Der Mythos von der guten und der bösen Psychiatrie

Geheimdienste, militärische Spezialeinheiten und auch manche besonders hart gesottene Polizeitruppen praktizieren in Verhören mitunter die Methode des „guten“ und des „bösen“ Verhörers, (Good cop – bad cop, auch „Mutt and Jeff Routine“ genannt).1)Rejali, D. (2007). Torture and Democracy. Princeton and Oxford: Princeton University Press: 72

Der „böse Verhörer“ ist brutal. Er schlägt und foltert die Betroffenen und lässt nichts unversucht, sie in tiefste Verzweiflung zu stürzen. Der „gute Verhörer“ hingegen ist verständnisvoll. Er sorgt sich um den Verhörten und weckt Hoffnung – die dann natürlich vom „bösen Verhörer“ zunichte gemacht wird.

Beide Verhörer sind Teil desselben Systems, doch die Methode wirkt dennoch. Je extremer der Stress ist, den der „böse Verhörer“ hervorruft, desto intensiver ist das Bedürfnis des Verhörten, daran zu glauben, dass der „gute Verhörer“ tatsächlich gut sei und helfen wolle.

Manche Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung unterscheiden zwischen der „guten“ und der „bösen“ Psychiatrie.

Die „böse“ Psychiatrie wird mit Psychopharmaka, Elektroschocks, Fixierung etc., also mit Brutalität, Zwang und Gewalt identifiziert. Demgegenüber steht die „gute“ Psychiatrie für „Psychotherapie“ und soziale Hilfen.

Die „böse“ psychiatrische Ideologie ist aus dieser Sicht die Vorstellung, die „psychischen Krankheiten“ seien Ausdruck eines chemischen Ungleichgewichts im Gehirn und dieses sei weitgehend angeboren.

Entsprechend besteht die Glaubenslehre der „guten“ Psychiatrie darin, dass psychische Traumata (sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, emotionale Vernachlässigung) die „psychische Krankheit“ ausgelöst hätten.

Die Psychiatrie, die mit Psychopharmaka arbeitet, und die „Psychotherapie“ (im Rahmen des medizinischen Modells) sind natürlich Bestandteile desselben Systems.

Aber viele Betroffene vermögen dies nicht zu erkennen. Je extremer das Missbehagen ist, das die „biologistische“ Psychiatrie hervorruft, desto intensiver ist das Bedürfnis der Behandelten, daran zu glauben, dass die „Psychotherapie“ tatsächlich gut sei und helfen wolle.

Insofern aber die „Psychotherapie“ integraler Bestandteil des psychiatrischen Systems ist, gehorcht sie auch der Logik dieses Systems und trägt zur Erfüllung seiner Aufgaben bei. Diese bestehen darin, bestimmte Formen sozialer Devianz zu kontrollieren, die nicht kriminell sind oder wegen „Schuldunfähigkeit“ als nicht kriminell gelten und deren Sinn die Mehrheit der Bevölkerung nicht versteht.

Daher gibt es nicht die „gute“ und die „böse“ Psychiatrie. Die Psychiatrie ist schlicht und ergreifend jene Institution in unserer Gesellschaft, der die Aufgabe obliegt, die oben beschriebenen Formen sozialer Devianz zu kontrollieren.

Fußnoten   [ + ]

1.Rejali, D. (2007). Torture and Democracy. Princeton and Oxford: Princeton University Press: 72