Leiden ist subversiv. Über Medikalisierung

Leiden als Symptom einer Krankheit

Seit Anbeginn versuchen die Menschen, das Leiden zu überwinden. Durch Gebete, durch spirituelle Übungen, durch ein tätiges Leben, durch das Zusammenbeißen der Zähne. Früher galt Krankheit als eine von vielen Ursachen des Leidens. Heute wird zunehmend jedes Leiden als Krankheit betrachtet, die des Arztes bedarf. Auch seelisches Leiden, so heißt es, sei körperlichen Ursprungs, beruhe auf Hirnstörungen, die durch Medikamente oder durch psychotherapeutische Einwirkungen (heilende Worte) wieder normalisiert werden könnten und müssten.

Durch die Vorentscheidung, Leiden grundsätzlich als Symptom einer Krankheit aufzufassen, erfolgt selbstverständlich eine gravierende Verengung der Perspektive.

Wer noch einen weiteren Horizont, wer noch ein Gespür für Bedingungen menschlicher Existenz besitzt, mag schockiert darüber sein, dass die neue Version des Diagnosemanuals DSM der amerikanischen Psychiaterzunft die Trauer nach dem Tode eines geliebten Menschen als behandlungsbedürftige Depression einstuft.

Aber diese Revision der bisherigen Sicht ist durchaus folgerichtig. Denn zuvor galt zwar die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen nicht unbedingt als Symptom einer Depression, sondern in der Regel als normal. Die Trauer nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, nach einer Trennung vom Partner und ähnliche Reaktionen konnten aber durchaus als Merkmale dieser so genannten Krankheit diagnostiziert werden.

Es gab jedoch keinen nachvollziehbaren Grund, warum man beim Tod eine Ausnahme machen sollte. Ganz gleich, aufgrund welcher Anlässe eine Gemütsverstimmung uns niederdrückt – sie ist ein Zustand, der korrigiert werden muss.

In unserer schönen neuen Welt ist Leiden grundsätzlich subversiv. Wer leidet, ist unzufrieden, obwohl es doch in dieser besten aller möglichen Welten keinen vernünftigen Grund gibt, unzufrieden zu sein.
Wem der Erfolg versagt blieb, hat sich dies selbst zuzuschreiben, weil jeder schließlich seines Glückes Schmied ist und der Fleißige und Smarte den verdienten Lohn schon ernten wird, wenn er nur beharrlich genug sein Ziel verfolgt.
Und wer körperlich erkrankt, der hat womöglich zu viel geraucht, getrunken, gegessen, der hat falsch gelebt, der hätte sich nur rechtzeitig der Segnungen des medizinischen Füllhorns versichern müssen, dann wäre ihn dies nicht passiert.

Und so ist der rechtschaffene, der vernünftige Bürger verpflichtet, Leiden, wo immer es sich zeigt oder auch nur ankündigt, den zuständigen Stellen anzuzeigen.
Deswegen darf er keine Vorsorgeuntersuchung versäumen und ist selbstverständlich gehalten, jede Verfinsterung des Gemütes psychiatrischer Begutachtung anheimzustellen.
Jeder körperliche oder seelische Schmerz ist ein Signal dafür, dass etwas aus dem Ruder läuft und dass wir Gefahr laufen, vom Kurs abzukommen. Dann ist der Experte gefragt, der uns den Weg zurück ins Reich der normalen Zufriedenheit weist.

Leiden als moralisches Vergehen

Selbstverständlich ist Leiden, aus dem Blickwinkel unserer modernen Zeiten betrachtet, die Folge eines moralischen Vergehens. Hätten wir weniger geraucht, hätten wir nicht so viel Alkohol getrunken, hätten wir mit fachlicher Unterstützung rechtzeitig Stress abgebaut, hätten wir uns, als es noch Zeit war, einer Psychotherapeutin anvertraut, dann säßen wir jetzt nicht in der Patsche.

Selber schuld. Wir wurden gewarnt. Die Zeitungen waren voll der Ratschläge und Hilfsangebote. In den Illustrierten konnten wir lesen, was alles des Arztes bedarf. Das Fernsehen ließ uns durch bewegte Bilder und sonore Stimmen wissen, dass Leiden keineswegs unser Schicksal, sondern dass Leidvermeidung eine Management-Aufgabe sei, der man sich unter kompetenter Anleitung durch Fachleute stellen könne und müsse.

