Die Beziehungen zwischen Psychiatrie und Pharmaindustrie

Das politische System hat kein besonders ausgeprägtes Interesse an Alternativen zur medikamentösen Behandlung von Störern. Dies nämlich sind „psychisch Kranke“ aus Sicht vieler Staatenlenker. Dieser Einschätzung widerspricht auch die Tatsache nicht, dass in begrenztem Maß psychotherapeutische Einrichtungen oder sonstige nicht-medikamentöse Angebote gefördert, zumindest aber geduldet werden. Dies sind Alibi-Veranstaltungen.

Die verantwortlichen Politiker haben zumeist in ihrer eigenen Praxis erfahren, dass Gespräche nichts bringen. Und wenn in seltenen Fällen doch, dann war der Erfolg mühselig und langwierig. Man muss im Allgemeinen handfeste Hebel ansetzen, um zuverlässig etwas zu bewirken. Warum sollte dies bei den „psychisch Kranken“ anders sein als in der Politik, wo ja bekanntlich ebenso der Wahnsinn herrscht?

Die vermeintliche Knopfdrucklösung durch Griff zu Psychopharmaka ist einfach zu verlockend. Sie verspricht das günstigste Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Dies behauptet jedenfalls die Marketing-Maschine des psychiatrisch-psychopharmakologischen Komplexes. Sie stößt mit dieser Botschaft auf offene Ohren in der Politik. Doch wie glaubwürdig ist diese Marketing-Maschine?

Es kann wohl kein Zweifel mehr daran bestehen, dass einflussreiche Kreise innerhalb der Pharmaindustrie die Psychopharmaka-Forschung in erheblichem Ausmaß verzerrend und zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Inzwischen haben sich die großen Pharma-Unternehmen allerdings weitgehend aus der Psychopharmaka-Forschung zurückgezogen. Es heißt, das Gebiet sei ihnen zu riskant und andere Bereiche seien Gewinn versprechender.

Der entscheidende Grund wurde von H. Christian Fibiger benannt.1)Siehe hierzu meinen Blog-Artikel: H. Christian Fibiger – Psychiatriekritik aus der Pharma-Wirtschaft Er dürfte letztlich auf einem ökonomisch relevanten Kern beruhen. Die psychiatrische Forschung vermag den Pharma-Unternehmen keine Zielgebiete im Hirn zu nennen, für die man Medikamente mit neuen Wirkmechanismen entwickeln könnte. Nur solche Neuentwicklungen aber sind patentfähig. Allein patentfähige Medikamente sind potenzielle Goldgruben.

Fibiger, Ex-NIMH-Direktor Thomas Insel und andere Experten haben dafür eine einfache Erklärung: Die psychiatrische Forschung arbeitet immer noch mit den Diagnosemanualen DSM bzw. ICD2)DSM = Diagnostic and Statistical Manual / ICD = International Classification of Diseases. Deren „Krankheitsbilder“ sind viel zu vage, um eine gute Grundlage für neurowissenschaftliche Forschungen zu bilden.

Seit ein paar Jahren wird auch in den Kreisen der psychiatrischen Wissenschaft Kritik an der bisherigen psychiatrischen Diagnostik laut.3)Ein prominentes Beispiel dafür ist ein Buch von Allen Frances: Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Übersetzung Barbara Schaden. Mit einem Nachwort von Geert Keil. Dumont, Köln 2013.

Einige Psychiater sind sogar mit dem medizinischen Modell psychischer Krankheiten unzufrieden und fordern den Einbezug sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie warnen vor übermäßigem Einsatz von Psychopharmaka. Böse Zungen vermuten, dies sei die Rache dafür, dass aus Pharma-Kreisen nicht mehr so viel Geld an die Universitäten und in die Taschen der einschlägig tätigen Wissenschaftler fließt.

Vielleicht stimmt das ja. Wenn erst einmal der Patentschutz für die heute noch geschützten, gängigen Psychopharmaka abgelaufen sein wird, dann mag sich dieses Phänomen noch verstärken. Wir werden sehen.

Heute wird die These, dass Psychopharmaka gestörte Hirnprozesse korrigierten (chemische Ungleichgewichte usw.), von der Zunft gegenüber Patienten zwar immer noch mehrheitlich vertreten. Aber wie lange noch?

