Vater unser. Über Religion und Moral

Aus psychoanalytischer Sicht ist Gott eine Fantasie. Er ist der Vater der Kindheit, ins Übernatürliche gesteigert. Seine Gebote und Verbote sind die väterlichen Gebote. Gott ist eine regressive Fantasie. Der Mensch verhält sich, auch wenn er bereits erwachsen ist, zu Gott, als ob er noch ein Kind und Gott der Vater wäre. Für sehr junge Kinder ist der Vater unfehlbar und allmächtig, sein Wort ist Gesetz. Vor Gott sind wir sehr junge Kinder.

„Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“1)Matthäus 18

Jesus kannte den Trick. Man muss die Religion der Ratio entziehen, wenn sie ihre Wirkung im Unbewussten entfalten soll, denn das Unbewusste ist infantil. Aufgeklärte Konservative sagen, wir müssen uns dennoch den Glauben erhalten, denn ohne diesen Glauben gäbe es keinen Grund für den Menschen, moralisch zu handeln. Ohne moralisches Handeln aber würde die Welt zusammenbrechen.

Ganz Schlaue machen daraus sogar einen „Gottesbeweis“. Der geht so: Ohne Moral gäbe es keine Menschheit. Sie hätte sich längst vernichtet. Ohne Gott gäbe es keine Moral. Die Menschheit gibt es immer noch. Also existiert auch Gott.

Wenn man wieder zum Kindlein geworden ist, dann leuchtet einem dieser „Gottesbeweis“ natürlich ein. Den meisten Gläubigen im aufgeklärten und abgeklärten Mitteleuropa bleibt diese tiefe Regression jedoch versagt. Sie meinen stattdessen, dass man die Existenz Gottes nicht beweisen könne.

Wenn man die Existenz Gottes jedoch nicht beweisen kann und wenn man sich zudem der klassischen, zweiwertigen Logik verpflichtet fühlt, dann muss man einräumen, dass man an etwas Falsches glaubt, sobald man die Existenz Gottes bejaht. Denn wenn man seine Existenz nicht beweisen kann, so ist es unmöglich, dass die Aussage „Gott existiert“ wahr ist.2)Eine Aussage kann nur dann als wahr gelten, wenn sie bewiesen wurde. Wenn etwas aber nicht wahr ist, dann muss es im Rahmen der aristotelischen Logik falsch sein.

Man könnte einwenden, dass man ja den Rahmen der klassischen Logik überschreiten und den Term „möglich“ einführen könnte. Der Aussage lautete dann: Es ist möglich, dass Gott existiert. Wer aber befolgt die Gebote und Verbote eines Gottes, der möglicherweise existiert? Die aus konservativer Sicht wichtigste Funktion des Gottesglaubens, nämlich die Gewährleistung der Moral, entfiele dann.

Bisher haben wir stillschweigend angenommen, dass Religiosität tatsächlich die Moral befördere. Man beruft sich gern auf Stalin oder Hitler. In deren Systemen habe Gottlosigkeit geherrscht und die Moral sei infolgedessen auf den tiefsten Stand gesunken. War Hitler gottlos?

Die Verteidiger des Glaubens, gleich welcher Schattierung, neigen dazu, den friedliebenden Charakter ihrer Bekenntnisse hervorzuheben. Gott, so heißt es da oft, habe Mensch und Welt in Liebe geschaffen und er leide es nicht, wenn der Mensch zerstöre, was unter Gottes Händen entstand.

Angesichts der nicht endenden wollenden blutbeschmierten Kette von Kriegen und Terror, die im Namen Gottes geführt wurden und werden, wird allerdings die Frage aufgeworfen, ob sich hier nicht doch ein Widerspruch zwischen dem idealen Bild der Religionen und der hässlichen Wirklichkeit auftut.

