Überfremdung

Wer das Wort „Überfremdung“ auch nur in den Mund nimmt, hat schon verloren. Die Wohlgesinnten klauben ihre Trillerpfeifen und Kochtöpfe hervor und entfalten einen infernalischen Lärm. Wenn ich trotz dieses Höllenspektakels dennoch weiterschreibe, so stärkt mich dabei die Gewissheit, dem Kategorischen Imperativ zu folgen.

Der Begriff „Überfremdung“ ist ein Kürzel für die Furcht, dass Migranten einen maßgeblichen Einfluss auf die einheimische Kultur und Politik gewinnen könnten. Dies wird als Bedrohung erlebt, weil die uns vertraute Welt dadurch allmählich verschwinden könnte. Ein weit verbreiteter Ausdruck dieses Gefühls ist die Redewendung, man fühle sich als Fremder im eigenen Land.

Und dies ist ja auch das Innenleben des Affekts der Überfremdung, nämlich das Spannungsfeld zwischen Fremdheit und Vertrautheit. Ein gewisses Maß an Fremdheit sind selbst die Verstocktesten hinzunehmen bereit, sofern die vertraute Grundlage nicht fehlt.  Dieses Phänomen kann man in Touristen-Resorts in exotischen Weltgegenden studieren.

Und niemand soll sich erhaben wähnen. Wir alle brauchen ein gerütteltes Maß an Vertrautheit, um Fremdheit zumindest ertragen zu können. Die psychologische Begründung dafür können auch Menschen verstehen, die keine Geistesriesen sind:

  1. In einem Büchlein analysiert Niklas Luhmann das Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität1)Amazon. In einer vertrauten Welt kann man größere Risiken eingehen. Vertrauen fällt allerdings nicht vom Himmel. Es ist auf Signale angewiesen, dass es gerechtfertigt sei.
  2. Dies bedeutet, man entwickelt Vertrauen zu Menschen, wenn überhaupt, nur mit zunehmender Erfahrung im Umgang mit ihnen.
  3. Dies liegt daran, dass viele Menschen instinktiv davon ausgehen, vergangenes Verhalten sei am besten dazu geeignet, zukünftiges Verhalten vorherzusagen.

Dazu fällt mir die Geschichte vom Truthahn ein, der auf einem amerikanischen Bauernhof vom Bauern aufs beste versorgt und liebevoll umhegt wird. Er denkt sich: „Tag für Tag erhalte ich beste Kost und Liebe und so wird mir ein langes Leben beschieden sen.“ Doch dann steht Thanksgiving unmittelbar bevor…

Der Induktionsschluss ist natürlich ein Trugschluss. Wir Menschen neigen dennoch dazu. An was sonst sollten wir uns auch halten in einer komplexen Welt? Wir sind letztlich darauf angewiesen, durch Erfahrung Vertrauen zu bilden und uns daran zu orientieren.

Deswegen stehen wir allem Fremden zumindest mit einer gewissen Scheu oder Reserviertheit gegenüber. Irenäus Eibl-Eibesfeldt hält diese Fremdenscheu für angeboren2)Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Fremdenfurcht und Ausgrenzung. In: Magazin der Süddeutschen Zeitung. Ausgabe 9, 1992, 52. Die Trillerpfeifen werden lauter. Die Deckel werden auf die Kochtöpfe gehauen. Doch ich schreite voran. Es ist gar nicht erheblich, ob die Fremdenscheu nun angeboren ist oder nicht. Mir scheint zumindest, dass sie, warum auch immer, weltweit mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden ist.

Die Gegenkraft zur Fremdscheu ist die Neugier. Ihr liegt ein Erfahrungshunger zugrunde. Sie verwandelt Fremdes in Bekanntes. Scheu, Furcht und Neugier sind individuell unterschiedlich ausgeprägte Variablen. Wer heutzutage stärker zur Furcht als zur Neugier neigt, wird von den Wohlgesinnten als Nazi bezeichnet. Trillerpfeifen. Kochtöpfe. Trotz des Lärmterrors lasse ich mich nicht einschüchtern und betone, dass „Nazi“ in diesem Fall nicht die psychologisch korrekte Bezeichnung ist.

