Thomas Insel – ein Kritiker von innen

Thomas Insel, der vormalige Direktor des NIMH1, ist ein überaus einflussreicher Befürworter der heute weltweit vorherrschenden wissenschaftlichen Ausrichtung in der Psychiatrie. Der Sohn eines Augenarztes aus Dayton in Ohio, schrieb sich mit vierzehn an der Universität ein, mit siebzehn erfüllte er bereits fast alle Voraussetzungen für für seinen „pre-medical degree“2, doch bevor er weiterstudierte, erkundete er zunächst per Anhalter die Welt, erst allein, dann, ein Jahr später, zusammen mit seiner Frau; er arbeitete während seiner Zeit als Globetrotter in einen TB-Hospital in Hongkong und in einem Missionskrankenhaus in Indien.

Zurückgekehrt in die Vereinigten Staaten, ging es steil bergauf. Er wurde Neurowissenschaftler, Psychiater, Professor, erster Leiter des „National Science Foundation Science and Technology Center“ und schließlich Direktor des „National Institute of Mental Health“ (NIMH). 2015 wechselte er zu Google und gründete 2017 ein eigenes Startup3.

Auf der Website des NIMH findet sich immer noch Insels Director’s Blog4. Dies NIMH schreibt dazu:

Während seiner Zeit beim NIMH schrieb Dr. Insel viele Posts. Obwohl diese Posts die augenblicklichen Positionen der NIMH nicht mehr wiedergeben könnten, stellen wir sie der Öffentlichkeit aus archivarischen Gründen immer noch zur Verfügung.“5

Man kann es kaum deutlicher sagen: Insels Stern bei der NIMH ist untergegangen. Man mag darüber spekulieren, ob der Widerstand der Psychiatrie gegen seinen Klartext so stark wurde, dass er seinen Hut nehmen möchte oder ob der sicherlich beachtliche Gehaltscheck, mit dem Google winkte, den Ausschlag gab.

Einer der im Director‘s Blog versammelten Blog-Einträge trägt den Titel: „Brain Awareness“ (Insel 2013b). Insels Aufhänger ist hier die „Brain Awareness Week“, die jährlich von der Dana Foundation veranstaltet wird. Diese Stiftung hat sich den Neurowissenschaften verschrieben und fördert die einschlägige Forschung und Ausbildung sowie entsprechende Praxisprojekte.

Seitdem das NIMH, schreibt Insel in diesem Artikel, sich zu der Position durchgerungen habe, dass „psychische Krankheiten“ Hirnstörungen seien, werde man nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man mit den mächtigen Werkzeugen der Neurowissenschaften das Hirn benutzen könne, um den menschlichen Geist zu verstehen. Allein, man müsse bescheiden bleiben. Denn selbst die mächtigsten Werkzeuge seien stumpfe Instrumente zur Entschlüsselung des Gehirns. Tatsächlich wüssten wir nicht, wie wir die grundlegende Sprache der Arbeitsweise des Gehirns entziffern können.

In fact, we still do not know how to decipher the basic language of how the brain works.“

Wir wüssten noch nicht einmal, aus wie vielen Zellen das Gehirn tatsächlich bestehe. Wie, so fragt sich Insel, arbeitet das Gehirn eigentlich? Seine Antwort: Wir wissen es nicht. Wie das Gehirn Informationen verschlüsselt, speichert und wiedererinnert, sei nach wie vor ein Mysterium. Wie die diversen Strukturen des Gehirns zusammenspielen und Informationen verarbeiteten, sei nicht wirklich klar. Neurowissenschaftler sprächen von Schaltkreisen im Gehirn, doch dieser Begriff sei irreführend. Denn anders als bei elektrischen Schaltkreisen wüssten wir von den meisten „Schaltkreisen“ im Gehirn nicht, wo sie beginnen und wo sie enden.