Dass es sich dabei um einen Schwindel handelt, hat beispielsweise Joanna Moncrieff in ihrem Buch „The Myth of the Chemical Cure: A Critique of Psychiatric Drug Treatment“4)Moncrieff, J. (2007). The Myth of the Chemical Cure. London: Palgrave Macmillan gezeigt. Wird man diese offensichtlich abwegige Fiktion auch dann noch vertreten, wenn Ärzte von der Pharmaindustrie nur noch, wenn überhaupt, sehr wenig zugesteckt bekommen?

Dass die Pharmaindustrie die pharmakologische Forschung und die Verbreitung ihrer „Erkenntnisse“ zu ihren Gunsten massiv beeinflusst hat, darf als gesichert gelten. Akribisch recherchierte Bücher wie Ben Goldacres „Bad Pharma“5)Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate belegen dies. Wer’s eilig hat, kann sich den Übersichtsartikel von Stamatakis, Weiler & Ioannidis6)Stamatakis, E. et al. (2013). Undue industry influences that distort healthcare research, strategy, expenditure and practice: a review. Eur J Clin Invest. 2013 May;43(5):469-75. doi: 10.1111/eci.12074. Epub 2013 Mar 25 anschauen.

Die Autoren gelangen zu dem Fazit:

„Wir verorteten eine Fülle konsistenter Evidenz, die demonstrierte, dass die Industrie Mittel erschuf, um alle Prozesse zu beeinflussen, die die Forschung, Strategie, Ausgaben, Praxis und Ausbildung im Gesundheitswesen bestimmen. Als Resultat dieser Einflüsse werden die Vorteile von Medikamenten und anderen Produkten häufig übertrieben, ihre möglichen Schadwirkungen heruntergespielt; und klinische Richtlinien, medizinische Praxis und Entscheidungen für Ausgaben im Gesundheitswesen sind voreingenommen.“

Dieser Befund gilt insbesondere für die psychiatrisch-psychopharmakologische Forschung. Denn in diesem Bereich gibt es keine objektiven Maßstäbe für „Krankheiten“ und deren Ausprägungen. Dem Erfindungsgeist sind hier also kaum Grenzen gesetzt. Wer sich beispielsweise über die explosionsartige Entwicklung von Verschreibungen für Kinder mit Schulproblemen wundert, sollte sich oben skizzierten Sachverhalt noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen.

Skepsis gegenüber den Medikamenten, die uns der Arzt verschreibt, ist also leider durchaus angebracht. Dummerweise kann der Laie kaum die Frage beantworten, ob die Medikamente tatsächlich so sicher und nützlich sind. Und leider ist auch der Mediziner vielfach mit dieser Frage überfordert.

Wie also soll man sich verhalten? Es ist sicher unklug, Medikamente einzunehmen, die gar nicht erforderlich sind. Wenn es nicht-medikamentöse Alternativen gibt, ist man fraglos gut beraten, die Pillen im Röhrchen zu lassen.

Wer nun meint, dies könne nur der Arzt entscheiden, muss wissen, dass der lange Arm von „Big Pharma“ auch bis ins Arztzimmer reicht. Gewisse Kreise innerhalb der Pharma-Industrie haben sehr effektiv die Axt an das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gelegt. Dies ist wohl das Schlimmste, was überhaupt geschehen konnte.

Wer im Internet oder in der Buchhandlung nach Aufklärung über Krankheiten sucht, musst damit rechnen, dass die Pharma-Industrie bei diesen „Informationen“ ihre Hand im Spiel hatte.

Autoren, die eventuelle Interessenkonflikte nicht offenbaren, machen sich verdächtig. In einem Bereich mit erheblichen Konsequenzen für Leben und Gesundheit kann dies nicht hingenommen werden.7)Der Autor der Artikel in diesem Blog erhält keinerlei Honorare oder geldwerte Vorteile von wem auch immer. Er verrichtet seine Aufklärungsarbeit unentgeltlich und unabhängig von Parteien, Kirchen, Sekten oder sonstigen weltanschaulichen Gemeinschaften.

