Narzissmus

Vorbemerkung

Entgegen sonstiger Übung habe ich in diesem Text nicht versucht, meine Positionen durch empirische Studien zu erhärten. Der Grund dafür ist nicht darin zu sehen, dass ich als besonders genial erscheinen und meine Meinung als bahnbrechende neue Erkenntnis ohne Vorläufer verkaufen möchte. Vielmehr habe ich hier Alltagserfahrungen zusammengestellt, die vermutlich schon viele Menschen gesammelt haben.

Leider wurden die genannten Zusammenhänge bisher meines Wissens noch nicht systematisch empirisch erforscht. Mangels einschlägiger Daten kann ich über den Narzissten und seine Welt nur spekulieren. Meine Ausführungen sind überdies spekulativ, weil ich, wenngleich sehr zurückhaltend, einige Annahmen über mentale Prozesse in sie einbeziehe, die sich grundsätzlich der Beobachtung und daher der empirischen Forschung entziehen. Gäbe es bessere Daten, wären solche Annahmen wohl entbehrlich.1

Der Narzisst

Der Narzissmus wird als „Persönlichkeitsstörung“ zu den so genannten psychischen Krankheiten gezählt. Einerseits aber war die Psychiatrie trotz eifriger Bemühungen bisher nicht in der Lage, eine Hirnstörung oder einen andere körperliche Ursache für diese angebliche Erkrankung zu identifizieren. Und andererseits springen die Umweltbedingungen ins Auge, die einen Menschen geneigt stimmen können, die Rolle des Narzissten zu spielen. Daher liegt es nahe, den Narzissmus nicht als Krankheit, sondern als Lebensstil aufzufassen.

Der Narzisst ist von einem tiefen Gefühl der eigenen Wichtigkeit durchdrungen. Er schwelgt in Phantasien des grenzenlosen Erfolges, übertreibt eigene Fähigkeiten und Leistungen maßlos und erheischt bedingungslose Bewunderung. Stets beansprucht er eine bevorzugte Behandlung und erwartet, dass andere auf eigene Bedürfnisse bedingungslos Rücksicht nehmen. Erfüllt von Gefühl der Grandiosität, nimmt er sich das Recht heraus, andere bedenkenlos auszubeuten und für eigene Interessen einzuspannen. Er ist nicht willens, die Bedürfnisse anderer als gerechtfertigt anzuerkennen oder sich in ihre Mitmenschen einzufühlen. Häufig wirkt er arrogant und überheblich.

Diese Haltungen sind aber eher selten Ausdruck eines intakten Selbstwertgefühls. Sie sind im Gegenteil häufig die Kompensation eines tief sitzenden, verdrängten oder abgespaltenen Minderwertigkeitsgefühls. Es handelt sich hier auch nicht um eine Form des „sich selbst gut Verkaufens“.

Der „gute Selbstdarsteller“ weiß, dass die übertriebenen Selbstanpreisungen ebenso wenig 100%ig den Tatsachen entsprechen wie die Werbebotschaften für ein Konsumgut. Demgegenüber ist der Narzisst zutiefst gekränkt und verletzt, wenn man seine Grandiosität in Frage stellt.

Der Narzisst verkauft sich also schlecht, weil er sich nicht als Verkäufer begreift, diese Rolle demgemäß auch nicht bewusst gestaltet und reflektiert. Er wähnt, es nicht nötig zu haben, sich zu verkaufen, weil ihm ohnehin dank eigener Vollkommenheit alle Tore offen stehen sollten.

Der unausweichliche Misserfolg, den dieses Verhalten meist unausweichlich nach sich zieht, macht ihn wütend oder larmoyant. Der Narzisst möchte sich mitunter durchaus von seiner guten Seite zeigen, aber es gelingt ihm in aller Regel nicht. Wenn er in hohe gesellschaftliche Positionen aufsteigt, so nicht aufgrund seines diplomatischen Geschicks oder sonstiger ausgeprägter kommunikativer Fähigkeiten, sondern meist dank guter Verbindungen und Fürsprecher.

