Pawlow

Iwan Petrowitsch Pawlow schuf die wissenschaftlichen Grundlagen der Abrichtung von Mensch und Tier.  Dressur kannte man zwar schon vor ihm, doch seit Pawlow widmet man sich ihr mit wissenschaftlicher Akribie.

Werbebilder, die hübsche Mädchen mit viel Sex-Appeal auf Autokühlern zeigen, zeugen von der Allgegenwart Pawlowscher Ideen in unserem Alltag. Auch Gerippe, die auf Anti-Raucher-Postern neben Zigarettenschachteln platziert sind, nutzen die Prinzipien des russischen Physiologen und Nobelpreisträgers. Stalin schätzte ihn sehr.

Wissenschaftlich heißt die Dressur nun Konditionierung. Dieser Austausch des Namens ist bereits eine solche, denn dadurch wird ein eher negativ besetztes Wort durch beständige Wiederholung durch ein neutrales ersetzt.

Wenig bekannt ist, dass die Stalinisten den sozialistischen neuen Menschen mit den Methoden Pawlows züchten wollten.1)Torsten Rüting: Pavlov und der Neue Mensch. Diskurse und Disziplinierung in Sowjetrussland Wer dies als weiteren Beweis für den menschenverachtenden Charakter des sowjetischen Systems sieht, sollte in den Spiegel schauen, denn dort findet er die genaue Lokalisation der eigenen Nase, an die man sich bei solcher Systemkritik fassen sollte.

Denn auch wir, die aufgeklärten westlichen Demokraten, bedienen uns solcher Methoden zur politischen Einnordung der Volksmassen, obwohl „Konditionierung“ und „mündiger Bürger“ einander krass widersprechen. Auch wir haben einen Kosenamen dafür erfunden, der den Ursprung im Reich der Dressur kaschieren soll: politische Korrektheit.

Die Logik entspricht dem rauchenden Skelett. Ein politisch unerwünschtes Wort wird mit einem Negativbild assoziiert (z. B. Rassist, Sexist) usw. In beiden Fällen dient dies natürlich einem guten Zweck. Du sollst nicht rauchen! Du sollst nicht diskriminieren! Das Unerwünschte sollst du reflexhaft vermeiden.

Vernunft geht natürlich anders. Mit mündigen Bürgern und parlamentarischer Demokratie hat dies nichts zu tun. Es handelt sich hier vielmehr um Automatisierung des Verhaltens. Nachdenken ist dabei nicht erforderlich. Kritisches Abwägen auch nicht. Entscheidungen anhand moralischer Maßstäbe sind überflüssig.

Politische Korrektheit ist ein Mittel zur Programmierung von Roboter-Gesellschaften. Da diese Programmierung ja schließlich allgemein anerkannten guten Zwecken dient, regt sich wenig Widerstand dagegen. Weil die Kritik an der politischen Korrektheit überwiegend aus dem Lager der Rechten kommt, neigen die Leute links von rechts zu der Auffassung, dass alles in Ordnung sei mit der politischen Korrektheit.

Ja, Genossen, schon Stalin liebte die politische Korrektheit, auch wenn er den Begriff dafür nicht verwendete. Der hoch geschätzte Iwan Petrowitsch Pawlow hatte der Partei das wissenschaftliche Rüstzeug an die Hand gegeben und die Kommunisten setzten dies nun in die Praxis zum Aufbau der paradiesischen kommunistischen Gesellschaft um.

Allerdings, Genossen: Auch die kapitalistische Werbung ruht auf diesen wissenschaftlichen Fundamenten. Es gilt, den kritischen Verstand des Konsumenten auszuschalten. Er soll zugreifen und sich allenfalls hinterher darüber Gedanken machen. Wer ein Gesellschaftssystem nach humanistischen Prinzipien gestalten möchte, sollte sich allerdings fragen, ob sich Anleihen bei Pawlow hier wirklich auszahlen.

Die Linke hat das Feld der PC-Kritik weitgehend den Rechten überlassen. Dies war ein verhängnisvoller Fehler. Die Linke neigt ohnehin zu Fehlentscheidungen dieser Art. Dasselbe Spiel beobachten wir ja auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam.

Pawlow hat übrigens nicht nur eine Methode zur Ausprägung von Reflexen ersonnen. Er erfand auch ein Verfahren, mit dem man Menschen widerstandlos gegenüber der Beeinflussung ihres Geistes machen kann. Man muss sie nur unter extremen Stress setzen. Sobald sie dann ihren Bruchpunkt erreicht haben, fressen sie ihren Peinigern aus der Hand. Dann kann man ihre Überzeugungen und Standpunkte nach Belieben formen.

Wohlmeinende sind geneigt, die Anwendung solcher Methoden in den Folterkellern der Stalinisten zu verorten. Doch auch in diesem Fall ist der Griff an die eigene Nase wohl nicht zu vermeiden. Denn westliche Geheimdienste und militärische Spezialeinheiten haben diese Methode ebenfalls angewandt.2)Wurzeln der militärischen Bewusstseinskontrolle

Wenn man Menschen beeinflussen will, so ist es natürlich verlockend, ihre Vernunft zu umgehen. Denn wer diese anspricht, muss mit kritischen Fragen rechnen. Viel einfach ist es also, sie zu konditionieren. Schließlich ist der Mensch von Natur aus ein geistiger Faulpelz. Er denkt nicht gern nach, es sei denn, das Leben ließe ihm keine andere Wahl. Diese Tendenz auszunutzen, kann doch nicht falsch sein, wenn es der guten Sache dient. Oder?

Fußnoten   [ + ]