Psycho-Kulte oder Psychiatrie?

Psycho-Kulte versprechen ihren Anhängern, sie seelisch zu heilen. Dies wäre ohne Zulassung zur Ausübung der Heilkunde in Deutschland allerdings illegal. Psycho-Kulte bezeichnen ihre Praxis jedoch als Religionsausübung. Dafür braucht man keine heilkundliche Zulassung. Es ist für die Gesundheitsämter schwierig, Psycho-Kulten das Gegenteil zu beweisen. Warum?

Die uns vertraute, kirchliche Sequenz der Behandlung von Normabweichungen verläuft in folgenden Schritten:

Sünde => Reue => Beichte => Buße/Umkehr => Vergebung der Sünden und Himmelreich

Die uns ebenfalls vertraute, psychiatrische Sequenz der Behandlung von Normabweichungen (mit Ausnahme von Zwangsbehandlungen) kennt folgende Stufenabfolge:

Psychische Störung => Krankheitseinsicht => psychiatrische Diagnose => Therapie/Verhaltensänderung => Reintegration in die Gesellschaft

Dass es sich hier um eine strukturelle Identität handelt, sticht ins Auge. Es kommt demgemäß nur darauf an, wie man diese Sequenz nennt: religiöse Praxis/Kult oder psychiatrische Behandlung. Wenn also die Gesundheitsämter gegen einen bestimmten Psycho-Kult einschritten, dann müssten sie gleichermaßen gegen die meisten Religionsgemeinschaften einschließlich der Amtskirchen vorgehen. Auch die anderen Religionsgemeinschaften haben ja keine heilkundliche Zulassung.

Mindestens fünf Einwände gegen diese These sind denkbar:

  • Wissenschaft. Man könnte behaupten, die Praxis der Religionsgemeinschaften beruhe auf Glauben, die der Psychiatrie auf Wissenschaft. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Psychiatrie den Anforderungen, die heute an eine Wissenschaft gestellt werden, weder im methodisch-methodologischen Bereich, noch auf der Ebene der Konzeptbildung genügt. Sie ist letztlich ebenfalls ein Glaubenssystem, das allerdings einen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Diesen reklamieren aber auch viele Glaubensgemeinschaften für sich (Theologie).
  • Wirtschaft. Man könnte behaupten, dass Psycho-Kulte keine Religionsgemeinschaft seien, sondern Wirtschaftsunternehmen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass alle Religionsgemeinschaften Wirtschaftsunternehmen sind. Der Vatikan beispielsweise ist eines der größten Wirtschaftsunternehmen der Welt.
  • Gehirnwäsche. Man könnte behaupten, Psycho-Kulte unterzögen ihre Kundschaft einer Gehirnwäsche. Was ist eine Gehirnwäsche? -: Eine Veränderung des Verhaltens, Erlebens und der Einstellungen, gar der Persönlichkeit durch Zwang, ohne Einverständnis des Betroffenen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass nach dieser Definition sehr wohl die Zwangspsychiatrie Gehirnwäsche betreibt. Demgegenüber fehlt den Glaubensgemeinschaften und natürlich auch Psycho-Kulten zumindest die legale Grundlage dazu.
  • Mind Control. Manche meinen, es gäbe auch Methoden der Beeinflussung des Verhaltens und Erlebens gegen den Willen der Beeinflussten, die ohne offene Gewalt auskämen. Psycho-Kulte bedienten sich auf heimtückische Weise dieser Methoden. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass diese Methoden in allen modernen Gesellschaften üblich sind. Man nennt sie Werbung, Propaganda etc.
  • Moral. Manche meinen, dass Psycho-Kulte nur das Böse anstrebten, die Amtskirchen und die Psychiatrie aber nur das Gute im Blick hätten. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Einstufung in Gut und Böse doch sehr vom Standpunkt und den jeweils gewählten Maßstäben abhängt.

Zu den vehementesten und bekanntesten Kritikern der Psychiatrie zählt eine international tätige Vereinigung, die sich selbst als „Kirche“ bezeichnet und die von vielen Menschen als gefährlich betrachtet wird. Diese Organisation verwendet diagnostische Instrumente, wie beispielsweise ein simples Biofeedbackgerät, um angebliche psychische Abweichungen, die so genannten „Aberrationen“, festzustellen. Dann unterwirft sie diese „Aberrierten“ diversen Formen der Behandlung (z. B. „Auditing“), mit dem Ziel, die Abweichungen aufzuheben. Gelingt dies (angeblich), werden die Behandelten als „clear“ bezeichnet. Ist man erst einmal „clear“, kann man auch zu einer Art Supermensch aufsteigen (Operation Thetan).

Die strukturelle Ähnlichkeit von Scientology und Psychiatrie ist offensichtlich. Daher könnte man die Psychiatriekritik von Scientology auch als Bestandteil des Marketings dieser Organisation deuten (Rubrik: vergleichende Werbung). Futterneid also, was sonst?

Ich bin ein grundsätzlicher Gegner der Tendenz, unsere Gesellschaft zu medikalisieren, also zunehmend alle Lebensbereiche (pseudo-)medizinischer Kontrolle zu unterwerfen. Aus meiner Sicht gefährdet diese Tendenz die grundgesetzlich garantierten Bürgerfreiheiten.

Hinter dieser Tendenz stecken offensichtlich staatliche und wirtschaftliche Interessen. Staatliche Propaganda und das Marketing einschlägig interessierter Unternehmen suggerieren den Bürgern, dass diese Medikalisierung das Beste für sie sei. Diese „Gehirnwäsche“ scheint recht erfolgreich zu sein, denn der Widerstand gegen die Medikalisierung ist relativ schwach, wohl auch, weil sie auch reale Vorteile bringt.1)Siehe meinen Artikel: Psychische Krankheit als Self-handicapping

Unter diesen Bedingungen ist es nicht erstaunlich, dass Psycho-Sekten versuchen, als Trittbrettfahrer von dieser Tendenz zu profitieren. Die Psychiatrie, die immer weitere Bereiche des menschlichen Daseins und des Spektrums menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten pathologisiert, macht damit auch den Boden für Scientology & Co. fruchtbar. Sie prägt eine Auffassung von Lebensprobleme, die in einer aufgeklärten und rationalen Gesellschaft eigentlich überwunden sein sollte.

Ich plädiere keineswegs dafür, Sekten und Psycho-Kulte zu verbieten. Wer dies fordert, müsste konsequenterweise auch die Amtskirchen einbeziehen. In einem freien Land sollte jeder das Recht haben, nach eigener Fasson selig zu werden. Ein fürsorglich bevormundender Staat richtet in der Regel größeren Schaden an, als dies irgendeine Glaubensgemeinschaft jemals könnte.2)Im Kern nämlich ist der fürsorglich bevormundende Staat ein autoritär strafender. Eine Ausnahme bilden hier natürlich Religionsgemeinschaften, die offen oder verdeckt die Macht im Staat anstreben und ein fürsorglich bevormundendes Regime erreichten wollen.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Psychische Krankheit als Self-handicapping
2.Im Kern nämlich ist der fürsorglich bevormundende Staat ein autoritär strafender.