Gesellschaftliche Bedingungen

Vermutlich begünstigen strukturelle Bedingungen in modernen, westlichen Industriegesellschaften die Ausprägung eines narzisstischen Lebensstils. Hier sind, stark vereinfacht dargestellt, vor allem drei Faktoren relevant:

  1. Der für Industriegesellschaften hohe Konkurrenzdruck zwingt die Subjekte, sich selbst zu vermarkten. Dies betrifft nicht nur das Berufsleben, sondern zunehmend viele andere Bereiche der Gesellschaft. Erich Fromm spricht vom „Marketing-Charakter“, die zum vorherrschenden Charakterbild in modernen Industriegesellschaften geworden sei. Der Zwang zur Selbstvermarktung fördert gleichzeitig die Tendenz zu einem übersteigerten Selbstwertgefühl. Wer immer seinen besonderen Wert (auch im Vergleich mit anderen) herausstreichen muss, glaubt früher oder später u. U. selber daran und birgt das Risiko des narzisstischen Entgleisens.
  2. Die Tendenz zur Selbsterhöhung hat bereits einen eigenen Markt geschaffen. Das wichtigste „Produkt“ vieler Motivationstrainings besteht in der narzisstischen Aufblähung der begeisterten Kundschaft, die sich auf diese Weise allen Stürmen des modernen Business gewappnet wähnt. Leider nimmt das reale Leben in diesem Fall nur zu oft die Gestalt einer Stecknadel an. Und dann platzt der Ballon. Derartige Abstürze aus eingebildeten Höhen sind eine Triebfeder narzisstischer Entwicklungen.
  3. Die Werbung weckt pausenlos Bedürfnisse, der in aller Regel die Mittel des Konsumenten übersteigen. Er kann sich also die seinem übersteigerten Selbstwertgefühl entsprechenden Konsumgüter nicht leisten. Gleichzeitig hat er meist auch nicht die Erfolge im Beruf und in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die er aufgrund seines aufgeblähten Selbstwertgefühls eigentlich haben müsste. Dies kann kompensatorische Fantasien eigener Überlegenheit und Sonderstellung hervorrufen.

Der Konsument ist also fast zwangsläufig chronisch unzufrieden. Diese Unzufriedenheit ist aber nicht konstruktiv, indem sie zum Motor der persönlichen Entwicklung wird. Denn zur immer nur vorübergehenden Bedürfnisbefriedigung bedarf sie keiner Güter, die dem seelischen Wachstum dienen. Dazu braucht sie vielmehr Produkte, die vor allem die Anerkennung, Bewunderung oder auch den Neid der Mitmenschen hervorrufen sollen.

Die heimliche Botschaft der Marktwirtschaft an die Konsumenten lautet: „Du bist nichts – Konsum ist alles.“ Bereits Erstklässler, oft schon die Kinder im Kindergarten haben diese Botschaft verinnerlicht. Wer keine Markenprodukte sein eigen nennt, der gilt nichts unter den Kameraden. So wird von Kindesbeinen an die Selbstwertregulation deformiert. Der chronische Mangel an Konsumgütern führt zu einem Minderwertigkeitserleben, dass beständig kompensiert werden muss.

Diese Faktoren erzeugen eine Psychodynamik, die zum Narzissmus führen kann, aber nicht muss. Ihre Grundlage ist ein abgewehrtes Minderwertigkeitsgefühl, durch dessen unbewusstes Wirken das Überwertigkeitsgefühl außer Kontrolle gerät und zu massiven Konflikten im Umgang mit anderen und im Verhältnis zu sich selbst führen kann.

Der zum Narzissmus disponierte Mensch ist nicht mehr in der Lage, die Selbstverherrlichung als Aspekt des Überlebenskampfes in der bürgerlichen Gesellschaft zu begreifen und zu relativieren. Der vollendete Narzisst ist ein Mensch, der sich verkaufen muss, aber sich darüber erhaben wähnt, dank der besonderen Talente und Privilegien, die er zu besitzen sich anmaßt.

Alkoholismus und Drogensucht sind ein häufiges Resultat dieser Abwehrmechanismen, da Rauschmittel die Erzeugung und Aufrechterhaltung narzisstischer Gefühle der Grandiosität fördern.