Sie seien außerdem reziprok6 und rekursiv7, so dass man die Richtung des Informationsflusses zwar erschließen, aber manchmal nicht beweisen könne. Wir glaubten zwar an die „emergenten Eigenschaften“ des Gehirns; aber wie das Gehirn elektrische Signale in Erinnerungen oder Träume übersetze, sei nach wie vor ein Rätsel. Selbst die staunenswerten Einblicke, die uns moderne bildgebende Verfahren gewährten, gestatteten nur einen 10.000-Meter-Blick auf das Geschehen im Gehirn. Außerdem sähen wir nicht etwa die neuronale Aktivität, sondern nur den lokalen Blutfluss, der sich verhältnismäßig langsam verändere, im Vergleich mit der Geschwindigkeit unserer Gedanken.

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt auf diesem Gebiet stürme zwar eilends voran, allein, die Ergebnisse seien umstritten. In seiner Jugend sei das Weltall, der äußere Raum die Front der Wissenschaft gewesen; heute fasziniere der innere Raum die mutigsten und klügsten jungen Geister. Wir stünden am Beginn einer Ära der Hirnforschung, mit großen Versprechungen zum Verständnis dessen, wie wir alle denken, träumen und lieben – und mit vielleicht noch größeren Versprechungen zu den Möglichkeiten der Hilfe für „psychisch Kranke“.

Angesichts dieses, von Insel zutreffend geschilderten, Erkenntnisstandes, ist es nicht weiter erstaunlich, dass bisher noch für keine der so genannten psychischen Krankheiten eine zugrunde liegende Hirnstörung entdeckt werden konnte. Es bleibt dahingestellt, ob solche Störungen jemals entdeckt werden oder aber ob sich nicht doch irgendwann einmal beweisen lässt, dass die so genannten psychischen Krankheiten die normale Reaktion eines intakten Nervensystems auf widrige Lebensumstände darstellen.

Für Insel steht die letztgenannte Alternative allerdings nicht zur Debatte. Er räumt zwar ein, dass wir nichts wissen, aber es gilt ihm als ausgemacht, dass wir schon bald genau wissen werden, woran er und seinesgleichen schon heute fest glauben, dass nämlich von sozialen Normen und den Erwartungen signifikanter Mitmenschen abweichendes Verhalten und Erleben in erster Linie auf Hirnstörungen beruhe und allenfalls sekundär zudem von sozialen und ökonomischen Einflussgrößen abhinge.

Für Insel ist also die neurowissenschaftliche Forschung zu den so genannten psychischen Störungen keineswegs ergebnisoffen. Die Möglichkeit, dass sich das NIMH und damit die Psychiatrie der ganzen Welt unaufhaltsam auf das Ende einer Sackgasse zubewegt, will ihm nicht in den Sinn kommen. Dies ist durchaus eine menschlich verständliche, aber keineswegs eine wissenschaftliche Haltung. Insels Haltung könnte man – mit einem von John Eccles, dem britischen Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, geprägten Begriff – als „Schuldscheinmaterialismus“ bezeichnen. Noch wissen wir nicht, so heißt es, warum das Gehirn die Eigenschaft „Geist“ hat, aber schon bald wird uns der wissenschaftliche Fortschritt die entsprechende Ergebnis liefern.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es so gut wie nichts darüber bekannt, wie die neuronale Basis des „Psychischen“ funktioniert und daher verstehen wir selbstverständlich auch die Mechanismen etwaiger Funktionsstörungen nicht. Das Haus der heute weltweit vorherrschenden biologischen Psychiatrie wurde also auf höchst schwankendem Grund erbaut. Patienten werden demgemäß mit Pillen, Elektroschocks und mit suggestiven Psychotherapien traktiert, ohne dass dafür eine solide wissenschaftliche Grundlage existieren würde.

Insel möchte aus der Psychiatrie eine klinische Neurowissenschaft machen (Insel 2015b). Dies werde, so meint er, dank der Durchbrüche, die mit den modernen bildgebenden Verfahren erzielt werden könnten, schon bald möglich sein. Am Rande sei erwähnt, dass die Psychiatrie im Augenblick noch Lichtjahre von einer solchen Vision entfernt ist. Die Neurowissenschaft ist eine junge Disziplin und ihr Forschungsinstrumentarium ist so fehlerbehaftet, dass die mit bildgebenden Verfahren gewonnenen Befunde in der Regel keine Theorien komplexen Verhaltens und Erlebens zu erhärten vermögen.