Hitler: „Auch ich bin religiös, und zwar tief innerlich religiös. Und ich glaube, dass diese Vorsehung die Menschen wägt, und dass derjenige, der vor den Prüfungen und unter den Prüfungen der Vorsehung nicht bestehen kann, der an ihnen zerbricht, dass der von der Vorsehung nicht bestimmt ist zu Größerem, dass das eine in der Natur gegebene Notwendigkeit ist, dass nur aus einer Auslese die Stärkeren übrig bleiben. Und ich möchte es hier ruhig aussprechen: Wenn mein eigenes Volk an einer solchen Prüfung zerbrechen würde, könnte ich darüber dann keine Träne weinen, es hätte nichts anderes verdient. Das würde sein eigenes Schicksal sein, das es sich selbst zuzuschreiben hat. Das glaube ich aber nie und nimmer.“ (http://www.deutschlandfunk.de/vorsehung-und-religiositaet.7…)

Der Sound kam mir beim ersten Lesen gleich bekannt vor. Ich blätterte ein wenig in der frommen Abteilung meiner Bibliothek und fand Folgendes:

Augustinus: „Niemand darf jemals die Berechtigung eines Krieges bezweifeln, der in Gottes Namen befohlen wird, denn selbst das, was aus menschlicher Gier entsteht, kann weder den unkorrumpierbaren Gott noch seinen Heiligen etwas anhaben. Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen. Denn niemand besitzt Macht über andere, wenn er sie nicht vom Himmel erhalten hat. Alle Gewalt wird nur auf Gottes Befehl oder mit seiner Erlaubnis ausgeübt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Augustinus_von_Hippo…)

Mit stellt sich die Frage, ob nicht, unabhängig von der Art des Glaubens, im religiösen Denken ein Grundmechanismus lebendig ist, der zur Gewalttat (zur maximalen Negation jeder Moral drängt, wenn nicht zwingt.

Und Stalin? War er tatsächlich so gottlos, wie Marx befahl? Schaut man genauer hin, so kommen Zweifel. Manche erklären ihn gar zum Heiligen.3)Saint Iosif: Stalin and Religion Soweit muss man gar nicht gehen, um den religiösen, ja, christlichen Charakter des Kommunismus zu erkennen. Nach christlicher Lehre lebten dereinst die Menschen im Paradies. Aufgrund einer Sünde wurden sie daraus vertrieben. Sie können aber in es zurückkehren, wenn sie Gottes Geboten und Verboten gehorchen. Nach kommunistischer Doktrin lebten die Menschen dereinst in einer paradiesischen kommunistischen Urgesellschaft. Durch die Entwicklung der Klassenspaltung vertrieben sie sich aus ihr. Zum Glück aber gibt es den historischen Materialismus und den objektiven, dialektischen Weltprozess. Diesen müssen die Menschen durch Klassenkampf unterstützen (das Gute tun und das Böse meiden), dann werden sie wieder in der kommunistischen Gesellschaft (dem Paradies auf Erden) landen. Der Stellvertreter des historisch-dialektischen Weltprozesses ist die kommunistische Partei, die sagt, wo’s langgeht. Man muss ziemlich infantil sein, um an so etwas zu glauben.

Die Kommunisten scheiden die Menschen in die guten Klassengenossen und die bösen Klassenfeinde, die Nationalsozialisten in die guten Volksgenossen und die bösen Volksfeinde, die Frommen in die Gläubigen und die Ungläubigen. Wo immer Weltanschauungen, gleich welcher Art, Moral produzieren sollen, haben wir diese eingleisige, eindimensionale Dichotomie, haben wir dieses Schwarz-Weiß-Denken, diese Gut-Böse-Schablone.

Recht bedacht, verträgt sich die Religion vielleicht doch nicht so gut mit einer konservativen politischen Haltung, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wer züchtet schon einen Spaltpilz, wenn er Bewährtes bewahren will?

Konservativismus bedeutet u. a., sich zum Elitegedanken zu bekennen. Elite im konservativen Sinne ist allerdings nicht jener, der das meiste für sich selbst herausholt, sondern der fürsorglich zur Gemeinschaft verhält. Konservative Elite heißt: Vorbild sein. Vorbild ist, wer aus Gründen der Vernunft den Egozentrismus überwindet. Die Masse braucht Vorbilder dieser Art, keine Religion. Die Glaubensbekenntnisse haben versagt, sich nicht bewährt. Man muss sie deswegen auch nicht bewahren.

Fußnoten   [ + ]

1. Matthäus 18
2. Eine Aussage kann nur dann als wahr gelten, wenn sie bewiesen wurde.
3. Saint Iosif: Stalin and Religion

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