Wie im Krieg: Psychische Krankheit als Notwehr

Niemand kennt die Ursachen einer „Schizophrenie“, einer „Depression“ oder anderer „psychischer Krankheiten“. Trotz intensiver Forschung sind alle Versuche, die biologischen Ursachen dieser angeblichen Krankheiten zu identifizieren, grandios gescheitert.

Dabei wurde ein erheblicher finanzieller Aufwand getrieben – mit Geldern, die aus staatlichen und pharmaindustriellen Quellen sprudelten.

Leider können auch die Studien zu eventuellen sozialen Ursachen nicht vollends überzeugen.

Dieser Sachstand zwingt zur Spekulation.

Eine mit den vorhandenen Daten vollauf verträgliche Interpretation lautet: Es handelt sich bei allen „psychischen Krankheiten“ 1)Ausgenommen sind Störungen, die als Symptome nachgewiesener neurologischer oder anderer körperlicher Krankheiten aufgefasst werden müssen. um Reaktionen eines intakten Gehirns auf missliche Lebensbedingungen.

Ein drastisches Beispiel dafür sind die „psychischen Störungen“ von Frontkämpfern. Fast alle Soldaten drehen spätestens nach einigen Wochen in Stahlgewittern durch. Sie prägen bizarre Verhaltensweisen aus, die von den Wehrpsychiatern als „krank“ gedeutet werden.2)Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press

Diese „psychiatrischen Syndrome“ zeigen sich nicht nur bei Soldaten, die schon immer psychisch auffällig waren. Sie werden auch von Menschen entwickelt, die sich zuvor an ihre zivile Umwelt aufs Allerbeste angepasst hatten. Der Wahnsinn des Krieges macht diese Menschen verrückt. Genauer, er bringt sie dazu, verrückt zu spielen, um ihm zu entkommen.

Als junger Mann war ich eine Weile als Sozialforscher unterwegs. 3)Gresch, H. U. (1986). Personale Anpassung bei technischen und organisatorischen Neuerungen in Arbeitsorganisationen. Universität Erlangen-Nürnberg. Dissertation Ich untersuchte die Auswirkungen moderner Technik auf das menschliche Gemüt. Wie es sich gehört, hantierte ich mit Fragebögen und ließ den Großrechner heißlaufen. Damals gab es noch keine PCs, die Statistik konnten.

Aber ich interviewte auch Betroffene, ließ mich auf ihre Gedanken ein, versuchte, mich einzufühlen in ihre Situation.

Eine Frau sagte mir:

„Es ist wie im Krieg, ich muss mich anpassen, weglaufen kann man ja nicht, bei den Verhältnissen am Arbeitsmarkt ist das nicht klug für eine Frau in meinem Alter.“

Sie sah grau aus, wirkte älter, als sie war. Ihre Miene war traurig, ihr Blick Hilfe suchend.

Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist es wie im Krieg. Zahllose Kräfte, derer sie sich nicht erwehren können, zerren an ihnen, oft in verschiedene Richtungen. Sie möchten weglaufen, aber die Verhältnisse erlauben dies nicht. Sie möchten angreifen, fürchten sich aber vor den Konsequenzen. In solchen Situationen gibt es oft kaum gute Möglichkeiten zum Handeln. Da mag es als die beste aller wahrgenommenen Möglichkeiten erscheinen, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen.

Fußnoten   [ + ]

1.Ausgenommen sind Störungen, die als Symptome nachgewiesener neurologischer oder anderer körperlicher Krankheiten aufgefasst werden müssen.
2.Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press
3.Gresch, H. U. (1986). Personale Anpassung bei technischen und organisatorischen Neuerungen in Arbeitsorganisationen. Universität Erlangen-Nürnberg. Dissertation