Vermutlich wären wir alle besser tot, wenn die neoliberale Ideologie des Leidens als Ausdruck krankhaften Versagens zuträfe. Da aber die Suizidneigung, der herrschenden Doktrin entsprechend, ebenfalls Symptom einer behandlungsbedürftigen Krankheit ist, kann der moderne Zeitgenosse nur danach streben, dem Zustand des Todes schon im Leben möglichst nahe zu kommen.

Viele, viele versuchen bereits, diesem Anspruch nach Kräften gerecht zu werden, indem sie ihr Leben auf die sture Mechanik von Arbeit und Konsum reduzieren. Die Zahl der Menschen, die sich als psychisch krank empfinden, steigt beständig, vor allem in Staaten, die eine Wunderwelt der Marktwirtschaft geschaffen haben oder gerade dabei sind, sie aufzubauen.

Pflichtbewusst unterziehen sich diese Menschen einer psychiatrischen Behandlung. Diese verwandelt sie in Zombies, in lebende Tote. Die Untoten trotzen dank ihres Zustandes den Leiden, die mit dem Leben, folgt man den Erkenntnissen der Buddhisten, untrennbar verbunden sind. Genauer, auch die medikamentös Ruhiggestellten leiden, aber es macht ihnen nichts mehr aus, weil ihre Seele auf Eis gelegt wurde.

Selbst der hart gesottene Neoliberale wird einräumen, dass uns mitunter Leiden ereilt, dessen Ursachen wir nicht selbst hervorgerufen haben. Wer beispielsweise von einer Erbkrankheit betroffen ist, kann dafür ja nicht verantwortlich gemacht werden. Dennoch sind die Gene keine Entschuldigung, die der hart gesottene Neoliberale gelten lassen müsste. Wer schlechte Gene hat, so denkt er, muss sich eben, ohne zu jammern, mit einer untergeordneten Stellung abfinden und anderen das Feld überlassen, die besser ausgestattet sind. Dies sei eben der natürliche Lauf der Welt.

Natürlich haben wir die Pflicht, beim leisesten Anzeichen des Leidens fachmännischen Rat einzuholen und diesen zu befolgen. Leiden muss einfach nicht sein – und wer leidet, zeigt damit nur, dass er schamlos mit der besten aller Welten unzufrieden ist.
Wer nun einwendet, dass man Leiden vielleicht auch still erdulden könne, ist schief gewickelt. Wer Leiden aushält, ohne unverzögert nach seiner Überwindung zu streben, verweigert sich den Konsumangeboten der Wellness-Animateure und zeigt damit, dass er ein Außenseiter, ein Querulant, ein Sonderling ist.

Und das ist krank, das ist ja so krank. Und bedarf des Arztes. In unserer schönen neuen Welt ist kein Platz für Menschen, die sich dem Götzen der großen Verweigerung hingeben. Dieser Kult ist subversiv. Der Verfassungsschutz sollte solche Menschen beobachten. Es reicht nicht, dass die Psychiatrie ein wachsames Auge auf sie geworfen hat.

Wer allerdings das Risiko anzuecken, unangenehm aufzufallen zu tragen bereit ist, der wird sich der Idee des Erduldens nicht verschließen.
Wer Leiden nicht mit Krankheit identifiziert, wird erkennen, dass ihm ein Sinn innewohnen könnte, der sich allerdings nur dann offenbart, wenn man das Leiden tatsächlich auch erduldet, es also durchlebt, erlebt, ihm Zeit gibt, es in Erfahrung verwandelt.
Leiden zu erdulden bedeutet selbstredend auch, seine Ursachen nicht zu verleugnen, sondern sie sich klar vor Augen zu führen.

Wer beispielsweise unter Traurigkeit leidet und diese Stimmung mit illegalen Drogen, Alkohol oder Psychopharmaka aus seinem Bewusstsein verbannt, der ist natürlich taub für die Stimme des Leidens.
Wer einen Wahn hat, sich verfolgt fühlt, von Stimmen gepeinigt, der wird die Wahrheit, die sich in diesen Zuständen zu offenbaren vermag, niemals erkennen, wenn er sie mit Neuroleptika unterdrückt.