Natürlich sind nicht alle Menschen in Industriegesellschaften unseres Typs Narzissten. Dies bedeutet, dass die Betroffenen eine besondere Empfänglichkeit für diesen Lebensstil aufweisen. Wer es aufgrund seines (ererbten) Vermögens gar nicht nötig hat, mit anderen zu konkurrieren und sich zudem viele Wünsche erfüllen kann, ist natürlich weniger gefährdet als die Heerscharen des „Kleinbürgertums“.

Auch unter den Outlaws, die zwar kein Geld in der Tasche haben, aber trotzdem glücklich sind, weil sie den Konventionen und Erwartungen der Gesellschaft keine oder nur wenig Bedeutung beimessen, laufen selbstverständlich ebenfalls in geringerem Maße Gefahr, sich zu Narzissten zu entwickeln. Die überwiegende Mehrzahl der Narzissten findet sich in den Grauzonen zwischen den sozialen Schichten, wo Aufstieg möglich ist, aber auch Abstieg drohen kann.

Der Narzisst leidet chronisch unter dem Gefühl, nicht die Beachtung und Wertschätzung zu finden, die ihm eigentlich zusteht. Wenn er sich in solchen sozialen Grenzbereichen bewegt, ist er jedoch besonders auf Signale angewiesen, die ihm anzeigen, dass er sich auf der sicheren Seite bewegt. Anerkennung und Wertschätzung gehören zu diesen Signalen. Er leidet daher notorisch unter mangelnder Beachtung, auch wenn er, objektiv betrachtet, viel häufiger im Mittelpunkt steht als vergleichbare andere Leute.

Da er aufgrund seines überstarken, aber unbewussten Minderwertigkeitsgefühls die Verantwortung für vermeintliche Geringschätzung nicht bei sich selbst suchen kann, muss er sie anderen zuschreiben. Auch wenn er es sich nicht eingesteht, so nagt in seinem Unbewussten doch die Befürchtung, dass eigene Fehler und Schwächen der Grund für die Missachtung seiner Person durch andere sein könnten.

Muslimhass

Deshalb ist er geneigt, diese Defizite auf andere zu projizieren und sie dann beim anderen zu bekämpfen:

  • Weil er aufgrund seiner eigenen Fehlhaltungen nicht oder nur oberflächlich in die Gemeinschaft integriert ist, bekämpft er andere, die es mutmaßlich oder tatsächlich nicht sind oder nicht sein wollen.
  • Da er sich selbst vor jeder Veränderung fürchtet, bekämpft er andere, die sich angeblich nicht anpassen wollen.
  • Da er selber barbarische Impulse, die aus seinen Minderwertigkeitsgefühlen resultieren, kaum zu kontrollieren vermag, bekämpft er andere, die aus einem angeblich unzivilisierten Kulturkreis stammen.
  • Die er selbst aufgrund seiner kompensatorischen Überwertigkeitsgefühle zu keiner Achtung gegenüber dem Partner in der Lage ist, bekämpft er andere, die angeblich aufgrund ihrer Religion frauenfeindlich sind.

Kurz: Unter den Antimuslimisten von heute finden sich häufig ausgeprägte Narzissten, die dem Abwehrmechanismus der Projektion zu unterliegen scheinen. Dem Antimuslimismus liegen offensichtlich dieselben tiefenpsychologischen Mechanismen zugrunde, die auch den Antisemitismus kennzeichnen. Da mit geäußertem Antimuslimismus heute aber mehr öffentliche Anerkennung verbunden ist als mit antisemitischen Parolen zu erreichen wäre, tendiert der moderne Narzisst zum Muslimhass.2

Selbstverständlich ist natürlich nicht jede Kritik am Islam Narzissmus, ebenso wenig, wie jeder Kritik an der israelischen Regierung oder Antisemitismus ist. Erst wenn die Funktion solcher Kritik in erster Linie zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls dient, kann man in diesen Fällen von Narzissmus sprechen.

Ko-Narzissmus

Bisher wurde die Inszenierung des Narzissmus als „Ein-Personen-Stück“ präsentiert. Dies geschah, um die grundlegenden Gesichtspunkte leichter herauspräparieren zu können. Doch in der Realität ist alles noch viel verwickelter. Menschen, die sich als „psychisch krank“ inszenieren, bilden nämlich im Allgemeinen strategische Bündnisse. Bei den Narzissten wird dies besonders deutlich.