Dies zeigt beispielsweise eine ebenso vergnügliche wie informative Schrift von Sally Satel und Scott O. Lilienfeld (2013). Es liegt mir dennoch fern, die Neurowissenschaft zu entwerten. Auch eingedenk ihrer methodischen Schwächen, kann man doch die Augen vor den enormen Fortschritten unseres Wissens über das menschlichen Nervensystem nicht verschließen, die durch moderne bildgegebende Verfahren und Computer möglich wurden. Doch dies ändert nichts an der Tatsache, dass wir nach wie vor kaum Handfestes über die physischen Grundlagen des Denkens und Planens, der Bildung von Erwartungen, der intelligenten Steuerung unseres Handelns oder der Analyse komplexer Situationen wissen. Es ist daher auch kein Wunder, dass bisher alle Versuche, die so genannten psychischen Krankheiten „biologisch“ zu erklären, grandios gescheitert sind.

Man mag sich fragen, ob sich angesichts dieses Scheiterns nicht die ganze Forschungsrichtung als Sackgasse erweisen könnte. Von solcher Skepsis allerdings ist Thomas Insel weit entfernt. Zwar räumt er ein, dass wir noch nicht alles wissen, was wir wissen müssten, aber noch nie zuvor in der Geschichte der Psychiatrie sei es gerechtfertigter gewesen, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. Dumm nur, dass gerade jetzt die Pharmaindustrie nicht mehr mitspielen will.

In seinem „Director’s Blog“ schreibt Insel unter dem Titel: A New Approach to Clinical Trials:

Die Entwicklung von Therapien ist ins Stocken geraten. Die Pipeline der pharmazeutischen Industrie für Medikamente wurde trockengelegt, nach mehreren Jahrzehnten mit Nachahmer-Medikamenten. Für Angst, Depressionen und Psychosen gibt es nur wenige rentable Zielgebiete, wegen unseres unangemessenen Wissens zur Biologie dieser Störungen. Für Autismus, Anorexie, post-traumatische Belastungsstörungen und die kognitiven Defizite der Schizophrenie haben wir keine effektiven Medikamente (Insel 2014).”

Auch wenn also die Pharmaindustrie, wegen fehlenden Fortschritts in der einschlägigen Forschung, wenig Hoffnung auf eine profitable Zukunft in diesem Sektor und deshalb ihr finanzielles Engagement auf Eis gelegt hat, ist Insels Enthusiasmus ungebrochen. Eine Reform der Forschung soll es richten. Und Insel hat durchaus die Macht dazu, diese auch zu erzwingen, denn er sitzt an einem langen Hebel, dem der Forschungsförderung durch die US-Regierung nämlich. Wer nicht nach seiner Pfeife tanze, so droht er unverhohlen, der bekomme in Zukunft eben kein Geld mehr, weil schließlich er im psychiatrischen Bereich die Richtlinien der staatlichen Forschungsförderung bestimme und sonst niemand.

Vorschläge für Studien werden ein Zielobjekt8 oder einen Vermittler identifizieren müssen; ein positives Ergebnis wird nicht nur den Nachweis erfordern, dass eine Intervention ein Symptom lindert, sondern auch, dass es einen dokumentierten Effekt auf ein Zielobjekt hat, zum Beispiel einen neuronalen Pfad, der in der Störung verwickelt ist, oder eine entscheidende kognitive Operation (Insel 2014).”

Außerdem müssten zukünftige Studien neuen Standards für Effizienz, Transparenz und Berichterstattung genügen. Bereits bewilligte Studien könnten noch nach den alten Kriterien abgeschlossen werden, aber für neue Forschungen werde das NIMH ausnahmslos die Daumenschraube anziehen. Denn:

Im gegenwärtigen Klima, gekennzeichnet durch knappe Mittel und drängende klinische Bedürfnisse, werden wir uns Studien zuwenden, die sich – als ein Weg, die nächste Generation der Therapien zu definieren – auf Zielobjekte9 konzentrieren. Angestrebt werden bessere Resultate, gemessen an verbessertem Funktionieren in der realen Welt und an verringerten Symptomen. Wir glauben, dass bessere Ergebnisse auch ein tieferes Verständnis der Störungen erfordern (Insel 2014).”