Leiden erdulden

Um Leiden zu erdulden, bedarf es nicht des Arztes, sondern der Geduld. Es spricht zweifellos nichts dagegen, körperliche Ursachen des Leidens medizinisch behandeln zu lassen. Doch wer den Sinn des Leidens erfahren will, der sollte es nicht durch Pillen oder Psychotherapien ausmerzen.1)Die Medien berichteten, eine Studie habe ergeben, dass ein handelsübliches, rezeptfreies Schmerzmittel nicht nur gegen Kopfschmerzen, sondern auch gegen existenzielle Ängste helfe (Lehnen-Beyel, I. (2013). Eine Pille gegen existenzielle Angst, Bild der Wissenschaft, 16. April).

Wir sind auf dem besten Wege, mit dem Leiden, dem Schmerz auch den Sinn auszumerzen. Dann, so völlig ohne Sinn, werden wir Zombies sein, lebende Tote. Nichts gegen eine angemessene Schmerztherapie! Dies ist keine Predigt für theatralischen Heroismus.
Allerdings ist dieser Text ein Plädoyer dafür, darüber nachzudenken, was man mit medizinischen Maßnahmen eigentlich anstrebt: Linderung unnötigen Leidens oder das Ausweichen vor einer notwendigen Auseinandersetzung mit sich selbst.

Wenn die medizinische Maßnahme ein taugliches Mittel für dieses Ausweichen wäre, könnte ich die Menschen ja noch verstehen, die zu diesem Mittel greifen. Allein, der Arztbesuch mit eingebildeten Krankheiten kann zur Sucht werden – und Sucht ist nichts anderes als die Folge der notorischen Bevorzugung kurzfristiger zu Lasten langfristiger und grundlegender Problemlösungen, mit meist verheerenden Folgen.

Süchtige bezahlen bekanntlich (fast) jeden Preis, und wenn ihnen das Geld für Rauschmittel fehlt, dann verschulden sie sich heillos, dann stehlen, mitunter morden sie sogar. Der süchtige Konsument ist der Traum fast jedes Verkäufers, der sich seine Vorlieben ehrlich eingesteht.
Dies gilt natürlich auch für den süchtigen Psychiatrie-Konsumenten. Am schönsten ist es, wenn sich die Kunden nach der Behandlung hoch zufrieden zeigen, aber schon bald wiederkommen, um sich erneut an den Wohltaten der Therapie zu erfreuen.

Es ist das Geschick all jener, die Leiden nicht erdulden, sich nicht mit ihm konfrontieren, sondern es rasch eliminieren wollen, dass sie die immer wieder aufflammende Unzufriedenheit stets auf neue in die Arme von Helfern treibt, die ihnen nicht helfen können, nicht wirklich.

Wer erkannt hat, was es bedeutet, sich mit seelischem Leiden, mit Ängsten, mit Traurigkeit, mit Verwirrung, mit Rastlosigkeit und Sinnleere auseinanderzusetzen, der weiß auch, dass man diese Aufgabe unausweichlich allein bewältigen muss.
Wer Leid erdulden will, muss dies in existenzieller Einsamkeit tun – auch wenn er von mitfühlenden und hilfreichen Menschen umgeben ist.
Der Mensch ist von Natur aus ein Individuum, auch wenn die Frühmenschen eindeutig Kollektivwesen waren, der Not gehorchend. Doch der Mensch ist kraft seines Verstandes gleichsam mit einem Trieb zur Individualität ausgestattet. Dieser bricht sich Bahn, sobald sich die Gelegenheit bietet und er nicht durch äußere Eingriffe frustriert wird. 
Deswegen ist der Lebenssinn ein individueller. Nur das Individuum kann sein Leben mit Sinn erfüllen. Lebenssinn kann man nicht von der Stange kaufen.

Und was ist mit denen, die es allein nicht schaffen? Wer es allein nicht schafft, der scheitert, weil man es nur allein schaffen kann. Dies ist die Wahrheit, aber dies ist keine grausame Wahrheit, weil man sein Leben ja durchaus verfehlen darf. Es ist nicht verboten, könnte wohl auch gar nicht verboten werden, zu scheitern. Es ist nicht schlimm zu scheitern. Wer lebt, scheitert, immer wieder.