Narzissten sind Menschen, die extrem von sich eingenommen sind, in Wirklichkeit aber massive Minderwertigkeitsgefühle haben. Daher sind sie darauf angewiesen, dass andere sie beachten, anerkennen und bewundern. Sie haben eine Sucht nach Beachtung entwickelt. Sie sind in dieser Hinsicht unersättlich und wenn sie sich vernachlässigt fühlen, dann können sie ziemlich giftig werden.

Da sie aber lieber als liebenswerte Menschen gelten möchten, sorgen sie dafür, dass ihnen der „Stoff“ nicht ausgeht. Ihr „Stoff“ sind willfährige Menschen, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Diese Menschen könnte man als Ko-Narzissten bezeichnen.

Ko-Narzissten sind in der Regel die Kinder narzisstischer Eltern. Kinder müssen mit ihren Eltern klarkommen, sie müssen sie sogar lieben, und wenn die Eltern Narzissten sind, dann müssen sie sich eben den narzisstischen Bedürfnissen ihrer Eltern anpassen.

Die Folge sind charakteristische Verhaltensmuster.

  • Ko-Narzissten reißen sich ein Bein aus, um andere zufrieden zu stellen,
  • sie unterwerfen sich den Meinungen und Ansichten anderer,
  • sorgen sich beständig, wie andere über sie denken und fühlen könnten,
  • sind häufig depressiv und ängstlich,
  • haben Schwierigkeiten, eigene Ansichten zu entwickeln, ein klares Bild ihrer Erfahrungen zu zeichnen
  • und fühlen sich dauernd schuldig an zwischenmenschlichen Problemen.

Narzissten neigen dazu, ihre Kinder (und andere Menschen) in eine narzisstische Fusion zu zwingen. Dabei verlieren diese Opfer der Narzissten ihr Eigenleben, werden zu Instrumenten narzisstischer Bedürfnisbefriedigung (narcissistic supply) und ziehen narzisstische Wutausbrüche auf sich, wenn sie nur einen Anflug von Widerstand leisten.

Aus den kindlichen Opfern solcher narzisstischen Fusionen werden oft Ko-Narzissten, die als Erwachsene häufig an narzisstische Partner geraten, weil Narzissten nicht selten einen sicheren Instinkt dafür haben, wer sich als Opfer ihrer narzisstischen Fusionsbedürfnisse gut eignet.

Der Ko-Narzissmus ist im Übrigen eine Spielart des Narzissmus.

  • Es ist durchaus denkbar, dass ein Mann, der sich gegenüber seiner Frau narzisstisch verhält, gegenüber seinem Vater ko-narzisstisch ist.
  • Und eine gegenüber ihrem Mann ko-narzisstische Frau kann ihre Kinder als Quellen narzisstischer Versorgung instrumentalisieren.

Die narzisstische Fusion bietet Narzissten wie Ko-Narzissten eine narzisstische Versorgung, denn der Narziss kümmert sich ja beständig um sein Opfer, das er psychisch und evtl. auch wirtschaftlich aussaugt. Eine narzisstische Fusion stellt die positive narzisstische Versorgung für den Narzissten und die negative narzisstische Versorgung für den Ko-Narzissten sicher. Man kann ja auch grandios leiden, grandios ausgebeutet werden, und grandios die Widerlichkeiten eines unerhörten Monsters ertragen.

Für einen Narzissten ist die Beachtung das Allerwichtigste, selbst dann, wenn sie in Missachtung besteht. (Beispiel: „Keine Frau auf der ganzen Welt hat ein solches Scheusal zum Mann wie ich!“) Solche Beziehungen können überaus stabil sein – und wenn weitere Interaktionspartner einbezogen werden, wie Großeltern und Kinder, dann haben wir mitunter das Vollbild einer glücklichen bürgerlichen Familie vor Augen. Alle – bis auf die Kinder, die erst noch in die narzisstische Form der Lebensbewältigung hineinwachsen müssen – brauchen einander zur Abwehr eines tief sitzenden, aber weitgehend unbewussten Minderwertigkeitsgefühls.