Fazit im Klartext: Das Füllhorn der Pharmaindustrie sprudelt nicht mehr; staatliche Mittel sind begrenzt; der alte, parawissenschaftliche Schlendrian kann nicht länger geduldet werden; nun endlich müssen alle Register der Hirnforschung gezogen werden, um jene Mechanismen zu Tage zu fördern, die effektive, d. h. kausal wirkende Therapien ermöglichen. Gesucht werden also spezifische „Targets“ im Gehirn, die eine Schlüsselrolle bei den so genannten psychischen Krankheiten spielen.

Die Idee, dass ein spezifisches Gebiet im Gehirn“, schreiben Satel und Lilienfeld (2013), „allein dafür verantwortlich ist, eine bestimmte mentale Funktion zu ermöglichen, mag intuitiv reizvoll sein, doch in der Wirklichkeit ist dies selten der Fall. Mentale Aktivität ist nicht säuberlich in diskreten Hirnregionen kartiert (Insel 2014).“

Die meisten Hirngebiete seien für unterschiedliche Funktionen bestimmt. Falls diese Einschätzung der Autoren zutrifft, dann hat Insel soeben eine gigantische Mogelpackung geschnürt. Es mag zwar sein, dass Studien hin und wieder zu belegen scheinen, der Effekt einer Behandlung träte vermittelt über einen neuronalen Pfad oder eine kognitive Operation ein. Doch bekanntlich ist die Wahrscheinlichkeit der Replikation solcher Befunde unter den realen Bedingungen medizinischer Forschung gering, wie John Ioannidis zeigen konnte (Ioannidis 2005).

Dies bedeutet: Die neue Forschungsförderungspolitik des NIMH wird vermutlich dazu führen, dass in den nächsten Jahren eine Reihe von Zufallsbefunden mit validen Ergebnissen verwechselt wird, bis man dann, nach einigen gescheiterten Replikationsversuchen, einräumen muss, wieder einmal aufs falsche Pferd gesetzt zu haben.

William R. Uttal spricht abfällig von einer „neuen Phrenologie“, weil er es für unmöglich hält, mentale Prozesse in bestimmten Bereichen des Gehirns zu identifizieren, da solche Prozesse schlicht und ergreifend nicht lokalisierbar seien. Vielmehr sei stets der gesamte Organismus involviert (Uttal 2001). Mich beschleicht der Verdacht, dass Insels NIMH

  • angesichts des kläglichen Zustandes der psychiatrischen Wissenschaft,
  • angesichts des Rückzugs der Pharmaindustrie aus der einschlägigen Forschung und
  • angesichts wachsender Kritik an den zweifelhaften, mitunter erwiesenermaßen rechtswidrigen finanziellen Verstrickungen zwischen Pharmaindustrie und Psychiatern

die Flucht nach vor angetreten hat.

Die psychiatrische Forschung soll nun bedingungslos auf den Heilsweg der streng naturwissenschaftlichen Neurowissenschaft gezwungen werden. Es war bisher ja auch kaum zu übersehen, dass die psychiatrische Forschung – und zwar sowohl an der medikamentösen, wie auch an der psychotherapeutischen Front – zwar das Biologische gern im Munde führte, die konkrete Suche nach den mutmaßlichen Ursachen der psychischen Krankheiten jedoch eine eher untergeordnete Rolle spielte. Eher schien es darum zu gehen, Behandlungsideologien mit Naturwissenschaft zu drapieren.

Bei aller Skepsis begrüße ich also Insels Vorstoß als Schritt in die richtige Richtung. Falls sich eine körperliche Ursache des einen oder anderen Phänomens durch empirische Forschung erhärten und falls sich zeigen ließe, dass durch die gezielte Beeinflussung von neuronalen Pfaden oder einzelnen kognitiven Funktionen die psychische Lage der Betroffenen verbessert werden könnte, dann müssten selbst die verstummen, denen die ganze Richtung nicht passt.

