In eigener Sache fürs Volk: Im Schatten

Im Verlauf eines schon ziemlich langen Lebens wurde ich wiederholt mit den finstersten Sphären der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft konfrontiert. Meine Erfahrungen prägen meine Schriften 1)Ein krasses Beispiel ist der Roman: Ein Mann mit acht Augen.. Dass eine bürgerliche Gesellschaft – in der extrem ungleiche Verteilungen von Einkommen, Vermögen und Macht unvermeidlich sind – auch ihre Schattenseiten haben muss, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Auch eine Demokratie kann nicht besser sein, als dies die wirtschaftlichen, klassengesellschaftlichen Strukturen zulassen.

Dennoch räume ich natürlich ein, dass die allermeisten Menschen im Verlauf der Geschichte, die ich zu überblicken vermag, im westlichen und nach der Wiedervereinigung im gesamten Teil Deutschlands erheblich besser leben konnten als in vielen anderen Weltgegenden. In wirtschaftlicher, kultureller, zivilisatorischer und politischer Hinsicht gehörte Deutschland zu den Musterländern auf diesem Planeten. Dass natürlich nicht alles Gold war, wurde bereits erwähnt.

Nunmehr aber mache ich mir, zum ersten Mal in meinem Leben, Sorgen nicht nur um mein eigenes Geschick. Zum ersten Mal sehe ich dunkle Wolken nicht nur für jene Minderheit heraufziehen, die in jeder bürgerlichen Gesellschaft unvermeidlich unter die Räder kommt, sondern für die große Mehrheit der Bürger. Mich beschleicht der Verdacht, als würde die Postdemokratie die Masken fallen lassen, als hätte man es nicht mehr nötig, die Fassaden aufrecht zu erhalten.

Dass in einem kapitalistischen System nicht wirklich das Volk regiert, sondern dass die wirtschaftlich Mächtigen einen entscheidenden Einfluss haben, sollte eigentlich jedem Klardenkenden einleuchten. Es kann gar nicht anders sein. Um aber die tatsächlichen Verhältnisse dauerhaft hinter einer Fassade verstecken zu können, muss man dem Volk Zugeständnisse machen. Das heißt, dass in den allermeisten Fällen und für die allermeisten Leute der Rechtsstaat funktionieren sollte. Das heißt, dass sich in den allermeisten Fällen und gegenüber den allermeisten Leuten die wirtschaftlichen und politischen Eliten mehr oder weniger an die demokratischen Spielregeln halten.

Doch nunmehr bedrängt mich die Einsicht, dass die Mächtigen jede Scham zu verlieren beginnen. Ist es ihnen zu mühselig geworden, Demokratie und Rechtsstaat zu inszenieren? Sind die zuständigen Akteure zu verwöhnt und träge geworden, um ihren Job noch anständig zu machen? Das Volk scheint weitaus unzufriedener zu sein, als dies die Wahlergebnisse der AfD (die besorgniserregend genug sind) vermuten lassen.

Viele, viel zu viele weichen vom offiziellen politischen Denken, das ihnen die oligopolistischen Medien vermitteln, ab. Sie kommen aber nicht etwa zur Vernunft, sondern sie driften in extrem rechte oder gar rechtsesoterische Irrationalität, verbunden oftmals mit einem Rückzug aus dem politischen Spiel. Da ihnen Demokratie vorgegaukelt, diese aber nicht praktiziert wurde, haben sie nie gelernt, rational politisch zu denken. Sie waren ja nie gezwungen dazu. Doch solange sie an der Leine der staatstreuen Medien liefen, waren sie berechenbar. Das ist heute nicht mehr der Fall.

In der Bundesrepublik Deutschland konnten die Menschen über viele, viele Jahre mehrheitlich verhältnismäßig gut leben. Dies galt sogar für die Ärmsten der Armen. Gemessen an den auf diesem Planeten üblichen und oftmals betrüblichen Verhältnissen ging es ihnen durchaus passabel, wenn nicht besser. Heute aber sehen wir völlig entgleiste Eliten auf der einen und ein demoralisiertes, in Irrationalität versinkendes Volk auf der anderen Seite.

Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich mir Sorgen um unser Volk insgesamt. Natürlich rechne ich mit der Möglichkeit, dass mich hier nur die Neigung alter Männer mitreißt, über die Gegenwart zu jammern und die Vergangenheit zu verklären. Und ich wünschte, es wäre so. Vielleicht verliere ich ja auch nur die Nerven und empfinde als unerträglich, was ich früher zu recht achselzuckend hingenommen habe. Schön wäre es ja. Allein, daran glauben mag ich nicht.

Warum belaste ich mich überhaupt, im vorgerückten Alter, noch mit all dem Mist? Gibt es nicht genug anderes, womit sich ein betagter Mensch beschäftigen kann? Literatur? Malerei? Musik? Es gibt nun wirklich Anregenderes als Tagespolitik. Und politische Debatten, die nach einem hoch-emotionalen Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Schema ablaufen, sind im Allgemeinen sogar Brechreiz erregend. Warum, warum nur tue ich mir das an?

Wer kann schon über seinen Schatten springen?

Fußnoten   [ + ]

1. Ein krasses Beispiel ist der Roman: Ein Mann mit acht Augen.