Das ist der Stoff, aus dem grandiose Familien gemacht werden, Stützen unserer Gesellschaft. So könnte das bis an das Ende ihrer Tage weitergehen, wenn nicht irgend wann einmal einer, meist ein Kind aus der Reihe tanzt. Es wird z. B. drogenabhängig oder schließt sich einer Sekte an. Und schon ist die Familiengrandiosität dahin. Zumindest die positive Variante. Nicht selten wird dann die negative Variante inszeniert. Wenn eine solche Familie Glück hat, wird das Trash-Fernsehen auf sie aufmerksam und gibt ihr die Chance, sich im Reality-TV als die unglücklichste aller Drogenabhängigenfamilien im Sendegebiet (wenn nicht im Universum) zu inszenieren.

Der Narzisst braucht Aufmerksamkeit und Bestätigung seines grandiosen Selbsts. Solche Leidensgeschichten können durchaus ein Instrument sein, diese Aufmerksamkeit und Bestätigung zu erzwingen. Der Narzisst muss ja die Quelle seiner narzisstischen Versorgung beständig unter Kontrolle halten, und mit Krankheit und Not kann man andere, die ja nicht als herzlos und desinteressiert am Leid anderer erscheinen wollen, recht passabel unter moralischen Druck setzen.

Wie der Narzissmus ist der Ko-Narzissmus eine unbewusste Inszenierung „psychischer Krankheit“. Es gibt allerdings auch eine Art Pseudo-Ko-Narzissmus, der darin besteht, dass ein psychisch eigentlich stabiler Mensch sich aus objektiven Gründen nicht aus einer narzisstischen Fusion befreien kann, zum Beispiel aufgrund wirtschaftlicher Abhängigkeit.

Es mag zum Beispiel für einen Arbeitnehmer schwer sein, sich den narzisstischen Ansprüchen eines Vorgesetzten zu widersetzen, wenn er Entlassung und Dauerarbeitslosigkeit fürchten muss. Aber in aller Regel sind Ko-Narzissten schon als Kinder für diese Rolle abgerichtet worden und sie „brauchen“ daher die Fusion ebenso sehr wie der Narzisst.

Der Narzissmus ist ebenso wie der Ko-Narzissmus eine naheliegende Option in einem gesellschaftlichen System, in dem die Leute auf vielfältige Weise dazu gebracht werden, sich minderwertig zu fühlen. Das Minderwertigkeitsgefühl ist schließlich das wichtigste Kaufmotiv bei allen Gütern, die man nicht wirklich braucht. Wer sich minderwertig fühlt, weil der Nachbar mehr hat als man selbst, ist ein guter Kunde.

Da aber die Mittel für den Konsum begrenzt sind, muss der sich minderwertig fühlende Mensch, je nach Stärke seines Minderwertigkeitsgefühls, schon bald zusätzliche Quellen zur Kompensation seiner angegriffenen Selbstachtung erschließen. Dies kann zur emotionalen Ausbeutung anderer (psychischer Vampirismus) führen, die für Narzissten charakteristisch ist.

Die Chef-Narzissten

Es gehört zur „Symptomatik“ von Narzissten, dass sie von bedingungsloser Anerkennung, Bewunderung und Unterwerfung ihrer Mitmenschen unter ihre Bedürfnisse abhängig sind. So kompensieren sie ihre unterdrückten, extremen Minderwertigkeitsgefühle. Sie neigen daher dazu, sich ein Biotop zu suchen, das sich besonders gut zur Kompensation dieser Minderwertigkeitsgefühle eignet. Es muss ihrem narzisstischen Hunger auf Bestätigung eingebildeter Grandiosität geeignetes Futter bieten.

Es versteht sich von selbst, dass Chefetagen ideale Weideplätze für Narzissten sind. Je höher der Narzisst in dieser Chefetage angesiedelt ist, desto besser. Am allerbesten ist es, wenn man sein eigener Chef ist. Kritik kommt dann allenfalls noch von Kunden, aber für Fehler kann man die Mitarbeiter verantwortlich machen. Etwaige Selbstzweifel beschwichtigt die sorgfältig ausgesuchte Chefsekretärin.

Doch bevor man sich in wohlfeiler Managerschelte ergeht, sollte man lieber nach anderen, an die Bedürfnisse von Narzissten angepassten Biotopen Ausschau halten, die vielleicht sogar noch schmackhafteres Futter bieten, das zudem auch leichter zu haben ist.