Aber man kann natürlich, wider besseren Wissens, dennoch Hilfe suchen, vielleicht geht da ja doch was. Vielleicht weiß ja der Profi einen Rat, kennt Methoden, ebnet Wege. Viele, viele lassen sich das nicht zweimal sagen. Psychiater, psychologische Psychotherapeuten, Apotheker, Pharma-Industrie und esoterische Heiler müssen also nicht fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen.

Viele Wege wurden beschritten, um das Leiden zu überwinden. Der medizinische ist von allen derjenige, der am tiefsten in die Entfremdung führt, trotz aller Erfolge bei der Behandlung körperlicher Erkrankungen. Vielleicht verführen uns diese Erfolge, die dem Zweifel enthoben sind, sogar dazu, uns der Hilfe des Arztes zu versichern, auch da, wo dieser nichts auszurichten vermag, sondern wo wir selber gefragt sind.

Das Man

Oft wird Psychiatriekritikern das Leiden der Betroffenen entgegengehalten, wenn sie die Existenz psychischer Krankheiten bezweifeln. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass man im Grunde die Existenz psychischer Krankheiten bestreiten muss, gerade weil Menschen seelisch leiden, weil zu leiden die Conditio humana ist.

Menschen können im Leiden bei sich, ganz bei sich oder dem „Man“ verfallen sein: Man nimmt eine Pille, wenn man depressiv ist. Man geht zur Psychotherapie, wenn man unter Zwängen leidet. Man geht in die Eheberatung, wenn man Probleme in der Ehe hat.

„Das Man ist überall dabei“,

schreibt der Philosoph Martin Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“,

„doch so, dass es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, dass »man« sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man »war« es immer und doch kann gesagt werden, »keiner« ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.“2)Heidegger, M. (1967). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag: 127

Man kann unter einer Krankheit leiden. Aber das Leiden ist keine Krankheit, sondern wir leiden, weil es uns in unserem Dasein um unser Sein, um uns selbst geht.

Alles Leiden ist seelisch. Was sonst sollte es sein? Wären wir Zombies ohne Seele, so würden wir nicht leiden, es würde allenfalls von außen so aussehen, als litten wir. Leiden können nur beseelte Wesen. Und alles seelische Leiden, so will mir scheinen, ist körperliches Leiden, denn die Seele ist eine Entität in der Welt und die Welt ist physisch und nichts weiter als dies.

Auf dem Weg in den Abgrund

Nun könnte man argumentieren, dass es unter diesen Bedingungen auch psychische Krankheiten geben müsse und dass diese ärztlicher Behandlung bedürften. Dies erscheint auf den ersten Blick plausibel, und dass es plausibel erscheint, zeigt, bei näherer Betrachtung, dass sich unsere Gesellschaft in rasender Fahrt auf den Abgrund zubewegt. Nur in einer dem Untergang geweihten Gesellschaft kann sich eine solche Vorstellung entfalten und die Massen ergreifen. Der Gedanke, dass Menschen, die litten, grundsätzlich des Arztes bedürften, ist der Irrsinn schlechthin. Ärger könnte man die Conditio humana nicht verkennen.

Ob etwas krank ist oder nicht – diese Entscheidung beruht immer auf einer Bewertung. Der Charakter der Bewertung verschwindet nicht selten unter dem Mantel der Selbstverständlichkeit. Wer würde einen Menschen, der unter Krebs leidet, denn nicht als krank bezeichnen. Trotzdem könnte man den Krebs auch als Zeichen dämonischen Wirkens betrachten und nicht den Arzt, sondern den Exorzisten rufen – beispielsweise.

Natürlich kann uns niemand daran hindern, jedes Leiden als Ausdruck einer Krankheit zu definieren. Bewertungen sind schließlich grundsätzlich subjektiv und können daher durch objektive Fakten nicht widerlegt werden. Die Entscheidung, ob man die Cellulite als Krankheit oder als mehr oder weniger stark ausgeprägtes sekundäres Geschlechtsmerkmal auffassen will, wird durch keine Tatsachen erzwungen.

Leiden ist immer ein seelischer und ein körperlicher Prozess und es steht uns selbstverständlich frei, solche Prozesse als krankhaft zu bewerten. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es auch vernünftig ist, so zu verfahren.

