Spiegelneurone

Durch die Entdeckung der Spiegelneurone sei die neurowissenschaftliche Fundierung der Psychiatrie und Psychotherapie einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Dies zumindest behaupten viele, die eine biologische Grundlage der genannten Disziplinen für erforderlich halten. Spiegelneurone seien gleichermaßen aktiv, wenn wir

  • selbst zielgerichtet handeln bzw.
  • wenn wir andere bei denselben zielgerichteten Handlungen nur beobachten.

Sie seien daher die Grundlage unserer emotionalen Intelligenz und unserer Empathie.

Der Psychiater Joachim Bauer sieht durch Spiegelneurone sogar den Leitgedanken der Evolution verwirklicht. „Survival of Resonance“, und nicht „Survival of the Fittest“, laute die Devise.1)Bauer, J. (2005). Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe

Spiegelneurone werden für eine Vielzahl von Verhaltensweisen aus dem Spektrum des Erotischen verantwortlich gemacht: für Sympathie, Sexualität, Solidarität, Mitgefühl usw. Forscher sehen die Spiegelneurone am Werke, wenn sich die wundersame Synchronizität des Verhaltens zwischen Liebenden entfaltet. Sie glauben, dass die Entwicklung des Zusammenspiels zwischen Mutter und Kind in der frühen Kindheit auf der Grundlage von Spiegelneuronen erfolge. Man kann ins Schwärmen geraten, wenn man sich in die Welt der Spiegelneurone versenkt. Alles was gut und schön ist, verdanken wir angeblich den Spiegelneuronen, wenn diese nur tadellos ihren Dienst versehen.

Allein, was sagen die Tatsachen dazu? Spiegelneurone wurden 1992 durch Zufall bei einer Primatengattung, den Makaken entdeckt.2)di Pellegrino, G. et al.(1992) Understanding motor events: A neurophysiological study. Experimental Brain Research, 91, 176-180 Es gibt offensichtlich spezielle Neurone im Gehirn von Affen. Diese sind bei Handlungen unabhängig davon aktiv, ob das Tier sie selber verwirklicht oder nur beobachtet.

Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren (Tomographie) fanden keinen eindeutigen Hinweis auf die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen.3)Lingnau, A. et al. (2009). Asymmetric fMRI adaptation reveals no evidence for mirror neurons in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 9925-9930 Dabei ist allerdings zu bedenken, dass sich bildgebende Verfahren ohnehin nicht zum direkten Nachweis von Spiegelneuronen eignen.4)Kilner, J. M. & Lemon, R. N. (2013). What We Know Currently about Mirror Neurons. Curr Biol. Dec 2; 23(23): R1057–R1062

Auch die Autoren einer Metaanalyse5)Eine Metaanalyse ist eine möglichst umfassende Zusammenfassung aller empirischen Studien zu einem Thema. zu diesem Thema aus dem Jahr 2009 fanden keine wie auch immer gearteten Untersuchungen, mit denen sich die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen erhärten lässt.6)Turella, L. et al. (2009). Mirror Neurons in humans: Consisting oder confounding evidence? Brain and Language, 108, 10-21

„Zusammengenommen“, schreiben die Verfasser dieser gründlichen Übersichtsarbeit, „stellen die obigen Studien keinen schlüssigen Beweis zugunsten eines Spiegeltyps der Aktivität im frontalen und parietalen Komplex7)Dieser Begriff bezieht sich auf Bereiche der Großhirnrinde., wie er bei Affen gefunden wurde, zur Verfügung.“

Im Übrigen konnte sogar bei Affen noch nicht überzeugend gezeigt werden, dass Spiegelneurone tatsächlich in die vielfältigen sozialen Aktivitäten verwickelt sind, die ihnen zugeschrieben werden.8)Uttal 2011

In einer Studie wollen Roy Mukamel und Mitarbeiter allerdings bei 21 Epileptikern während einer notwendigen Operation, durch direkte Messung am Nerv, Spiegelneuronen nachgewiesen haben.9)Mukamel, R. et al. (2010). Single-Neuron Responses in Humans during Execution and Observation of Actions. Current Biology, 20, 750–756, April 27, 2010

Falls dieser Befund durch ein hinlängliche Zahl von Replikationen10)Eine Replikation ist die Wiederholung von Experimenten durch andere Forscher und in anderen Institutionen. Auf diese Weise wird versucht, Zufallseinflüsse, Durchführungs- und Auswertungsfehler auszuschalten bzw. auszumerzen. gesichert werden kann, wäre in ihm aber immer noch keine Rechtfertigung für weitergehende Schlussfolgerungen zu sehen. Die bloße Existenz von Spiegelneuronen beweist noch nicht, dass sie auch die ihnen zugeschriebenen Aufgaben erfüllen.

