Goebbels: Rede im Berliner Sportpalast
5. Facebook-Statement Sarah Rambatz

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