Es geht hier um ein Milliarden-Business. Dass „Big Pharma“ an den „Stellschrauben“ dieses Geschäfts dreht, sollte nicht überraschen. Nirgendwo sonst ist die Effektivität und Sicherheit von Medikamenten so umstritten wie in der Psychiatrie.

Dies ist nicht verwunderlich. Da psychiatrische Diagnosen nicht valide sind, ist es schwierig, Wirkungen und Nebenwirkungen entsprechender „Heilmittel“ zu beurteilen. Dies wäre auch dann schwierig, wenn „Big Pharma“ die Resultate nicht verfälschen würde. Wie soll man denn ein Medikament testen, wenn man noch nicht einmal so genau sagen kann, ob ein Patient in der Versuchsgruppe die „Krankheit“ überhaupt hat bzw. ob ein Patient in der Kontrollgruppe sie nicht hat?

Es gibt bekanntlich keine objektiven Tests, um das Vorliegen einer „psychischen Krankheit“ sicher festzustellen. Man kann nicht die Zahl der Krebskranken oder der Patienten mit Fußpilz beliebig vermehren. Im psychiatrischen Bereich ist dies jedoch durchaus möglich. Man muss nur die Zahl der „Krankheitsbilder“ vergrößern und / oder vorhandene Diagnosen weniger streng gestalten bzw. auslegen. Dass den Herstellern der einschlägigen Produkte diese Möglichkeit nicht verborgen geblieben ist, dürfte auf der Hand liegen.

Jeder Mensch, der als „psychisch krank“ diagnostiziert wird, ist ein potenzieller Kunde für die Pharma-Industrie. Selbst wenn er die Medikamente gar nicht schluckt, sondern nur im Nachtkästchen hortet, klingeln die Kassen. Ob er als „psychisch krank“ diagnostiziert wird, hängt nicht von objektiven Tests ab, sondern von der Meinung des Arztes.

Die Kriterien, die sich in diagnostischen Handbüchern finden, sind ziemlich vage. Dies kann man daran erkennen, dass die diagnostischen Verfahren nicht ausreichend valide und reliabel sind. Auf Deutsch: Zwei Ärzte sind sich hinsichtlich eines Patienten oftmals nicht einig. Es bleibt also genügend Spielraum fürs Diagnostizieren nach Gusto.

Ich bin weit davon entfernt, die Pharmaindustrie zu tadeln. Vielmehr wüsste ich auch gar nicht, wie sie sich unter den gegebenen Bedingungen in unserem Wirtschaftssystem anders verhalten sollte als wie beschrieben. Entweder man macht das Geschäft oder man ist eher früher, als später draußen.

Ich bin ebenso weit davon entfernt, die Patienten zu kritisieren. Die einschlägigen Informationsangebote werden massiv durch Einflüsse aus der Pharmaindustrie verzerrt. Und so wird den Patienten kaum eine Chance geboten, sich mit alternativen Sichtweisen auseinanderzusetzen.

Unsere Parlamentarier allerdings, die bekanntlich nur ihrem Gewissen verantwortlich sind, sollten sich überlegen, ob die Brieftasche wirklich ein guter Standort für das Gewissen ist.

Meine Hoffnung ruht auf dem Selbstregulierungsmechanismus der Marktwirtschaft. Die Pharma-Industrie hat sich weitgehend aus der Psychopharmakaforschung zurückgezogen, weil es ihr seit Jahren nur noch selten gelingt, neue Psychopharmaka mit innovativem Wirkmechanismus patentieren zu lassen. Daher hat man sich profitableren Arbeitsgebieten zugewandt.

Zur Zeit läuft das Geschäft noch hervorragend aufgrund bestehender Patente. Doch wenn diese erst einmal abgelaufen sind, dann dürfte auch das Interesse geringer werden, Geld für Lobbyarbeit und die Beeinflussung des ärztlichen Verschreibungsverhaltens auszugeben. Dies rechnet sich dann nicht mehr so gut wie unter dem Schutz von Patenten, die Fantasiepreise erlauben.

Schon jetzt steigt – vor allem in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten – die Zahl kritischer Psychiater beständig. In absehbarer Zeit wird der Psychopharmakamarkt von Generika beherrscht sein. Ein Patent stellt ein vorübergehendes produktspezifisches Monopol dar.

