Psychotherapie als Seelenpolitik

Die „Psychotherapie“ ist heute fest im Griff des medizinischen Systems, auch wenn sie von psychologischen „Psychotherapeuten“ ausgeübt wird. Sie ist eine der beiden Hauptsäulen der Psychiatrie, neben der Behandlung mit Psychopharmaka. Dies bedeutet, dass ein innovatives Modell der „Psychotherapie“ zur Zeit und vermutlich auch auf lange Sicht keine Chance hat. Die auf heute gängigen Psychotherapien werden weiterhin das Feld beherrschen. Sie operieren auf Basis des medizinischen Modells psychischer Krankheiten.1)Siehe hierzu meinen Artikel: Drei Modelle psychischer Krankheiten Die Kräfte der Psychiatrie und der Politik dulden Alternativen allenfalls als Randerscheinungen.

Unsere Gesellschaft betrachtet

  • Abweichungen von den Normen der Gesellschaft bzw. den Erwartungen der Mitmenschen
  • sofern sie, obwohl nicht kriminell,
  • rätselhaft sind
  • und mehr oder weniger bedrohlich wirken,
  • zumindest aber lästig sind

als ein korrekturbedürftiges medizinisches Problem.

Dies ist keineswegs nur die Folge des psychiatrisch-pharmawirtschaftlichen Marketings, wenngleich dieses auch eine erhebliche Rolle spielt. Dies ist vielmehr der Tatsache geschuldet, dass Menschen im Allgemeinen dazu neigen, die Verantwortung für unangenehme Dinge anderen Leuten zu übertragen.

Wie wir gesehen haben, hat das tatsächliche Geschehen in der „Psychotherapie“ nichts, aber auch gar nichts mit den sonst in der Medizin üblichen Abläufen zu tun. Auch die Rolle und Funktion der „Therapeuten“ lässt sich nicht mit anderen Arbeitsfeldern der Medizin vergleichen.

Aber unsere Gesellschaft hat sich entschieden, dass medizinische Institutionen für die Kontrolle von Normabweichungen, die nicht kriminalisiert werden können, zuständig sein sollen. Seit Jahrzehnten wird der Bereich von Verhaltensmustern, die als medizinisch behandlungsbedürftig betrachtet werden, ständig ausgeweitet. Dieses Phänomen wird als Medikalisierung bezeichnet.2)Conrad, P. (2007). The Medicalisation of Society. On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Baltimore: John Hopkins University Press

Medizinkritiker behaupten, dies entspräche den Geschäftsinteressen der Pharma-Industrie, die bekanntlich mit Psychopharmaka sehr gute Geschäfte macht.

Für diese These spricht die Tatsache, dass die eine Hauptsäule der Psychiatrie, nämlich die Psychopharmaka-Behandlung, gegenüber der zweiten, der psychotherapeutischen Hauptsäule eine immer größere Bedeutung gewinnt. Schwerere Normabweichungen wie beispielsweise die so genannten Schizophrenien oder die diversen Formen der „Depression“ bzw. der „manisch-depressiven Störungen“ werden kaum noch oder höchstens begleitend psychotherapeutisch behandelt.

Kompensatorisch ist natürlich die Psychotherapie bemüht, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen: durch Pathologisierung von Verhalten, das zuvor als normal galt. Doch aus meiner Sicht greift diese vordergründige, nur ökonomische Betrachtung zu kurz.

Nach meinem Verständnis werden in unserer Gesellschaft immer mehr Verhaltensmuster pathologisiert, weil die moderne Industriezivilisation immer rigidere Verhaltenserwartungen an ihre Bürger stellt. Diesen Anforderungen sind immer weniger Mitmenschen gewachsen.

Dass die Pharmaindustrie über diese Entwicklung ebenso wenig unglücklich ist wie die Psychiatrie, will ich gern einräumen. Selbstverständlich versuchen diese Kräfte auch, die Entwicklung voranzutreiben. Aber die eigentlichen Ursachen der erwähnten Entwicklung sind nicht im Bereich der ökonomischen Interessen dieser Wirtschaftszweige zu suchen.

Der Hauptgrund ist darin zu sehen, dass der Anpassungsdruck auf die Individuen in immer stärkerem Maße identitätszerstörende Ausmaße annimmt und dass zugleich die identitätswahrenden Faktoren immer stärker abgebaut werden.

Einige Beispiele:

  • Einerseits wandeln sich die beruflichen Anforderungen durch technische und organisationsstrukturelle Neuerungen beständig. Gleichzeitig wird die Identifizierung mit den Unternehmen immer schwieriger, weil sie nicht mehr patriarchalisch geführt werden. Sie gehören vielmehr anonymen Aktionären, die ihre Top-Manager schneller auswechseln als Fußballvereine ihre Trainer.
  • Die Bedeutung des Nationalstaats nimmt beständig ab und die Macht überstaatlicher anonymer Bürokratien fortwährend zu. Dadurch wird die nationale Identität, einst ein Kernbereich der individuellen Identität, massiv geschwächt.
  • Der Zwang zu häufigen Wohnortswechsel untergräbt die Bindung an die Heimat, die der identitätsprägende Faktor schlechthin ist.
    Kurz: Der Anpassungsstress nimmt kontinuierlich zu und der entscheidende Schutzfaktor gegenüber diesem Stress, die eigene Identität wird immer brüchiger.

Dieser Prozess ist eindeutig gesellschaftlicher Natur und er betrifft in mehr oder weniger ausgeprägtem Maß alle Individuen. Der eine ist aufgrund seines Naturells resistenter gegenüber solchen Faktoren als der andere. Aber niemanden lässt diese Entwicklung auf Dauer kalt.

