Scheinlösung von Lebensproblemen mit Psychopharmaka

Es gibt zahllose Befunde, die einen engen Zusammenhang zwischen sozialen bzw. ökonomischen Schieflagen und den so genannten psychischen Krankheiten belegen. Nachweise für einen Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und gestörten Hirnprozessen oder genetischen Faktoren sind spärlich und methodisch meist fragwürdig.1)Die Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen sind verwickelt. Sie müssen genauer betrachtet werden. So sind z. B. gelegentlich Schilddrüsenerkrankungen (z. B. Autoimmunthyreoiditis) mit Missstimmungen verbunden. Sie erfüllen die Kriterien einer Depression. Dies bedeutet aber nicht, dass die Depression eine Folgeerkrankung einer Schilddrüsenerkrankung sein kann. Die Diagnose „Depression“ wird ja unabhängig von irgendwelchen Ursachen gegeben. Sie ist nur ein Kürzel für eine Reihe von subjektiven Beschwerden, den s. g. Symptomen. Daher kann nur gesagt werden, dass derartige Missstimmungen auch ins Bündel der Symptome von Schildrüsenerkrankungen gehören. Dennoch behandelt die biologische Psychiatrie letztere als erst- und erstgenannte als zweitrangig, sofern sie überhaupt beachtet werden.

Kritiker sprechen von einer Überkleisterung sozio-ökonomischer Probleme durch eine medikamentöse Therapie, die Betroffene bestenfalls gleichgültig und emotional stumpf macht. Dies mag helfen, insofern es die passive Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse erleichtert. Eine echte Lösung ist dies dennoch nicht.

Psychotherapien, die nach dem medizinischen Modell Worte wie Pillen verabreichen, sind gleichermaßen keine echte Lösung von Lebensproblemen. Denn sie ignorieren die sozialökonomischen Verhältnisse und ihre Auswirkungen auf individuelle Lebenslagen.

Manche räumen ein, dass Psychopharmaka langfristig zwar mehr schadeten als nutzten. Sie unterstellen aber, dass sie kurzfristig ein wahrer Segen sein könnten. Sie seien eine Hilfe in Notsituationen. Tief greifende Maßnahmen könnten in solchen Lagen ja ohnehin nicht greifen.

Auf einer oberflächlichen Ebene betrachtet, mag dies durchaus zutreffen. Schaut man genauer hin, so erkennt man dennoch darin nur zu oft eine Strategie des Ausweichens vor grundlegenden Problemlösungen. An deren Stelle tritt dann nämlich eine Reihe von Notlösungen bei Bedarf.

Eine gemobbte Sekretärin nimmt vielleicht, wenn’s wirklich nicht mehr anders geht, gelegentlich und kurzfristig ein Beruhigungsmittel ein. Dadurch ist es ihr vielleicht möglich, an ihrem Arbeitsplatz auszuharren. Dass dies aber eine wünschenswerte Problemlösung sei, wird wohl kaum jemand behaupten wollen.

Aus Sicht der biologischen Psychiatrie sind psychische Störungen Hirnerkrankungen ohne sozialen Sinn. Stress mag als Auslöser eine Rolle spielen. Gesunde Leute aber, so heißt es, seien dem Stress des Lebens gewachsen. Nur die biologisch Vorgeschädigten kämen damit nicht zurecht.

Aus dieser Sicht handelt die oben erwähnte Sekretärin natürlich vernünftig. Sie nimmt ein Beruhigungsmittel, weil die angeboren oder erworbenermaßen begrenzte Fähigkeit ihres Nervensystems dies erforderlich macht. Die Geschäftsleitung ihres Unternehmens wird dies sicher recht sein. Es ist dann nicht notwendig, gegen das Mobbing vorzugehen. Man kann sich also Ärger ersparen.

Wer aber die Entwicklung der gesamten Gesellschaft im Auge hat, kann solche Vorgänge nicht als akzeptabel betrachten. In allen Industriestaaten hat sich der Konsum von Psychopharmaka zu einer gesellschaftlich akzeptierten Gewohnheit entwickelt. Dies führt dazu, dass soziale und ökonomische Probleme viel eher hingenommen werden. Der Politik scheint dies zu gefallen. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass sie nichts Einschneidendes dagegen unternimmt.

Psychopharmaka sind also nicht nur ein chemisches, sondern auch ein politisches Gift. Manche meinen, sie seien dennoch ein notwendiges Übel. So schnell, wie manche Leute Hilfe brauchten, könne man die Gesellschaft ja nicht ändern. Auch wenn Psychopharmaka nicht das „Gelbe vom Ei“ seien, so sei der grundsätzliche Verzicht darauf dies noch viel, viel weniger. Mitunter müsse man, zähneknirschend, den Teufel mit Beelzebub austreiben.

Es dürfte nur wenige Menschen geben, die einer solchen Sicht nicht spontan zustimmen. An solcher Spontaneität ist nichts auszusetzen, solange sie nicht späteres Nachdenken verhindert.

Man kann Psychopharmaka am besten mit Alkohol und anderen Rauschmitteln vergleichen. Sie machen es unter Umständen und vorübergehend leichter, ein Problem zu ertragen. Aber der Preis dafür kann sehr hoch sein. Er steht in der Regel in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen bei langfristiger Einnahme.

Es ist, bei aller Kritik an Psychiatrie und Big Pharma, nachvollziehbar und akzeptabel, wenn Menschen in für sie schwierigen Situationen Psychopharmaka nehmen – oder beispielsweise Alkohol als „Sorgenbrecher“ einsetzen. Dennoch wären sie klüger beraten, nach anderen Lösungen Ausschau zu halten, die es nämlich fast immer gibt.