Der Markt der Psychopharmaka wird sich daher in Zukunft als weniger attraktiv für die Pharmawirtschaft darstellen. Die Extraprofite, die durch die Monopolstellung kraft Patent garantiert werden, sind dann nicht mehr möglich.

Es bleibt abzuwarten, wie sich dies auf die Beliebtheit der Psychopharmaka auswirken wird. Wenn erst einmal überwiegend Generika angeboten werden, wird der Konkurrenzkampf im Psychopharmakamarkt natürlich zunehmen. Ob die zu erwartenden Preiskämpfe mit Konsumsteigerungen verbunden sein werden, wird sich zeigen.

Der psychiatrische Sektor ist mit anderen Bereichen des Pharmamarkts schwer zu vergleichen. Denn, anders als anderswo, bestimmt nicht die Natur, sondern der Arzt, ob jemand eine „psychische Krankheit“ hat oder nicht. Wie werden sich Ärzte verhalten, wenn sie nicht mehr so intensiv von Pharma-Referenten „betreut“ werden, weil die Generika-Industrie aufgrund des geringeren Preises der Generika hierfür weniger Geld ausgibt?

Der Rückzug der Unternehmen aus der Pharmaforschung zeigt: Diese Produzenten erhoffen sich in absehbarer Zeit keine Erfolge – im Sinn patentfähiger neuer Medikamente – in der psychiatrischen Forschung.

Man mag dies als nüchternes Fazit von Leuten deuten, die sich wieder an ihre Kernkompetenz erinnert haben. Diese besteht darin zu wissen, wie Geld verdient wird. Offenbar hat man nun auch hinsichtlich der Psychopharmakaforschung erkannt, dass man kein gutes Geld schlechtem hinterherwerfen darf.

Korrupte Ärzte im Griff der Pharmaindustrie – dieses Schwarz-Weiß-Schema ist sicher allzu stark vereinfacht. Selbstredend hat die Psychiatrie auch ihre Schwarzwaldkliniken, mit guten Ärzten, deren kleine menschliche Schwächen sie nicht daran hindern, schlussendlich und unterm Strich Gutes zu tun. Darum halten ja auch die meisten Menschen die Psychiatrie, trotz mancher Missstände, für eine notwendige Institution. Ich gehöre nicht dazu.

Es gibt natürlich Leute, die wegen ihrer Lebensprobleme Hilfe brauchen. Das ist unbestritten. Doch die Psychiatrie kann diese Hilfe nicht zufriedenstellend bieten. Es müssten alternative Angebote außerhalb des medizinischen Bereichs geschaffen werden. Hier sollten dann Lebensprobleme als Lebensprobleme und nicht als Krankheiten behandelt werden.

Solche Angebote gibt es allerdings kaum. Die Psychiatrie bekämpft so etwas nur dann nicht, wenn sich diese Ansätze ihr unterstellen und damit ihr gleich werden. Deswegen sind viele Betroffene wohl oder übel auf die Psychiatrie angewiesen. Ihnen fehlen private Netzwerke zur Unterstützung in kritischen Lebenslagen. Diesen Menschen wünsche ich von Herzen die erwähnten psychiatrischen Schwarzwaldkliniken.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe hierzu meinen Blog-Artikel: H. Christian Fibiger – Psychiatriekritik aus der Pharma-Wirtschaft
2.DSM = Diagnostic and Statistical Manual / ICD = International Classification of Diseases
3.Ein prominentes Beispiel dafür ist ein Buch von Allen Frances: Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Übersetzung Barbara Schaden. Mit einem Nachwort von Geert Keil. Dumont, Köln 2013
4.Moncrieff, J. (2007). The Myth of the Chemical Cure. London: Palgrave Macmillan
5.Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate
6.Stamatakis, E. et al. (2013). Undue industry influences that distort healthcare research, strategy, expenditure and practice: a review. Eur J Clin Invest. 2013 May;43(5):469-75. doi: 10.1111/eci.12074. Epub 2013 Mar 25
7.Der Autor der Artikel in diesem Blog erhält keinerlei Honorare oder geldwerte Vorteile von wem auch immer. Er verrichtet seine Aufklärungsarbeit unentgeltlich und unabhängig von Parteien, Kirchen, Sekten oder sonstigen weltanschaulichen Gemeinschaften.