Sigmund Freuds Verständnis der menschlichen Psyche

Hermeneutik

Manche meinen, die Psychoanalyse sei eine hermeneutische Disziplin, eine geisteswissenschaftlich fundierte Kunst der Sinndeutung. Sie wird daher vielfach als weiche, menschliche Alternative zum „biologischen“ Ansatz der modernen, naturwissenschaftlich orientierten Psychiatrie betrachtet.

Nur wenige wissen, dass sich Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, als Naturforscher verstand (er war von Haus aus Neurologe) und dass er von denselben Grundannahmen ausging wie die heutigen Neurowissenschaftler.

Zur Frage des Verhältnisses von

  • psychischen Vorgängen wie Denken, Fühlen etc.
  • und den materiellen Grundlagen dieser Prozesse

hat er sich in seiner Schrift „Traumdeutung“ unmissverständlich geäußert.

Dort betrachtet er die mentalen Prozesse als vollständig determiniert durch nicht-psychische Systeme.

„Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber, die selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich den Linsen des Fernrohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der Strahlenbrechung beim Übergange in ein neues Medium.“

Da sich Freud der Grenzen neurowissenschaftlicher Erkenntnis zu seiner Zeit sehr wohl bewusst war, gebrauchte er Gleichnisse. Aber er wählt diese Vergleiche gezielt aus, um seinen naturwissenschaftlichen Standpunkt klarzumachen. Ein „virtuelles Bild“ ist bekanntlich ein gesetzmäßiger, physikalischer Sachverhalt.

In der Traumdeutung heißt es daher unmissverständlich:

„Selbst wo das Psychische sich bei der Erforschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten müsste, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.“

Man darf Freud daher als Physikalisten reinsten Wassers betrachten. Unter Physikalismus versteht man eine Weltanschauung, nach der alles, was existiert, physisch ist.1)Die Welt kann also, zumindest im Prinzip, vollständig in einer physikalischen Sprache erfasst werden.

Die Tatsache, dass sich seine Bücher oft wie Erzählungen auf hohem literarischen Niveau lesen, täuscht darüber hinweg, dass es sich dabei um naturwissenschaftliche Arbeiten handelt. Manche, die sich vom Schwung und der Eleganz dieser Erzählungen mitreißen lassen, sind deswegen nicht in der Lage, den wissenschaftlichen Gehalt der Texte Freuds voll auszuschöpfen. Bei diesen Erzählungen handelt es sich nämlich um wortgewaltige „Vermessungen“ der vorläufigen Endstation.

1933 erschien die „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“; in diesem Band findet sich ein Aufsatz mit dem Titel „Über eine Weltanschauung“. Dort setzt sich Freud, in wenig schmeichelhaften Worten, mit Religion und Philosophie auseinander und lobt die Naturwissenschaften.

In diesem Text bringt er auch einige programmatische Sätze zu Papier, die kaum misszuverstehen sind:

  • „Geist und Seele sind in genau der nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung wie irgendwelche menschenfremden Dinge.“
  • „Nimmt man aber die Erforschung der intellektuellen und emotionalen Funktionen des Menschen und der Tiere in die Wissenschaft auf, so zeigt sich, dass an der Gesamteinstellung der Wissenschaft nichts geändert wird, es ergeben sich keine neuen Quellen des Wissens oder Methoden des Forschens.“

Es dürfte somit wohl klar sein, dass sich „psychoanalytische Hermeneutiker“ nicht auf Freud berufen können, denn in keiner Phase seines Lebens hat er obige Einstellung in Zweifel gezogen.

Status des Mentalen

Hier wird auch deutlich, dass Freud dem Mentalen keinen eigenständigen Status zuerkennt. Geist und Seele sind, so schreibt Freud, in genau der nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung wie menschenfremde Dinge. Hätte das Mentale aber einen eigenständigen Status, dann wäre es eine neue Quelle des Wissens, was Freud aber verneint.

Manche Hermeneutiker behaupten, Freud sei im Laufe seines Lebens von seinem ursprünglichen, naturwissenschaftlichen Verständnis abgerückt. Diese Behauptung wird jedoch durch den Text „Über eine Weltanschauung“ eindeutig widerlegt. Irgendwelche menschenfremden Dinge erforscht man nicht hermeneutisch.