Auch Kritiker der „biologischen” Psychiatrie sind also gut beraten, den einschlägigen Projekten des NIMH wohlwollend gegenüber zu stehen. Natürlich muss man genau beobachten, ob die nun angestrebten Untersuchungen auch methodisch einwandfrei und die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen logisch gerechtfertigt sind. Falls dies der Fall sein sollte, hätte ich keine Bedenken, meine eigenen Auffassungen entsprechend zu korrigieren. Nicht verschweigen allerdings darf man, dass dies eben noch nicht der Fall ist. Nach wie vor kennt die Psychiatrie weder die Ursachen der Krankheiten, die sie zu behandeln vorgibt, noch hat sie objektive Verfahren, um zu diagnostizieren, ob ein Patient tatsächlich an ihnen erkrankt ist, und erst recht kennt sie keine kausalen Therapien.

Dem NIMH ist zu danken, dass es, durch seine Vorstöße zur Anhebung des wissenschaftlichen Niveaus der Psychiatrie, diese Sachverhalte ins Bewusstsein hebt. Man darf durchaus damit rechnen, dass sich Psychiatrien, in den USA und anderswo, angespornt durch den Enthusiasmus des NIMH und seines Direktors, nun verstärkt in den Nimbus der kausal forschenden, exakt wissenschaftlichen Neurowissenschaft hüllen. Doch dieses schillernde Gewand ist solange ausschließlich für den Laufsteg des Marketings tauglich, wie sich nicht nachprüfbare Ergebnisse zeigen.

Diese aber sind meines Erachtens nicht in Sicht; es werden vielmehr, weitgehend ohne gemeinsames theoretisches Band, isolierte Studien aneinandergereiht, deren Ergebnisse sich häufig nicht replizieren lassen, sofern dies überhaupt versucht wird, was wohlweislich eher selten vorkommt. Im Augenblick jedenfalls kann der Psychiatriepatient nicht voraussetzen, aufgrund solider Diagnostik mit abgesicherten Verfahren behandelt zu werden. Was das wissenschaftliche Fundament betrifft, so wäre er in den Händen des Heilpraktikers nicht schlechter aufgehoben als beim Psychiater.

Zum Abschluss seiner Begründung der neuen Vergabeordnung für Forschungsförderungsmittel wendet sich Insel an den „psychisch Kranken“ und an deren Angehörige:

Wenn Sie jemand mit einer psychischen Erkrankung oder mit einem betroffenen Familienmitglied sein sollten, dann wurden diese Veränderungen für Sie gemacht. Die Industrie hat ihre Investitionen in Medikamente für psychische Störungen reduziert und die Kostenträger stellen Fragen über die Qualität der Evidenz für psychosoziale Behandlungen. Wir hoffen, dass dieser neue Ansatz für klinische Studien uns auf Kurs zu einer Wissenschaft setzen wird, die notwendig ist, um neue Therapien zu entwickeln und jene zu validieren, die wir heute haben (Insel 2014).“

Klartext: Die Wissenschaft für neue Therapien haben wir noch nicht und die vorhandenen sind nicht validiert. Doch brauchen wir überhaupt neue Formen der Behandlung? Das NIMH scheint dies wohl vorauszusetzen und Insel hat verschiedentlich in seinem Blog und anderswo die Unzulänglichkeit der einschlägigen Medikamente beklagt.

Doch der Erfolg liegt im Auge des Betrachters. Immerhin gelingt es der Psychiatrie im Massenmaßstab, Menschen so zu formen,

  • dass sie sich krankheitseinsichtig zeigen (obwohl diese Krankheiten sich nicht nachweisen lassen),
  • dass sie ihre Medikamente nehmen (obwohl deren positive Wirkungen fragwürdig, deren Schadwirkungen aber sehr real sind),
  • dass sie sich klaglos mit Rente oder Hartz bzw. Jobs weit unter ihren Niveau abspeisen lassen, kurz: dass sie nicht mehr stören.