  • Hier kann man beispielsweise an das Amt des Richters denken. Seine Stellung ist kaum anfechtbar. Sein Macht gewaltig. Alle schauen zu ihm auf: der arme Sünder, der Anwalt, der Staatsanwalt. Dann spricht er Recht. Und nur er allein. Ist es ein hoher Richter, sie hat er nur noch den weiten blauen Himmel über sich. Für einen Narzissten ist das kein schlechter Ausblick.
  • Und erst ein Professor in Deutschland, meine Güte, welch ein Paradies! Über ihm steht nur noch der Kultusminister – und der ist weit weg. Und so genießt er die Freiheit der Wissenschaft und wahrt ihr Wohl zum Beispiel durch die sorgfältige Auswahl junger, aufstrebender Wissenschaftler, die an seinen Lippen hängen und die Perlen sammeln, die aus seinem edlen Munde kullern. Welcher Narzisst möchte nicht gern Professor sein, zumindest für den Anfang. Die Bezahlung ist zwar verhältnismäßig schlecht, zu Beginn der Karriere. Doch dank der eigenen Grandiosität finden man schnell Sponsoren in der Wirtschaft, die einen zukünftigen Nobelpreisträger nicht darben lassen.
  • Diese Liste könnte man nun über Stunden fortsetzen; eine etwaige Ergänzung bleibt aber der Phantasie des Lesers überlassen. Zum Abschluss sei nur noch das genialste aller Biotope für Narzissten erwähnt. Äußerlich betrachtet wirkt es eher unscheinbar, aber es hat’s in sich. Es ist das Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Die Interaktionen, die dort stattfinden, sind hoch kalorienhaltiges Futter für den narzisstischen Hunger.
    Häppchen für Häppchen erlesener kulinarischer Genüsse verschwinden im unersättlichen Mäulchen des narzisstischen Psychotherapeuten. Die beinahe grenzenlose Liebe des Patienten für den Therapeuten ist in diese Beziehung gleichsam eingebaut; der Therapeut, so übel er auch sein mag, kann das gar nicht verhindern. Die Psychoanalytiker nennen diesen Prozess “Übertragungsliebe“.
    Und dann erst der hohe Stuhl, auf dem der Psychotherapeut sitzen darf. Dessen physisches Substrat bleibt natürlich immer gleich groß und ist auch nicht höher als das Pendant des Patienten. Doch im Laufe der Therapie sieht der Patient mit zunehmender Klarheit, dass der Psychotherapeut der erfahrene und wissende Seelenkenner und Problemlöser ist, während er selbst gescheitert ist und dringend der Hilfe bedarf. Die anfänglich vielleicht noch vorhandenen stereotypen Vorbehalte gegenüber Psychiatern oder Psychologen haben sich in Luft aufgelöst.
    Entsprechend wird der Hocker des Patienten immer niedriger und der Thron des Therapeuten etwas höher. Dies nennt die Psychiatrie “Krankheitseinsicht“.
    Hockt der Patient aber ganz am Boden und kommt aus eigener Kraft, die durch kluge Suggestionen des Therapeuten zusätzlich geschwächt wurde, nicht mehr hoch, dann steigt der Therapeut gnädig von seinem Thron herab und hilft den Daniederliegenden huldvoll auf.
    Ein schönes Bild. Da kann kein Narzisst widerstehen. Das ist ein Festmahl.

Schlechtes Benehmen

Folgt man den Lehrbüchern und diagnostischen Schemata der Psychiatrie, so ergibt sich folgendes Bild des Narzissten:

  • Grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit
  • Phantasien grenzenlosen Erfolgs
  • Gefühl der Einzigartigkeit
  • Glaube an ein natürliches Anrecht auf Bevorzugung
  • Abhängigkeit von maßloser Bewunderung
  • Anspruchsdenken
  • Ausbeuterisches Verhalten
  • Mangel an Empathie
  • Neid
  • Arroganz

Wenn man nicht wüsste, dass derartige „Symptome“ in psychiatrischen Lehrbüchern stehen und als „Krankheitszeichen“ gelten, würde man sie als Charaktermerkmale von Menschen betrachten, die sich die Einschätzung „schlechtes Benehmen“ redlich verdienen. Menschen mit einem derart ausgesucht schlechten Benehmen werden häufig anecken und in Konflikt mit ihren Mitmenschen geraten. Sie werden in der Regel als Menschen empfunden, die von sozialen Normen und berechtigten Erwartungen ihrer Mitmenschen abweichen. Unter Umständen werden sie auch von Psychiatern als Menschen mit „Narzisstischer Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert.

