Über psychisch Kranke

Seitdem sich die Medizin der Seele bemächtigt hat, produziert sie am laufenden Band Absurditäten. Sie hat diese inzwischen zur „Wissenschaft“ veredelt, die sie Psychiatrie nennt. Diese Disziplin aber ist nur dem Namen nach eine Wissenschaft; zu ihrer Ausübung bedarf es eines spezifisch medizinischen Wissens nicht. Nur begreifen dies die wenigsten Psychiater und darum quälen sie sich mit dem Medizin-Studium herum. Einer, der dies begriffen hatte, der Dr. Gerd Postel, a.k.a. Dr. Dr. Klemens Bartholdy, machte in der Psychiatrie Karriere, obwohl er „nur“ gelernter Postbote war.

Wie in schlechten Ärzte-Witzen beruht die „Wissenschaft“ der Psychiatrie auf einer hochtrabenden Begriffswelt mit nichts dahinter. Beständig kommen neue sog. psychische Krankheiten hinzu, fortwährend werden neue Medikamente zur Behandlung dieser angeblichen Krankheiten auf den Markt geworfen, obwohl es keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür gibt, dass diese Krankheiten mehr sind als ein willkürliches Etikett – ein Etikett, das man hilflosen Menschen anheftet, deren Verhalten Missfallen erregt hat.

Dies ist die graue Theorie. Die Praxis dahinter ist bunt, so bunt wie das Arsenal der Pillen, mit denen Psychiater und andere Doktores diese so genannten psychischen Krankheiten kurieren. In aller Regel ist deren Wirkung entweder dämpfend oder stimulierend, hemmend oder erregend. Hinter der Vielfalt der Begriffe steht die Einfalt der puren Mechanik: Bremse oder Gaspedal.

Mitunter aber kommt es vor, dass störendes Verhalten verschwindet, ohne dass Psychiater die chemische Keule geschwungen haben. Die Medizin hat dafür einen schönen, entlarvenden Begriff: Spontan-Remission. Dieser Begriff suggeriert, dass die Krankheit plötzlich ohne erkennbare Ursache verschwunden sei – spontan eben.

Lange Zeit galt z. B. die Homosexualität als Perversion, als psychische Krankheit. Heute ist sie in den diagnostischen Manualen der Psychiatrie nicht mehr zu finden. Wenn das keine Spontan-Remission ist!? Nur die Psychoanalyse ist noch nicht kuriert. Den Jüngern Freuds gilt die Homosexualität immer noch als Krankheit. Allein, die Psychoanalyse ist ja auch, schenkt man Karl Kraus Glauben, die Krankheit, für deren Kur sie sich ausgibt.

Doch Spaß beiseite: Der Begriff Spontan-Remission suggeriert, dass die so genannten psychischen Krankheiten Prozesse seien, die sich unabhängig vom Willen des Betroffenen entwickeln und deren Symptome u. U. spontan abklingen können. Diese Suggestion ist erforderlich, weil sonst nämlich die Zuständigkeit der Psychiatrie für die Seele nicht begründet oder gerechtfertigt werden könnte. Im traditionellen medizinischen Weltbild ist nämlich der Patient ein unwissendes, passives Objekt wissenschaftlich fundierter, aktiver ärztlicher Maßnahmen.

Sein Wille ist allenfalls in Form der sog. „Compliance“ gefragt, also der Bereitschaft, sich ärztlichen Anordnungen willig zu beugen. Nach meiner Erfahrung ist aber der Wille die entscheidende Dimension, die den sog. psychischen Krankheiten zugrunde liegt. Der sog. psychisch Kranke will psychisch krank sein. Die sog. psychische Krankheit ist nämlich eine Form der Bewältigung von Lebensproblemen, eine Strategie und Taktik, ein Lebensstil. Es handelt sich um einen Lebensstil, der teilweise durch psychiatrische Denkfiguren vorfabriziert wurde. Aber er ist nicht ausschließlich eine Kreation der Psychiatrie.

Viele der Verhaltensweisen, die heute in irgendein Bündel von psychiatrischen Symptomen eingeordnet werden, beruhen auf einer Logik, die sehr leicht als eine Form alltäglicher Lebensbewältigung durchschaut werden könnte, hinter der sich durchsichtige Interessen verbergen. Dies wird man aber nicht durchschauen, wenn man sich das Hirn von den psychiatrischen Hirngespinsten verkleben lässt. Man muss dann schon die Rolle des Willens näher unter die Lupe nehmen.

Mir ist bewusst, dass viele meiner Leser, sofern sie nicht schon längst mit dem Lesen aufgehört haben, an dieser Stelle nur noch mit dem Kopf schütteln und den Psychiatern recht geben können.

  • Will denn der arme Schizophrene, der von Wahn und Ängsten geplagt ist, wirklich psychisch krank sein?
  • Will denn der Alkoholiker, der gerade Ehe und Karriere zerstört, wirklich weitersaufen?
  • Wie viele Raucher würden gern aufhören, wenn sie nur könnten!