Erfolgreich ist die Psychiatrie durchaus. Allein, sie versagt gemessen an den Maßstäben eines erfüllten Lebens. Den Psychiatern, die Tag für Tag ihren Geschäften nachgehen, unterstelle ich keine bewusste Scharlatanerie oder Hochstapelei. Es gehört zu den Wundern des menschlichen Geistes, dass er dazu neigt, die alltägliche Routine als selbstverständlich hinzunehmen und nicht weiter zu hinterfragen, solange er nicht dazu durch Widerstände gezwungen wird.

Die überwiegende Mehrheit der Psychiater, so will mir scheinen, weiß nicht, dass sie nicht weiß, was sie tut. Diese Ärzte sind sich vielmehr sicher, im Großen und Ganzen korrekt zu handeln, weil sie sich im Einklang mit dem Mainstream wähnen. Und dieser Mainstream ist das alltägliche Geschäft zahlloser Menschen, die nicht wissen, dass sie nicht wissen, was sie tun. Der Mainstream hat sich sein Flussbett gegraben und es stemmt sich ihm kein nennenswerter Widerstand entgegen; im Gegenteil: die Pharma-Industrie hat ihn kanalisiert, damit er ungehemmt strömen kann.

Medikamente“, schreibt der Pharmakritiker und Psychiater Ben Goldacre in seinem Buch „Bad Pharma“, „werden von den Leuten getestet, die sie herstellen, und zwar in Experimenten mit schlecht konstruierten Versuchsplänen, mit hoffnungslos kleinen Zahlen von Versuchspersonen und von der Norm abweichenden, nicht repräsentativen Stichproben. Sie werden mit fehlerhaften Methoden ausgewertet, und zwar so, dass sie die Vorteile der Behandlungen übertreiben. … Wenn Studien Ergebnisse hervorbringen, die den Herstellern nicht gefallen, so sind sie vollkommen dazu berechtigt, sie vor Ärzten und Patienten zu verbergen, deswegen sehen wir immer nur ein verzerrtes Bild des wahren Effekts der Medikamente (Goldacre 2012, Kindle Edition Pos. 42).“

Dies gilt nicht nur, aber natürlich auch, für die biologische Psychiatrie, sondern für die Medizin insgesamt. Das „Biologische“ an dieser Psychiatrie besteht darin, dass sie zunehmend mit Psychopharmaka behandelt und dass diese Medikamente auf ein Organ, nämlich das Nervensystem einwirken. Das Attribut „biologisch“ darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass die Psychiatrie auf Grundlage eines biologischen Verständnisses ihres Gegenstandes arbeiten würde. Sie weiß nicht, wie das Gehirn funktioniert, wie Störungen zustande kommen und sie weiß auch nicht, auf welche Weise die eingesetzten Medikamente im Gehirn ihre Wirkungen hervorbringen. Und vielfach wissen die Psychiater auch nicht so genau, welche Wirkungen das recht eigentlich sind.

Es ist fraglos nichts dagegen einzuwenden, sich mit den biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens und Erlebens auseinanderzusetzen. Das Problem entsteht dann, wenn medizinische Behandlungen mit biologischen Behauptungen gerechtfertigt werden, obwohl diese Behauptung beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis nicht empirisch begründet werden können. Und das Problem besteht darin, dass die biologische Psychiatrie offensichtlich auf einer Ideologie beruht, die als Wissenschaft verbrämt wird und deswegen falsche Gewissheiten erzeugt. Dies ist schlecht für die Wissenschaft und für die „Patienten“, aber gut fürs Marketing.

Immerhin hat das größte psychiatrische Forschungsinstitut der Welt, das „National Institute of Mental Health“ (NIMH), den wahren Zustand der psychiatrischen Forschung erkannt und unmissverständlich benannt. Es bemüht sich um eine Kurskorrektur (allerdings ohne Kehrwende, sondern eher nach dem Motto: „Mehr desselben!“).

