Sozialkompetenz

Ausgeprägter noch als in anderen bürgerlichen Gesellschaften, hängt in Deutschland der berufliche Aufstieg maßgeblich nicht von der fachlichen Leistung oder den kommunikativen Fähigkeiten, sondern vom sozioökonomischen Status der Eltern ab. Dies haben u. a. die Forschungen des Soziologen Michael Hartmann gezeigt.1

Häufig wird dieses Phänomen mit dem Hinweis erklärt oder sogar gerechtfertigt, dass die Sprösslinge aus den besseren Kreisen nun einmal über mehr Sozialkompetenz verfügten. Diese sei aber nur zu einem kleinen Teil lehrbar; man erwürbe sie im Elternhaus, in der so genannten Kinderstube.

Sozialkompetenz! Das klingt beim ersten Hinhören durchweg positiv, nach Gemeinsinn, menschlicher Nähe. Man kann dieses Wort nur im Sinne der Erfinder richtig verstehen, wenn man es beim schönen Klang belässt und nicht weiter darüber nachdenkt.

Aus moralischer Sicht ist es zweifellos verwerflich, Sozialkompetenz zu zeigen. Allenfalls ein Hochstapler, der Sozialkompetenz nur vortäuscht, darf vor dem Richterstuhl der Moral auf ein mildes Urteil hoffen, weil er ja, gleichsam von Berufs wegen, eine innere Distanz zur sozialkompetenten Rolle für sich reklamieren kann.

Der Begriff „Sozialkompetenz“ gehört in das B-Vokabular des Neusprechs, durch das die kritische Dimension von Äußerungen über ideologisch nicht neutrale Themen soweit wie möglich vom Bewusstsein abgekoppelt wird.2

Man muss sich den umgangssprachlichen, aber passenderen Begriff des „Radfahrens“ vor Augen führen, um zu begreifen, was mit Sozialkompetenz gemeint ist, wie Neusprech in diesem Fall funktioniert.

In den einschlägigen Lehrbüchern und Enzyklopädien wird man eine halbwegs griffige Definition des Begriffs der „Sozialkompetenz“ eher nicht finden. Es gibt auch kein wissenschaftlich allgemein anerkanntes Messinstrument für dieses Konstrukt. Es wäre ja auch ein großes Missverständnis der Bedeutung dieses Begriffs, wenn man versuchen wollte, ihn zu operationalisieren.

„Sozialkompetenz“ wird nicht gemessen, sondern zugeschrieben. Sozialkompetenz ist aber nicht mit einem ehrenhalber verliehenen Doktortitel vergleichbar. Ein Mensch, dem höheren Orts Sozialkompetenz zugeteilt wurde, sieht sich durchaus sehr konkreten Erwartungshaltungen ausgesetzt, die allerdings nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und darum niemals im Klartext formuliert werden.

Diese Erwartungshaltungen sind vielfältig, daher möchte ich sie hier nur exemplarisch abhandeln. Sie verbergen sich, wie der Oberbegriff, hinter Begriffen des B-Vokabulars, also Begriffen, „die nicht nur in jedem Fall eine politische Implikation (haben), sondern auch dazu bestimmt (sind), dem Benutzer eine wünschenswerte Geisteshaltung zu oktroyieren.“3

Hier nun meine Beispiele:

  • Eigenverantwortung bedeutet die Fähigkeit und die Bereitschaft, die Verantwortung für Erfolge selbst zu übernehmen und die Verantwortung für Misserfolge Mitarbeitern in die Schuhe zu schieben. Dabei ist es wichtig, diese Mitarbeiter in eine Lage zu bringen, in der sie sich, aus subjektiven oder objektiven Gründen, nicht gegen diese falsche Ursachenzuschreibung wehren (können).

  • Kritikfähigkeit ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich offen und aufgeschlossen für die Kritik von Vorgesetzten zu zeigen, dabei aber zugleich „zwischen den Zeilen“ unaufdringlich, aber effektiv nahezulegen, dass die wahren Verursacher der kritikwürdigen Zustände genau jene seien, die auf der Abschussliste des kritisierenden Vorgesetzten stehen oder die dieser einfach nur nicht leiden kann.

  • Teamfähigkeit bedeutet die Fähigkeit und Bereitschaft, sich bei Vorgesetzten dadurch beliebt zu machen, dass man deren egoistische Ziele als den allgemeinen Teaminteressen entsprechend zu verkaufen vermag.

  • Emotionale Intelligenz entspricht der Fähigkeit und Bereitschaft, sich durch alles, aber auch alles in Entzücken versetzen zu lassen, wofür sich der jeweils relevante Vorgesetzte begeistert und alles, aber auch alles zu verabscheuen, was dieser hasst.

Am Rande bemerkt: Sozialkompetenz ist keine Leistung im Sinne einer Fähigkeit, die man erlernen und üben musste, um sie zu meistern. Dies kann jeder, allein, nicht jeder darf es, es wird nicht bei jedem goutiert. Sozialkompetenz wird zugeschrieben. Sie ist die Lizenz zum Besteigen der Karriereleiter.