Es ist natürlich verführerisch, zumindest das zentrale Charakteristikum der Psychoanalyse, die Deutung nämlich, im Sinne der Hermeneutik zu verstehen. Doch Freud betont ausdrücklich, dass die Deutung exakt den technischen Regeln zu folgen habe, die der Theorie entsprechen. Und diese Theorie ist eine naturwissenschaftliche, eine erklärende, keine geisteswissenschaftliche Grundlage für das Verstehen geistiger Produktionen des Menschen.

Wenn beispielsweise das Nachlassen der Ideenproduktion in der freien Assoziation als Anzeichen von Widerstand gedeutet wird, so beruht diese Deutung eindeutig auf der Beobachtung von Verhalten, und nicht auf irgendwelchen Eigentümlichkeiten eines Textes.

Die von Freud dem Analytiker empfohlene gleichschwebende Aufmerksamkeit betont die besondere Bedeutung der Beobachtung des Verhaltens in der Psychoanalyse. Diese muss jeder Deutung vorangehen.

Freud wird in seinem Vortag „Über eine Weltanschauung“ nicht müde hervorzuheben, dass das analytische Vorgehen dem naturwissenschaftlichen Procedere weitgehend entspricht und der einzige Unterschied darin besteht, dass die Psychoanalyse auf das Experiment verzichten muss.

Für Freud ist dieses beobachtbare Verhalten selbstverständlich durch organische, also neuronale Prozesse fundiert. Doch da diese nicht bekannt sind, ist die Deutung des psychischen Gehalts Endstation.

Man darf Freud dankbar sein, dass er seine Position so unmissverständlich formuliert hat, denn eine Psychologie, eine Psychotherapie gar, die völlig beliebig und unkontrolliert über den Menschen und seine Seele fabulieren darf, ist wirklich das letzte, was die Menschheit in einer von fragwürdigen Ideologien durchseuchten Welt braucht.

Denkfehler

Freud war Arzt. Sein Interesse galt dementsprechend der Behandlung von Kranken. Damit erzielte er sein Einkommen. Wohl deswegen hat sich in seine Theorie ein Denkfehler eingeschlichen, der noch immer der Korrektur harrt. Seiner Profession entsprechend, meinte er, Muster des Verhaltens und Erlebens in kranke und gesunde einteilen zu können.

Er räumt zwar, beispielsweise in seiner „Traumdeutung“, ein, dass zwischen dem normalen und dem neurotischen Seelenleben nur ein quantitativer, kein qualitativer Unterschied bestehe, dies veranlasst ihn aber nicht dazu, die Fiktion der „seelischen Krankheit“ aufzugeben.

Wenn es aber nur quantitative Unterschiede gibt, dann ist eine Unterscheidung zwischen „krank“ und „gesund“ willkürlich. Man kann dann nämlich für die Wahl des Grenzwerts, der das Neurotische vom Normalen scheidet, keine qualitative Rechtfertigung zu geben.

Er missachtet hier im Übrigen seine eigene Erkenntnis, dass nämlich alles menschliche Verhalten, nicht nur das kranke, sondern auch das gesunde eine organische Grundlage hat. Diese ist aber weitgehend noch unbekannt. Das war zu Freuds Zeiten so und das ist heute nicht anders.

„Krank“ im medizinischen Sinn könnte eine „Störung“ nur genannt werden, wenn man die organische Grundlage identifiziert hätte. Dies ist bei den „psychischen Krankheiten“ aber nicht der Fall.

Und selbst wenn man eine organische Grundlage gefunden hätte, würde dies zur Diagnose einer Krankheit nicht ausreichen. Schließlich wird auch das „gesunde“ Verhalten und Erleben vom Gehirn gesteuert.

Zwischen „gesund“ und „krank“ könnte man nur im Rahmen eines Modells des einwandfrei (seiner Natur entsprechend) funktionierenden Nervensystems unterscheiden. Beim Herzen beispielsweise kann man sagen, was gestört ist. Schließlich weiß man recht gut, wie ein gesundes Herz arbeitet.

Vergleichbares Wissen benötigt man natürlich auch für das Gehirn. Ein solches Modell könnte dann die Basis für eine qualitative Unterscheidung zwischen kranker und gesunder Psyche bieten. So würde eine qualitative Begründung von Grenzwerten möglich. Von einem solchen Modell sind die heutige Neurowissenschaft und Psychiatrie jedoch Lichtjahre entfernt.

Fußnoten   [ + ]

1.Die Welt kann also, zumindest im Prinzip, vollständig in einer physikalischen Sprache erfasst werden.