In ihrer Übersichtsarbeit zum Stand der Forschung, die Mukamels Arbeit einbezieht, schreiben Kilner & Lemon:

„Die funktionelle(n) Rolle(n) von Spiegelneuronen und ob Spiegelneuronen als Resultat einer funktionellen Anpassung und/oder von assoziativem Lernen während der Entwicklung hervortreten, sind wichtige Fragen, die noch gelöst werden müssen. Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir aber mehr über die Konnektivität11)Konnektivität = Verbindung von Nervenzellen von Spiegelneuronen und ihre vergleichende Biologie im Rahmen verschiedener Arten wissen.“12)Kilner & Lemon 2013

Manche Forscher haben versucht, die Spiegelungsthese zu retten. Dazu unterstellten sie beim Menschen ein komplexes „Mirror System“ im Gehirn. Dies bestehe nicht nur aus Neuronen eines Typs. Aber auch für diese Hypothese ergibt sich in der empirischen Literatur keine Basis.13)Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

Kurz: Unser Verständnis der Spiegelneurone ist noch zu gering, um sie in psychiatrische oder psychotherapeutische Theorien einbeziehen zu können.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass solche Neurone oder Neuronen-Systeme nicht existieren. Wohl aber sind diese Annahme und erst recht die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, zumindest beim Menschen, hochgradig spekulativ. Sie können – auch wenn manche Bücher und Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften oder im Fernsehen diesen Eindruck erwecken – nicht als gesichertes Wissen betrachtet werden. Die Forschung schreitet allerdings voran. Wir dürfen gespannt sein, was sie in Zukunft noch offenbaren wird.

Bei diesem Sachstand muss man demnach konstatieren, dass die Berichte über „Spiegelneurone“ in den Medien vor allem ein Ausdruck des Neuro-Hypes sind. Zutreffende Erkenntnisse (die nachgewiesene Existenz von Spiegelneuronen bei Affen z. B.) werden maßlos aufgebauscht, nicht zuletzt im Marketinginteresse von Psychiatrie und Psychotherapie.

Man weiß generell noch zu wenig über die Arbeitsweise unseres Gehirns, um mit den spärlichen und weitgehend ungesicherten diesbezüglichen Erkenntnissen der Neurowissenschaft psychiatrische bzw. psychotherapeutische Theorien und Maßnahmen unterfüttern zu können.

Fußnoten   [ + ]

1. Bauer, J. (2005). Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe
2. di Pellegrino, G. et al.(1992) Understanding motor events: A neurophysiological study. Experimental Brain Research, 91, 176-180
3. Lingnau, A. et al. (2009). Asymmetric fMRI adaptation reveals no evidence for mirror neurons in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 9925-9930
4. Kilner, J. M. & Lemon, R. N. (2013). What We Know Currently about Mirror Neurons. Curr Biol. Dec 2; 23(23): R1057–R1062
5. Eine Metaanalyse ist eine möglichst umfassende Zusammenfassung aller empirischen Studien zu einem Thema.
6. Turella, L. et al. (2009). Mirror Neurons in humans: Consisting oder confounding evidence? Brain and Language, 108, 10-21
7. Dieser Begriff bezieht sich auf Bereiche der Großhirnrinde.
8. Uttal 2011
9. Mukamel, R. et al. (2010). Single-Neuron Responses in Humans during Execution and Observation of Actions. Current Biology, 20, 750–756, April 27, 2010
10. Eine Replikation ist die Wiederholung von Experimenten durch andere Forscher und in anderen Institutionen. Auf diese Weise wird versucht, Zufallseinflüsse, Durchführungs- und Auswertungsfehler auszuschalten bzw. auszumerzen.
11. Konnektivität = Verbindung von Nervenzellen
12. Kilner & Lemon 2013
13. Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press