Schwierigkeiten auszuhalten und seelisches Leiden zu erdulden, so heißt es, sei nicht jedermanns Sache. Da Schwierigkeiten und seelisches Leiden jedoch zum Leben gehören, sei jedermann zu raten, dies zu seiner Sache zu machen.

Man wird niemals ein guter Sportler, Musiker, Kleingärtner oder was auch immer, wenn man nicht lernt, Frust zu ertragen. Dies gilt für das Leben insgesamt. Manche, die Dopingmittel nehmen, werden Stars und verdienen viel Geld. Bei den allermeisten aber führen Dopingmittel nur zu gesundheitlichen Schäden und sonst zu nichts Gutem. Dieser Gedanke lässt sich durchaus auch auf Psychopharmaka übertragen.

Psychopharmaka sind so beliebt, weil

  • sie eine Bewältigung seelischen Leides auf Knopfdruck versprechen, die angeblich sofort oder mit einer tolerierbaren Verzögerung eintritt
  • sie eine Überwindung psychischer Probleme verheißen, die sich auch ohne Eigenleistung einstellt
  • ihr Erfolg scheinbar nicht von einer Auseinandersetzung mit sich selbst abhängt
  • ihre Wirkung auch ohne eine Änderung des Umfelds der Betroffenen eintritt.

Sie wären noch viel beliebter, wenn sie nicht,

  • häufig mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden wären
  • schwerwiegende gesundheitliche Schäden verursachen und
  • evtl. Abhängigkeiten auslösen könnten.

Obwohl ihre Einnahme also mit teilweise erheblichen Risiken verbunden ist, erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit. Und dies aufgrund ihrer Alleinstellungsmerkmale: Sie wirken angeblich schnell und mühelos. Für  Alkohol und illegale Drogen sprechen diese Verkaufsargumente natürlich gleichermaßen. Aber Psychopharmaka sind, bei unauffälligem Gebrauch und ärztlicher Verschreibung, nicht mit krasser Missbilligung oder Sanktionen verbunden.

Sie wären, trotz der Risiken, sicher noch viel beliebter, wenn sie ihren  Verheißungen auch immer entsprächen. Oft jedoch sind sie keine schnelle und mühelose Problemlösung. Leider lindern sie das Unglücklichsein ihrer Konsumenten oftmals nur unzulänglich oder gar nicht.

Dies sei jedoch eingeräumt: Sie verbessern den seelischen Zustand einer, als nicht gering zu veranschlagenden, Menge von Leuten. Neben ihren realen pharmakologischen Wirkungen ist dafür in nicht unerheblichem Ausmaß der Placebo-Effekt verantwortlich.

Obwohl Psychopharmaka im Feld der Bewusstseinskontrolle so beliebt sind wie sonst nur noch der Alkohol, gibt es natürlich auch Leute, die diese Substanzen ausgesprochen geringschätzen. Viele von ihnen schwören auf Psychotherapie. Manche lieben sie so sehr, dass sie keine Gelegenheit verstreichen lassen, sich einer solchen zu unterziehen. Sie werden von den Anbietern dieser Dienstleistungen mit dem entsprechenden ideologischen Rüstzeug ausgestattet. Nur wer an sich arbeite, so heißt es, könne seine Probleme dauerhaft lösen.

Doch diese Verächter stellen nur eine kleine Minderheit dar. Die meisten Leute, die beim Arzt wegen einer psychiatrischen Diagnose vorstellig werden, wollen und bekommen Psychopharmaka, mitunter auch zusätzlich zur Psychotherapie. Ihre Zahl steigt beständig, insbesondere seit Einführung der Hartz-4-Gesetzgebung.2)Franke, N. (2010). Verschreibungen von Antidepressiva nehmen zu. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 21 Die schnelle und mühelose Lösung auf Knopfdruck ist gefragter denn je in einer Welt, in der man kaum noch Chancen zur Umgestaltung seiner Lebenssituation aus eigener Kraft erkennt.

Psychopharmaka werden als Medikamente für „psychische Krankheiten“ verkauft. Aber die einzige gesicherte Wirkung ist eine Beeinflussung des Bewusstseins. Das Bewusstsein beeinflussen auch andere Substanzen, wie z. B. der Alkohol, die man wohl kaum als Medikamente zur Behandlung von Krankheiten bezeichnen würde. Die Unterscheidung zwischen Psychopharmaka und Drogen ist willkürlich. Dafür gibt es keine nachvollziehbaren medizinischen oder pharmakologischen Gründe.

Auch auf der Ebene des Konsums ist kein wesentlicher Unterschied festzustellen. Dies zeigt sich nicht etwa nur bei der so genannten Medikamentenabhängigkeit, bei der überwiegend Schlaf- und Beruhigungsmittel eine Rolle spielen. Dies gilt für alle Psychopharmaka. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie wegen des Versprechens einer schnellen und mühelosen Knopfdrucklösung genommen werden. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Oder Psychopharmaka.

Fußnoten   [ + ]

1.Die Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen sind verwickelt. Sie müssen genauer betrachtet werden. So sind z. B. gelegentlich Schilddrüsenerkrankungen (z. B. Autoimmunthyreoiditis) mit Missstimmungen verbunden. Sie erfüllen die Kriterien einer Depression. Dies bedeutet aber nicht, dass die Depression eine Folgeerkrankung einer Schilddrüsenerkrankung sein kann. Die Diagnose „Depression“ wird ja unabhängig von irgendwelchen Ursachen gegeben. Sie ist nur ein Kürzel für eine Reihe von subjektiven Beschwerden, den s. g. Symptomen. Daher kann nur gesagt werden, dass derartige Missstimmungen auch ins Bündel der Symptome von Schildrüsenerkrankungen gehören.
2.Franke, N. (2010). Verschreibungen von Antidepressiva nehmen zu. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 21