Unheilige Allianz

Manche Psychiatriekritiker machen es sich einfach; sie haben ein schlichtes Weltbild: Auf der einen Seite steht die böse Psychiatrie. Auf der anderen Seite finden sich die armen Opfer. Die Psychiatrie stigmatisiert und malträtiert die Opfer. Die Opfer können nichts dafür.

So einfach ist es leider nicht. Es gibt zwar durchaus die wahren Helden, die keine „Krankheitseinsicht“ zeigen und gegen ihren erklärten Willen zwangsbehandelt werden, die sich immer mustergültig betragen haben und keinen greifbaren Anlass für ihre Inhaftierung hinter psychiatrischen Gittern gaben.

Doch die überwiegende Mehrheit der psychiatrischen Patienten zählt nicht zu dieser Sorte. Übern Daumen gepeilt begeben sich neun Zehntel der Psychiatrie-Patienten freiwillig in eine solche Behandlung. Viele unterliegen zwar einem, teilweise erheblichen, sozialen Druck durch mehr oder weniger wohlmeinende Mitmenschen; doch zur Therapie gezwungen werden sie nicht. Sie haben eine Wahl, und sie wählen den Psychiater. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

Folgende Motive halte ich für denkbar:

  1. Die Betroffenen haben sich mit ihren Problemen auseinandergesetzt und sind zu der Überzeugung gelangt, dass eine ärztliche Behandlung erforderlich sei.
  2. Die Betroffenen schließen sich weitgehend gedankenlos der Mehrheitsmeinung an, dass ihre Probleme des Arztes bedürften.
  3. Die Betroffenen begeben sich wegen der damit verbundenen, nicht-medizinischen Vorteile in eine psychiatrische Therapie.

Wer sich aus bewusster Überzeugung psychiatrisch behandeln lässt, kann wohl kaum als Opfer bezeichnet werden. Wer dies ohne nachzudenken tut, kann allenfalls als Opfer einer Verführung gelten und ist von Mitverantwortung nicht freizusprechen. Das dritte Motiv wird häufig als Krankheitsgewinn angesprochen. Die Krankenrolle wird (auch) wegen der damit verbundenen Vorteile gewählt. Diese Vorteile wirken als Verstärkung des Rollenspiels; sie müssen dem Betroffenen keineswegs (voll) bewusst sein.

Einen Krankheitsgewinn verzeichnen nicht nur die „Erkrankten“ selbst, sondern auch deren Angehörige und nicht zuletzt die Mediziner sowie natürlich die Pharmaindustrie bzw. andere Hersteller medizinischer Erzeugnisse.

Die ersten beiden Motivgruppen sind ideeller, die dritte aber ist handfester Natur. Hier geht es letztlich um das Bankkonto. Wer die menschliche Natur kennt, wird wissen, welche der drei Motivgruppen schlussendlich die ausschlaggebende sein dürfte.

Karl Schmidt geht zum Psychiater, berichtet von seinen Leiden und wird als depressiv diagnostiziert. Der Psychiater verdient an der Behandlung und die Pharma-Industrie an den verschriebenen Medikamenten. Karl Schmidt muss sich nicht mehr wegen der häufigen Fehlzeiten an seinem Arbeitsplatz rechtfertigen; er ist schließlich schwer krank und nicht dafür verantwortlich. Luise Schmidt, die treu sorgende Ehefrau, kann sich nun sicher sein, dass nicht sie Anlass der sich häufenden, mühsam unterdrückten Feindseligkeit ihres Mannes sei, sondern dass es sich dabei um das Symptom einer Krankheit handele, für die schließlich niemand etwas könne.

Bedarf es noch weiterer Erklärungen dafür, dass Karl Schmidt die Rolle des „psychisch Kranken“ übernimmt?

Es mag ja sein, dass er zutiefst unglücklich ist und unzufrieden mit seinem Arbeitsplatz, mit den Kollegen, mit seiner Ehefrau und dem Leben insgesamt. Es mag auch sein, dass sich seine Unzufriedenheit zu Phänomenen ausformt, die in den einschlägigen psychiatrischen Diagnose-Schemata das „Syndrom“ der „Depression“ charakterisieren.