Die Stärke der Furcht vor Überfremdung wird allerdings nicht allein durch individuelle – ererbte oder erworbene – Einflüsse bestimmt, sondern selbstverständlich auch durch soziale, kulturelle und politische. Wenn Migranten ins Land tröpfeln, wird sie allgemein milder sein, als wenn das Land von ihnen überflutet wird. Angesichts endlos langen Schlangen vor den Grenzen fühlen sich auch Aufgeschlossene mulmig.

Ein Mensch im Zustand starker Furcht denkt nicht moralisch, er denkt überhaupt nicht, er will vielmehr die Bedrohung ausmerzen oder von sich fernhalten, durch Angriff oder Flucht. Deswegen lässt er sich auch nicht davon beeindrucken, wenn ihm die Wohlgesinnten in den Vorgärten vor ihren Heimen am Hang „Nazi“ zurufen. Trillerpfeifen, Kochtöpfe – entfesselt!

Seltsam: Je vertrauter mir diese Leute mit den Trillerpfeifen und Kochtöpfen werden, desto fremder werden sie mir auch. Was treibt diese Menschen an? Woher nehmen sie das Recht, Menschen, die sich offensichtlich fürchten, dermaßen zu verunglimpfen. Das Argument, diese „Nazis“ hätten keinen Grund dazu, sich zu fürchten, greift nicht. Die Furcht braucht keinen Grund. Gefühle sind Gründen generell nicht zugänglich – auch wenn sie mitunter erst durch Gedanken ausgelöst werden. Dabei handelt es sich oftmals um Fehlschlüsse, aber nicht in jedem Fall.

Wie auch immer: Die Furcht vor Überfremdung kann allein durch Vertrauensbildung gemildert werden. Vertrauen ist, wie bereits erwähnt, auf Signale angewiesen. Daher wirkt sich natürlich kriminelles Verhalten von Migranten verheerend aus. Nicht ohne Berechtigung werden die Ereignisse der Silvesternacht in Köln (und anderswo) als Wendepunkt von der Willkommens- zur Abschottungskultur bezeichnet.

Zu recht wird natürlich betont, dass nur eine kleine Minderheit von Migranten sich solche Taten zu schulden kommen ließe. Doch dies hilft nicht, wenn von solchen Phänomenen Tag für Tag in den Medien berichtet wird. Und würden die Medien dies verschweigen, wäre all dies noch viel schlimmer, weil das Internet für rasche Verbreitung und maßlose Übertreibung sorgt.

In der Gastronomie würde man Flüchtlinge demgegenüber mit offenen Armen aufnehmen3)DEHOGA. Kein Wunder. Dort ist man an Fremde gewöhnt. Die Arbeit mit Fremden ist den Menschen dort vertraut.

Wen wundert es also noch, dass die „fremdenfeindlichsten“ Menschen sich in jenen Gegenden finden, wo sich die wenigsten Migranten niedergelassen haben?

Die CDU und Angela Merkel, so will mir scheinen, versucht das Wahlvolk durch ein Rundum-sorglos-Paket zu sedieren. Man müsse sich, so lautet die Botschaft, um nichts kümmern, die Regierung habe alles im Griff und alles, alles werde gut. Wir schaffen das, denn wir haben ja bisher auch immer alles geschafft. Ein Schuft, der „Truthahn“ dabei denkt. Durch Sedierung erzeugt man aber keine Vertrauensbildung.

Fußnoten   [ + ]

1. Amazon
2. Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Fremdenfurcht und Ausgrenzung. In: Magazin der Süddeutschen Zeitung. Ausgabe 9, 1992, 52
3. DEHOGA

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