Ursachen psychischer Krankheiten und die Neigung zur Fehlattribution

Menschen neigen dazu, die persönlichen Gründe des Verhaltens gegenüber den Einflüssen der Situation überzubewerten. Diese Tendenz ist besonders ausgeprägt, wenn das Verhalten anderer Menschen beurteilt wird. Mitunter geben wir sogar dem Handelnden die Schuld an negativen Handlungsfolgen, obwohl die äußeren Bedingungen seines Handelns ihm, leicht erkennbar, keine Wahl ließen.

Ein  Beispiel: Ein Prominenter preist in einem Werbespot ein Produkt an. Viele meinen, dass dieser Mensch das Produkt tatsächlich gut fände. Sie beharren sogar dann auf dieser Einschätzung, wenn man sie darauf hinweist, dass der Prominente viel Geld für sein Loblied auf die Ware erhalten hat.

Die sozialwissenschaftliche Forschung hat diesen, aus alltäglicher Erfahrung sattsam bekannten, Sachverhalt eindeutig bestätigt. (Jones & Harris 1967). Er wird als „Fundamental Attribution Error“ (Attributionsfehler) bezeichnet. Darunter wird die Neigung verstanden, ohne eingehende Prüfung und vernünftigen Grund in der Person liegende Faktoren1)Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten, Neigungen bzw. Abneigungen etc. für Handlungen verantwortlich zu machen oder deren Einfluss überzubewerten.

Zu den persönlichen Ursachen, die menschlichem Verhalten zugeschrieben werden, zählen natürlich nicht nur mutmaßlich angeborene Merkmale der Persönlichkeit. Auch soziale Einflüsse wie Erziehung oder Traumatisierung in der Kindheit, gehören dazu.

Ohne diese Neigung zur Fehlattribution hätte das Konzept der „psychischen Krankheiten“ wahrscheinlich niemals eine Chance gehabt, sich in der Bevölkerung durchzusetzen.

An sich ist es natürlich kein fundamentaler Attributionsfehler, wenn wir persönliche Gründe für ein Verhalten annehmen. Solche Gründe könnten ja tatsächlich tatsächlich vorliegen. Der Fehler besteht darin, äußere Gründe als Einflussfaktoren voreilig auszuschließen oder gering zu schätzen.

So ist es z. B. durchaus legitim, Hirndefekte als Ursache einer so genannten psychischen Krankheit in Erwägung zu ziehen. Es ist aber ein Fehler, äußere Ursachen, z. B. ein gestörtes Familienleben, als möglicherweise maßgeblich für das Verhalten, keinen Widerspruch duldend, auszuschließen oder gering zu schätzen.

Es versteht sich von selbst, dass auf Ursachenzuschreibungen eine Vielzahl von Einflussgrößen einwirken. Deswegen zeigt sich der Attributionsfehler nicht immer in unverminderter Stärke. Es neigt auch nicht jeder Mensch in gleichem Maße zu diesem weit verbreiteten Denkfehler.

Ein die Neigung zur Fehlattribution verstärkender Faktor ist natürlich der Individualismus, der schlicht und eingängig durch den Slogan „Jeder ist seines Glückes Schmied“ charakterisiert wird. Das Zusammenwirken von Fehlattribution und Individualismus dürfte auch einer der Gründe dafür sein, dass mit dem Siegeszug des Neoliberalismus in den Industriestaaten die Häufigkeit der „psychischen Erkrankungen“ zu steigen scheint.

Die Betroffenen und vor allem deren Mitmenschen sind in immer stärkerem Maß geneigt, Problemen des Verhaltens und Erlebens persönliche Ursachen zuzuschreiben.

Der Einfluss von aktuellen Umweltfaktoren wird ignoriert, obwohl er offensichtlich ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob man nun die „psychischen Krankheiten“ auf eine biologische Ursache oder auf eine durch Traumatisierung geschädigte Psyche zurückführt.

In beiden Fällen wird die Ursache in Prozessen gesehen, die im Individuum ablaufen. Ob man nun glaubt, diese Prozesse seien durch die Gene oder frühkindliche Erfahrungen hervorgerufen worden, spielt für das Grundsätzliche keine Rolle: Die Bedeutung der aktuellen Lebenssituation für das Verhalten des Betroffenen wird verkannt oder heruntergespielt.

Fußnoten   [ + ]

1.Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten, Neigungen bzw. Abneigungen etc.