Doch unglücklich zu sein, ist keine Krankheit. Damit dieser Zustand zu einer solchen erklärt wird, müssen verschiedene Personen zusammenspielen, beispielsweise der Mensch, der sich zum Patienten machen lässt, Angehörige, die Druck ausüben und nicht zuletzt auch der Arzt, der die Diagnose ausspricht.

All diese Akteure handeln aus Gründen. Und wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass Motive aus dem thematischen Feld des Leidens unter einer Krankheit eventuell nur eine vordergründige Rolle spielen.

Wer nun glaubt einwenden zu müssen, dass die Depression schließlich eine Krankheit sei und dass deren Behandlung selbstverständlich das Hauptmotiv aller Beteiligten sei, hat die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre nicht mitbekommen. Nachdem die Serotonin-These der Depression als Marketing-Schwindel entlarvt wurdei, kann die Depression heute allenfalls noch den Status einer hypothetischen Krankheit beanspruchen. Mit anderen Worten: Es gibt keinen auf Tatsachen fußenden Grund, Karl Schmidts Unglücklichsein in medizinischen Begriffen zu interpretieren.

Es ist natürlich möglich, dass die „Depression“ tatsächlich eine Krankheit ist; doch im Augenblick gibt es keine harten Daten, die dafür sprechen würden. Es existieren aber jede Menge harte Daten, die nahelegen, dass Menschen die Depression aus nicht-medizinischen Gründen als „Krankheit“ betrachten. Hier spiele ich nicht nur auf das Einkommen an, dass Psychiatrie und Pharma-Wirtschaft mit dieser Diagnose erzielen.

Sondern ich beziehe mich auch auf Studien wie jene der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die einen Zusammenhang zwischen objektiv eingeschätzter Arbeitsintensität und dem Auftreten der Diagnose „Depression“ belegen.ii Es könnte demgemäß durchaus im Interesse der Wirtschaft liegen, Karl Schmidts Unglücklichsein als „Krankheit“ zu deuten und nicht als normale Reaktion auf gestiegene Arbeitsintensität. Es sind also zweifellos – neben den „Kranken“, den Angehörigen, den Psychiatern und der Pharma-Industrie – noch weitere Partner in jener Allianz denkbar, die als „unheilig“ zu bezeichnen ich mich nicht scheue.

Ich erkenne ein sehr breites Bündnis für die Psychiatrie, zu dem auch der Staat zählt, die Medien, ja, bis auf jene kleine Zahl der Krankheitsuneinsichtigen und ihrer Unterstützer, gehört die gesamte Gesellschaft dazu. Die gesamte Gesellschaft profitiert davon, dass Phänomene, die keine Krankheiten, sondern allenfalls mutmaßliche Krankheiten sind, so behandelt werden, als wären sie es ganz sicher. Und weil alle profitieren, steigt der Grad der Gewissheit ins Maßlose. Wir haben es hier also mit einem Mechanismus zur Reduktion gesellschaftlicher Komplexität zu tun. Solche Mechanismen sind überaus nützlich, ohne sie könnte keine Gesellschaft existieren. Doch solche Mechanismen sind immer und zwangsläufig eine beschränkte Sichtweise.

Vertrauen beispielsweise, der klassische Mechanismus dieser Art, vermindert die Aufmerksamkeit für Hinweise auf gerechtfertigtes Misstrauen. Das ist der Preis, den die Gesellschaft für einen nützlichen Mechanismus zu zahlen hat. Er erzeugt immer einen blinden Fleck. Dieser kann so groß werden, dass ein derartiger Mechanismus seine Nützlichkeit einbüßt und zu einem überwiegenden Schadfaktor wird.

Die psychiatrische Etikettierung von Menschen als „psychisch krank“ erweist der Gesellschaft zweifellos einen beachtlichen Dienst. Sie erleichtert z. B. den Umgang mit Störern, die sich entweder nichts zu schulden kommen ließen oder deren Straftaten in keinem rechtfertigenden Verhältnis zu den freiheitseinschränkenden Maßnahmen stehen, die man für erforderlich hält. Sie definiert generell Strategien zum Umgang mit Menschen, die aus rätselhaften Gründen aus der Rolle fallen.