Ja, ich weiß. Die sog. psychischen Störungen, die ich als riskante Lebensstile bezeichne, bergen in der Tat oft mehr oder weniger stark ausgeprägte, selbstzerstörerische Tendenzen. Aber wer sagt denn, dass der Mensch nicht auch Selbstzerstörung wollen kann?

  • Kein Süchtiger wird mit vorgehaltenem Maschinengewehr dazu gezwungen, die Schnapsflasche zu leeren, sich die Spritze zu geben, Pillen zu schlucken.
  • Kein Depressiver könnte in ein schwarzes Loch fallen, wenn er es nicht zugelassen, wenn er nicht zuvor andere Affekte (z. B. Wut) unterdrückt hätte.
  • Kein Schizophrener unterläge einem Wahn, wenn er sich an diesen nicht klammerte wie ein Ertrinkender an den berühmten Strohhalm.

Der Wille ist aus dem Gefüge der menschlichen Seele nicht wegzudenken. Sogar das so genannte Unbewusste, das unser Verhalten angeblich gegen unseren Willen steuert, ist ein Produkt absichtlicher Operationen, der so genannten Abwehrmechanismen. Diese sind aber gar nicht mechanisch, sondern es handelt sich um Steuerungen unserer Aufmerksamkeit, die erfolgen, weil wir vor unserer Angst kapituliert haben und nun ein Unbewusstes haben wollen. Dieser Wunsch ist so stark, dass sogar der Wunsch zu verdrängen der Verdrängung anheimfällt. Und so gibt es bei den so genannten psychischen Krankheiten auch keine Spontan-Remissionen.

  • Wenn beispielsweise ein Alkoholiker das Saufen aufgibt und dabei Erfolg hat, ohne dass ihm Psycho-Experten dabei geholfen hätten, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Remission. Daran ist nichts spontan. Vielmehr hat der Alkoholiker sich entschieden, nicht mehr zu trinken, und er hat diese Entscheidung durchgehalten. Das aber ist eine Frage des Willens.
  • Wenn beispielsweise ein Depressiver ohne ärztliche Unterstützung aus seinem schwarzen Loch emporsteigt, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Remission. Daran ist nichts spontan. Vielmehr hat der Depressive sich entschieden, nicht länger das Büßergewand zur Sühne für tatsächliche oder vermeintliche Fehler zu tragen, seinen Streik gegen das Dasein zu beenden und den Stürmen des Lebens wieder zu trotzen. Er braucht einen starken Willen, diese Entscheidung durchzuhalten.
  • Wenn beispielsweise ein Schizophrener ohne psychiatrischen Beistand wieder in die Welt der alltäglichen Konventionen zurückkehrt, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Remission. Daran ist nichts spontan. Der Schizophrene hat sich vielmehr entschieden, seinen Mitmenschen nun nicht mehr oder auf angepasstere Weise mitzuteilen, wie verdammt fremd sie ihm geworden sind. Wenn er diese Entscheidung durchhalten will, muss er sich mordsmäßig anstrengen: eine Frage des Willens.

Selbstverständlich wollen 99,9 Prozent der Menschen nicht krank sein, nicht wirklich. Daher sind die sog. psychischen Krankheiten ja auch keine. Sie sind Abweichungen von sozialen Normen und Erwartungen. Von diesen will der sog. psychisch Kranke nämlich durchaus abweichen. Mit seinen sog. Symptomen will er sich mitteilen.

Der Depressive beispielsweise will im Klartext vielleicht Folgendes sagen: „Ihr habt einfach zu viel an mir herumgezerrt und jetzt will ich nicht mehr, jetzt will ich mich noch nicht einmal mehr wehren. Schau her! Ich hülle mich in Sack und Asche, gönne mir keine Freude. Seht, wie ich leide. Deswegen dürft ihr mir meine Totalverweigerung nicht verargen.“

Solche Botschaften könnte man für jede der sog. psychischen Krankheiten formulieren. Sie werden natürlich niemals im Klartext offen ausgesprochen. Der sog. psychisch Kranke kennt diesen Klartext in aller Regel ja auch nicht. Aber er handelt so, als ob dieser unausgesprochene Klartext seine Absichtserklärung wäre. Wenn wir die Lebenssituation eines „psychisch Kranken“ vorurteilsfrei analysieren, dann werden wir feststellen, dass der Klartext dazu auch passt. Er ist die angemessene Antwort auf eine unhaltbare Lage.

Die sog. psychisch Kranken sind das schwächste Glied in einem sozialen Bezugssystem, das es ihnen nicht gestattet, ihre Haltung im Klartext zu formulieren, sondern das es ihnen nur erlaubt, diese in Gestalt psychiatrischer Symptome auszudrücken. Die instrumentelle Vernunft der Medizin manifestiert sich in der Psychiatrie als Verblendungszusammenhang, indem sie soziale Problemlagen in einen falschen, schein-rationalen Kontext stellt und sie somit dem Verständnis entzieht. Sie betrachtet als Krankheit, als durch körperliches, pathologisches Geschehen verursachtes Symptom, was in Wirklichkeit Ausdruck sozialer Konflikte und / oder ökonomischer Defizite ist.

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