Lagerfeld

Er ist ein Genie. Bei manchen Leuten spürt man das auf den ersten Blick. Du musst gar nicht wissen, was er macht, was er kann. Einmal hinschauen genügt.

Zur Sache nun. Der Designer Karl Lagerfeld lebt seit langem in Frankreich, kommt aus Deutschland. Von Frankreich aus äußerte er sich nun zu Deutschland. Über Migranten.

Er nutzte eine Fernsehshow als Bühne. Und also sprach er: „Man kann, auch wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, nicht Millionen von Juden töten und Millionen ihrer ärgsten Feinde an ihre Stelle setzen.“1)The Guardian: “One cannot – even if there are decades between them – kill millions of Jews so you can bring millions of their worst enemies in their place,”

Gemeint waren muslimische Einwanderer. Ein Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten. Islamophob sei er, Lagerfeld, Rassist sei er, der Modeschöpfer.

Und stellen Sie sich vor, was er noch zu bemerken sich erkühnte: „Ich kenne jemanden in Deutschland, der einen kleinen Syrer zu sich nahm, der ein bisschen Deutsch sprach. Wissen Sie, was er nach vier Tagen zu der deutschen Dame sagte? Deutschlands beste Erfindung war der Holocaust.“2)The Times of Israel: “I know someone in Germany who took in a young Syrian who spoke a little English,” he said. “After four days, do you know what he said to the [German] lady? ‘Germany’s best invention is the Holocaust.’”

Lagerfeld nutzte auch die Gelegenheit, um gegen Angela Merkel zu wettern. Sie habe es doch gar nicht nötig gehabt, so viele Migranten ins Land zu holen. In Deutschland habe es zuvor doch schon genug gut integrierte Immigranten gegeben. Er unterstellt Merkel dabei eigennützige Interessen. Sie habe wohl ihr Image als böse Schwiegermutter aufpolieren wollen, dass sich sich durch ihr Verhalten in der Griechenland-Krise einhandelte.

Starkes Stück! Der wohlmeinende Bürger meint zu recht: So etwas sagt man einfach nicht. Der Conseil supérieur de l’audiovisuel, die französische Regulierungs-Behörde für elektronische Medien, hat bereits angekündigt, sich der Sache anzunehmen. Ganz klar, Lagerfeld, das Genie, macht Ärger. Strafen wir ihn mit Empörung. Heiliger Zorn möge ihn vernichten!

Was genau hat er eigentlich behauptet?

In Deutschland wurde Millionen Juden umgebracht. Das ist nicht zu bestreiten. Die einwandernden Muslime sind die ärgsten Feinde der Juden. Eine Meinungsumfrage ergibt folgendes Bild zur Einstellung gegenüber Juden in Nordafrika und dem Nahen Osten:3)ADL Global 100, Middle East and North Africa

  • Juden sind loyaler gegenüber Israel als zu diesem Land / dem Land in dem sie leben. (74 %)4)Prozentzahlen beziehen sich auf den Anteil der Befragten, die jeweilige Aussage für wahrscheinlich wahr (probably true) halten.
  • Juden haben zu viel Macht in der Geschäftswelt. (73 %)
  • Juden haben zu viel Macht an den internationalen Finanzärkten. (72 %)
  • Juden sprechen zu viel darüber, was ihnen während des Holocausts geschah. (29 %)
  • Juden kümmern sich nicht darum, was mit jenen geschieht, die nicht ihresgleichen sind. (68 %)
  • Juden haben zu viel Kontrolle über globale Angelegenheiten. (68 %)
  • Juden haben zu viel Kontrolle über die Regierung der Vereinigten Staaten. (72 %)
  • Juden meinen, sie seien besser als andere Menschen. (65 %)
  • Juden haben zu viel Kontrolle über die globalen Medien. (69 %)
  • Juden sind verantwortlich für die meisten Kriege in der Welt. (65 %)
  • Leute hassen Juden der Art, wie sich Juden verhalten. (75 %)

So also denkt man über Juden in den Ländern, aus denen die muslimischen Migranten zu uns streben. Das Urteil: Lagerfeld übertreibt. Nicht alle sind die ärgsten Feinde der Juden. Allerdings – das wird man wohl einräumen müssen: Es sind sehr, sehr viele Antisemiten reinsten Wassers!

Und nun zu Angela Merkel. Mein Gott Lagerfeld! Böse Schwiegermutter! Hier erübrigt sich jeder Kommentar. Nur die reine Nächstenliebe motivierte die deutsche Bundeskanzlerin zur Grenzöffnung. Es mag sein, dass die Ereignisse im Jahr 2015 vielschichtiger waren, als sich mit dem Wort Nächstenliebe allein erfassen lässt.5)Die Zeit: Grenzöffnung für Flüchtlinge. Was geschah wirklich? Sie waren aber auch so undurchsichtig, dass dieses Wort dann auch irgendwie wieder passt. Lagerfeld sprach gehässig. Für Nächstenliebe hat er offenbar keinen Blick. Wie schade.

Hoffen wir also, dass die Muslime, die in den letzten Jahren zu uns kamen, zu jener Minderheit zählen, deren Einstellung zu Juden von uns akzeptiert werden kann. Das Wort „Nächstenliebe“ passt hier wohl auch.

Fußnoten   [ + ]

1. The Guardian: “One cannot – even if there are decades between them – kill millions of Jews so you can bring millions of their worst enemies in their place,”
2. The Times of Israel: “I know someone in Germany who took in a young Syrian who spoke a little English,” he said. “After four days, do you know what he said to the [German] lady? ‘Germany’s best invention is the Holocaust.’”
3. ADL Global 100, Middle East and North Africa
4. Prozentzahlen beziehen sich auf den Anteil der Befragten, die jeweilige Aussage für wahrscheinlich wahr (probably true) halten.
5. Die Zeit: Grenzöffnung für Flüchtlinge. Was geschah wirklich?