Daraus folgt, dass ein Mensch aus besseren Kreisen Sozialkompetenz nur solange benötigt, wie er noch nicht die höchstmögliche Stufe seiner Karriereleiter erklommen hat. Ist er erst einmal zum Boss aufgestiegen, kann er die Sau rauslassen. Dies gilt natürlich nur für das Binnenverhältnis. Im Außenverhältnis kann er nach wie vor gezwungen sein, gegenüber entsprechend mächtigen Interaktionspartnern ein hohes Maß an Sozialkompetenz unter Beweis zu stellen.

Es versteht sich von selbst, dass Sozialkompetenz im Gesamt der Karrierefaktoren umso bedeutender wird, je weniger Sachkompetenz vonnöten ist. Diese ist umso entbehrlicher, je weiter man auf der Karriereleiter bereits aufgestiegen ist, denn fachliches Wissen und handfeste Fähigkeiten sind bei Führungskräften nicht gefragt, damit darf sich das untergeordnete Personal, das so genannte Fußvolk herumschlagen.

Das Dorado der Sozialkompetenten ist natürlich die Psychiatrie. Hier muss niemand etwas wissen. Es genügt völlig, so zu tun, als wisse man etwas. Die Karriere des bedeutenden Heilers Gert Postel, der gleich zweimal als Psychiater in hohe und höchste Positionen aufstieg, obwohl er gelernter Postbote ist, darf im Grunde schon als ausreichender Beweis für diese These gelten.4

Postels Sozialkompetenz lässt nichts zu wünschen übrig. So bereitete er beispielsweise einmal eine Bewerbung um eine Stelle vor, indem er den zuständigen Chefarzt unter falschem Namen anrief, sich als Universitätsprofessor der Medizin ausgab, und sich selbst als geeigneten Kandidaten anpries. Hierzu schreibt er u. a.:

„Ich hatte schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass es nichts schadet, als Universitätsprofessor einen nicht habilitierten Chefarzt als Kollege anzusprechen, sozusagen ein Element der Gleichheit in ein solches Gespräch einzubringen.“5

Dass Postel das Wesen der Sozialkompetenz begriffen hat, zeigt u. a. folgendes Zitat:

„Schließlich verfasste ich noch einen Lebenslauf, in dem mein Vater, der Zeit seines Lebens Mechaniker bei Daimler-Benz in Bremen war, zum Theologieprofessor mutiert und meine Mutter, eigentlich vorehelich Mannequin, später Hausfrau, zur Krankenschwester wurde. Genau die richtige Mischung aus ethischer Bescheidenheit und Helfersyndrom.“6

Ich lege Postels „Doktorspiele“ nun schnell wieder zur Seite, sonst lese ich mich fest und komme zu nichts anderem mehr. Es bleibt aber festzuhalten, dass dieses Buch das beste Lehrbuch der Sozialkompetenz ist, das man sich nur vorstellen kann.

„Sozialkompetenz“ ist ein Neusprech-Wort des B-Vokabulars. Die Aufgabe dieses Vokabulars besteht darin, vertieftes Nachdenken zu verhindern. Im Neusprech werden daher Menschen, die Sozialkompetenz vortäuschen, obwohl sie den erforderlichen sozio-ökonomischen Hintergrund nicht haben, als Hochstapler bezeichnet. So ist es zu erklären, dass Postel in jenem Beruf, für den er sich als hervorragend geeignet erwiesen hatte, nicht weiterarbeiten durfte, nachdem einige kleinere Ungenauigkeiten in seinem Lebenslauf ans Licht gekommen waren.

Der Grat zwischen Koryphäe und Hochstapler kann sehr schmal sein. Er ist oftmals aber viel, viel breiter, als der Fall Postel oder die Schicksale anderer enttarnter Sozialkompetenter vermuten lassen. Postel stürzte verhältnismäßig schnell ab, wenngleich aus Gründen, die sich seiner Verantwortung entzogen7 und die seine makellose Haltung als vorbildlicher Darsteller eines Sozialkompetenten nicht in Frage zu stellen vermögen.

Mir sind allerdings auch Leute mit ausgeprägterem Stehvermögen persönlich bekannt (die ich natürlich nicht kenne), von denen im Grunde jeder, der es wissen will, auch wissen kann, dass sie nicht sind, was sie zu sein vorgeben. Doch wer will das schon so genau wissen? Solche beruflichen Karrieren werden oftmals erst durch den wohlverdienten Ruhestand beendet.

Wenn man dann auf solche Laufbahnen zurückblickt, so wird der Glanz ihrer Sozialkompetenz nicht im geringsten durch fehlende Ausbildungen und erschwindelte Titel getrübt (solange das Geheimnis gewahrt bleibt, versteht sich).

***

Hartmann, M. (2004). Eliten in Deutschland. Rekrutierungswege und Karrierepfade. Aus Politik und Zeitgeschichte B 10 / 2004, 17-24

Orwell, G. (1949, 2000). 1984. München: Econ Ullstein List, Seite 371

Orwell, G. (1949, 2000). 1984. München: Econ Ullstein List, Seite 371, Seite 365

Gert Postel: Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers. Eichborn, 2001; Goldmann, 2003

Ebenda, Seite 24

6Ebenda, Seite 31

Er wurde erkannt und denunziert.