Zur Ökonomie der Pharmaindustrie

Fiona Godlee beginnt ihr Editorial mit einem dicken Lob: Menschenleben gerettet, Arbeitsplätze geschaffen, die Wirtschaft stimuliert zu haben, wer kann das schon von sich sagen? Die Pharmaindustrie, so schreibt die Chefredakteurin des British Medical Journal1)Godlee, F. (2012). Editorial. British Medical Journal (BMJ), 29. 10. 2012, Heft 345 habe „viele gute Dinge getan“.

Das BMJ ist ein altehrwürdiges Publikationsorgan, dessen erste Ausgabe 1840 erschien. Das Journal zählt zu einer Handvoll der führenden Medizinfachzeitschriften in der Welt. Es gehört der British Medical Association. Fiona Godlee ist die erste Frau auf dem Stuhl des Chefredakteurs in der langen Geschichte dieses Blattes. Zu ihren Vorfahren zählt Joseph Jackson Lister, der Pionier der Mikroskopie und Vater von Joseph Lister, 1st Baron Lister, des Pioniers der antiseptischen Chirurgie. Diese Frau gehört gleichsam in den medizinischen Hochadel.

Bedauerlicherweise jedoch, fährt Fiona Godlee fort, müssten neben den zahllosen guten Taten auch einige überaus verwerfliche auf dem Konto der Pharmaindustrie verbucht werden. Fortgesetzt und systematisch habe diese Branche Forschungsergebnisse zurückgehalten und verzerrt dargestellt. Dies habe zur Folge gehabt, dass neue Medikamente wesentlich sicherer und effektiver erschienen, als sie tatsächlich sind. Dadurch seien Menschenleben gefährdet und öffentliche Mittel verschwendet worden.

Seit 2013 veröffentlicht das BMJ Pharmastudien nur noch dann, wenn die Hersteller des untersuchten Medikaments anderen Forschern auf Wunsch die Rohdaten zur Verfügung stellen.

Kaufmännisch betrachtet, verhalten sich Pharmaunternehmen selbstverständlich rational, wenn sie die Vorteile ihrer Produkte herausstreichen und die Nachteile herunterspielen oder unter den Teppich kehren. Dies gilt entsprechend für die Unternehmen in jeder Branche.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dieses Verhalten allerdings hochgradig unerwünscht, weil die Marktwirtschaft nur dann befriedigend funktionieren kann, wenn Konsumenten sich ein zutreffendes Bild von den Produkten machen können, die zur Wahl stehen.

Aus Gründen der Profitmaximierung tendieren Unternehmen in einer Marktwirtschaft dazu, eine monopolistische oder quasi-monopolistische (oligopolistische) Stellung anzustreben (also die Preise dem Konkurrenzkampf zu entziehen).

Desgleichen neigen sie dazu, den Konsumenten einen größeren Nutzen vorzugaukeln, als die Güter tatsächlich besitzen. Die Marktwirtschaft läuft also Gefahr, sich selbst ad absurdum zu führen. Deswegen muss ja auch der Staat immer wieder regulierend eingreifen, sogar wenn dies eigentlich den wirtschaftspolitischen Ideologien der gerade regierenden Parteien widerspricht.

Die Pharmaindustrie macht hier keine Ausnahme. Sie ist durch eine oligopolistische Struktur gekennzeichnet. Eine kleine Zahl gigantischer Unternehmen beherrscht den Weltmarkt. Sie gerät immer wieder in die Kritik wegen mangelnder Markttransparenz. Big Pharma hat heute die kleine lokale Konkurrenz weitgehend ausgeschaltet. Sie steht nur noch in ernsthaftem Wettbewerb zu Big Generics, also den inzwischen ebenfalls oligopolistisch strukturierten Herstellern von Generika.

In oligopolistischen Märkten arbeiten die teilnehmenden Unternehmen unter den Bedingungen eines eingeschränkten Wettbewerbs. In aller Regel akzeptieren die Oligopolisten den jeweils stärksten Anbieter eines Produkts als „Preisführer“ und orientieren sich an dessen Preispolitik.

Illegale Preisabsprachen kommen vor. Sie sind häufig aber gar nicht erforderlich, wenn die Zahl der Oligopolisten überschaubar ist. Der Preisführer hebt oder senkt den Preis und die anderen folgen ihm, weil sie wissen, dass dies im Interesse aller liegt.

Denn so können sie Extraprofite erwirtschaften, die ihnen unter den Bedingungen vollständigen Wettbewerbs nicht in den Schoß fallen würden. Der Konsument ist dem Preisdiktat einer oligopolistischen Struktur nur unter einer Bedingung nicht völlig ausgeliefert: Es muss alternative Produkte geben, die ähnliche Zwecke erfüllen und von Nicht-Oligopolisten hergestellt werden.

Auch die Autoindustrie oligopolistisch. Auch sie tendiert dazu, nicht marktgerechte Preise zu verlangen. Der Konsument könnte aber auf den Kauf eines Autos verzichten. Stattdessen könnte er z. B. mit dem Fahrrad oder mit einem privaten Busunternehmen von A nach B gelangen. Ein anderes Beispiel: Wer meint, Zigaretten seien viel zu teuer geworden, hört am besten mit dem Rauchen auf. Dann ist Ruhe.

