Neuro-Psychotherapie: Fortschritt (im Marketing)

Wir wissen,

  • dass keine der bisher getesteten Psychotherapie-Methoden effektiver ist als ihre Konkurrenten
  • dass professionelle Psychotherapeuten nicht besser psychotherapieren können als Laien und
  • dass der Erfolg von Psychotherapien im Wesentlichen davon abhängt, ob Klienten und Psychotherapeuten fest an den Erfolg der jeweils ergriffenen Maßnahmen glauben.1)Siehe meinen Artikel: Wirksamkeit der Psychotherapie im Licht der empirischen Forschung

Wird die Psychotherapie dadurch besser, dass man ihr das Wörtchen „Neuro“ voranstellt und die Befunde der Neurowissenschaft einzubeziehen versucht?

Der Psychotherapeut Klaus Grawe hat z. B. in seinem Buch „Neuropsychotherapie“ versucht, einen neurobiologisch aufgerüsteten psychotherapeutischen Ansatz zu entwickeln. Hier finden sich beeindruckende Sätze zur Tätigkeit eines „Neuro-Psychotherapeuten“, wie etwa der folgende:

“Vor seinem inneren Auge sieht er die seit langem überaktivierte und deshalb hypertrophierte Amygdala2)Die Amygdala (Mandelkern) ist ein Hirngebiet. von Frau H., die selektiv überempfindlich auf emotional negative Situationen anspricht.“3)Grawe K. (2004). Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen: 30

Was der Neuro-Psychotherapeut mit seinem inneren Auge sieht, ist allerdings pure Fantasie. Der Neurowissenschaftler und behavioristische Psychologe William Uttal4)William R. Uttal ist emeritierter Professor der Ingenieurwissenschaften (Arizona State University) und emeritierter Professor der Psychologie (University of Michigan). Er schrieb zahlreiche Bücher zu Fragen der kognitiven Neurowissenschaft und Psychologie. Er gilt als einer der besten Kenner der neueren neurowissenschaftlichen Forschung. setzt sich in seinem Buch “Mind and Brain” umfassend mit dem Stand der neurowissenschaftlichen Forschung zu den geistigen Prozessen des Menschen auseinander.5)Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press Selbst die fortschrittlichsten Verfahren der Neurowissenschaft6)z. B. Magnetic Resonance Imaging (fMRI) sind viel zu grobkörnig, ihre Auflösung ist viel zu gering. Sie taugen daher nicht zur Analyse der mikroskopischen Hirnprozesse, die unser Denken und Fühlen hervorbringen.7)Leuten, die deutschsprachige Literatur vorziehen, empfehle ich: Felix Hasler (2013). Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: Transcript

Gerade aber um diese höheren kognitiven Funktionen, um unsere Erwartungen, Planungen, Einschätzungen und Entscheidungen, geht es in der Psychotherapie. Es bringt diese Disziplin nicht weiter, wenn man sie mit den vorläufigen und fragwürdigen Erkenntnissen der kognitiven Neurowissenschaft drapiert.

Notes

  • Aufgabenanalyse

    Fragen zur Aufgabe der Psychotherapie:
    welche Hilfen braucht der "Patient" wirklich?
    Was kann ihm der "Psychotherapeut" beim Stand der Erkenntnis tatsächlich an Hilfe geben?
    Die Antwort: In der Realität sind dies banale Formen der Information, Rückmeldung und Ermutigung.

Es ist natürlich verlockend, die Strahlkraft der bunten Bilder, die uns die Neurowissenschaft präsentiert, als Marketinginstrument für die Psychotherapie zu nutzen. Wer allerdings meint, Psychotherapie sei ein Geschäft, das auf Vertrauen, Authentizität und Ehrlichkeit beruht, sollte dieser Verlockung widerstehen.

Könnte man beobachtbarem Verhalten 1 zu 1 entsprechende neuronale Prozesse zuordnen, dann ließe es sich vernünftig über Neuro-Psychotherapie diskutieren. Aber das kann man nicht. Man wird es vermutlich aufgrund der schier atemberaubenden Komplexität der relevanten mikroskopischen neuronalen Netzwerke niemals können.