In all diesen Fällen müsste man gesonderte, fallspezifische Maßnahmen ersinnen, wenn es die Psychiatrie nicht gäbe. Die damit verbundene Arbeitserleichterung ist nicht gering zu schätzen. Was dabei allerdings übersehen oder stillschweigend in Kauf genommen wird, ist die Tatsache, dass die Psychiatrie dem Geist der bürgerlichen Gesellschaft widerspricht, deren Kind sie ist. Die große Idee der bürgerlichen Gesellschaft – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – setzt den verantwortlichen, mündigen Bürger voraus. Dieser darf nicht willkürlich von der Teilhabe an dieser großen Idee ausgeschlossen werden.

Doch genau dies tut die Psychiatrie. Sie diagnostiziert willkürlich Menschen als „psychisch krank“. Sie verfügt nicht über objektive Verfahren zum Nachweis solcher „Krankheiten“. Der psychiatrische Mechanismus zur Reduktion gesellschaftlicher Komplexität wird also um den Preis eines partiellen Rückfalls in vordemokratische, vorbürgerliche Verhältnisse erkauft.

Unheilige Allianz? Was war denn die heilige? Die Heilige Allianz bezeichnete ein monarchisches Bündnis gegen bürgerliche und nationale Bestrebungen. Sie scheiterte letztlich. Das Bürgertum setzte sich durch und damit auch sein politisches System, die nationalstaatliche Demokratie. Die psychiatrische Allianz aber entstand und wirkt im Herzen der bürgerlichen und nationalstaatlichen Demokratie als Feindin der ihr zugrunde liegenden Idee. Was viele nicht erkennen, ist, dass mit jeder psychiatrischen Diagnose einem Menschen zumindest teilweise der Status eines voll verantwortlichen, mündigen Bürgers aberkannt wird. Dies gilt auch dann, wenn er nicht formell unter Betreuung gestellt wird.

Nach psychiatrischer Auffassung beruht jede „psychische Krankheit“ auf einem biologischen Mechanismus, der sich der Kontrolle des Betroffenen entzieht. Wer einem solchen Mechanismus unterliegt, der ist kein mündiger, voll verantwortlicher Bürger mehr. Und wer erst einmal eine entsprechende Diagnose erhalten hat, über dem wird zeitlebens das Damokles-Schwert des Verdachts schweben, kein mündiger, voll verantwortlicher Bürger zu sein.

Kurz: Die Psychiatrie ist eine feudalistische Struktur in der demokratischen Gesellschaft. Die psychiatrischen Lehnsmänner können in ihren Territorien nach Belieben schalten und walten, solange sie dem Lehnsherrn, dem Staat treu verbunden bleiben. Wie weit diese Treue geht und wie unverbrüchlich sie ist, zeigt in der jüngeren Vergangenheit beispielsweise die Beteiligung führender Psychiater an den Gehirnwäsche-Projekten des amerikanischen Geheimdienstes CIA (MKULTRA & Co.).

Wer sich den psychiatrischen Territorien auch nur nähert, läuft Gefahr, zum Leibeigenen zurückgestuft zu werden. Das ist keine bildhafte Sprache. Nirgendwo ist in unserer Gesellschaft ein Mensch rechtloser als in den geschlossenen Abteilungen psychiatrischer Anstalten oder im Maßregelvollzug. Es dürfte klar geworden sein, dass Menschen, die sich als „Patienten“ dieser unheimlichen, unheiligen Allianz anschließen, durchaus mit dem Feuer spielen. Den kleinen Vorteilen, die man sich, vielleicht zu Recht, davon verspricht, stehen gewaltige Nachteile gegenüber, mit denen man u. U. lebenslang zu kämpfen hat.

Lacasse, J. R. & Leo, J. (2005). Serotonin and Depression: A Disconnect between the Advertisements and the Scientific Literature. PLoS Med 2(12): e392. doi:10.1371/journal.pmed.0020392

ii Rau, R. Et al. (2010). Untersuchung arbeitsbedingter Ursachen für das Auftreten von depressiven Störungen. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Dortmund, Berlin, Dresden

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