Über Zombies in Deutschland

Aus Sicht der Mainstream-Psychiatrie beruhen die so genannten psychischen Krankheiten auf fehlerhaften Mechanismen im Körper des Betroffenen. Es heißt üblicherweise in einschlägigen Broschüren und Websites, dass diese Mechanismen noch nicht restlos geklärt seien.i Stress, so heißt es weiter, könne diese Mechanismen auslösen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen; wohingegen „psycho-soziale Schutzfaktoren“ sich günstig auf ihn auswirken könnten.

Aus dieser Vorstellung ergeben sich einige gravierende Konsequenzen: Da den, als Symptome gedeuteten, Phänomenen körperliche Mechanismen zugrunde liegen, stellen die entsprechenden Verhaltensweisen also keine Handlungen dar, die ja immer auf Entscheidungen beruhen.ii So entwickeln sich aus dieser Sicht die Halluzinationen und „Wahnideen“ des „Schizophrenen“ aufgrund körperlicher Mechanismen; sie sind der (direkten oder indirekten) willentlichen Beeinflussung (weitgehend) entzogen.

Einsichtsfähigkeit und Entscheidungsfreiheit sind, je nach Schwere der Erkrankung, mehr oder weniger stark eingeschränkt, mitunter sogar vollständig verloren gegangen. Im günstigsten Fall ist ein letzter Rest von Menschlichkeit in Form von „Krankheitseinsicht“ erhalten geblieben, die zur Entscheidung führt, sich ärztlicher Obhut zu unterwerfen. Doch selbst wenn diese „Krankheitseinsicht“ vorhanden ist, so muss sie doch als schwankend und häufig nur vorübergehend betrachtet werden; immer wieder wird sie von krankheitsbedingten Widerständen durchbrochen.

Kurz: In den Augen der Mainstream-Psychiatrie ist der „psychisch Kranke“ ein Zombie. Wenn dieser Zombie seinem psychiatrischen Bokor nicht gehorchen will, so muss Zwang auf ihn ausgeübt werden. Denn dann besteht Gefahr, dass der in ihm waltende Mechanismus ihn zwingt, sich selbst oder andere zu gefährden.

Es gibt also Zombies erster und zweiter Klasse. Den Zombies erster Klasse darf man einen gewissen Bewegungsspielraum gewähren, solange sie sich an die Anweisungen des Arztes halten. Die Zombies zweiter Klasse jedoch sind besser hinter psychiatrischen Gittern aufgehoben.

Dieses „Krankheitsverständnis“ der Mainstream-Psychiatrie erscheint vielen Leuten plausibel. Menschen neigen nun einmal dazu, Außenseiter zu dämonisieren. Wozu die Zombies fähig sind, das weiß man ja aus dem Kino. Allerdings hat diese Sichtweise einen erheblichen Schönheitsfehler: Sie findet keinen Fußhalt im Reich der empirischen Forschung. Es gibt nicht die Spur eines Beweises dafür, dass dieses „medizinische Modell der psychischen Krankheiten“ auch tatsächlich zutrifft.

Manche meinen, sie bräuchten keine Wissenschaft, um diesem Modell beizupflichten, sie kennten vielmehr aus eigener Erfahrung jede Menge „psychisch Kranke“, die sich eindeutig wie Zombies benähmen. Solche Leute kenne ich auch. Es sind Menschen, die nicht immer so waren. So wurden sie vielmehr unter dem Einfluss von Neuroleptika und anderen psychiatrischen „Medikamenten“ so.

Eine Spielart dieses psychiatrischen Modells wird im Übrigen von Scientology vertreten. Hier meint man, die „psychisch Kranken“ würden von einem roboterhaften „reaktiven Geist“ (reactive mind) gesteuert. Es erübrigt sich beinahe hinzuzufügen, dass es noch eine Parallele zwischen Scientology und Psychiatrie gibt: Auch die Lehre vom „reaktiven Geist“ entspricht nicht den Erkenntnissen der empirischen Forschung.

Selbstverständlich wird die Mainstream-Psychiatrie die so genannten psychisch Kranken nicht offen als Zombies bezeichnen. Sie wird mit Nachdruck betonen, dass sie ihre „Patienten“ stets human und respektvoll behandele, selbst wenn sie Zwang ausüben müsse.iii Mit ihren Medikamenten und anderen Therapien würde sie den Betroffenen helfen; sie würde diese damit keineswegs ihrem Patientenbild anpassen. Wenn diese wie Zombies wirkten, dann nur, weil sie unter dem Einfluss pathologischer Mechanismen in ihrem Gehirn stünden.

Bei diesen Mechanismen handelt es sich allerdings um Hypothesen, nicht um erwiesene Tatsachen. Auf Deutsch und weniger zimperlich könnte man auch einfach sagen, dass dies schlicht und ergreifend ein Vorurteil ist. Wenn „psychisch Kranke“ sich dieses Vorurteil zu eigen machen, dann kann es sich durchaus wie eine selbst erfüllende Prophezeiung auswirken.

Gelegentlich wird behauptet, das biomedizinische sei längst durch ein biopsychosoziales Modell abgelöst worden. Der australische Psychiater Niall McLaren meldet Zweifel an:

„1998 veröffentlichte ich einen Artikel, der zeigte, dass George Engels so genanntes ‚biopsychosoziales Modell‘, das von britischen, kanadischen und australischen Psychiatern geliebt wird, gar nicht existiert. Durch die Art alarmiert, wie jeder diesen Begriff benutzte, aber niemand angemessene Referenzen benannte, sichtete ich praktisch alles, was Engel jemals geschrieben hatte, und zusätzlich Dutzende von Aufsätzen, die ihn zitierten, nur um herauszufinden, dass er dieses Modell niemals entwickelt hat.“iv

Auch mir will scheinen, dass es sich bei diesem „Modell“ um eine leere Phrase handelt, deren Funktion darin besteht, von der schnöden Tatsache abzulenken, dass die zeitgenössische Psychiatrie einem Zombie-Modell folgt. Und in nicht allen, aber doch in sehr vielen Fällen läuft dieses Modell auf ein soziales und kulturelles Todesurteil hinaus: „Einmal ein Zombie, immer ein Zombie.“ Fortschreitend und unheilbar.

Es ist kein Versuch zu erkennen, die so genannten psychischen Krankheiten biopsychosozial als sinnhaftes Geschehen in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten zu verstehen. Nach wie vor herrscht die Vorstellung von biologischen Mechanismen vor, die Menschen zu nicht nachvollziehbaren Verhaltensmustern zwingen.

Sinnhaft kann ein Geschehen nur sein, wenn man den Betroffenen Entscheidungsfähigkeit zugesteht. Der Sinn ist eine subjektive Kategorie; er beruht auf Entscheidungen. Man gibt seinem Leben Sinn und nur der Einzelne selbst kann dies, für sich selbst. Sinn wird nicht geoffenbart, er wird gestiftet. Sinnstiftung ist eine Tätigkeit. Sie liegt auch den so genannten psychischen Krankheiten zugrunde.

***

i Fakt ist, dass man sie nicht kennt; doch dies steht auf einem anderen Blatt.

ii Entscheidungen setzen ein Abwägen voraus und können daher nicht als mechanische, immer gleiche Abläufe betrachtet werden.

iii Man kann Menschen zweifellos in bester Absicht respektvoll behandeln und ihnen dennoch schaden.

iv Mclarren, N. (2013). Does NIMH Follow the Rules of Science? A Startling Study. Mad in America, 9. Juli

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.