Salopp gesprochen, sind psychische Krankheiten schlechte Angewohnheiten. Nehmen wir als Beispiel einen schüchternen jungen Mann. Er erkennt, dass ein, zwei Gläschen Bier ihm seine Scheu vor dem weiblichen Geschlecht nehmen und dass er, leicht beschwipst, auf Partys bei den jungen Damen gut ankommt. Aus den ein, zwei Gläschen werden jedoch im Laufe der Zeit drei, vier, fünf oder mehr. Kurz: Das Trinken wird ihm zu Gewohnheit. Gewohnheiten sind meist nicht leicht zu überwinden. Obwohl die Damen nunmehr den Besoffenen regelmäßig abblitzen lassen, glaubt er, von seiner Gewohnheit nicht mehr lassen zu können. Er wird Alkoholiker – als Folge von Entscheidungen.

Was kann uns Neuro-Psychotherapie hierzu verraten? Dass beim Saufen diese oder jene Teile des Gehirns aktiviert werden? Dass Alkohol Lust erzeugt oder Unlust vermeidet, wussten wir auch schon zuvor. Das Neuro-Gerede fügt dem vorhandenen psychologischen Wissen nur eine nichts sagende Ebene hinzu. Sonst ist da nichts, nicht wirklich.

Die Vorstellung, dass es in dieser Frage dank moderner Methoden der Hirndurchleuchtung rasante Fortschritte gäbe, ist ein durch die Medien in den Köpfen vieler Laien erzeugter Irrglaube. Psychotherapeuten sollten weniger mit ihrem „inneren Auge“ sehen, sondern mit ihren äußeren Augen Verhalten beobachten.

Zynisch formuliert:

Wenn man schon die Psychotherapie in die Aura naturwissenschaftlichen Denkens hüllt (durch die Vokabel „Neuro“), dann sollte man nicht durch einen anderen Begriff („inneres Auge“) verraten, was Psychotherapie in Wirklichkeit ist: Esoterik.8)Wohlgemerkt: Nicht die Tätigkeit, die als „Psychotherapie“ bezeichnet wird, ist Esoterik – wohl aber die Verklärung dieser Tätigkeit durch einen medizinisch klingenden Begriff: Therapie oder gar Neuro.

Im günstigsten Fall ist „Psychotherapie“ ein Kosename für eine durchaus nützliche Tätigkeit: Ein Mensch begleitet einen anderen Menschen bei dem Versuch, sein Verhalten zu verändern, schädliche Gewohnheiten abzustreifen. Durch „Neuro“ wird diese Tätigkeit unnötig mystifiziert. Ein eigentlich banaler Vorgang wird in den Himmel naturwissenschaftlicher Klarheit gehoben. Dies allerdings nur in der Fantasie, nicht in der Realität. Das braucht niemand, nicht wirklich.

Fußnoten   [ + ]

1.Siehe meinen Artikel: Wirksamkeit der Psychotherapie im Licht der empirischen Forschung
2.Die Amygdala (Mandelkern) ist ein Hirngebiet.
3.Grawe K. (2004). Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen: 30
4.William R. Uttal ist emeritierter Professor der Ingenieurwissenschaften (Arizona State University) und emeritierter Professor der Psychologie (University of Michigan). Er schrieb zahlreiche Bücher zu Fragen der kognitiven Neurowissenschaft und Psychologie. Er gilt als einer der besten Kenner der neueren neurowissenschaftlichen Forschung.
5.Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press
6.z. B. Magnetic Resonance Imaging (fMRI)
7.Leuten, die deutschsprachige Literatur vorziehen, empfehle ich: Felix Hasler (2013). Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: Transcript
8.Wohlgemerkt: Nicht die Tätigkeit, die als „Psychotherapie“ bezeichnet wird, ist Esoterik – wohl aber die Verklärung dieser Tätigkeit durch einen medizinisch klingenden Begriff: Therapie oder gar Neuro.