Auch die Seele des Psychiaters ist in dieser Frage gespalten. Dem Kaufmann im Psychiater sagt das Marketinginteresse: Je mehr Leiden als Krankheit aufgefasst wird, desto besser ist das für uns und unsere Freunde in der Pharma-Industrie.3)Manche Psychiater behaupten, es stünde ja schon jetzt nicht genug Geld zur Verfügung, um die vorhandenen psychisch Kranken angemessen zu behandeln. Eine künstliche Aufblähung ihrer Zahl durch Veränderung diagnostischer Kriterien läge deshalb nicht in ihrem Interesse. Doch das ist kurzsichtig argumentiert. Denn natürlich kann man mit Hinweis auf beständig steigende Krankenzahlen mehr Geld einfordern, hat also ein politisches Druckmittel.
Dem Wissenschaftler im Psychiater genügt die abstrakte Gewissheit aber nicht, dass alles Leiden körperlich sei und somit auch als pathologisch bewertet werden könne. Er sucht nach Biomarkern und Methoden zum Nachweis konkreter Ursachen im Gehirn oder sonstwo im Körper des angeblich psychisch Kranken.

Ein kritischer Psychiater wird allerdings einräumen, dass nicht jedes Leiden, auch wenn es zweifellos ein körperlicher Prozess ist, als Krankheit aufgefasst werden kann. Zumal Leiden offensichtlich ein alltägliches Phänomen ist und es daher gar nicht möglich wäre, alle Leidenden zu verarzten.

Selbst wenn die Psychiatrie die Psychopharmaka wie am Fließband austeilen würde, wäre sie mit dieser Aufgabe, alle Leidenden zu kurieren, maßlos überfordert. Also brauchen wir ein Kriterium, um jene Leidenden, die des Arztes bedürfen, von jenen zu scheiden, bei denen medizinische Hilfe unangemessen wäre.

Wollen wir, dass der Arzt dies über den Daumen peilt? Oder wünschen wir uns einen objektiven Maßstab?

Selbst ein gutwilliger Arzt, der nur denen helfen will, die der Hilfe auch bedürfen, läuft ohne objektiven Maßstab Gefahr, von Menschen überrannt zu werden, die ihn erfolgreich täuschen, und unter Umständen auch sich selbst.

Das objektive Kriterium ist der körperliche Befund, der Nachweis, dass Störungen des Verhaltens und Erlebens tatsächlich durch Veränderungen im Gehirn oder im Rest des Körpers verursacht werden.

Dies ist zwar auch keine zwingende Grundlage dafür, die entsprechenden Variationen des Verhaltens und Erlebens als Symptome einer Krankheit zu bewerten. Doch man hätte dann immerhin etwas in der Hand, was eine solche Bewertung nach menschlichem Ermessen nahelegen würde.

Dass bei solcher Handhabung des Problems auch die Solidargemeinschaft der Versicherten spürbar entlastet würde, erwähne ich nur am Rande.

Leider allerdings können psychiatrische Diagnosen bisher nicht durch objektive Verfahren erhärtet werden. Es gibt keine Biomarker, kein Brain Scan bildet sie ab; sie sind schiere Mutmaßung.

Wir alle leiden. Wir leiden nicht nur hin und wieder. Leben heißt Leiden. Es ist unvermeidlich zu leiden. Alles Leiden als Krankheit zu betrachten, ist der Irrsinn schlechthin. Nur Zombies leiden nicht. Oder Steine, tote Dinge. Leiden wird man daher wohl erdulden müssen, wenn man Mensch bleiben will.

Wer dies nicht kann, der muss es lernen. Manche brauchen Anleitung zum Lernen, zugegeben. Dass dies keine Aufgabe für Mediziner ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Man geht ja nicht zum Schuster, wenn man Brötchen kaufen möchte.

Dennoch dominiert heute die Medizin die Hilfe für Leidende, obwohl ihre eigentliche, ihre angestammte Aufgabe besteht, bestimmte Ursachen des Leidens zu vermindern oder auszumerzen. Das Leiden an sich ist kein ursprünglicher, sondern ein angemaßter Gegenstand der Medizin.

Medikalisierung

Es gibt ein unschönes Wort für diesen Irrsinn; es heißt: Medikalisierung. Damit sind gesellschaftliche Veränderungen gemeint, in deren Folge immer größere Bereiche des Lebens der Menschen ärztlicher Aufsicht und medizinischer Eingriffe unterworfen werden. Die Medikalisierung ist die Gegenbewegung zu einer liberalen Demokratie. Sie unterstellt uns der Autorität des Arztes.