In seinem Director‘s Blog (Insel 2011) äußert sich der Leiter des NIMH, Thomas Insel zum Stand der Forschung, kurz zusammengefasst, wie folgt:

  1. Es wurde zu einem NIMH-Mantra, psychische Krankheiten als Gehirnstörungen zu beschreiben.
  2. Psychische Störungen unterscheiden sich von den klassischen neurologischen Störungen. Neurologische Störungen beruhen auf fokalen Läsionen10.
  3. Psychische Krankheiten sind scheinbar Störungen von Schaltkreisen im Gehirn.
  4. Die Störungen der Schaltkreise entstehen im Lauf der Hirnentwicklung eines Menschen.
  5. Die moderne Hirnforschung macht es möglich, diese gestörten Schaltkreise zu identifizieren.
  6. Trotz ihrer atemberaubenden, explosionsartigen Entwicklung steht die neurowissenschaftliche Forschung allerdings noch ganz am Anfang.
  7. Wir wissen noch nicht einmal, was ein Schaltkreis ist. Wo beginnt er? Wo endet er? Wie hängt das Muster der Aktivität, das wir auf den Brain Scans sehen, mit dem zusammen, was tatsächlich im Gehirn geschieht? In welche Richtung fließt die Information?
  8. Die Metapher „Schaltkreis“ könnte sogar völlig unzulänglich sein, um zu beschreiben, wie mentale Vorgänge aus neuronalen Abläufen hervorgehen.
  9. Während die neurowissenschaftlichen Entdeckungen schnell und wild kommen, können wir eine Sache bereits jetzt sagen, nämlich, dass frühere Begriffe psychischer Störungen als chemische Ungleichgewichte oder soziale Konstrukte antiquiert auszusehen beginnen. Viel von dem, was wir jetzt über die neuronale Basis psychischer Störungen lernen, ist zur Zeit noch nicht reif für die Klinik, aber es kann nur geringer Zweifel daran bestehen, dass klinische Neurowissenschaft schon bald Menschen zu gesunden helfen wird.“

Abschließend darf natürlich das Bekenntnis zum baldigen Durchbruch in der neurowissenschaftlichen Forschung dank moderner Methoden nicht fehlen. Dies ist nicht nur das Bekenntnis des NIMH, sondern der gesamten modernen Psychiatrie seit Jean-Martin Charcot, also seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Wenden wir uns also der Analyse dieser Forschungsmethoden zu.

Literatur

Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate

Insel, T. (2011). Director’s Blog, 12. August: Mental Illness Defined as Disruption in Mental Circuits

Insel, T. (2013b). Director’s Blog, 11. März: Brain Awareness

Insel, T. (2014). Director’s Blog, 27. Februar: A New Approach to Clinical Trials

Insel, T. (o. J., Download 2015b). NIH: Psychiatry as a Clinical Neuroscience Discipline

Ioannidis, J. P. A. (2005) Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Med 2(8): e124. doi:10.1371/journal.pmed.0020124

Satel, S. & Lilienfeld, S. O. (2013). Brainwashed. The Seductive Appeal of Mindless Neuroscience. New York, N. Y.: Basic Books

Uttal, W. R. (2001). The new phrenology: the limits of localizing cognitive processes in the brain. Cambridge, MA: MIT Press

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1 Das NIMH ist eines der 27 Institute, die zu den „National Institutes of Health“ (NIH) zusammengeschlossen sind. Die NIH sind eine Agentur des amerikanischen Gesundheitsministeriums. Das NIMH ist das mit Abstand größte psychiatrische Forschungszentrum weltweit. Der Einfluss des NIMH auf die psychiatrische Forschung und Praxis ist gewaltig, und dies international.
Dieser akademische Grad ist eine Besonderheit des US-Universitätssystems für zukünftige Medizinstudenten.
6 Sie stehen in einem Austauschverhältnis zueinander.
Rekursion ist ein Prozess, den ein Verfahren durchläuft, wenn ein Schritt des Verfahrens darin besteht, sich selbst aufzurufen.
8‘ Target’
Damit sind Zielgebiete im Gehirn gemeint.
10 Schädigungen, die von einem bestimmten Zielpunkt ausgehen.

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