Der Narzisst kann sich vor dieser Schmach allerdings – zumindest tendenziell – schützen, wenn es ihm gelingt, in Machtpostionen aufzusteigen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich im Bereich der psychiatrischen Diagnosen eine Doppelmoral breitgemacht hat: Quod licet Iovi, non licet bovi. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Steigt ein als „psychisch gestört“ diagnostizierter Narzisst in der gesellschaftlichen Hierarchie auf, so wird er seine Diagnose los. Aus dem Narzissten wird durch Milieuwechsel eine interessante, eigenwillige Persönlichkeit.

Krankheit?

Dass psychiatrische Diagnosen verfehlt sind und sich verhängnisvoll auswirken können, zeigt sich bei kaum einem anderen „Krankheitsbild“ so deutlich wie beim Narzissmus. Hier springt es ja nachgerade ins Auge, dass der Narzisst nicht des Arztes bedarf, sondern dass hier beherzte, geradlinige und klarsichtige Menschen in seinem Umfeld gefragt sind, die ihm konsequent unmissverständliche Grenzen ziehen.

Es ist ja nicht schwer, die soziale Funktion des narzisstischen Verhaltens zu begreifen und den Nutzen, den der Narzisst aus ihm schlägt. Dem sollte man nach Möglichkeit einen Riegel vorschieben.

Wer genauer hinschaut, erkennt durchaus, dass diese Menschen leiden, aber nicht unter einer Krankheit, sondern unter den Auswirkungen misslingender Versuche, andere zu kontrollieren. Selbst sehr mitleidige Menschen müssen sich nicht verpflichtet fühlen, derartiges Leiden zu lindern.

Es ist für mich kaum noch nachzuvollziehen, wenn Therapeuten ernsthaft behaupten, ein solcher „Patient“ benötige eine einfühlsame Begleitung, in der er Verständnis und emotionale Wärme erfahre. Schließlich sei der Narzisst ja das Opfer beklagenswerter, herzloser familiärer Verhältnisse und habe daher in der Kindheit kein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt.

Glaubt man wirklich, man könne einen Narzissten „heilen“ wenn man sich als Ko-Narzisst für eine „narzisstische Fusion“ anbietet? Aus meiner Sicht ist eine derartige „Therapie“ ein wunderbares Biotop zur vollen Entfaltung narzisstischer Persönlichkeitszüge. Und so etwas wird tatsächlich von der Krankenkasse bezahlt.

***

Sie wären aus meiner Sicht entbehrlich, weil man bei Narzissten die kognitiven und affektiven Prozesse aufgrund beobachtbaren Verhaltens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erschließen kann. Man müsste es nur systematisch dokumentieren, am besten auf Basis von Experimenten. Das Verhalten eines Narzissten ist in derart charakteristischer Weise eingeengt und berechenbar, dass es eigentlich nur eine Deutung zulässt. Wer gezielt Anreize setzt (negativ: Nadelstich; positiv: Bewunderung), kann beobachten, wie der Narzisst ein vorhersehbares Muster abspielt. Das ist wirklich faszinierend.

2 Am Rande sei erwähnt, dass auch nationale Minderwertigkeitsgefühle verdrängt und die Überwertigkeitsgefühle kompensiert werden können, die sich dann in der vehementen Ablehnung all dessen äußern, was aus dieser narzisstischen Sicht nicht zu Deutschland gehört. Bei Narzissten findet sich allerdings auch eine paradoxe, eine negative Form der Grandiosität, die das eigene Land, also Deutschland in den schwärzesten Farben zeichnet (antideutscher Narzissmus). Eine ähnliche Haltung erkennen wir beim trockenen Alkoholiker mit narzisstischem Charakter, der in seiner feuchten Vergangenheit angeblich ein Furcht und Abscheu erregendes Monster war. Das ist Großartigkeit im Schlechten.