Eine der wichtigsten Kräfte, aus denen sich diese Gegenbewegung speist, ist der verständliche Wunsch des Menschen, Leiden zu vermeiden oder zu überwinden. Je verweichlichter die Menschen in einer Gesellschaft insgesamt sind, desto bereitwilliger lässt sich eine Gesellschaft von den Verlockungen der angeblichen Erlöser vom Leiden verführen.

In einer solchen verweichlichten und verführten Gesellschaft wird es dann gleichsam zur Pflicht, alles Leiden sofort mit Psychopharmaka, Psychotherapie, Elektrokrampfbehandlung oder sonstigen Methoden auszumerzen. Der ins Gehirn zum Zwecke der Leidminderung eingepflanzte Mikrochip, einst Sciencefiction, steht bereits am Rande der Massenproduktion.

Wollen wir das? Wollen wir all das wirklich? Früher wurden die Menschen, vor allem die Knaben, dazu erzogen, auch einmal die Zähne zusammenzubeißen? Früher musste man seine Gefühle beherrschen können. Heute darf man all dies nicht einmal mehr. Heute muss man sich gehen lassen, um sich dann dem Experten anzuvertrauen, der den „Kranken“ mit Psychopharmaka, Psychotherapie, Elektroschocks u. ä. wieder auf Kurs bringt.

Wer diese Schilderung der gegenwärtigen Situation als maßlos übertrieben empfindet, hätte natürlich recht. Soweit sind wir noch nicht. Aber wir bewegen uns in diese Richtung, auf den Abgrund zu. Der Gedanke, dass alles Leiden des Arztes bedürfe, ist der Irrsinn schlechthin. Und man bedenke auch, dass sich die Wohltaten der Medikalisierung nicht nur auf die Leidenden beschränken. Auch jene beispielsweise, die nicht wegen eines Leidens, sondern um der Leistung oder Schönheit willen den Arzt aufsuchen, werden reichlich bedacht.

Wollen wir das? Wollen wir all das wirklich? Wir sollten diese Frage beantworten, solange wir noch so frei sind, dies zu tun. Gewarnt wird hier nicht vor Finsterlingen, die im Verborgenen unseren Geist und unseren Körper zu kontrollieren trachten. Gewarnt wird hier nicht vor der großen Illuminatenverschwörung. Sondern vielmehr geht es hier um den Versuch, den Blick des Lesers auf das Marktgeschehen zu lenken – und auf die Medien, die dieses Marktgeschehen selbstlos begleiten.

Die Medikalisierung hat nichts anderes zur Voraussetzung als eine (angeheizte) Nachfrage und einen willfährigen Staat. Alles vollzieht sich offen vor unseren Augen, und genau dies, dass dies möglich ist, ohne einen Sturm der Entrüstung zu entfachen, ist zum Verzweifeln. Leiden ist unvermeidlich und der Wunsch, es auszumerzen, ist nur zu verständlich. Allein: Wir werden das menschliche Leben ausmerzen, aus uns werden Zombies, wenn wir die Medikalisierung nicht stoppen.

Wer zum Arzt geht, um Leiden unter Lebensproblemen so zu überwinden wie eine Entzündung durch ein Antibiotikum, degradiert sich selbst, bildhaft gesprochen, zu einem Schwein in einem Mastbetrieb: Was zählt, ist die effiziente Verwertung – und sei es die eigene Seele.

Fußnoten   [ + ]

1.Die Medien berichteten, eine Studie habe ergeben, dass ein handelsübliches, rezeptfreies Schmerzmittel nicht nur gegen Kopfschmerzen, sondern auch gegen existenzielle Ängste helfe (Lehnen-Beyel, I. (2013). Eine Pille gegen existenzielle Angst, Bild der Wissenschaft, 16. April).
2.Heidegger, M. (1967). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag: 127
3.Manche Psychiater behaupten, es stünde ja schon jetzt nicht genug Geld zur Verfügung, um die vorhandenen psychisch Kranken angemessen zu behandeln. Eine künstliche Aufblähung ihrer Zahl durch Veränderung diagnostischer Kriterien läge deshalb nicht in ihrem Interesse. Doch das ist kurzsichtig argumentiert. Denn natürlich kann man mit Hinweis auf beständig steigende Krankenzahlen mehr Geld einfordern, hat also ein politisches Druckmittel.