Und so steigt die Zahl der Menschen, die aufgrund mehr oder weniger skurriler Verhaltensmuster und Erlebnisweisen den Anforderungen ihres Lebens nicht mehr in dem Ausmaß gewachsen sind, das von ihnen erwartet wird.

Angesichts der heute vorherrschenden neo-liberalen Sicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei,3)Im philosophischen Sinne ist natürlich tatsächlich jeder seines Glückes Schmied. Schließlich kann jeder selbst entscheiden, wie er auf seine Umwelt reagieren will, übel gelaunt oder trotz allem glücklich. Glück ist eine Entscheidung, wie Descartes einst schrieb, und viele andere vor ihm, beispielsweise Epiktet. Doch im neoliberalen Sinne meint dieser Spruch etwas anderes, nämlich, dass jeder reich und mächtig werden könne, wenn er nur fleißig und smart genug sei. In diesem Sinn ist der Spruch nicht nur falsch, sondern zynisch. liegt es natürlich nahe, die Resultate des beschriebenen Prozesses zu pathologisieren und somit die Ursachen ins Individuum zu verlagern. Stärker noch als die Psychopharmaka-Behandlung ist die so genannte professionelle „Psychotherapie“ ein Garant des Gelingens dieser ideologischen Manipulation.

Denn der Psychopharmaka-Patient kann sich sagen, dass etwas mit seinem Gehirn nicht stimme, was durch Medikamente korrigiert werden könne. Demgegenüber ist der durch eine Psychodiagnose stigmatisierte Psychotherapie-Patient gehalten, nach Ursachen in seiner Persönlichkeit zu suchen. Er muss sich motiviert zeigen, sie zu verändern. Gleichzeitig aber wird ihm suggeriert, er leide unter Mechanismen, die sich seiner Kontrolle entzögen und die er nur mit der Hilfe von Experten überwinden könne.

Double Bind vom Feinsten. Verwirrung pur. Jeder Manipulation sind Tür und Tor geöffnet.

Mehr nationale Solidarität, mehr Heimatverbundenheit, mehr Familiensinn, mehr Gespräche in der Stammkneipe und mit dem Friseur würden weniger Notwendigkeit zur „Psychotherapie“ bedeuten. Das steht fest. Jeder sollte sich das klarmachen, ganz gleich, wo er politisch steht. Es liegt auf der Hand.

Eine innovative Psychotherapie betrachtet

  • Abweichungen von den Normen der Gesellschaft bzw. den Erwartungen der Mitmenschen
  • sofern sie, obwohl nicht kriminell,
  • rätselhaft sind
  • und mehr oder weniger bedrohlich wirken,
  • zumindest aber lästig sind

nicht als als ein korrekturbedürftiges medizinisches Problem.

Vielmehr will sie den betroffenen Menschen anregen, sich mit den Folgen seines Verhaltens auseinanderzusetzen und diese ggf. zu korrigieren oder abzumildern. Sie schreibt ihren Klienten keine Ziele vor, legt ihm auch keine nahe. Sie respektiert deren Autonomie. Es geht darum, das Spektrum ihrer Handlungsmöglichkeiten nach ihren Bedürfnissen zu erweitern. Ziel ist es, sein Leben nach eigenen Maßstäben ohne unnötiges Leiden zu führen.

Man mag einwenden, dass viele Betroffene doch gar nicht in der Lage seien, „vernünftige“ Ziele auszuwählen und anzustreben. Diese müsse man ihnen vorgeben und die Fortschritte überwachen.

Wenn es solche Menschen geben sollte, so muss man ihnen natürlich auf andere Weise helfen.

In diesem Fall muss sich jemand finden, der besser weiß als die Betroffenen selbst, was gut für sie ist. Dies läuft letztlich auf psychischen oder gar physischen Zwang hinaus. Dabei handelt es sich aber nicht um Psychotherapie, weder im traditionellen, noch im innovativen Sinn. Das ist Dressur.

Alle Menschen haben ihren Bruchpunkt. Dieser wird überschritten, wenn der Stress zu groß ist. Menschen, die zum Psychotherapeuten gehen, stehen oftmals unter starkem Stress. Man kann sie leicht über ihren Bruchpunkt treiben. In diesem Zustand werden sie extrem suggestibel und fügsam. Ein Psychotherapeut kann ihnen dann die gewünschten Verhaltensweisen durchaus andressieren. Wollen wir das? Wollen wir das wirklich?

Oder wäre es nicht humaner und langfristig auch Erfolg versprechender, auf die Fähigkeiten der Menschen zu vertrauen, selbst zu entscheiden, was gut für sie ist?

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe hierzu meinen Artikel: Drei Modelle psychischer Krankheiten
2.Conrad, P. (2007). The Medicalisation of Society. On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Baltimore: John Hopkins University Press
3.Im philosophischen Sinne ist natürlich tatsächlich jeder seines Glückes Schmied. Schließlich kann jeder selbst entscheiden, wie er auf seine Umwelt reagieren will, übel gelaunt oder trotz allem glücklich. Glück ist eine Entscheidung, wie Descartes einst schrieb, und viele andere vor ihm, beispielsweise Epiktet. Doch im neoliberalen Sinne meint dieser Spruch etwas anderes, nämlich, dass jeder reich und mächtig werden könne, wenn er nur fleißig und smart genug sei. In diesem Sinn ist der Spruch nicht nur falsch, sondern zynisch.