Schalthebel der Macht

Der Präsident sitzt nicht an den Schalthebeln der Macht. Solche Hebel gibt es nicht. Und gäbe es sie, dann wären sie so wirkungsvoll wie das Steuerrad eines Autos auf einem Kinderkarussell.

Und so ist es auch irreführend, den Staat mit einem Getriebe zu vergleichen und von einem politischen Apparat zu sprechen. Der Staat ist ein System von Interaktionen, die Regeln unterliegen. Dieser Satz klingt so abstrakt wie die Sache, auf die er sich bezieht.

Die Politik ist die Sphäre der Abstraktion. Sie ist so abstrakt wie die Regeln, denen sie unterliegt. Wer von einwendet, eine solche Abstraktion sei lebensfremd und könne gar nicht existieren, der hätte recht.

Zur Abstraktion tritt noch etwas sehr Konkretes hinzu. Konkretes und Abstraktes verquicken sich unentwirrbar im Schattenreich politischer Macht. Wir können in diese Blackbox nicht hineinschauen.

Wir können nur aus dem Output erschließen, dass dort irgendetwas bisher noch nicht Betrachtetes vorhanden sein muss. Dieses Etwas sorgt offenbar dafür, dass die Ergebnisse des Prozesses nicht aus dem Input und der Regeln erschlossen werden können, zumindest nicht immer.

Abweichungen sind zwar eher selten, aber sie beziehen sich zumeist auf die entscheidenden Fragen. Immer dann, wenn es um die Lebensinteressen des Volkes geht, agiert der Staat nicht wie ein Apparat, sondern unvorhersehbar, sofern man die Prognose allein auf den Input und die bekannten Regeln stützt.

Ich neige dazu, in Prognosen staatlichen Handelns zwei weitere Einflussgrößen einzubeziehen. Diese nenne ich Erpressung und Bestechung. Man könnte auch schreiben: Mitunter wird das Abweichen von Regeln durch Drohung mit Strafe oder der Verlockung mit Lohn hervorgerufen (konditioniert).

Lange habe ich gerätselt, wer wohl genug Geschick besitzt, das Instrumentarium von Erpressung und Bestechung mit dem Ziel der effektiven Beeinflussung staatlichen Handelns einzusetzen. Beinahe wäre ich verzagt, doch dann erkannte ich, dass es in erster Linie gar keine Frage der Geschicklichkeit ist.

Selbst der Ungeschickteste kann sein Ziel erreichen, wenn auch mich Ach und Krach, sofern er über genug Macht verfügt. Geld regiert die Welt. Macht strömt aus den Schatzkisten.

Inzwischen allerdings musste ich einsehen, dass hier die Volksweisheit allein nicht ausreicht, um Regelbrüche des Staates zu erklären. Zum Glück fiel mir ein altes Büchlein eines chinesischen Weisen in die Hände. In dem stand zu lesen: Macht kommt aus den Gewehrläufen.

Als ich die alte chinesische mit der alteuropäischen Weisheit verband, da hatte ich es. Das Geld strömt aus den Schatzkisten in die Hände der Oberkommandierenden der Gewehrläufe.

Der Präsident ist nicht der mächtigste Mann im Staat und sei dieser auch eine demokratische Weltmacht. Vielmehr kann man die Aktionen auch demokratischer Staaten nur verstehen, wenn man voraussetzt, dass in der Blackbox ein dunkles Wesen west.

In der Sprache der politischen Abstraktion nennt man dieses Wesen den ökonomisch-militärischen Komplex. Die Elemente dieses Komplexes sind schemenhafte Gestalten, die in tief schwarze Gewändern gehüllt sind rote Masken tragen.

Solche Gestalten bevölkern typischerweise Verschwörungstheorien. Mit Verschwörungstheorien muss man sich nicht weiter beschäftigen. Sie sind dumm und rechtsradikal. Intelligente Menschen informieren sich aus seriösen Büchern und der Qualitätspresse.

Dort erfahren wird dann, dass die Regelabweichungen Folge der Irrationalität, der Gier, der Inkompetenz von bekannten Politikern seien. Keineswegs hätten schwarze Gestalten mit roten Masken ihre Hände im Spiel. Nur leicht verführbare Holzköpfe, die sich nicht ausdrücken können und die Rechtschreibung nicht beherrschen, seien für solche Verschwörungstheorien anfällig.

Klug also ist es, sich von den Verschwörungstheorien ab- und den seriösen Informationsquellen zuzuwenden. Auch ich verfuhr so, lange Zeit, bis mir Abweichungen von der Seriosität bei den Produkten dieser Quellen auffielen. Wie konnte das sein?

Sitzen denn nicht Chefredakteure an den Schalthebeln der Macht in unseren Medienhäusern? Steht ihnen den nicht ein Apparat zu Gebote, den sie auf Seriosität verpflichten können?

Allein: Es gibt ja keine Schalthebel. Der mediale Sektor ist ein System von Interaktionen, das Regeln folgt. Dieser Satz klingt so abstrakt, wie die Sache, auf die er sich bezieht.

Die Fahrt mit dem Karussell ist zu Ende. Alles aussteigen. Nicht weinen, es gibt ja noch Zuckerwatte.