Allein, im Bereich der Arzneimittel sind solche Möglichkeiten der relativen Unabhängigkeit nur bedingt gegeben. Wer ein Krebsmedikament benötigt, kann nicht auf ein Homöopathikum umsteigen. Er kann, sofern er gern überleben möchte, u. U. auch nicht auf das Heilmittel verzichten.

In kaum einem anderen Bereich ist der Konsument also den Anbietern hilfloser ausgeliefert als in einem oligopolistischen und intransparenten Pharmamarkt. Bei patentgeschützten Medikamenten ohne gleichwertiges Konkurrenzprodukt ist hat Hersteller sogar ein begrenztes Monopol. Er kann dann regelrechte Fantasie-Preise verlangen.

Wer sich einbildet, ihn ginge das nichts an, weil ja die Krankenkasse die Medikamente bezahle, sollte sich daran erinnern, wer für die Krankenkassenbeiträge aufkommt.

All dies bedeutet aber nicht, dass die Abhängigkeit total wäre. Es ist bekannt, dass viele Produkte der Pharma-Industrie nicht oder nicht wesentlich wirksamer sind als Placebos. In dieser Situation wird der kluge Konsument also lieber gleich zum Zuckerwürfel greifen und fest daran glauben, dass dieser magische Heilkräfte besitze.

Manche Medikamente kann man auch unbesorgt ganz weglassen. Es mag den einen oder anderen Fall geben, in dem Psychopharmaka, zumindest kurzfristig, einen gewissen Vorteil bieten. Im Großen und Ganzen aber sind Betroffene gut beraten, sich auf ihre seelischen Selbstheilungskräfte zu besinnen.

Die Aussprache mit einem guten Freund jedenfalls hat eine „pharmakologische“ Potenz, die alles, alles weit in den Schatten stellt, was der oligopolistische Pharmamarkt an einschlägigen Substanzen zu bieten hat.

Wer allerdings fest davon überzeugt ist, seine Psychopharmaka unbedingt zu brauchen, ist seinen Herstellern hoffnungslos ausgeliefert. Hier sieht man, wie wichtig das Marketing für den oligopolistischen Psychopharmaka-Sektor ist. Das Marketing kann dabei nicht auf die direkte Konsumentenwerbung zurückgreifen (Ausnahme: USA und Neuseeland). Es muss vielmehr, vermittelt über die Psychiatrie und die Medien, indirekte Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Unterstützung durch den Staat ist dabei von essenzieller Bedeutung.

Godlee bezieht sich in ihrem Editorial vor allem auf die Recherchen von Ben Goldacre, die er in seinem Buch „Bad Pharma“2)Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate zusammengefasst hat. Dieser britische Philosoph und Psychiater neigt dazu, durch akribisch genaues Hinschauen auf Daten und Sachverhalte notorisch unangenehm aufzufallen, nämlich der pharmazeutischen Industrie.

Er sagt: Das Gebäude der Medizin ist zusammengebrochen. Der Grund: Die gesamte Evidenz, auf der es beruht, wurde durch Big Pharma systematisch verzerrt. Dabei spielen staatliche Zulassungsbehörden eine unheilvolle Rolle. Sie vertreten eher die Interessen der Pharmaindustrie als die der Öffentlichkeit.

Es bleibt noch hinzuzufügen, dass dieses enge, innige Verhältnis zwischen staatlichen Institutionen und der Pharmaindustrie durchaus charakteristisch ist für das Verhältnis von Staat und Industrie in oligopolistischen Strukturen.

„Ökonomische Macht bedeutet zugleich immer politische Macht. Die Herrschaft über die Wirtschaft gibt zugleich immer die Verfügung über die Machtmittel der Staatsgewalt. Je stärker die Konzentration in der wirtschaftlichen Sphäre, desto uneingeschränkter die Beherrschung des Staates.“

Dies schrieb ein ehemaliger deutscher Finanzminister. Und zwar Rudolf Hilferding in seinem 1910 erschienenen Werk: „Das Finanzkapital“. Finanzminister war er in der Weimarer Republik unter Gustav Stresemann und Hermann Müller.

Hilferdings Erkenntnisse sind keineswegs Schnee von gestern. Diverse Studien belegen, dass beispielsweise die Pharmaindustrie Regierungen und staatliche Behörden massiv in ihrem Sinne zu beeinflussen wusste.3)Goldacre 2012 a.a.O. Der dänische Medizinprofessor Peter C. Gøtzsche vergleicht der Pharmaindustrie gar mit dem organisierten Verbrechen. 4)Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe /  dt. Ausgabe Riva-Verlag

Regelmäßig werden Pharma-Unternehmen wegen ihrer Fehlleistungen zu saftigen Geldstrafen verurteilt. Dies scheint aber nicht zu fruchten.5)Kuhrt, N. (2014). Unerlaubtes Marketing. Milliardenstrafen lassen Pharmakonzerne kalt. Der Spiegel, 14.1.2014 Bei diesem Sachstand kann sich schon der Gedanke aufdrängen, diese Unternehmen zu enteignen.

Fußnoten   [ + ]

1.Godlee, F. (2012). Editorial. British Medical Journal (BMJ), 29. 10. 2012, Heft 345
2.Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate
3.Goldacre 2012 a.a.O.
4.Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe /  dt. Ausgabe Riva-Verlag
5.Kuhrt, N. (2014). Unerlaubtes Marketing. Milliardenstrafen lassen Pharmakonzerne kalt. Der Spiegel, 14.1.2014