Der famose Dr. Amen

In seinem Buch mit dem Titel „Change your brain, change your life“ behauptet der amerikanische Psychiater Daniel G. Amen, er könne alle erdenklichen psychiatrischen „Krankheiten“ auf Brain Scans erkennen.1)Amen, D. G. (1998). Change your brain, change your life. The breakthrough program for conquering anxiety, depression, obsessiveness, anger, and impulsiveness. New York: Times Books, Random House  Er wisse dann auch sofort, mit welchen Psychopharmaka man sie am besten behandeln könne.

Sehen heißt Glauben“, schreibt er. „Diese Scans zu sehen, veranlasste mich, viele meiner grundlegenden Überzeugungen über Menschen, Charakter, freien Willen, Gut und Böse, die sich mir als katholischer Schuljunge eingeprägt hatten, in Frage zu stellen 2)Amen 1998: 7.“

Dieser Mann betreibt mehrere Kliniken in den USA, in denen er  psychiatrische Patienten auf Basis von Brain Scans behandelt. Die Washington Post (9.8.2012) schreibt über ihn, er sei der populärste Psychiater in den Vereinigten Staaten. In seinen Kliniken werden monatlich 1200 Patienten therapiert. Einige seiner Bücher wurden Bestseller. Er ist ein „Distinguished Fellow“ der amerikanischen Psychiatrievereinigung APA.

„Exzellenz, nicht bloße Kompetenz, ist das Kennzeichen eines Distinguished Fellow“ – so erklärt die APA diesen Begriff.3)APA: Becoming a Fellow or a Distinguished Fellow 

Eine Einführungssitzung in den Kliniken dieses Mannes, zwei Scans inbegriffen, kostet schlappe $ 3.500. Amen behauptet, durch Brain Scans mehrere Untertypen von Depression, Angststörungen und Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung entdeckt zu haben.

Obwohl „Distinguished Fellow“ der APA, wird sein diagnostischer Ansatz von keiner nennenswerten Psychiatervereinigung oder einschlägigen Forschungsinstitution akzeptiert. Fachlich, wissenschaftlich wird er einhellig abgelehnt.4)Tucker, N.: Daniel Amen is the most popular psychiatrist in America. To most researchers and scientists, that’s a very bad thing. Washingtion Post, 9. August 2012

Aber 2011 erwirtschaftete der Psychiater mit seinen Kliniken 20 Millionen Dollar. Das tröstet den „Distinguished Fellow“ bestimmt über den Unverstand der Fachwelt hinweg. Excellence, nicht nur Kompetenz?

Brain Scans sind nicht etwa ein Fortschritt der psychiatrischen Diagnostik, sondern zu diesem Zweck völlig ungeeignet.5)Hans Ulrich Gresch: Fake Pictures – Die Psychiatrie und das Neuroimaging Selbstverständlich kann Amen auch nicht wissenschaftlich belegen, dass er nun dank des Einsatzes von Brain Scans ein effektiverer Psychiater ist als andere, die sich konventioneller Diagnosemethoden bedienen. Empirische Erfolgskontrollen gibt es nicht.

Man könnte natürlich einen möglichen Placebo-Effekt ins Spiel bringen. Manche Patienten glauben vielleicht, der Doktor könne ihnen ins Hirn schauen. Er könne erkennen, was ihnen fehle. Deswegen könne er gezielt für sie die besten Heilmittel auswählen. Dieser Glaube stärke ihre Zuversicht und fördere den Heilungsprozess. Und dies auch dann, wenn er unbegründet sei.

Diesen Effekt kann aber auch jede Aura-Seherin für sich in Anspruch nehmen. In manchen esoterischen Lehren ist die Aura ein Energiekörper, den entsprechend sensitive Menschen wahrnehmen können. Manche Esoterikerinnen mit Aura-Wahrnehmung beanspruchen, auf diesem Wege auch Krankheiten und die besten Behandlungsmöglichkeiten erkennen können. Einen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der Aura gibt es freilich nicht.

Nun glauben manche Menschen nicht an Esoterik, sondern an die Naturwissenschaften. Sie sollen aber auch in den Genuss des Placeboeffekts kommen. Also schicken wir sie zum Dr. Amen. Der bietet ihnen Naturwissenschaft und Technik auf höchstem Niveau.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Man bedenke: Bei einem Placebo-Effekt ist nicht das Mittel des Arztes oder Heilers für die Verbesserung des Zustandes eines Patienten verantwortlich. Die Wirkung wurde allein durch den Glauben des Erkrankten ausgelöst. Der Glaube ist aber eine Leistung des Individuums, nicht des Arztes oder Heilers. Es könnte seine Zuversicht auch aus anderen Quellen ziehen. Aus meiner Sicht wäre dies eine würdigere Alternative.

Fußnoten   [ + ]

1. Amen, D. G. (1998). Change your brain, change your life. The breakthrough program for conquering anxiety, depression, obsessiveness, anger, and impulsiveness. New York: Times Books, Random House
2. Amen 1998: 7
3. APA: Becoming a Fellow or a Distinguished Fellow
4. Tucker, N.: Daniel Amen is the most popular psychiatrist in America. To most researchers and scientists, that’s a very bad thing. Washingtion Post, 9. August 2012
5. Hans Ulrich Gresch: Fake Pictures – Die Psychiatrie und das Neuroimaging